Elle (Paul Verhoeven) F/D 2016

Wenn man sich als Erzähler nicht auf seine Geschichte konzentriert, kann das auch nichts werden, zumal hier das Fundament eigentlich vorhanden ist: Die 50-jährige Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) wird in ihrer Stadtvilla von einem Unbekannten überfallen und vergewaltigt. Anstatt zur Polizei zu gehen, macht sie sich auf die Suche nach dem Täter. Ein spannendes Rachedrama hätte es werden können, aber Verhoeven hat nichts Besseres zu tun als eine Unmenge von handlungsirrelevanten Personen ins Spiel zu bringen. Da besucht Michèle ihre botoxbehandelte Mutter, die sich gerade mit einem 40 Jahre jüngeren Mann vergnügt. Ihr Ex-Mann hat eine Jüngere, die von Michèle zum Essen eingeladen wird. Toll. Ihr Sohn mietet mit Mamas Hilfe eine viel zu teure Wohnung an, in der er mit seiner zickigen Freundin auf Nachwuchs hofft, der sich dann auch nach wenigen Tagen einstellt. Mittlerweile wundert man sich über nichts mehr, auch nicht darüber, dass das Baby eine dunkle Hautfarbe hat, was den Vater nicht zu stören scheint. Michèle selbst hat eine Affäre mit dem Ehemann ihrer besten Freundin Anna, mit der sie zusammen die Geschäfte eines Computerspiel-Verlags leitet. Die ganze stylische Ausstattung und die Mitarbeiterbesprechungen sind eine Lachnummer und erinnern nicht nur in ihrem Ambiente an die Niederungen deutscher Fernsehfilme. Nur, was haben diese ganzen Nebenerzählstränge mit der eigentlichen Geschichte zu tun?
Völlig krank wird das Ganze als Michèle beim zweiten Überfall im Vergewaltiger ihren religiösen Nachbarn erkennt und mit ihm eine sadomasochistische Beziehung eingeht. Zumindest erhält hier die Vorgeschichte ihres Vaters, der – wie das Leben so spielt – ein psychopathischer Killer war, eine Bedeutung: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bei all diesem absurden Treiben kommt der Film fast komplett humor- und spannungsfrei über die Runden. Der einzige Unterschied zu deutschen Depressionsfilmen besteht in der originellen Fähigkeit der Protagonisten, Streitereien schnell zu begraben, um sich lieber wieder ihren absurden Tätigkeiten zu widmen. Diese Unbekümmertheit hat im positiven Sinne etwas Kindliches. Zumindest kann man an diesen Stellen mal schmunzeln. Wer nach eineinhalb Stunden immer noch nicht ausgeschaltet hat, kann dann noch erleben wie Michèles Sohn den Vergewaltiger bei seinem vierten Überfall erschlägt.

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Neues aus der Welt (Paul Greengrass) USA 2020

