Der denkwürdige Fall des Mr Poe (Scott Cooper) USA 2022

Clint Eastwood hat schon ein Gespür für taugliche Filmstoffe. In „Sully“ konzentriert er sich ganz auf die inneren und äußeren Konflikte seines Helden, Commander Chesley „Sully“ Sullenberger (Tom Hanks). Die spektakuläre Notlandung eines vollbesetzten Jets auf dem Hudson River dürfte noch in Erinnerung sein. Dabei stellt der Regisseur nicht die dramatischen Ereignisse dieser Beinahe-Katastrophe in den Vordergrund, sondern menschliche Schicksale, die anklagenden Recherchen der sofort etablierten Untersuchungskommission und die Selbstzweifel des Protagonisten.

Die Kommission macht Sully und seinem Kopiloten nämlich zum Vorwurf, nach dem Ausfall der Triebwerke nicht sofort zum Flughafen zurückgekehrt zu sein. Damit hätten beide aber das Leben sämtlicher Insassen aufs Spiel gesetzt. Zusätzlich wurde hier natürlich ein intakter Düsenjet in den Hudson River versenkt. Auch das ist Teil der Anklage, die von sämtlichen Computer-Simulationen untermauert wird. Dagegen ist Sully für die 155 Passagiere, die ausnahmslos gerettet wurden, und für die Öffentlichkeit ein Held. Allerdings belasten ihn diese Vorwürfe, die von seiner angespannten finanziellen Situation verstärkt werden. Wenn Sully schuldig gesprochen wird, darf er nie wieder fliegen und verliert zudem sämtliche Pensionsansprüche. Auch daraus bezieht der Film seine Dramatik.

Die Hauptfigur ist mit Tom Hanks kongenial besetzt. Nach außen hin versucht er gelassen zu wirken, aber die Vorwürfe treffen ihn ins Mark. Denn er ist ein Pilot aus Leidenschaft, seit 42 Jahren wie er betont: „Das war mein ganzes Leben.“ Am Ende kann er die Kommission davon überzeugen, dass ihre Berechnungen einen Aspekt außer Acht gelassen haben, nämlich den Faktor Mensch. Noch nie in der Geschichte der Luftfahrt sah sich ein Flugkapitän mit dem kompletten Ausfall seiner Triebwerke durch multiplen Vogelschlag konfrontiert. Also hätten die Berechnungen eine angemessene Reaktionszeit einkalkulieren müssen. Nach entsprechenden Neuberechnungen verlaufen sämtliche Computer-Simulationen im Desaster. Erst jetzt wird deutlich, welche flugtechnische Meisterleistung hier vollbracht wurde. Der Film endet mit der vollständigen Rehabilitierung der beiden Piloten und mit der Gewissheit, dass sie nicht nur das Leben sämtlicher Insassen gerettet haben.

Keine Schwachpunkte? Doch! Wie in „Der Spion“ ist auch hier die authentische Vorlage eine Spannungsbremse. Sully ist von Anfang an zu sehr der Held, dem eigentlich nur die Untersuchungskommission das Leben schwer macht. Nicht aber sein Kopilot, die Crew, die Passagiere, die Presse oder etwa seine Ehefrau „Lorrie“. Die hält in den Telefonaten tapfer zu ihrem Mann und bekräftigt ihre Liebe. Das ist zwar sehr schön, aber nicht sonderlich dramatisch. In Clint Eastwoods „American Sniper“, der ebenfalls auf tatsächlichen Ereignissen beruht, wird der Held mit einem Ehedrama konfrontiert.

Insgesamt wäre mehr Abkehr von den Ereignissen im Januar 2009 wünschenswert gewesen. Genau das hat Clint Eastwood ja auch zum Wohle der Geschichte mit der Darstellung der NTSB-Ermittler getan. Tatsächlich verhielten sich die Mitglieder der Untersuchungskommission nämlich nicht feindselig und anklagend, zwar kritisch, aber sachlich und wertschätzend. Auf diese Diskrepanz wies auch der leibhaftige Sullenberger hin. Ist die Verzerrung historisch belegter Abläufe in einem Spielfilm nun fragwürdig? Ich meine NEIN. Zum Wohle einer Geschichte sollte ein Erzähler das dramatische Potenzial ausschöpfen. Es ist ja kein Dokumentarfilm.

