4. Die Figuren

Vier schwarze Silhouetten von Männern und Frauen vor verschieden farbigen Hintergründen

Elementarer Baustein sind die ins Spielfeld geführten Charaktere. Welche Zutaten werden zur Etablierung (mindestens) einer funktionierenden Hauptfigur benötigt, die man so schnell nicht wieder vergisst?

ORIGINALITÄT: Einer lebendigen, skurrilen, charismatischen Hauptfigur, die uns gefangen nimmt, folgen wir praktisch überall hin.
FACETTENREICHTUM: Verfügt die Hauptfigur über Geheimnisse, Obsessionen, Hinterhältigkeit, Schattenseiten? Das würde Überraschungen generieren. Andersherum: Eindimensionale Figuren, deren Aktionen vorhersehbar sind, wirken langweilig.
PRÄGNANZ: Eine Hauptfigur, die uns in Erinnerung bleibt, ist entschieden vorteilhafter als jemand, der uns egal ist. Sie hat mindestens ein prägnantes Erkennungsmerkmal.
HANDIKAP: Eine Figur mit wie auch immer gearteten Benachteiligungen hat mehr Schwierigkeiten (s. Dramaturgie) als ein Supermann und das ist gut. Neben körperlichen Handikaps gibt es auch situative, soziale oder moralische.
SCHWÄCHEN: Ein Gutmensch, der stets korrekt handelt, ist schnell langweilig. Eine funktionierende Hauptfigur ist mit Defiziten, Widersprüchlichkeiten, Naivität, Leidenschaft, Scham, Irrtümern und Fehlern ausgestattet. So kann man sie in die Defensive locken und in Versuchung führen.
MAROTTEN: Skurrile, spleenige, absurde Eigenschaften können Irritationen, Ärger aber auch Sympathien erzeugen. In jedem Fall sind sie prägend und interessant. Beispiele: In „Besser geht’s nicht“ spielt Jack Nicholson einen verschrobenen Schriftsteller, der in Restaurants immer sein eigenes Plastikbesteck dabei hat, beim Händewaschen jedes Mal ein neues Stück Seife benutzt und auf dem Bürgersteig auf keinen Fall auf die Pflasterfugen tritt.
UNWISSENHEIT: Ein Held sollte mit Informationsdefiziten ausgestattet sein, weshalb er drohende Gefahren nicht erkennen kann (s. Informationsfluss). „Wir werden sehen, dass die Unwissenheit ein wesentlicher Bestandteil der dramatischen Situation ist.“ Gottfried Müller*
ZWEIFEL: Eine taugliche Hauptfigur ist mit Selbstzweifeln, Skrupel oder auch Unentschlossenheit ausgestattet. Es schadet nicht, ihr Gelegenheit einzuräumen, ihre Handlungen bzw. Unterlassungen zu bereuen.
„Es ist die Ehre großer Charaktere, schuldig zu sein.“ Hegel (s. TOP 20)
STÄRKEN: Über welche Kompetenzen verfügt die Hauptperson? Welche positiven Eigenschaften hat sie? Selbstironie, Wagemut, Trickreichtum, Cleverness, Flexibilität und Hartnäckigkeit versprechen Unterhaltung und Spannung. Ein aktiver Held ist besser als ein passiver.
ZIELE: Welche Motivation hat der Held? Welche Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse hat er? Wird er in Gewissenskonflikte, in schwierige Entscheidungen, an einen Scheideweg geführt? Durchläuft er eine Entwicklung?
„Die Kollision einander widersprechender Wünsche ist die Quintessenz des dramatischen Konflikts.“ Sol Stein*
BEZIEHUNGEN: Welche Beziehungen hat die Hauptperson zu anderen Menschen? Was sind ihre Wünsche, Sorgen, Bedürfnisse, Ängste? Reflektiert sie Rückmeldungen und Ereignisse? Wie reagiert sie auf Rückschläge und Schwierigkeiten?
IDENTIFIKATION: Ziel sollte eine Synchronisation der Gefühle eines Protagonisten mit denen des Zuschauers sein, für die er keineswegs Sympathien empfinden muss. In „Psycho“ gelingt es Alfred Hitchcock, dass wir mit einem Psychopathen (Anthony Perkins) mitzittern.
ANTAGONIST: Je gefährlicher, hinterhältiger, skrupelloser, intelligenter, umso besser. Warum? Weil es gefährlicher ist für den Protagonisten. „Verbrecher sind von dramatischem Interesse, weil sie mindestens eine Zeitlang aktiv und im Geist frei sind und sich von niemandem unterjochen lassen.“ Patricia Highsmith*
„Je gelungener der Schurke ist, umso gelungener ist der Film. Das ist die große Kardinalregel.“ Alfred Hitchcock*
HANDLUNGSLOGIK: Die Handlungen und Motive der Protagonisten können im ersten Moment überraschend und irritierend, sollten aber im sozialen und kulturellen Kontext nachvollziehbar sein. Sonst wird‘s schwierig.
MILIEU: „Das Milieu und die Menschen muss man so deutlich vor sich sehen wie eine Fotografie, ohne verschwommene Stellen.“ Patricia Highsmith*