Wohlwollend betrachtet, könnte man diesen Western als elegisch bezeichnen, langweilig oder behäbig wäre allerdings zutreffender. Genau wie in „The Power of the Dog“ auch hier der Fehler, die Geschichte viel zu früh zu beginnen. Die sollte natürlich beim ersten dramatischen Höhepunkt einsetzen und das ist Captain Jefferson Kyle Kidds (Tom Hanks) Entdeckung eines von marodierenden Südstaatlern überfallenen Fuhrwerks. Der schwarze Fahrer wurde aufgeknüpft und das weiße, bei den Kiowas aufgewachsene Mädchen, Johanna Leonberger, hat sich in die Büsche geschlagen. Der Überfall selbst und die Identität der Mörder wird uns vorenthalten. Nun gut. Aber wieso begibt sich das traumatisierte Mädchen so schnell in Captain Kidds Obhut, in die eines Fremden? Hier müsste – auch in der Folgezeit – mehr Widerstand erfolgen. Es wäre die Chance für eine konfliktreiche Odd-Couple-Konfiguration gewesen. Wieso lassen die Mörder das Mädchen überhaupt ungeschoren davonkommen? Sie ist doch die einzige Zeugin eines brutalen Verbrechens. Auch dieses Erzählmotiv („Der bedrohte Zeuge“) lässt Greengrass sich entgehen. Wie wär’s denn gewesen, wenn Captain Kidd die Mörderbande überrascht hätte? Weil er Südstaatler ist, hätten sie ihn erst mal verschont. Dann wäre – wie gehabt – die Kavallerie gekommen. Die Bande hätte fliehen müssen, von den Soldaten nur halbherzig verfolgt. Dann hätte Captain Kidd das verstörte Mädchen eingefangen, um sie beim Indianerbeauftragten abzuliefern. Die Mörder wären zur Fahndung ausgeschrieben worden. Von diesem Moment an hätten Captain Kidd und Johanna – als Zeugen eines Mordes – eine Killerbande auf den Fersen gehabt. Auf die drei Kasper, die Johanna in Dallas für 50 Dollar kaufen wollen, hätte man gut und gerne verzichten können.
Des Weiteren ist dieses Gutmensch-Verhalten von Captain Kidd, nämlich die sofortige uneigennützige Fürsorge für das Mädchen, ziemlich nervig und dramaturgisch kontraproduktiv. Viel besser wäre es gewesen, wenn er des öfteren versucht hätte, diese lästige Göre loszuwerden und sie jedes Mal wieder zurückgekehrt wäre. Diese Anhäufung erzählerischer Fehler trägt maßgeblich zur dürren Geschichte bei: Der verwitwete Captain Kidd bringt die verwaiste Johanna im Texas des 19. Jahrhunderts zu Onkel und Tante, aus deren Obhut er sie am Ende wieder befreit. Dieses Happy End ist, neben den phantastischen Landschaftsaufnahmen, eines der wenigen Highlights dieses überraschungsarmen Films. Denn der Captain baut Johanna mit in seine Vortragsreihen ein. Seinen Unterhalt verdient er nämlich als herumreisender Nachrichtensprecher und Geschichtenerzähler. Seinen zahlenden Zuhörern (zum großen Teil Analphabeten) liest er Meldungen aus aktuellen Zeitungen vor, die er gekonnt aufbereitet. Die Anteilnahme und Reaktionen des Publikums erinnert an die Blütezeit des französischen Vaudeville Theaters. Das ist grandios. Ironischerweise ist jede Anekdote, die Captain Kidd bei seinen Vorträgen zum Besten gibt spannender und unterhaltsamer als der gesamte Film.

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Insider (Michael Mann) USA 1999