Anmerkungen eines befreundeten Piloten: Zum einen hat Sully alles richtig gemacht, vor allem mit seiner Entscheidung nicht den nahegelegenen Flughafen Tettoboro anzusteuern, wie ihm die Fluglotsen empfohlen hatten. Das wäre – wie spätere Simulationen demonstriert haben – im Fiasko geendet. Des weiteren hat er auf einen zeitraubenden „Engine Restart“ verzichtet. Dann war auch Glück im Spiel. Sein Kopilot war zwar relativ unerfahren, aber fit in der Theorie (Notfallhandbuch). Außerdem hatte Sully mit den ruhigen Wetterverhältnissen schlichtweg Glück. Wenn den Flieger eine 50 cm hohe Welle getroffen hätte, wäre er auseinander gebrochen.

Am Schluss des Films lehnt Sully es vor der Untersuchungskommission ab, als Held bezeichnet zu werden. Er macht darauf aufmerksam, dass nur das Zusammenwirken von Crew, Passagieren und Rettungskräften eine Katastrophe verhindert hat: „Wir alle waren es. Wir haben überlebt.“ Der Film ist eine Hymne an die Kraft des Zusammenhalts, die Menschen in Notsituationen entwickeln können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Der denkwürdige Fall des Mr Poe".

Sully (Clint Eastwood) USA 2016

Clint Eastwood hat schon ein Gespür für taugliche Filmstoffe. In „Sully“ konzentriert er sich ganz auf die inneren und äußeren Konflikte seines Helden, Commander Chesley „Sully“ Sullenberger (Tom Hanks). Die spektakuläre Notlandung eines vollbesetzten Jets auf dem Hudson River dürfte noch in Erinnerung sein. Dabei stellt der Regisseur nicht die dramatischen Ereignisse dieser Beinahe-Katastrophe in den Vordergrund, sondern menschliche Schicksale, die anklagenden Recherchen der sofort etablierten Untersuchungskommission und die Selbstzweifel des Protagonisten.

Die Kommission macht Sully und seinem Kopiloten nämlich zum Vorwurf, nach dem Ausfall der Triebwerke nicht sofort zum Flughafen zurückgekehrt zu sein. Damit hätten beide aber das Leben sämtlicher Insassen aufs Spiel gesetzt. Zusätzlich wurde hier natürlich ein intakter Düsenjet in den Hudson River versenkt. Auch das ist Teil der Anklage, die von sämtlichen Computer-Simulationen untermauert wird. Dagegen ist Sully für die 155 Passagiere, die ausnahmslos gerettet wurden, und für die Öffentlichkeit ein Held. Allerdings belasten ihn diese Vorwürfe, die von seiner angespannten finanziellen Situation verstärkt werden. Wenn Sully schuldig gesprochen wird, darf er nie wieder fliegen und verliert zudem sämtliche Pensionsansprüche. Auch daraus bezieht der Film seine Dramatik.

Die Hauptfigur ist mit Tom Hanks kongenial besetzt. Nach außen hin versucht er gelassen zu wirken, aber die Vorwürfe treffen ihn ins Mark. Denn er ist ein Pilot aus Leidenschaft, seit 42 Jahren wie er betont: „Das war mein ganzes Leben.“ Am Ende kann er die Kommission davon überzeugen, dass ihre Berechnungen einen Aspekt außer Acht gelassen haben, nämlich den Faktor Mensch. Noch nie in der Geschichte der Luftfahrt sah sich ein Flugkapitän mit dem kompletten Ausfall seiner Triebwerke durch multiplen Vogelschlag konfrontiert. Also hätten die Berechnungen eine angemessene Reaktionszeit einkalkulieren müssen. Nach entsprechenden Neuberechnungen verlaufen sämtliche Computer-Simulationen im Desaster. Erst jetzt wird deutlich, welche flugtechnische Meisterleistung hier vollbracht wurde. Der Film endet mit der vollständigen Rehabilitierung der beiden Piloten und mit der Gewissheit, dass sie nicht nur das Leben sämtlicher Insassen gerettet haben.

