Alien – Director’s Cut (Ridley Scott) USA 2003

Ridley Scott ist genauso wie sein Bruder Tony ein Synonym für gut gemachte, spannende Unterhaltung. So auch in „Alien – das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“. Es beginnt mit Impressionen des Frachtraumschiffs Nostromo, mit unheilvollen Vorahnungen, dass dieser Triumph der Technik sich als Trugschluss erweisen könnte. So spannend die Exposition ist, deutet sie doch zugleich auf einen der Schwachpunkte des Films hin: Alles sehr technisch.

Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung ist ein großer Pluspunkt, ändert aber nichts an der dünnen Story: Im Jahr 2122 empfängt die Nostromo mysteriöse Funksignale von einem kleinen Planeten. Ein Erkundungstrupp stößt dort auf auf unbekannte Lebensformen, die bei der Rückkehr mit an Bord des Raumschiffs gelangen. Es ist ein „Alien“, das nach und nach alle Besatzungsmitglieder tötet, bis auf Offizier Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die sich im letzten Moment des Monsters entledigen kann.

Zur Dominanz der Technik gehört auch das Fehlen von Beziehungen unter den Besatzungsmitgliedern. Es gibt ein bisschen Geplänkel von Parker und Brett über zu niedrige Prämien und eine Kontroverse über die Entscheidung von Captain Dallas, bei der Rückkehr des Suchtrupps geltende Quarantänevorschriften zu ignorieren. Aber, das war’s dann auch. Keine Liebes-, keine Familiengeschichten. Keine Geheimnisse, keine Backstories. Die Kälte des Weltalls scheint auch von der Crew Besitz ergriffen zu haben. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich der Wissenschaftler Ash als Roboter entpuppt. Eine wirklich interessante Person ist nicht an Bord. Ellen Ripley hätte es werden können, aber wir erfahren zu wenig von ihr.

Ein weiterer Schwachpunkt ist das „Alien“, das hier als glibberiges, formänderndes Wesen in Erscheinung tritt. Letztlich ist es zu künstlich und zu amorph. Es ist zwar furchterregender als der Sandwurm in „Dune“, wozu aber nicht viel gehört. Aber es kann nicht ansatzweise dem „weißen Hai“, den Raptoren in „Jurassic Park“ oder den Krokodilen in „Crawl“ das Wasser reichen. Es fehlt das Figürliche. Ein weißer Hai ist ein weißer Hai. Er verändert seine Form genauso wenig wie seinen immensen Appetit. Des weiteren operieren die letzten drei Horrorfilme mit Suspense, d.h. der Zuschauer wird teilweise über die bedrohliche Anwesenheit des Raubtieres informiert, nicht aber der Protagonist. So wird Spannung natürlich vorbildlich eskaliert. „Alien“ operiert mit Überraschungen, etwa wenn das kleine Monster aus Kanes Bauch heraus ins Freie schlüpft. Diese Szene ist sehr schön retardiert. Ein Film mit Überraschungen ist natürlich nicht schlecht, aber was sind sie schon im Vergleich zu Suspense. Irgendwann erahnt man in „Alien“ auch das Unheil, etwa wenn Brett im Rumpf des Schiffes mit einem Flammenwerfer auf Jagd geht. Eine Überraschung, die man ahnt, ist aber auch keine Überraschung mehr.

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The Hollow (Miles Doleac) USA 2016

Der Krimi fängt damit an, dass Dorfsheriff Beau McKinney (William Sadler) sich während seines Dienstes im Einsatzwagen einen blasen lässt. Zeitgleich verkauft er Drogen aus dem Seitenfenster heraus. Als Sheriff im Bundesstaat Mississippi muss man eben multitaskingfähig sein. Weiter geht’s mit einem Übernachtungstipp von McKinney für ein durchreisendes, junges Liebespärchen, die leider auf ihn hören. Mit ihrem Wagen fahren sie an einsamen See, wo sie ermordet werden.

Schnitt. New York. Der volltrunkene FBI-Agent Vaughn Killinger will mit seiner Kollegin Sarah Desoto schlafen. Letztlich kein Problem. Am nächsten Morgen kommt er natürlich nicht aus dem Bett, woraufhin seine Partnerin folgendes zu ihm sagt: „Du musst trotzdem aufstehen.“ Spätestens jetzt bestätigen sich alle unheilvollen Ahnungen, hier in den tiefsten Niederungen der Filmgestaltung gelandet zu sein. Dann gibt es eine quälend lange Szene, in der Killinger sich bei seinem kleinen Jungen entschuldigt, mit dem er eigentlich Zeit verbringen wollte. Handlungsrelevanz?