Es handelt sich hier um einen ebenso spannenden wie klugen Psychothriller, der auf einem tatsächlichen Fall beruht und ohne Darstellung von Gewalttaten auskommt. Der Film konzentriert sich ganz auf die inneren Konflikte seiner beiden Hauptdarsteller. Das ist zum einen Jeffrey Wigand (Russel Crowe), der als Wissenschaftler eines Tabakkonzerns vor den Suchtgefahren einer chemischen Beimischung warnt. Ein entsprechendes firmeninternes Memo hat seine Kündigung zur Folge. Trotz vertraglicher Schweigepflicht entscheidet er sich aus Gewissensgründen für die Veröffentlichung seiner Insider-Kenntnisse. Damit kommt Lowell Bergman (Al Pacino), Producer des CBS-Politmagazins „60 Minutes“ ins Spiel. Was folgt, ist ein gnadenloser Kampf zwischen den Geschäftsführern, Lobbyisten und Anwälten des Tabakkonzerns auf der einen Seite und Wigand mit Bergman und seiner Redaktion auf der anderen Seite. Ein Kampf, der nicht mit Kugeln ausgetragen wird, sondern – subtiler und cleverer – mit Rufmordkampagnen, Psychoterror und Gerichtsklagen. Wigands Ehe übersteht diesen Kampf nicht. Seine Frau verlässt ihn mit den beiden gemeinsamen Kindern. Bergman gerät in einen vergleichbaren Zwiespalt, als CBS vom Tabakkonzern aufgekauft und das schon fertig produzierte Interview mit Wigand nicht ausgestrahlt werden soll. Hier sind die sektengleichen Zwänge einer Firmenstruktur sehr schön beschrieben. Als es für die Journalisten unverfänglich ist, plädieren alle Mitarbeiter der Redaktion für eine Ausstrahlung des Interviews, also für eine Veröffentlichung der Wahrheit. Als der Druck der Fernsehbosse dann zunimmt, ist Bergman plötzlich allein. An hehre journalistische Grundsätze kann sich plötzlich keiner mehr erinnern. Um den Renitenten ruhig zu stellen, wird er – anders als Wigand – nicht gefeuert, sondern beurlaubt, was eigentlich viel cleverer ist. Denn Ressentiments entstehen eher durch Kündigungen als durch kostenlose Urlaube.
Aber Bergman denkt gar nicht daran, lange auf dem Abstellgleis zu verweilen. Er schlägt mit seinen Mitteln zurück, indem er einen befreundeten Redakteur der New York Times von diesem Skandal berichtet. Die entscheiden sich nach kurzer Recherche für eine Veröffentlichung dieses Angriffs auf die Pressefreiheit auf der ersten Seite ihrer Zeitung. Ein Schachzug, der natürlich ein großes Interesse am nichtgesendeten Beitrag erzeugt. Dem müssen die TV Bosse schließlich nachgeben: Das Interview wird gesendet. Doch Bergman hat genug von seinen alten Kollegen und kündigt seinen Job bei „60 Minutes“, weil gegenüber zukünftigen Informanten nicht noch einmal als Verräter dastehen will. Er ist nicht käuflich.
Zum packenden Geschehen gesellt sich eine brillante Kameraarbeit (Dante Spinotti), oftmals aus der Hand gefilmt, manchmal in Zeitlupe, immer unglaublich konzentriert auf Handlung und Personen. Die Montage, die Komposition von Geräuschen, die Filmmusik offenbaren die Handschrift eines ganz großen Regisseurs: Michael Mann, einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods. Seine Werke sind stets ebenso eigenwillig wie spannend.
Es gibt zwei Schwachpunkte im Film. Zum einen agiert Wigands Frau in ihrer Zickigkeit zu eindimensional. Da stellen sich bei der Trennung des Ehepaares regelrechte Glücksgefühle ein: Gottseidank ist er diese Tante endlich los. Ein komplexeres Verhalten wäre natürlich dramatischer gewesen und nur darum geht’s, nicht darum, welchen Charakter die reale Mrs. Wigand hatte. Des weiteren zahlt auch diese Geschichte ihren Preis für die Fokussierung auf zwei Hauptdarsteller: Die emotionale Anteilnahme wird gerecht aufgeteilt, aber nicht bis zum Anschlag maximiert. Dafür hätte man die Geschichte ganz aus Wigands Perspektive erzählen müssen. Aber dann wären die journalistischen Internas natürlich auf der Strecke geblieben. Eine Frage der Abwägung. Was ist wichtiger: die Eskalation der emotionalen Anteilnahme für den Protagonisten oder der Medienkrimi?

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Der einzige Zeuge (Peter Weir) USA 1985