Keine Schwachpunkte? Doch! Wie in „Der Spion“ ist auch hier die authentische Vorlage eine Spannungsbremse. Sully ist von Anfang an zu sehr der Held, dem eigentlich nur die Untersuchungskommission das Leben schwer macht. Nicht aber sein Kopilot, die Crew, die Passagiere, die Presse oder etwa seine Ehefrau „Lorrie“. Die hält in den Telefonaten tapfer zu ihrem Mann und bekräftigt ihre Liebe. Das ist zwar sehr schön, aber nicht sonderlich dramatisch. In Clint Eastwoods „American Sniper“, der ebenfalls auf tatsächlichen Ereignissen beruht, wird der Held mit einem Ehedrama konfrontiert.

Insgesamt wäre mehr Abkehr von den Ereignissen im Januar 2009 wünschenswert gewesen. Genau das hat Clint Eastwood ja auch zum Wohle der Geschichte mit der Darstellung der NTSB-Ermittler getan. Tatsächlich verhielten sich die Mitglieder der Untersuchungskommission nämlich nicht feindselig und anklagend, zwar kritisch, aber sachlich und wertschätzend. Auf diese Diskrepanz wies auch der leibhaftige Sullenberger hin. Ist die Verzerrung historisch belegter Abläufe in einem Spielfilm nun fragwürdig? Ich meine NEIN. Zum Wohle einer Geschichte sollte ein Erzähler das dramatische Potenzial ausschöpfen. Es ist ja kein Dokumentarfilm.

Anmerkungen eines befreundeten Piloten: Zum einen hat Sully alles richtig gemacht, vor allem mit seiner Entscheidung nicht den nahegelegenen Flughafen Tettoboro anzusteuern, wie ihm die Fluglotsen empfohlen hatten. Das wäre – wie spätere Simulationen demonstriert haben – im Fiasko geendet. Des weiteren hat er auf einen zeitraubenden „Engine Restart“ verzichtet. Dann war auch Glück im Spiel. Sein Kopilot war zwar relativ unerfahren, aber fit in der Theorie (Notfallhandbuch). Außerdem hatte Sully mit den ruhigen Wetterverhältnissen schlichtweg Glück. Wenn den Flieger eine 50 cm hohe Welle getroffen hätte, wäre er auseinander gebrochen.

Am Schluss des Films lehnt Sully es vor der Untersuchungskommission ab, als Held bezeichnet zu werden. Er macht darauf aufmerksam, dass nur das Zusammenwirken von Crew, Passagieren und Rettungskräften eine Katastrophe verhindert hat: „Wir alle waren es. Wir haben überlebt.“ Der Film ist eine Hymne an die Kraft des Zusammenhalts, die Menschen in Notsituationen entwickeln können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Sully"

Der Spion (Dominic Cooke) GB 2019

„Der Spion“ ist ein Agententhriller, der auf einem tatsächlichen Fall in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts beruht. Er spielt zur Zeit des Kalten Krieges, der atomaren Aufrüstung und hat eine originelle Hauptfigur. Er ist auch ein Film über eine Männerfreundschaft zwischen dem britischen Geschäftsmann Greville Wynne (Benedict Cumberbatch), der brisante Informationen des sowjetischen Überläufers, Oberst Oleg Penkowski (Merab Ninidze), an die CIA liefert: „Nun die wichtigste Frage: Vertragen Sie Alkohol?“ Das tut Greville und legt damit den Grundstein für ihre Freundschaft.

Leider schaffen die Filmemacher es nicht, sich von der Vorlage zu lösen. Sie glauben auf der sicheren Seite zu sein, indem sie sich an die Fakten halten. Das ist aber ein Trugschluss. Die Ereignisse sollten entweder alle dramatischen Voraussetzungen erfüllen (wie zum Beispiel bei „Lone Survivor“ von Peter Berg) oder die Funktion einer Materialsammlung haben. Also die interessante Frage ist, inwieweit man als Filmgestalter Geschehnisse verändern, oder dramatisieren darf? Nun, zum Wohle einer Geschichte darf ein Erzähler eigentlich alles, wenn er denn will und kann. Er sollte es auch.