Schnitt. Mississippi. Der örtliche Polizeichef kündigt seinen Leuten das Erscheinen der FBI-Agenten an. Er hält McKinney eine Standpauke und ermahnt ihn, seine Nebengeschäfte vorerst einzustellen. Wie bitte? Also, ist der Polizeichef Mitwisser von Drogengeschäften seiner Polizisten. Wer soll das denn alles glauben? Für welche dieser künstlichen, klischeehaften Figuren soll man sich in „The Hollow“ interessieren? Abbruch.

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Die Dolmetscherin (Sydney Pollack) USA 2005

„Die Dolmetscherin“ ist ein über weite Strecken spannender Thriller mit einem klassischen Erzählmotiv: „Der bedrohte Zeuge“. Silvia Broome arbeitet für die UNO und belauscht eines Abends ein Mordkomplott. Ziel des Anschlags ist der Präsident des fiktiven afrikanischen Staates Matobo. Silvia wendet sich an die Polizei, die wiederum den Secret Service einschaltet. Leitender Ermittler ist Tobin Keller (Sean Penn), der ihr anfangs keinen Glauben schenkt. Das ist dramaturgisch fachgerecht gestaltet, denn ein bedrohter Zeuge sollte am besten allein gegen drohende Gefahren kämpfen. Eine schlagkräftige Agenteneinheit an ihrer Seite wäre dramaturgisch kontraproduktiv.

Die Schauspielerriege agiert hervorragend. Die Montage ist schnell, fragmentarisch und alternierend. Man muss sich schon konzentrieren, um dem Geschehen folgen zu können. Gut so. Kamera und Ausstattung sind brillant. Sydney Pollack („Tootsie“, „Die drei Tage des Condors“) steht eben für gute Unterhaltung. Weshalb hier trotzdem kein Meisterwerk entstanden ist, liegt an etlichen Ungereimtheiten und an der viel zu frühen Annäherung zwischen Silvia Broome und Tobin Keller. Die dürfte natürlich erst beim Showdown erfolgen, so wie es z.B. Harold Becker in „Sea of Love“ mit Al Pacino als Detective und Ellen Barkin als Mordverdächtige demonstriert hat.

Ein seltsamer Zufall ist es, dass die rotblonde Silvia aus dem schwarzafrikanischen Matobo stammt, wo ihre Familie Opfer eines Anschlags wurde, hinter dem Präsident Edmond Zuwanie stand. Sie hätte also theoretisch ein Rachemotiv. Warum sollte sich aber jemand mit derartigen Gefühlen überhaupt an die Polizei wenden? Dann wäre das Ableben von Zuwanie doch in ihrem Sinne? Das sind nicht die einzigen merkwürdigen Überlegungen der Ermittler, die sich auch sonst nicht sonderlich kompetent zeigen. Als die Attentäter schon längst Jagd auf die Zeugin machen, ist die ganze Secret-Service-Truppe nicht in der Lage, sie zu schützen. Einer der Mörder kann unbehelligt in ihre Wohnung eindringen.

Seltsam auch, dass Silvia, die in Matobo sogar Teil des bewaffneten Widerstands war, Mitarbeiterin der UNO werden kann. Da würde man doch annehmen, dass die Vorgeschichten von Bewerbern auf Herz und Nieren geprüft werden. Seltsam auch, dass der Oppositionsführer Kuman Kuman, der zufällig im New Yorker Exil lebt, mit seiner Entourage im Linienbus fährt. Das ist doch viel zu unsicher, wie sich dann ja auch herausstellt. Seltsam auch, dass die Attentäter nicht nur den Oppositionsführer, sondern gleich den ganzen voll besetzten Linienbus in die Luft sprengen. So etwas wirbelt – zumal auf ausländischem Terrain – doch viel zu viel Staub auf. So etwas würde man doch diskreter, d.h. intelligenter erledigen.