Von Beginn an baut dieser Thriller eine sogartige Spannung auf, die vorrangig aus der Verknüpfung zweier klassischer Erzählmotive resultiert: „Der bedrohte Zeuge“ und „Die unmögliche Liebe“. Des Weiteren liefert der Aufeinanderprall völlig unterschiedlicher Welten zusätzliches Konfliktpotenzial. Die in der Landwirtschaft verwurzelte, technikfeindliche Lebenswelt der religiösen Amischen wird mit dem Lifestyle moderner Großstädter kontrastiert. Heimlicher Held der Geschichte ist der 8-jährige Samuel, ein Amisch-Junge, der seinen ersten Ausflug mit seiner verwitweten Mutter Rachel (Kelly McGillis) in das Universum der Großstädter förmlich in sich aufzusaugen scheint. Das jähe Erwachen kann kaum brutaler sein: Auf einer Bahnhofstoilette in Philadelphia wird er Zeuge eines Mordes. Ermittelnder Detective ist John Book (Harrison Ford), der Mutter und Sohn erst mal bei seiner Schwester unterbringt. Am nächsten Morgen frühstücken John, Rachel und Samuel gemeinsam in einem Schnellrestaurant. In dieser Szene haben die Drehbuchautoren (Kelley, Wallace) sich etwas Geniales einfallen lassen. Im Verlauf eines kleinen Streits hält Rachel dem Detective sämtliche Schwächen vor, die seine Schwester ihr anvertraut hat. Auch wenn nicht alles stimmen mag, erhalten wir hier auf originelle Weise eine umfassende Charakterisierung des männlichen Protagonisten. Das ist exzellent! John Book ist der Appetit vergangen und der des Zuschauers ist geweckt. Als Samuel auf dem Polizeirevier McFee, ein Detective des Rauschgiftdezernats, als Täter identifiziert, beginnt eine gnadenlose Jagd. Nichtsahnend informiert John seinen Vorgesetzten Chief Paul Schaeffer vom Sachverhalt und wird kurz darauf Opfer eines Mordanschlags. Schütze aus dem Hinterhalt ist kein Geringerer als McFee, womit klar ist, dass der mit Schaeffer unter einer Decke steckt. Schwer verletzt taucht John mit Rachel und Samuel auf der Farm ihres Schwiegervaters unter. Nach seiner Genesung wird John in den bäuerlichen Alltag der Amischen integriert. Wie ein Dokumentarfilm skizziert der Film die immaterielle, tief religiöse Welt, in der die Familie mit klar definierten Geschlechterrollen im Fokus steht. Der gemeinsame Bau einer Scheune, den die Amischen ameisengleich an einem Tag bewältigen, wird wie eine Hymne inszeniert – ein Triumph von Teamgeist und Hilfsbereitschaft. Die Abgründe treten zutage als John und Rachel sich ineinander verlieben. Das kollidiert mit den bigotten Moralvorstellungen und der hermetischen Abgeschiedenheit der Amischen, in der eine Beziehung zu „Engländern“ geächtet wird. Es ist eine Liebe, die von Anfang an keine Aussicht auf Erfolg hat. Diese emotionale Zerrissenheit spielt vor allem Kelly McGillis mit einer Melange aus Verliebtheit und Angst einfach überragend. Am Abend nach dem Bau der Scheune sieht John sie nackt in ihrem Zimmer und widersteht. „Ich hätte bleiben müssen oder du hättest gehen müssen“, bringt er das Drama auf den Punkt. Sehr schön ist auch das Fortführen der Thrillerebene. Bei einem Telefonat erfährt John vom Ableben seines Partners „in Ausübung seiner Dienstpflicht“. Dass sich hinter dieser Formulierung nichts anderes als die Beseitigung eines gefährlichen Mitwissers verbirgt, ist ihm sofort klar. Nach einer Handgreiflichkeit mit einem Touristen wird eine Polizeistreife auf John aufmerksam, denn Amische lehnen jede Anwendung von Gewalt ab. Damit haben die Verfolger ihn geortet und es kann zum Showdown kommen, bei dem John zwei seiner Gegenspieler ausschalten kann. Doch dann bringt Schaeffer Rachel in seine Gewalt und droht, sie zu erschießen. Die Lösung führt der kleine Samuel herbei, indem er die Nachbarn alarmiert. Schaeffer erkennt die Ausweglosigkeit seiner Situation, denn er kann nicht alle Herbeigeeilten erschießen. Das ist sehr stimmig gelöst: Ein Sieg der Gemeinschaft über die Habgier. Genauso überzeugend ist der Abschied der Liebenden, der nämlich ohne überflüssige Worte auskommt.
Es gibt drei Schwachpunkte: Zum einen muss man wieder schlucken, dass die komplette Einheit eines Rauschgiftdezernats aus brutalen Gangstern besteht, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Immerhin besteht diese Bande hier, im Gegensatz zu „L.A. Confidential“, nur aus drei Gangstercops. Dann ist dieser Mord auf der Bahnhofstoilette viel zu grausam inszeniert. Er gleicht einer Hinrichtung und hätte Samuel eigentlich traumatisieren müssen. Besser und glaubhafter wäre ein Totschlag im Affekt gewesen, denn der Ermordete war ja Polizist, also wahrscheinlich ein abtrünniges Mitglied der Gangstercops. Da hätte man sich sehr gut einen eskalierenden Streit vor dem Totschlag vorstellen können. Die Möglichkeit, dass der Ermordete ihnen im Zuge von Ermittlungen auf die Schliche gekommen ist, kann man eigentlich ausschließen. Denn dann wären ja weitere Beamte in diese Untersuchung involviert gewesen. Entscheidendes Manko sind aber die ausbleibenden Versuche von John und seinem Partner, ihre Erkenntnisse über Schaeffers kriminelle Machenschaften einem anderen hochrangigen Polizeibeamten, einem Staatsanwalt oder einem Journalisten anzuvertrauen. Die sind ja nicht alle korrupt. Hier hätte mehr kommen müssen, als nur eine kurze Debatte zwischen beiden, die nichts daran ändert, dass sein Partner wie ein braves Schaf zur Schlachtbank trabt und John dies letztlich billigend in Kauf nimmt. Ansonsten ein fulminanter Thriller.