In „Der Spion“ kommt die Story erstaunlich altbacken und behäbig in Gang. Sie gewinnt erst in der zweiten Hälfte an Fahrt und Dramatik. Das ist der erste Schwachpunkt. Die Entscheidung von Greville, noch einmal nach Moskau zu reisen, um die Flucht seines Freundes zu ermöglichen, müsste viel eher kommen. Erst ab diesem Moment ist das Leben des Helden wirklich in Gefahr. Dieser Höhepunkt hätte ungefähr nach einem Drittel der Geschichte und nicht gegen Ende platziert werden müssen.

Der zweite Schwachpunkt sind die fehlenden Überraschungen und Wendungen. Nach der Festnahme der Protagonisten spult der KGB sein Standard-Programm ab: Folter (beide) und Hinrichtung (Oleg). Auch der Gefangenenaustausch von Greville nach Jahren der Inhaftierung ist keine Überraschung. Außerdem sind seine Ehekonflikte, die aus seinem geheimen Doppelspiel resultieren, nicht optimal ausgereizt. Da geht es zum Beispiel in Clint Eastwoods „American Sniper“ anders zur Sache.

Viel besser wäre es gewesen, die Geschichte aus Olegs Sicht zu erzählen. Seine Figur besitzt das weitaus größere dramatische Potenzial. Sein Leben steht von Beginn an auf dem Spiel, als er ahnungslosen amerikanischen Touristen in Moskau eine Nachricht von seiner Bereitschaft zum Überlaufen zukommen lässt. Von diesem Moment an ist sein Leben in Gefahr. Bessere dramatische Voraussetzungen gibt es eigentlich gar nicht. Hier hätte man sich vor den üblichen Folterungen auch noch vorstellen können, dass der KGB ihn weiterhin als Kurier von geheimen Informationen benutzt. Man hätte ihn erpressen können, als Doppelspion zu operieren, ausgestattet mit gefälschten Informationen. Im Grunde wäre es eine „Red-Sparrow“-Variante gewesen: Immer in tödlicher Gefahr enttarnt und hingerichtet zu werden.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Der Spion"

Wild Things (John McNaughton) USA 1998

Wenn man „Wild Things“ mit einem Wort charakterisieren müsste, dann käme „plump“ in die engere Auswahl. Auf keinen Fall ist er das, was der Titel suggeriert, eher konstruiert, sexuell verklemmt und spannungsfrei. In erster Linie scheint der Film einen neuen Rekord an Handlungswendungen aufstellen zu wollen, die irgendwann so hanebüchen sind, dass sie schon wieder komisch wirken. Dabei hätte der Thriller mit ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit die schöne Variante eines klassischen Erzählmotivs werden können, nämlich des „Mörderischen Dreiecks“: der Vertrauenslehrer Sam Lombardo (Matt Dillon) wird nämlich fälschlicherweise der Vergewaltigung von zwei seiner Schülerinnen bezichtigt. Ein gerichtlicher Vergleich beschert ihm 8,5 Millionen Dollar, womit die tödliche Hatz eingeläutet wird.

Die Personen sind allesamt Abziehbilder. Da fragt doch die verführerische Kelly van Ryan (Denise Richards) ihren Vertrauenslehrer vor einer Wagenwäsche: „Wo ist der Schlauch, Mr. Lombardo?“ Ins gleiche Horn bläst ihre wohlhabende Mama: „Ich weiß keinen, der mit seiner Ruderpinne besser umgeht.“ Für Töchterchen findet Mama angesichts des Selbstmords ihres Mannes tröstende Worte: „Es hat ihn keiner gezwungen, sich umzubringen.“ Dieses Niveau wird bis zum Ende konsequent durchgezogen. Da eine emotionale Identifikation oder Anteilnahme für eine der handelnden Personen vereitelt wird, kann natürlich keine Spannung entstehen. Auch mit seiner Retortenmusik wirkt der ganze Film eher wie eine schlecht gemachte Vorabendserie.