Vor allem ist das ganze Mordkomplott, hinter dem der Präsident selber steckt, ein ziemlich abstruser Plan. Während seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung wird der Attentäter nämlich im letzten Moment vom Sicherheitschef erschossen, um Zuwanie als Überlebenden eines hinterhältigen Mordkomplotts vor den Augen der Weltöffentlichkeit in besserem Licht erscheinen zu lassen. So ein um drei Ecken gedachter Plan hätte vielleicht in Matobo funktioniert? Dort hätte der Präsident nach einem missglückten Attentat auch Gründe geschaffen, gewaltsam gegen Oppositionelle vorzugehen. Aber in der UNO-Vollversammlung? Dann ist der erschossene Attentäter auch noch mit einer Waffe ohne Munition ausgestattet worden. Glaubt einer von den Urhebern des Plans wirklich, dass das bei einer Untersuchung niemandem auffallen würde? So verspielt der Film nach und nach angesammelte Pluspunkte. Auch das Ende des Showdowns ist vorhersehbar: „Die Dolmetscherin“ schafft es nicht, den Mörder ihrer Familie zu erschießen.

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Auf der Kugel stand kein Name (Jack Arnold) 1959

„Auf der Kugel stand kein Name“ beginnt damit, dass der Revolverheld John Gant (Audie Murphy)nach Lordsburg reitet. Ihm eilt der Ruf voraus, ein Auftragskiller zu sein, der seine Opfer erst provoziert bevor er sie erschießt. Damit ist die tödliche Gefahr sofort etabliert und schwebt wie ein Damoklesschwert über den Bewohnern der kleinen Stadt: „Gant ist wie eine Seuche, gegen die wir noch kein Mittel haben.“ Fast jeder könnte im Fadenkreuz des Revolverhelden stehen. Das ist super, zumal diese Ausgangssituation auch jede Menge psychologisches Potenzial hat. Alle, die Dreck am Stecken haben, wittern einen Racheakt.

Hauptperson ist der Arzt Luke Canfield (Charles Drake), Sohn des örtlichen Schmieds. Er ist liiert mit Anne Benson, der Tochter des schwerkranken Richters. Luke und John sind sich nicht unsympathisch. Sie spielen sogar eine Partie Schach miteinander. Erst als die bloße Anwesenheit des Fremden zu Übergriffen, Selbstmord und Schießereien unter den Bewohnern führt, ergreift Luke Partei. Er stellt sich sogar an die Spitze einer Bürgerwehr, auch wenn er damit nur Schlimmeres verhindern will. Am Schluss ist es der verletzte Luke, der den Auftragskiller ausschalten kann.

So spannend die Grundidee ist, so altbacken kommt die Inszenierung daher, leider ganz im Stile eines 50er-Jahre-Western. Wenn John Gant anfangs aus der Wildnis kommt, ist er frisch rasiert und adrett gekleidet. Schon seltsam. Selbiges gilt auch für sämtliche Einwohner von Lordsburg. Das verleiht dem Western eine künstliche und infantile Note. Die Bildkomposition erfolgt vornehmlich in längeren Halbtotalen. Auch das würde man heute anders machen. Man hätte es auch seinerzeit schon anders machen können. In Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ von 1953 geht es, was Ausstattung und Inszenierung angeht, anders zur Sache und zwar richtig.

Ein Schwachpunkt ist auch die Vielzahl an Personen und Handlungssträngen, die der Film ins Spiel bringt. Es gibt außerhalb der Stadt eine Silbermine, an der Geschäftsmann Earl Stricker, Hotelbesitzer Henry Reeger und Farmer Ben Chaffee Anteile besitzen. Im Grunde befürchtet jeder von ihnen die Gier der Mitgesellschafter. Gerüchte und Spekulationen schaffen Argwohn und Misstrauen. Bankbesitzer Ted Pierce hängt irgendwie im Schlamassel mit drin und begeht Selbstmord. Lou Fraden hat einem Freund die Frau ausgespannt und befürchtet nun dessen Rache. Durch diese Anhäufung an Episoden bleibt eben Vieles an der Oberfläche. Ihre Vorgeschichten bleiben allesamt im Dunkeln.