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West Side Story (Steven Spielberg) USA 2021

Was veranlasst einen Könner wie Steven Spielberg, ein angestaubtes Musical, das wahrscheinlich jeder zweite Erwachsene in irgendeiner Form schon mal gesehen hat, neu zu verfilmen? Das hätte nur bei einer zeitgemäßen Variation Sinn gemacht. Leider hält Spielberg sich eng an die Vorlage und deportiert Tanz und Gesangszenen im 50er-Jahre-Look auf die Leinwand. Dort können sie ihre Wirkung aber nicht so entfalten wie auf der Bühne. Im Kino wirken sie wie ein Fremdkörper und bremsen die dramatische Erzählung aus. Die behandelt immerhin ein klassisches Erzählmotiv, nämlich „Die Unmögliche Liebe“.
Es gibt tolle Kamerafahrten, eine visuelle Montage, alles sehr ästhetisch, auch der Dreck und das Blut. Schöne Menschen singen und tanzen in künstlicher Kulisse. Alles sorgt für Distanz, vor allem die werkgetreue Umsetzung der Vorlage. Ethnische Konflikte zwischen einer weißen Jugendbande und Puertoricanern mögen vor 70 Jahren eine Rolle gespielt haben? Aber heute? Warum überträgt Spielberg die Konflikte zwischen Jets und Sharks nicht auf die Gegenwart? Warum keine Liebesgeschichte zwischen einem schwarzen Jungen und einem weißen Mädchen? Warum diese infantile Liebe-auf-den-ersten-Blick-Begegnung? Alle Entscheidungen Spielbergs tragen zur unglaublichen Künstlichkeit dieses Rührstücks bei. Es hat den Anschein als würde hier ein Altmeister seinen nostalgischen, sentimentalen Erinnerungen frönen. Nichts mehr zu spüren von der Kraft früherer Thriller wie „Duell“ oder „Der weiße Hai“. Die Bezeichnung „Rührstück“ hat dieser Film eigentlich gar nicht verdient, denn die hat ja etwas mit emotionalen Reaktionen zu tun. In „West Side Story“ bleiben leider alle Augen trocken. Trotz der Dramatik, die eigentlich in der Liebesgeschichte steckt, entsteht zu keiner Zeit Spannung, Emotionen nur ein einziges Mal: Man ärgert sich über die Spieldauer von über zweieinhalb Stunden!

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Gloria (USA 1980) Regie: John Cassavetes