Mit so etwas Profanem wie glaubhafter polizeilicher Ermittlungsarbeit oder Handlungslogik halten die Filmemacher sich nicht weiter auf. Vorgeblich wird die Schülerin Suzie Toller (Neve Campbell) von Sam am Strand erschlagen. Vorhandene Spuren eines Gewaltverbrechens sind für die ermittelnden Spurensicher kein Anlass zu tiefschürfenden Untersuchungen. Denn dann hätte man eigentlich Metallabrieb an den mit einer Zange herausgebrochenen Zähnen feststellen müssen, also die Manipulation. Man fragt sich auch, warum das von Detective Ray Duquette (Kevin Bacon) verdächtigte Trio nicht abgehört wird? Das wird zwar später erklärt, aber er ermittelt ja nicht allein. Was soll dieser künstliche Konflikt mit seinem Polizeichef? Duquettes Verdacht eines gemeinschaftlichen Betrugs ist ja nicht an den Haaren herbei gezogen. Wieso gibt es keine gerichtsmedizinische Untersuchung von Kellys Ermordung durch Duquette, was seiner Version einer Notwehrsituation ja widersprochen hätte usw.?

Selbst im Nachspann gibt es noch ein paar Wendungen. Da sollen wir dann glauben, dass Sams schmieriger Anwalt (Bill Murray) zusammen mit Suzie alles eingefädelt hat. Jedenfalls haben sie einen Koffer voller Geld, woher auch immer das stammt. Sams ergaunerte 8,5 Millionen Dollar können es eigentlich nicht sein, es sei denn sie sind im Besitz einer Bankvollmacht oder sind vor seinem Ableben als Erben eingesetzt worden. Aber egal. Irgendwann wundert man sich nur noch über die Unbekümmertheit, mit der die Filmemacher unermüdlich eine konstruierte Wendung nach der anderen präsentieren. Diese Infantilität hat schon wieder einen gewissen Charme, weshalb das Abklopfen auf Handlungslogik bei „Wild Things“ eigentlich fehl am Platze ist. Hier geht es irgendwie um „Other Things“.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Wild Things"

The Last Duel (Ridley Scott) USA 2021

„The Last Duel“ von Ridley Scott ist ein grandioses Historiendrama, das auf einem tatsächlichen Fall beruht, den der US-Amerikaner Eric Jager in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat. Es spielt im Frankreich des 14. Jahrhunderts und behandelt die Vergewaltigung von Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) durch den Junker Jacques Le Gris (Adam Driver). Letzterer bestreitet den Sachverhalt, weshalb Marguerites Ehemann, der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon), den Fall vor dem königlichen Gericht zur Anklage bringt. Die Schuldfrage soll schließlich durch ein Duell auf Leben und Tod geklärt werden, das quasi einem Gottesurteil gleichkommt. Damit variiert der Film auch ein klassisches Erzählmotiv: Das mörderische Dreieck.

Erzählt wird „The Last Duel“ in drei Kapiteln, jeweils aus der Perspektive der beteiligten Personen. Das erinnert natürlich stark an Akira Kurosawas Meisterwerk „Rashomon“, das ebenfalls eine Vergewaltigung aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. Diese Mehrfachperspektive ermöglicht einen tieferen Einblick in die Psyche der Protagonisten und die Komplexität der Geschichte. Sehr schön ist die Wiederholung einzelner Szenen, die von den jeweiligen Personen völlig unterschiedlich interpretiert werden. Da lächelt zum Beispiel Marguerite auf einem Fest dem Junker Jacques Le Gris zu, was dieser als Avance auffasst. Tatsächlich macht sie sich zusammen mit ihrem Ehemann über ihn lustig.

Überhaupt sind die Protagonisten herausragend charakterisiert und besetzt: Auf der einen Seite der etwas einfach gestrickte, aber furchtlose und kampferprobte, manchmal auch hitzköpfige Ritter Jean de Carrouges, auf der anderen Seite der belesene, eitle Lebemann Jacques Le Gris, dessen Selbstüberschätzung und fehlende Selbstreflexion ihm schließlich zum Verhängnis wird. Zwischen ihnen die Literaturliebhaberin Marguerite, die eigentlich gar nicht zu Jean passt, aber keine Chance hat, ihrer Rolle als Frau im 14. Jahrhundert zu entkommen. Das Leben als Arrangement, die Ehe als Überlebensmodell, bis sie die Büchse der Pandora öffnet und die Vergewaltigung öffentlich macht. Genial ist Ben Affleck in der Rolle des zynischen, hedonistischen Grafen Pierre d’Alencon.