Am Ende wartet „Auf der Kugel stand kein Name“ mit einer Überraschung auf. John Gant hat keinen der üblichen Verdächtigen im Visier. Auf seiner Todesliste steht kein Geringerer als Richter Benson. Vor Jahren war er mal an der illegalen Benennung des Gouverneurs und seines Stellvertreters beteiligt. Das belegt ein geheimes Dokument, das Anne in einer Schatulle findet. Leider erfahren wir weder etwas über den Inhalt dieses Dokuments noch über die Identität des Auftraggebers. Das ist schade. Man fragt sich auch, warum ein korrupter Richter derart belastendes Material aufbewahren sollte? Fazit: Das Potenzial dieser spannenden Grundidee wird leider nicht ausgeschöpft.

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Bravados (Henry King) USA 1958

Mit seiner teilweise angedeuteten, teilweise ungeschminkten Kompromisslosigkeit und Härte wirkt „Bravados“ wie ein Vorbote der späteren Italo-Western. Erzählt wird ein klassisches Rachedrama, deren Vorgeschichte man häppchenweise erfährt (Ibsensche Enthüllungsdramaturgie). Der schwarz gekleideten Farmer Jim Douglas (Gregory Peck) reitet allein nach Rio Arriba, um der Hinrichtung von vier zum Tode verurteilten Gangstern beizuwohnen. Dort trifft er auch auf die hübsche Josefa Velarde (Joan Collins), mit der er früher wohl mal eine Beziehung hatte. Fragen beantwortet er bruchstückhaft oder ausweichend. Eine geheimnisvolle Aura umgibt den wortkargen, verbitterten Farmer. Man fragt sich die ganze Zeit, was ihm widerfahren ist? Das ist gut gemacht und steigert die Spannung.

Dann erscheint der angereiste Henker auf, der aber mit den Gangstern unter einer Decke steckt. Bei ihrer Flucht nehmen sie Amy, die Tochter des Drugstorebesitzers, als Geisel mit. Einem sofort zusammen gestellten Suchtrupp schließt Jim Douglas sich nicht an. Er hat seine eigenen Pläne, was ihm den Vorwurf der Feigheit einbringt. Das stört den Lonesome Rider aber nicht an. Er ruht sich erst mal aus und macht sich am nächsten Tag an die Verfolgung. Schon bald stößt er auf den Suchtrupp, der von einem der Gangster in Schach gehalten wird. Aber jetzt erweist Jim Douglas sich als ein zu allem entschlossener und fähiger Anführer.

Den ersten im Hinterhalt lauernden Gangster kann er überwältigen. In der rechten Hand hält Jim Douglas seinen Revolver, mit der Linken zeigt er ihm das Foto einer jungen Frau. Erst jetzt kann man die Zusammenhänge erahnen. Es ist ein Bild seiner Ehefrau, die vergewaltigt und ermordet wurde. Obwohl der Gangster im Angesicht des Todes seine Unschuld beschwört, kennt Douglas keine Gnade. Hasserfüllt erschießt er den am Boden liegenden Verbrecher. Derweil klärt der Pater von Rio Arriba Josefa über den Meuchelmord an Jims Ehefrau auf. Sein Nachbar Butler hatte die vier Gangster zur Tatzeit in der Nähe von Jims Farm beobachtet.

Den zweiten Gangster hängt Douglas einfach auf. Seine Kumpanen erreichen Butlers Farm, wo sie sich erst mal ihren Hunger stillen. Den flüchtigen Farmer erschießt der dritte Gangster von hinten. Der vierte, ein Indio, findet einen Geldbeutel beim Toten und nimmt ihn an sich. Zeitgleich wird Amy vom dritten Gangster im Farmhaus vergewaltigt. Dann flüchten die Verbrecher zu zweit weiter nach Mexiko. Als Jim Douglas mit dem Suchtrupp auf Butlers Farm eintrifft, sieht er sich angesichts seines ermordeten Nachbarn und der vergewaltigten Amy in seiner erbarmungslosen Jagd bestätigt. Am Rio Grande, der Grenze zu Mexiko, setzt er die Verfolgung allein fort.