Es handelt sich hier um einen fulminanten Mafiathriller, der auch 40 Jahre nach seiner Herstellung nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Das liegt zum einen am Aufbau eines Spannungsbogens, der von Anfang bis zum Ende kunstgerecht auf die Spitze getrieben wird, zum anderen an der genialen Gena Rowlands in der Rolle der alternden, ehemaligen Gangsterbraut Gloria Swenson. Der Film war auch die Vorlage für Luc Bessons ebenso brillanten Rachethriller „Léon – der Profi“. In „Gloria“ ist es die Mafia, die glaubt, ein Exempel statuieren zu müssen und den abtrünnigen Buchhalter Jack Dawn samt Familie liquidieren will. Der 6-jährige Sohn Phil soll im letzten Moment bei Nachbarin Gloria unterschlüpfen. Die Widerwilligkeit des Jungen zur verhassten Nachbarin zu gehen, ist sehr schön retardiert. Die Ermordung der Familie wird – anders als bei Luc Besson – nicht als blutspritzende Gewaltorgie inszeniert. Man sieht den Jungen in Glorias Wohnung noch mit seinem Vater telefonieren, bis mit einem explosionsartigen Knall das Fenster von Dawns benachbarter Wohnung zersplittert und die Telefonleitung „tot“ ist. Das ist super, viel besser als bei „Léon – der Profi“. Das Gespann Gloria/Phil ist vortrefflich als Odd-Couple-Paar etabliert. Sie hasst Kinder, der Junge mag sie ebenso wenig. Besser kann man es nicht anrichten. Besser kann man es auch nicht weitertreiben. Denn die nachfolgenden Flucht-Verfolgungs-Szenen sind gnadenlos spannend und geben ihrer Heldin Gelegenheit zur kompletten Entfaltung. Nach Enttarnung ihres ersten Unterschlupfs wird Gloria mit dem Jungen auf der Straße von einem PKW mit fünf Mafiosi gestellt. Nachdem sie auf ihre Frage „Ihr wollt doch kein Kind abknallen?“ nur beredtes Schweigen erntet, zieht sie ohne Vorwarnung ihren Revolver und feuert alle Kugeln ins Innere des davon preschenden Wagens. Das ist Gloria! Aber sie ist weit mehr als nur eine zu allem entschlossene Beschützerin des Jungen. Sie leidet unter Einsamkeit, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Sie ist sarkastisch, auch wenn sie vorgibt, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Sie hat Angst, obwohl sie es gegenüber Phil abstreitet. Sie entwickelt Gefühle für den Jungen, obwohl sie es nicht will, obwohl es in ihrem Lebensmodell nicht vorgesehen ist. Das ist schön, auch die Zeit, die der Film sich in diesen Momenten nimmt.
Es gibt Wendungen, Überraschungen, eine geniale Ausstattung, eine tolle Kameraarbeit, eine brillante Filmmusik (Bill Conti), die stets auf das Geschehen eingeht und nicht domestiziert. Die Dialoge sind pointiert und schonungslos: „Ich bin froh, dass ich bei dir bin“, sagt der Junge. „Schön, dann werden wir uns mal einen Grabstein suchen“, antwortet Gloria.
Tja, gibt es denn gar nichts zu mäkeln? Doch. Leider hat der Film zwei nicht unerhebliche Schwachpunkte: Zum einen fragt man sich, warum Gloria den Jungen im Laufe der Geschichte nicht irgendwann der Polizei anvertraut, zumal Jack Dawn ja schon mit dem FBI in Verhandlung war. Ein Zeugenschutzprogramm mit neuer Identität wäre für den Jungen eine dauerhafte Überlebensmöglichkeit gewesen. Für diese Unterlassung gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Von diesem Moment an hätte Gloria den Jungen nie wiedersehen können. Diesen Zwiespalt hätte Cassavetes aber thematisieren und zelebrieren müssen. Zum zweiten ist die Geschichte nicht richtig zu Ende erzählt, denn Mafiaboss Tanzini, der am überlebenden Jungen bis zum Schluss ein Exempel statuieren will, ist nicht tot, ebenso wenig wie Gloria oder Phil. Tanzini wird sein Vorhaben nicht aufgeben. Deshalb wäre es besser gewesen, wenn Gloria zusammen mit Phil am Ende tatsächlich mit einem Schiff nach Südamerika geflohen wäre und diese Geschichte nicht nur als Ausrede benutzt hätte. Hier hat Luc Besson in „Léon – der Profi“ ein besseres Ende kreiert, in dem der Held sich opfert und den Antagonisten mit in den Abgrund reißt. Ansonsten ist „Gloria“ ein genialer Thriller.

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The Little Things (John Lee Hancock) USA 2021