Die Lichtstimmung ist in kühlem Blau gehalten. Die Kameraarbeit, die Locations, die Ausstattung, die Narben auf den Körpern der Männer – alles stimmt bis ins kleinste Detail. Die Montage und die Filmmusik sind brillant. Ja, gibt es denn gar nichts zu monieren? Doch! Es ist die Mehrfachperspektive. Sie hilft bei der schonungslosen Analyse des eskalierenden Dramas. Sie dient der Ausleuchtung eines komplexen Geschehens bis in seine hinterletzte Ecke. Aber sie ist auch wieder der Emotionshemmer. Bei einem Perspektivwechsel zahlt ein Erzähler immer seinen Preis: Er verlässt seinen jeweiligen Protagonisten und verhindert so ein Mitzittern. Das dramatische Geschehen wirkt wie eine Versuchsanordnung, die durch ein Brennglas betrachtet wird. Es ist spannend und erhellend, aber nicht mitreißend. Es geht letztlich nicht unter die Haut. Ein Blick in die „TOP 20 der Filmgeschichte“ bestätigt diesen Zusammenhang. Alle Filme verlassen ihre(n) Protagonisten nie. Bis auf eine Ausnahme: „Psycho“. Aber da sorgt Meister Hitchcock wie bei einem Staffellauf für eine sofortige Kontinuität der Identifikation: Nach dem Ableben der Heldin zittern wir sofort mit dem Psychopathen Norman Bates mit, der das Motelzimmer von den Mordspuren säubert.

Das Ende von „The Last Duel“ ist hochdramatisch. Mit ihrer Unbeugsamkeit und dem Gang an die Öffentlichkeit riskiert die inzwischen schwangere Marguerite letztlich ihr Leben, das ihres Mannes und das ihres Kindes. Denn sollte Jean beim Duell getötet werden, dann wäre sie nach dem Gottesurteil eine Ehebrecherin und Lügnerin und würde bei lebendigem Leib verbrannt werden. Ebenso riskiert Jean mit seiner Sturheit ihr beider Leben. Man kann es als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass erst dieses letzte Duell, aus dem er schwerverletzt als Sieger hervorgeht, die beiden Eheleute näher zusammenbringt. Jeder weiß, was er auch für den anderen riskiert hat. Erst als der Film endet, ist das Fundament für eine Liebesgeschichte gelegt. Das ist zwar nicht hollywoodlike aber stimmig.

Am Ende ist Marguerites sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen: „Dass ein Kind seine Mutter hat, ist wichtiger, als dass sie recht hat.“ Das Schlussbild ist sehr schön und friedvoll – der pure Kontrast zum blutigen Kampf in der Arena. Marguerite spielt mit ihrem kleinen Sohn auf einer Wiese, der überraschenderweise ein Ebenbild ihres Ehemannes und nicht des Vergewaltigers ist. Weniger überraschend ist der Hinweis im Abspann, demnach Jean bei einem der Kreuzzüge sein Leben verloren hat. Dieses Ende ist ebenso schön wie kunstgerecht. Alles andere wäre ein erzählerischer GAU gewesen, der Einsturz der 6. Säule der Filmgestaltung (Defätismusskala). „The Last Duel“ ist auch ein Plädoyer für Wagemut, für das Aussprechen und Anprangern von Ungerechtigkeit, womit der Film auch etwas sehr Modernes hat (MeToo). Insgesamt ein ganz großer Wurf!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "The Last Duel"

Der Staatsfeind Nr. 1 (Tony Scott) USA 1998

„Der Staatsfeind Nr. 1“ ist Konfektionsware, ein 08/15-Thriller und wirkt für sein Alter erstaunlich angestaubt. Das Talent von Tony Scott blitzt zwar immer wieder auf, zum Beispiel in der kunstvoll gestalteten Pretitle-Sequenz. Die Montage, die Kameraarbeit und das Casting sind hervorragend. Aber was nützt das? Es mangelt dem Script und den Figuren vor allem an Spannung und Originalität. Über das Thema, die beschworene Gefahr eines allgegenwärtigen Überwachungsstaats, kann man heute eigentlich nur noch müde lächeln. Die gut gemeinten Befürchtungen funktionieren in Zeiten von Massenüberwachungen mit biometrischer Gesichtserkennung allenfalls als Zeitdokument. Mit den erzählerischen Defiziten dieses Thrillers haben sie allerdings nichts zu tun.