Den dritten Gangster stöbert Douglas in einer Cantina auf und erschießt ihn im Duell. Der Indio kann fliehen, aber Douglas ist ihm auf den Fersen. In einer kleinen Hütte, in der der vierte Gangster mit Frau und Kind lebt, kommt es zum Showdown. Douglas hat nur Augen für den Indio, wird aber von dessen Frau außer Gefecht gesetzt. Nun wird der Spieß umgedreht. Douglas wird mit dem Revolver bedroht und berichtet von seinem Schicksal. Aber der Indio kann seine Unschuld beweisen, denn der Geldbeutel, den er Butler abgenommen hat, gehört eigentlich Douglas. Den kann sein Nachbar aber nur gewaltsam an sich genommen haben. Jetzt wird Jim Douglas klar, wer tatsächlich seine Frau ermordet hat und welchem Irrtum er unterlegen ist. Kein Geringerer als sein Nachbar war der Mörder seiner Frau. Nachdem der Indio spürt, dass von Douglas keine Gefahr mehr ausgeht, lässt er ihn laufen.

Dieser ganze Schluss ist eine erzählerische Katastrophe. Zum einen müsste Jim Douglas die Erkenntnis, eigentlich nicht viel besser zu sein als seine Opfer, regelrecht erschüttern. Schließlich entlarvt die Wahrheit über den Mord an seiner Frau die ganze Fragwürdigkeit seines Rachefeldzugs. Zum zweiten fällt die Reaktion seiner Mitmenschen auf seinen tödlichen Irrtum schon unfreiwillig komisch aus. „Sie haben nur drei Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt“, versucht ihn der Pater zu beruhigen. Als Jim Douglas in der Schlusseinstellung die Kirche verlässt, jubeln ihm die Einwohner des Ortes zu. Worüber jubeln die? Darüber, dass ein Selbstjustiz praktizierender Farmer unter ihnen weilt? Zum dritten schreitet er Arm in Arm mit Josefa daher, was einem vorhersehbaren und arg konstruierten Pseudo-Happy-End gleichkommt. Eigentlich hat diese Beziehung keine Handlungsrelevanz. Zum vierten fehlt natürlich die direkte Konfrontation zwischen dem Rächer und dem Täter. Die Bankräuber haben Jim Douglas sozusagen die Arbeit abgenommen. Das ist schade. Dabei hätte er jetzt mal zeigen können, dass mehr in ihm steckt als nur dieser blinde Hass. In „Der Graf von Monte Christo“ demonstriert Alexandre Dumas wie’s richtig gemacht wird, desgleichen Ariel Dorfman in „Der Tod und das Mädchen“.

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Kill the Messenger (Michael Cuesta) USA 2014

„Kill the Messenger“ ist ein spannender Politthriller nach wahren Begebenheiten. Er handelt vom illegalen Drogen- und Waffenhandel der CIA in der 80er Jahren. Seinerzeit hatte der US-Kongress nämlich untersagt, die Contra-Rebellen in Nicaragua mit Waffen zu versorgen. Aber die CIA und ihre Hintermänner fanden einen Weg, den Beschluss zu umgehen. Zur Finanzierung der Waffenkäufe kamen sie u.a. auf die glorreiche Idee, mit nicaraguanischen Drogenbossen zu kooperieren. Die US-Airforce ermöglichte reibungslose Importe von Kokain und Heroin. Klingt alles ziemlich unglaubwürdig, ist aber, ausgelöst durch die Iran-Contra-Affäre, in die Annalen jüngster US-Geschichte eingegangen.

Zeitsprung. Kalifornien 1996. Hauptfigur ist der Investigativ-Reporter Gary Webb (Jeremy Renner), der nach einem Tipp den Machenschaften der CIA auf die Spur kommt. Seine Recherchen in den USA und in Nicaragua bei einem inhaftierten Drogenboss bringen handfeste Beweise. Die Veröffentlichung seiner Artikelserie „Dark Alliance“ macht ihn über Nacht berühmt. Auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs schlagen seine Gegner mit ähnlich perfiden Mitteln zurück wie in „Insider“ von Michael Mann. Gary wird nicht einfach umgelegt – noch nicht -, sondern Opfer einer Rufmordkampagne. Um ihn mundtot zu machen, wird er systematisch diskreditiert. Beruflich steht er bald als Lügner und Dilettant da, sein Privatleben wird in den Schmutz gezogen. Von seiner Redaktionsleitung wird er aufs Abstellgleis geschoben, von seiner geliebten Familie muss er sich vorerst trennen. Psychoterror in Reinkultur.