Ja, die 90er Jahre waren kein angenehmer Aufenthaltsort für junge Frauen in den USA. Überall Serienkiller und korrupte Cops. Im Krimidrama „The Little Things“ gibt es gleich sechs tote Frauen in kurzer Zeit. Das muss man erstmal verdauen, auch dass das FBI noch nicht die Ermittlungen übernommen hat. Immerhin sind die Cops nicht korrupt im eigentlichen Sinne. Sie haben Schuld auf sich geladen und leiden darunter. So ist der Satz des alternden Polizisten Joe Deacon (Denzel Washington) zu verstehen: „Es sind die kleinen Dinge, die einen zerreißen oder verraten.“ „Zerreißen“ bezieht sich auf seinen Seelenzustand, hat er doch fünf Jahre zuvor bei einem Polizeieinsatz versehentlich ein noch lebendes Tatopfer getötet, was unter Beihilfe seiner Kollegen gedeckelt wurde. Auch das muss man erst mal verdauen. „Verraten“ bezieht sich auf Deacons akribische Polizeiarbeit, die in Kooperation mit dem jungen, ehrgeizigen Detective Jim Baxter (Rami Malek) schon bald einen Tatverdächtigen ermittelt, den psychopathischen und intelligenten Gelegenheitsarbeiter Albert Sparma, der von Jared Leto herausragend gespielt wird. Das sind die Highlights dieses psychologischen Krimis: die Ermittlungsarbeit, die Verhöre und das Beschatten des Mordverdächtigen, dem die Polizisten letztlich nichts nachweisen können. Der Krimi baut immerhin eine leidliche Spannung auf, auch wenn die beiden Polizisten nie ernsthaft in Gefahr geraten (im Gegensatz zum Beispiel zu „Das Schweigen der Lämmer“). Es gibt auch gelungene Dialoge, zum Beispiel wenn Deacon seiner Ex-Frau einen Besuch abstattet. Da darf man sich schon ein bisschen Gedanken machen, wenn sie ihn fragt „geht’s dir gut?“ und er „du kennst mich“ antwortet.
Allerdings wird Deacons traumatische Backstory viel zu spät enthüllt. Es gibt immer mal wieder Flashbacks und einen gequälten Gesichtsausdruck, aber wie sollen wir das als unwissende Zuschauer verstehen (s. Anmerkungen zum Informationsfluss in Kapitel 3 auf der Seite „Warum eine TOP 20 der Filmgeschichte“)? Um Mitleiden zu können, bräuchten wir mehr Informationen, so wie Tony Scott es in „Man on Fire“ demonstriert hat, aber keine Geheimniskrämerei. Ein weiterer dramaturgischer Fehler ist auch die frühe Annäherung zwischen den beiden Ermittlern. Ein Odd-Couple-Paar – so und nicht anders sind sie beiden Ermittler etabliert – kommt exakt beim Showdown zusammen und keine Sekunde früher. Warum, dürfte klar sein.
Am Schluss tötet Baxter den Mordverdächtigen Sparma im Affekt und lädt damit eine ähnliche Schuld auf sich wie Deacon fünf Jahre zuvor. Das ist das Drama: bei der Suche nach einem Mörder möglicherweise einen Unschuldigen getötet zu haben. Bis zum Schluss erfährt man nicht, ob Sparma nun tatsächlich der Serienkiller war oder nicht. Hancock ging es wohl nicht um die Aufklärung eines Whodunits, sondern um das Seelenleben von Mordermittlern, das insgesamt aber zu dürftig beleuchtet wird. Außerdem: Wenn Sparma unschuldig war, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Dann treibt ein Serienkiller weiterhin sein Unwesen und junge Frauen sollten tunlichst von einer USA-Reise absehen.

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The Protégé (Martin Campbell) USA 2021

So langsam glaube ich doch an den Zusammenhang von Jahreszahlen und Qualität. Was für ein Müll! Warum verfilmt man so ein Sammelsurium an klischeehaften Schnipseln? Wer gibt sein Geld dafür aus?
Ein absurdes Szenario jagt das andere. Schon nach kurzer Zeit gewinnt die Verständnislosigkeit Oberhand über das Bemühen, hier tiefere Zusammenhänge zu vermuten und zu erschließen. Irgendwie geht es um den Profikiller Moody (Samuel L. Jackson) und seine Ziehtochter Anna(Maggie Q), die er gerettet hat als sie noch ein Mädchen war. Natürlich fällt ihm nichts Besseres ein, als sie ebenfalls zur Profikillerin auszubilden. Irgendwie geht es um Rache, dann auch wieder nicht. Des öfteren stirbt jemand (Moody, Hayes usw.), der dann doch nicht tot ist. Aber da hat man sich schon längst ausgeklinkt.
Hauptproblem ist – neben dem absurden Treiben – das ganze Bataillon an künstlichen Figuren, die zudem nie wirklich in Bedrängnis geraten. Wenn, geschieht es nur scheinbar und ist einem sowieso egal. Die Dialoge bewegen sich auf folgendem Niveau: „Töte mich oder fick mich.“ Ach, hätte er sie doch umgebracht! Der absolute Knaller ist die vietnamesische Motorrad-Rockerbande, die von einem Althippie ohne Helm angeführt wird. Jedenfalls kann man einmal herzhaft lachen. Das ist doch was!

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The Adverse (Brian Metcalf) USA 2021

Es gibt Filmemacher, die stellen ihrem Werk ein Nietzsche-Zitat voran. Kann eigentlich nicht verkehrt sein, suggeriert es doch gedanklichen Tiefgang? Hier ist es aber der erste Beitrag zur unfreiwilligen Komik. Es folgen klischeehafte Figuren, die hölzerne Dialoge absondern und abstruse Dinge tun. Die größte Lachnummer ist der koksende Betreiber einer Nachtbar, der von Gangsterboss Kaden (Mickey Rourke ist sich auch für nichts zu schade) zusammen gestaucht und vom Regisseur selbst gespielt wird. Wen oder was soll man denn hier ernst nehmen? Abbruch nach 10 Minuten.