Es fängt damit an, dass ein republikanischer Politiker vom NSA ermordet wird, weil er nicht für eine Vorlage zur Verschärfung des Telekommunikationsgesetzes im Kongress stimmen will. Das Ganze wird zufällig von einem Tierfilmer dokumentiert (Zufälle sind ein Gradmesser für das handwerkliche Können von Filmemachern). Auf seiner Flucht trifft der Tierfilmer zufällig auf den Anwalt Robert Clayton Dean (Will Smith), dem er unbemerkt eine Kopie der Aufnahmen zusteckt. Erst als sein Leben nach und nach aus den Fugen gerät, merkt er, dass etwas faul ist im Staate USA.

Wie schnell Robert dann in seiner Kanzlei gefeuert wird, ist schon erstaunlich. Verdächtigungen würde man doch überprüfen, zumal hier ein langjähriges Arbeits- und Vertrauensverhältnis besteht. Desgleichen mutet die Reaktion seiner Ehefrau Carla geradezu albern an. Die hat nämlich nichts Besseres zu tun, als ihren angeblich untreuen Ehegatten auf der Stelle zu verlassen. Darüber sollte Robert sich eigentlich freuen, tut er aber nicht. Überhaupt wird das amerikanische Familienleben samt grausamer Inneneinrichtung, auch bei NSA Abteilungsleiter Reynolds, dermaßen abschreckend dargestellt, dass man schon Mitleid bekommt. Die schnelle Versöhnung zwischen Carla und Robert ist genauso unglaubhaft wie das Zerwürfnis.

Bei seiner Flucht stößt Robert dann auf den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Brill (Gene Hackman), der sich nicht nur als Urheber des kompromittierenden Mafiavideos entpuppt. Er ist auch der väterliche Freund der ermordeten Rachel Banks, die ihren leiblichen Vater bei einem Spionageeinsatz verloren hat und als Informantin für Robert tätig war. Brill ist Abhörspezialist und überzeugter Einzelkämpfer, der sich folgerichtig nicht sonderlich über Roberts Gesellschaft freut: „Er ist entweder sehr dumm oder sehr clever“. Dabei lässt er keinen Zweifel aufkommen, welche Einschätzung für ihn hier zutreffend ist. Erst am Schluss revidiert er sein Urteil, als Robert die NSA-Truppe auf die Mafiosi hetzt. Diese bleihaltige Lösung ist eine witzige und überraschende Idee.

Ansonsten sind die Ungereimtheiten der Spannungsfeind: Warum gewährt Mafiaboss Pintero Robert am Anfang des Films eine Frist für den Namen des Videofilmers, der ihn beim vertraulichen Zusammensein mit Gewerkschaftsbossen abgelichtet hat? Wieso diese Schonfrist von einer Woche? Warum will Pintero nicht auf der Stelle den Namen des Urhebers? Wieso gibt es nach Rachels inszenierter Ermordung durch die NSA keine Ermittlungen des FBI? Die müssten Robert doch auf die Schliche kommen, obwohl der seine blutverschmierten Kleidungsstücke vom Tatort entfernt hat? Einen Mord ohne Konsequenzen kann man sich aber schenken. Wieso überhaupt dieser Filmtitel, suggeriert er doch, dass der gesamte Staatsapparat hinter Robert her ist? Tatsächlich ist es nur eine kleine, selbständig agierende Einheit des NSA, die innerbetrieblich unter erheblichen Druck gerät. Fazit: Das ist nun wirklich nicht die Nr. 1 unter den Werken des unglaublich talentierten Tony Scott.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Der Staatsfeind Nr. 1"

