7. Die Emotionen

Sieben verschiedene Porträtaufnahmen einer Frau zeigen völlig verschiedene Gefühlszustände

Wenn man einen Witz erzählt, der niemanden zum Lachen bringt, dann hat das Unterfangen nicht geklappt. Dann kann man sich das auch schenken bzw. trainieren wie man es besser machen könnte. Nicht anders verhält es sich bei der Erzählung von Filmgeschichten. Sie sind Kommunikation mit dem Zuschauer mittels bewegter Bilder und Töne. Voraussetzung für eine funktionierende Kommunikation ist die Verständlichkeit. Gradmesser für die Intensität sind die Emotionen. Egal in welchem Genre eine Geschichte erzählt wird, der Zuschauer sollte sich in den Interaktionen der Protagonisten wiederfinden, ein Interesse für ihr Handeln entwickeln können. „Eine Geschichte ist stets besser, wenn es Erlebnisse aus erster Hand, die auf echten Gefühlen beruhen, enthält.“ Patricia Highsmith*

Eine gute Komödie sollte Gefühle der Freude wecken, eine fröhliche Atmosphäre schaffen, also zum Lachen oder auch zur Schadenfreude anstiften. Ein guter Psychothriller sollte Gefühle der Angst vermitteln, also Besorgnis, Furcht und Horror. Ein Melodrama sollte Gefühle der Nachdenklichkeit und Trauer hervorrufen, also Melancholie, Rührung oder auch Tränen. Eine Rachegeschichte darf unseren Ärger, unsere Entrüstung, unseren Wunsch nach Gerechtigkeit oder auch unsere Wut wecken, ein Drama unsere Hoffnung und Enttäuschung, unsere Begeisterung und Verstörung, unser Verständnis und unsere Fassungslosigkeit. Schwarzer Humor funktioniert immer und überall.

Für das komplexe Unterfangen, eine funktionierende Geschichte zu entwickeln, gibt es diverse Strukturmodelle: das 3-Akt-, das 5-Akt-, das 8-Akt und das 12-Akt-Modell. Es ist ein mechanischer Ansatz, der keine Emotionen hervorrufen kann. Wie sollte er auch? Unklar ist auch, warum eine Geschichte, die nach dem 3-Akt-Modell entwickelt wurde, nur drei Plot Points enthalten soll und nicht zum Beispiel 20? Was sollte gegen zusätzliche Höhepunkte sprechen? Warum nur zwei Wendepunkte und nicht zum Beispiel 10? Plausible Kehrtwendungen haben einer Geschichte noch nie geschadet.
Taugliche Strukturmodelle sind die Erzählmotive. Sie konzentrieren sich auf den emotionalen Antrieb der Protagonisten, auf ihre Motive eben. Wenn ihre konflikthaften Interaktionen dann noch kompatibel sind mit den Erfahrungen und der Vorstellungswelt der Zuschauer und die Protagonisten in maximale Schwierigkeiten manövriert werden, dann bestehen gute Chancen auf eine emotionale Anteilnahme. Je größer die Intensität der Gefühle, je größer die Empathie, desto besser hat die Kommunikation zwischen Filmemacher und Zuschauer funktioniert. Darum geht’s!

*Relevante Literatur:
„Bestandsaufnahme: Utopie Film“, Alexander Kluge, Zweitausendeins
„Dramaturgie“, Gottfried Müller, Konrad Triltsch Verlag
„Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, Francois Truffaut, Wilhelm Heyne Verlag
„Script Workshop at the Writers Guild of Germany“, Frank Daniel
„Suspense – oder wie man einen Thriller schreibt“, Patricia Highsmith, Diogenes
„Über das Schreiben“, Sol Stein, Zweitausendeins

Danksagung:
Tonguc Baykurt, für die Einrichtung des Filmblogs
Ulrich Böwing, für die Beschaffung von Filmen
Edda Bruch, fürs gemeinsame Sichten und Lektorate
Dr. Karl-Dietmar Möller-Naß, für die zahlreichen Dramaturgie-Seminare