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Das Schweigen der Lämmer (Jonathan Demme) USA 1991

Zu Zeiten als der Oscar noch nicht ein Symbol gesellschaftlicher Wiedergutmachung war, gab es hin und wieder würdige Preisträger. Einer davon ist der gnadenlos spannende Psychothriller „Das Schweigen der Lämmer“ nach einem Roman von Thomas Harris. Hier stimmt praktisch alles: Drehbuch, Inszenierung, Kamera, Ausstattung, Filmmusik, Montage und vor allem die hervorragenden Schauspieler.
Heldin ist die junge FBI-Agentin Clarice Starling (Jodie Foster), die einer Sondereinheit des FBI angehört. Ihr Ziel ist es, den Serienmörder „Buffalo Bill“ zur Strecke zu bringen. Dafür sucht Clarice den kannibalistisch veranlagten Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) auf, der in Baltimore im Gefängnis einsitzt. Von ihm erhoffen die Ermittler sich Hinweise zur Klärung des Mordfalls. Vor der fensterlosen Gefängniszelle entwickelt sich ein nervenzermürbendes Katz-und-Mausspiel. Quid pro quo lauten die Spielregeln, die von Dr. Lecter bestimmt werden. Für jede Information aus ihrem Privatleben liefert er Andeutungen zur Psyche des Serienmörders. Das ist genial gemacht. So tauchen wir tief in das Vorleben der Heldin ein, erfahren von ihrer Beziehung zum gewaltsam getöteten Vater und ihre Zeit auf dem Schlachthof des Onkels. Seit jenen Tagen wird sie vom Schreien der zur Schlachtbank geführten Lämmer in ihren Albträumen verfolgt. Clarice beantwortet Dr. Lecters Fragen wahrheitsgemäß. Zum einen würde er eventuelle Lügen sofort durchschauen, zum anderen ist er ihre Hoffnung bei der Aufklärung des Mordfalls. Im Laufe der Verhöre entwickelt sich ein Verhältnis zwischen beiden. Er mag sie und gibt ihr schließlich – verklausuliert – die entscheidenden Hinweise. Und Clarice ist fasziniert von der Inkarnation des Bösen, von seiner Intelligenz, von seiner Direktheit, von seiner Hinterhältigkeit. Ein abgründiges Vater-Tochter-Verhältnis.
Der Showdown ist ein kleines Meisterstück, brillant inszeniert und montiert. Besser geht’s nicht. Da ist zum einen Crawford, der Chef der Sondereinheit, der mit seinen Leuten das Haus eines vermeintlichen Täters in Chicago stürmt, zum anderen Clarice, die alleine weiter in Ohio ermittelt. Beide Handlungsstränge laufen alternierend aufeinander zu, bis Clarice dem Killer ganz allein gegenübersteht. Dieser Moment wird natürlich fachgerecht retardiert, bis sie ihn im letzten Moment ausschalten kann.
Schwachpunkte: Wenn „Buffalo Bill“ eines seiner Opfer nachts vor einem Diner beobachtet, dann benötigt er dafür ja wohl kein Nachtsichtgerät. Das wird hier nur eingeführt, weil es beim Showdown eine Rolle spielt. Das hätte man geschickter lösen können. Dr. Lecters Entkommen aus dem provisorischen Hochsicherheitstrakt im 5. Stock eines Gerichtsgebäudes in Memphis muss man erst mal schlucken. Da benötigt es schon einiges Wohlwollen. Aber okay, ist ja Kintopp. Clarice hat Schwierigkeiten mit Männern, auch weil sie ihren Vater idealisiert. Das hat Dr. Lecter messerscharf erkannt. Sie lässt keine Männer in ihre Nähe kommen, weder den älteren Crawford noch den jungen Biologen, der ihr im Laufe der Ermittlungen Avancen macht. Da hätte man der Heldin zum Schluss der Geschichte schon eine Entwicklung gegönnt. Ansonsten: perfekte, abgründige Unterhaltung.

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