Damit sind wir beim Schwachpunkt dieses Politthrillers. Das sind die ausführlichen Beschreibungen von Garys Familienleben, die im Grunde wenig Handlungsrelevanz haben. Anders als in „Insider“ werden seine Frau und Kinder nicht bedroht, sondern nur indirekt in Mitleidenschaft gezogen. Es ist einfacher an der Seite eines erfolgreichen Journalisten zu leben, als an der eines angeblichen Lügners und Betrügers. Ehefrau Sue und der älteste Sohn Ian stellen ihre Verletzungen in den Vordergrund, um beim pathetischen Ende doch wieder die amerikanische Familenidylle zu zelebrieren. Dieses „Ich-bin-so-stolz-auf-dich“-Gefasel ist ziemlich furchtbar und verlogen. Der ganze Familienklimbim sorgt auch für ein reduziertes Spannungslevel. Es gibt zwar eine latente Gefahr, aber so richtig mitzittern kann man nicht mit dem Helden.

Vor allem lenkt dieser Erzählstrang vom spannenden Stoff ab. Die Nicaragua-Contra-Affäre hätte eine tiefere Behandlung verdient. Im Grunde gibt es hundert Fragen, die allesamt unbeantwortet bleiben. Wie ist es möglich, dass die US-Airforce tonnenweise unbehelligt Rauschgift in die USA schaffen kann? Wie viel Personen sind geschmiert worden bzw. im Dienst der CIA tätig? Wieso geht über einen Zeitraum von 15 Jahren keiner dieser involvierten Mittäter an die Öffentlichkeit? Welche Funktion hat der mit der CIA kooperierende Banker, der angeblich Drogengelder „gewaschen“ hat? Wieso wird für den illegalen Waffenhandel legales Geld benötigt? Wie darf man sich diese Geschäfte konkret vorstellen? Wie werden diese Waffen nach Nicaragua geschafft? Da müsste doch auch die Marine im Spiel sein? Wie sieht die Übergabe an die Rebellen konkret aus? usw.

Das dramatische Potenzial dieses Thrillers wird zum großen Teil verschenkt. Das zeigt auch der lapidare Nachspann, in dem wir erfahren, dass Gary 2004 Selbstmord begangen hat. Unmittelbar vor der Veröffentlichung weiteren Materials wird er mit zwei Kopfschüssen tot aufgefunden. Also, während des gesamten Films ist sein Leben nicht in Gefahr, erst nach dem Ende. Schon bemerkenswert. Auch seltsam, dass ein Selbstmörder sich zweimal in den Kopf schießt. Eigentlich bekommt der Filmtitel „Kill the Messenger“ erst jetzt seine Berechtigung. Insgesamt ist es schade, dass die Filmemacher einem konstruierten Familienleben mehr Platz eingeräumt haben als diesem hochexplosiven Hintergrundmaterial.

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Eine Fantastische Frau (Sebastián Lelio) CHL 2017

„Eine Fantastische Frau“ ist ein eher ruhiges Melodrama über „Die unmögliche Liebe“ der Trans*Frau Marina zum älteren Orlando in Santiago de Chile. Sehr schön ist die Konzentration auf die interessante Hauptfigur, die der Film zu keiner Zeit aus den Augen verliert. Ansonsten sind die Filmemacher leider Opfer ihrer guten Absichten und ihres eingeschränkten Könnens. Die Liebesgeschichte ist mit dem plötzlichen Herztod Orlandos nach fünf Minuten zu Ende. Das ist schade, denn wir hätten gern mehr über beide erfahren. Wie sollen wir Anteilnahme mit Marinas Trauer entwickeln? Die Begegnungen zwischen den Liebenden sind ähnlich kurz geraten wie die der Protagonisten in „Unterwegs nach Cold Mountain“, also letztlich eine behauptete Liebe. In Clint Eastwoods grandiosem Melodrama „Die Brücken am Fluss“ ist das zeitlich Verhältnis genau umgekehrt: 90% der Geschichte sind wir bei den Liebenden, nur den Rest der Zeit ohne sie.

