3. Die Dramaturgie

Die schwarze Silhouette eines Mannes, der mit einem großen Messer zum Schlag ausholt

Was ist das? Frei übersetzt: Die Wissenschaft von der Kunst eine Geschichte spannend zu erzählen. Oder: Das Gegenteil von Langeweile. Wer Entspannung, statt Spannung sucht, sollte sich z.B. mit einem Drink in die Hängematte legen oder Sonntagabends den Fernseher einschalten. Aber bei einem guten Spielfilm hat Langeweile nichts verloren.

Welche Zutaten benötigt man nun für einen kunstvollen Spannungsaufbau? Die dramaturgische Kardinalregel ist folgende: Was ist in der jeweiligen Spielanordnung das Schlimmstmögliche für den/die Protagonisten?

BACKSTORY: Ereignisse in der Vergangenheit, die den Zuschauer irritieren und deren Geheimnisse gelüftet werden wollen.
„Ein Stück sollte so nah vor dem Ende seiner Story wie möglich beginnen. Das ist ein altes Gesetz der Dramatik.“ Patricia Highsmith*
HOOK: Überraschender und dramatischer Auslöser einer Geschichte. Ein Angelhaken.
KONFLIKTE: Sinnvoll ist die Anhäufung äußerer und innerer Konflikte. Was sonst? „Das Geheimnis guter Drehbücher ist sehr einfach: Zwei Hunde, ein Knochen.“ Ben Hecht (US-amerikanischer Drehbuchautor)
SCHWIERIGKEITEN: Der Protagonist benötigt alle erdenklichen Formen von Hindernissen, Problemen, Misserfolgen, Peinlichkeiten, Beleidigungen, Demütigungen, Intrigen, Fallen, Qualen, Schäden oder auch Ängste. Isolation ist besser als ein Haufen hilfreicher Freunde. Die Überschreitung von Verboten, das Auftauchen von Abgründen verspricht Gefahr. „Die Verbesserung oder Verdichtung des Plots besteht in der Anhäufung von Komplikationen für den Helden und vielleicht auch für seine Gegner.“ Patricia Highsmith*
EINSATZ: Was steht auf dem Spiel? Was ist die Höhe des Einsatzes (Fallhöhe)? Welche existenziellen Entscheidungen müssen getroffen werden? Was sind die Konsequenzen, etwas zu tun oder zu unterlassen? Wenn es um nichts oder wenig geht, warum sollte sich dann jemand dafür interessieren? Dabei kann die existenzielle Bedrohung durch den Verlust eines Fahrrads spannender sein als die durch einen Serienkiller.
DRUCK: Durch Bedrohung, ein Ultimatum, Unrecht oder Aussichtslosigkeit für den Protagonisten entsteht Gefahr. Auch ein zeitlicher Druck (Deadline) kann zusätzlich Spannung generieren.
„Das hohe Drama … tritt am heftigsten zu Tage, wenn die Handlung in Widerspruch zum Wollen gerät: Wenn ein Vater seinen Sohn opfern muss, zwei Liebende sich vernichten müssen.“ Gottfried Müller*
ÜBERRASCHUNGEN: Jeder Zuschauer hat hunderte, tausende von Filmen im Kopf, also eine Erwartungshaltung. Wird diese andauernd bestätigt, wird’s langweilig. Was wir brauchen, ist exakt das Gegenteil, nämlich Überraschungen.
„Die Überraschung, dass immer etwas anderes kommt, als man gerade erwartet, ist der beste Motor im Vorwärtsjagen der Handlung.“ Gottfried Müller*
WENDUNGEN: Eine Geschichte plausibel in andere Richtungen zu treiben, kann nie verkehrt sein. Es könnte ja sonst langweilig werden. Also eine emotionale Achterbahnfahrt: Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt.
„Das Ideal ist eine unerwartete Wendung im Geschehen, die einigermaßen zum Charakter der Hauptfiguren passt.“ Patricia Highsmith*
HÖHEPUNKTE: Dramatische Ereignisse. Je mehr, umso besser.
ESKALATION: Die Zuspitzung dramatischer Ereignisse.
KRISE: Eskalation der Konflikte vor dem Höhepunkt der Geschichte – der Gipfel der Aussichtslosigkeit.
SHOWDOWN: Finaler Höhepunkt.
POINTE: Ein überraschender, häufig ironischer Höhepunkt zum Schluss eines Films, sozusagen eine Höhepunkt-Zugabe.
GEHEIMNISSE: Sie animieren den Zuschauer zum Mitdenken, zum Nachdenken, zum Detektivspielen. Das Bedürfnis, einer Sache auf den Grund zu gehen, ist spannender als Erklärungen zu bekommen. „Jeder gute Film ist mit Geheimnissen gefüllt “ (Ernst Lubitsch).
KONTRASTIERUNG: Eine Technik zur Verdeutlichung mit hohem Konfliktpotenzial.
„Ein anderes Gesetz der Dramatik ist das der Kontraste: Die Gegenspieler müssen gegenteilige Charaktere sein. Mehr als das, die Milieus der Gegenspieler müssen womöglich auf geradezu peinliche Weise nicht zueinander passen.“ Gottfried Müller*
VERDICHTUNG: Die Vermeidung jeglicher Redundanz durch Fragmentierungen, Ellipsen, Zusammenfassungen oder Streichungen von Szenen. Temporale Kompression bei größtmöglicher Logik der Handlung.
INFORMATIONSFLUSS: Produktive Irritationen erzeugen Fragen, die beantwortet werden wollen. Anders ausgedrückt: Sie erzeugen Spannung. Gegen Ende sollten aber möglichst alle angesammelten Fragen beantwortet sein.

SUSPENSE: Alfred Hitchcock* erklärt hier den Unterschied zwischen Überraschung und Suspense:
„Wir reden miteinander, vielleicht ist eine Bombe unter dem Tisch, und wir haben eine ganz gewöhnliche Unterhaltung, nichts besonderes passiert, und plötzlich, bumm, eine Explosion. Das Publikum ist überrascht, aber die Szene davor war ganz gewöhnlich, ganz uninteressant. Schauen wir uns jetzt den Suspense an. Die Bombe ist unter dem Tisch, und das Publikum weiß es. Nehmen wir an, weil es gesehen hat, wie der Anarchist sie da hingelegt hat. Das Publikum weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12:55 Uhr – man sieht eine Uhr. Dieselbe unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe, und gleich wird sie explodieren! Im ersten Fall hat das Publikum 15 Sekunden Überraschung beim Explodieren der Bombe. Im zweiten Fall bieten wir ihm fünf Minuten Suspense. Daraus folgt, dass das Publikum informiert werden muss, wann immer es möglich ist.“

„Wenn auch die Personen unwissend sind, der Zuschauer muss unterrichtet sein. Denn wenn der Zustand der Personen dem Zuschauer unbekannt ist, hat er nicht mehr Interesse als die Personen. Es wird aber verdoppelt, wenn er genügend unterrichtet ist und wenn er fühlt, dass die Personen anders handeln würden, wenn auch sie informiert wären.“ Gottfried Müller*