Wichtiger sind den Filmemachern offensichtlich die zum Teil selbst verschuldeten Demütigungen, die Marina nach Orlandos Tod erfährt. Da gibt es polizeiliche Ermittlungen, weil Orlandos Leichnam Hämatome aufweist. Die resultieren aus einem Sturz im Treppenhaus, als Marina ihn ins Krankenhaus transportiert. Dann taucht noch eine obskure Kommissarin für Sexualdelikte auf, die Marina verdächtigt, erpresst und demütigt. Da fragt man sich auch, ob es in Chile keine Pflichtverteidiger gibt, die die Belange von Beschuldigten vertreten? Jedenfalls wirken diese Ermittlungen teilweise konstruiert und haben, was am Gravierendsten ist, keine Konsequenzen. Ein Verstoß gegen die dramaturgische Kardinalregel: Ein Held sollte in der jeweiligen Spielanordnung immer das Schlimmstmögliche durchleiden. Wer braucht schon Ermittlungen, die keine Konsequenzen haben? Apropos: Marina ist noch im Besitz eines Schlüssels des Verstorbenen zu einem Schließfach. Der gehört zu einem Spind in der Sauna, zu dem Marina sich trotz anwesender männlicher Gäste ungehindert Zugang verschaffen kann. Dann öffnet sie den Spind, in dem sich nichts, aber auch gar nichts befindet. So reiht sich eine Folgenlosigkeit an die andere. Das große Verpuffen.

Wenn Marina gegen den ausdrücklichen Wunsch von Orlandos Familie partout an der Totenwache und der Beerdigung teilnehmen will, hat das auch etwas Masochistisches. Ist doch klar, dass ihr dort Feindseligkeit entgegenschlägt. Um von einem Toten ungestört Abschied zu nehmen, bedarf es doch nicht eines Moments, in dem dessen ganze Sippe anwesend ist. Auch Marinas Visionen von Orlando, die ihr im Krematorium erscheinen, haben keinen erzählerischen Mehrwert. Sie erzeugen keine Emotionen. Die handwerkliche Limitiertheit der Filmemacher zeigt sich auch in der Schnittlänge einiger Szenen. Da darf man einige Male sekundenlang die Leere einer Wohnung bewundern, bevor jemand den Raum betritt.

Folgendes wäre besser gewesen: Der Film hätte sich bis zur Hälfte der Liebesgeschichte gewidmet. Nach Orlandos Tod hätte es eine notarielle Testamentseröffnung gegeben, bei der Marina zum ersten Mal Orlandos Ex-Frau und seinen Kindern begegnet wäre. Das Testament hätte sie zur Alleinerbin erklärt. Das hätte den Konflikt zwischen Marina und Orlandos Angehörigen eskaliert. Außerdem hätte die Kriminalpolizei ein Motiv für ihre Verdachtsmomente gehabt, die ansonsten nur spekulativ sind. So hätte man das untergeordnete Erzählmotiv „Unschuldig Beschuldigt“ fachgerecht in den Fokus rücken können. Insgesamt bleibt es leider bei der Behauptung, dass es sich hier um „Eine Fantastische Frau“ handelt.

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Midnight Run (Martin Brest) 1988

„Midnight Run“ ist eine originelle Thrillerkomödie, die neben den üblichen Genrezutaten vor allem die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Da ist zum einen der desillusionierte Kautionsjäger Jack Walsh (Robert De Niro) und zum anderen der ehemalige Mafiabuchhalter Jonathan „Duke“ Mardukas (Charles Grodin). Der hat nicht einfach nur seine ehemaligen Arbeitgeber beklaut, sondern die Beute von 15 Millionen Dollar auch noch der Wohlfahrt vermacht. Es ist ein klassisches „Odd-Couple“-Paar, also zwei gegensätzliche Charaktere, die aufgrund äußerer Umstände aneinander gekettet sind. Hier im buchstäblichen Sinn, denn Jack hat den Auftrag, den „Duke“ innerhalb von fünf Tagen für 100.000 Dollar nach Los Angeles zu schaffen.

Nachdem er den Gesuchten in New York aufgespürt hat, fesselt er ihn mit seinen Handschellen. Aber ganz so einfach ist die Rückreise natürlich nicht. Zum einen sind ihnen FBI-Agent Alonzo Mosely (Yaphet Kotto) sowie Mafiaboss Jimmy Serrano (Dennis Farina) mit ihren Leuten auf den Fersen. Zum anderen entpuppt sich der „Duke“ als echte Nervensäge. Zunächst täuscht er eine Flugangst vor, weshalb die Jagd nun mit allen übrigen Verkehrsmitteln fortgeführt wird.

Was dann folgt, ist wirklich sehr schön gemacht. Ein Roadmovie mit Flucht-Verfolgungsszenen quer durch die USA. Das gibt dem „Duke“ auch Zeit, seinen Entführer mit unangenehmen Fragen zu konfrontieren, ihn zu kritisieren oder ihm gute Ratschläge zu erteilen. Für Jack ist es auch eine Reise in die Vergangenheit und eine Art Therapie. In Chicago hat er früher als Detective bei der Polizei gearbeitet, bis zu seiner Kündigung. Offenbar wollte Jack sich nicht korrumpieren lassen wie viele seiner Kollegen. Die Schmiergeldzahlungen stammten von eben jenem Serrano, dessen Leute nun hinter ihm her sind. Alles fügt sich zusammen.

Sehr schön ist auch die Begegnung von Jack mit seiner Ex-Frau, bei der beide schnell wieder in alte Muster verfallen. Den aufkeimenden Streit kann ihre gemeinsame Tochter Denise schlichten. Auch das ist eine sehr schöne, berührende Szene. Überhaupt ist es einer der Vorzüge dieses Films, irgendwie immer MEHR zu bieten. Er ist nicht „nur“ witzig, spannend und rasant. Er lässt sich dann auch wieder Zeit, kümmert sich um seine Figuren, schafft berührende Momente und macht nachdenklich.

Am Ende hat Jack die Frist eingehalten. Er trifft rechtzeitig mit dem „Duke“ in Los Angeles ein, wo er ihn aber zum Entsetzen seines Auftraggebers laufen lässt. Damit verzichtet Jack zwar auf sein Honorar, hat aber einen Freund fürs Leben gewonnen. Außerdem entpuppt sich das Geschenk, das er im Gegenzug vom „Duke“ erhält, als das Dreifache seines Honorars. Nachdem die beiden Freunde Abschied genommen haben, entledigt Jack sich seiner alten, kaputten Armbanduhr (ein Geschenk seiner Ex-Frau). Er ist bereit für einen Neuanfang und geht beschwingten Schrittes in die Nacht.

Darüber hinaus sind alle Figuren und Nebenfiguren hervorragend gecastet: Der schmierige Besitzer des Kautionsbüros, sein kauziger Gehilfe, der bullige, etwas unterbelichtete Kautionsjäger Marvin Dorfler usw.
„Midnight Run“ zeigt auch wie Running Gags kunstgerecht eingesetzt werden. Dreimal schafft Jack es, seinen Konkurrenten Marvin mit einem billigen Trick abzulenken. Beim vierten Mal will Marvin partout nicht drauf reinfallen und sich umschauen. Hätte er es dieses Mal doch gemacht, dann hätte er hinter sich eine ganze Armada von Polizisten sehen können. So ist er wieder der Gelackmeierte.

Ein paar Schwachpunkte gibt es schon: FBI und Mafiosi wirken ein bisschen unterbelichtet. Das ist stellenweise ganz amüsant, aber nicht sonderlich spannend. Das betrifft auch sämtliche Schießereien, bei denen wie durch ein Wunder niemand getroffen wird. Insgesamt hätten die Verfolger ein bisschen hinterhältiger sein können. Dass es ganz einfach ist, am Telefon die Kreditkarte einer anderen Person zu sperren, muss man schlucken. Ebenso wie Serranos plötzliches Interesse an angeblich belastenden Disketten. Diese Datenträger sind doch unendlich duplizierbar, was doch auch ein etwas einfältiger Mafiaboss ahnen könnte. Trotzdem macht diese Thrillerkomödie einfach gute Laune!

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Dog Eat Dog (Paul Schrader) USA 2016

In den ersten fünf Minuten dieses abscheulichen Films schlachtet der drogensüchtige Mad Dog (William Dafoe) seine Freundin Sheila mit einem Fischmesser regelrecht ab. Anschließend erschießt er deren Tochter. Abbruch. Warum sollte man sich diesen Hollywood-Dreck anschauen? Für wen oder was sollte man sich hier interessieren? Für den Junkie? Kann nicht sein. Für die Ermordeten oder das Fischmesser? Kann auch nicht sein. Tut man Paul Schrader damit unrecht? Nein. Selbst wenn hinterher noch etwas Interessantes kommen sollte, kann man eine Filmexposition kaum abschreckender gestalten. Ein Opening sollte den Zuschauer aber nicht vor den Kopf stoßen, sondern ködern und einfangen. Das ist erzählerisches Einmaleins.

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