Der Graf von Monte Christo (Robert Vernay) F 1954

Nachdem Robert Vernay den gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas 1942 schon einmal in schwarzweiß verfilmt hatte, 12 Jahre später die Farbversion. Leider wirkt diese Adaption heute etwas angestaubt und transportiert bei weitem nicht die Kraft anderer Meisterwerke aus dieser Zeit, wie etwa Fellinis „La Strada“ oder Kurosawas „Die sieben Samurai“. Das mag zum einen an der etwas überfrachteten Romanvorlage mit seiner Fülle an Personen liegen, zum anderen an der mangelnden Konzentration auf die emotionale Befindlichkeit des Helden. Das ist Kapitän Edmond Dantès. Eine Synchronisation mit seinen Gefühlen, mit seinem erlittenen Unrecht, seiner unerfüllter Liebe und seinen Rachegelüsten findet nicht immer statt. Die fehlende Fokussierung drückt sich auch in den vielen Halbtotalen und wenigen Nahaufnahmen aus. Der angeklebte Bart des Helden und das künstliche Blut leisten ihren Beitrag zum etwas antiquierten Eindruck. Edmonds körperliche und geistige Unversehrtheit nach 18 Jahren Kerker (!) mutet schon seltsam an.

Dabei geht Alexandre Dumas mit seinem Abenteuerroman in die Vollen. Der unbändige Wille und das Können, eine spannende Geschichte zu erzählen, ist schon beeindruckend. Gleich drei Erzählmotive schickt er hier nacheinander ins Rennen: „Unschuldig Beschuldigt“ (Hitchcocks Lieblingsmotiv), „Die unmögliche Liebe“ und „Rache“. Der Roman beruht auf einem Buch des französischen Polizeiarchivars Jacques Peuchet und wurde als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Edmond Dantès wird am Tage seiner Verlobung mit der hübschen Mercédès Opfer einer politischen Intrige. Seine Gegner sind der Staatsanwalt de Villefort, Fernand Mondego, der ein Auge auf Mercédès geworfen hat sowie der eifersüchtige Offizier Caderousse. Ihr Komplott gipfelt in Edmonds Gefangennahme und Inhaftierung. Geschlagene 18 Jahre Einzelhaft im Château d’If muss der Held ertragen. Im Roman sind es 12 Jahre. 18 Jahre sind besser, aus dramaturgischen und handlungslogischen Gründen.

In seiner Einzelzelle gelingt Edmond im Laufe der Zeit die Kontaktaufnahme zu seinem Zellennachbarn Abbé Faria. Der Geistliche wird eine Art Mentor für den jungen Kapitän. Zudem ist er der Besitzer eines sagenumwobenen Schatzes auf der Insel Monte Christo. Erst im Angesicht seines Todes verrät Abbé den Fundort. Edmond nutzt das Ableben seines Freundes, um an dessen Stelle im Leichensack eingenäht zu werden. Auf diese Weise gelingt ihm die Flucht von der Gefängnisinsel. Schmuggler fischen Edmond aus dem Meer. Ihnen ist zwar klar, dass es sich hier um einen entsprungenen Häftling handelt, aber mit dem Gesetz und ihren Vertretern haben sie eh nichts am Hut.

In wechselnden Verkleidungen verschafft Edmond, der sich nun „Graf von Monte Christo“ nennt, in Marseille erstmal einen Überblick. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass sein geliebter Vater inzwischen verstorben ist und Mercédès mit Fernand verheiratet ist, der sich nun Comte de Montcerf nennt. In Paris sucht Edmond seine ehemalige Verlobte auf und gibt sich ihr zu erkennen. Das ist eine bewegende und dramatische Szene, in der Mercédès erklärt, dass sie Fernand nicht einfach verlassen kann. In der Annahme, dass Edmond tot ist, hat sie ihre Gefühle für den Geliebten im Laufe der vielen Jahre begraben. Außerdem hat sie einen 18-jährigen Sohn (Albert), den sie nicht einfach verlassen kann. Das ist dramatisch perfekt und setzt der Ungerechtigkeit sozusagen die Krone auf. Ab diesem Moment steht Edmonds Racheplänen nichts mehr im Wege.

Der Film hat ein paar Ungereimtheiten: Wie darf man sich denn die Nummer mit dem Leichensack vorstellen? Edmond trennt die Naht auf, schafft Abbé in seine Zelle, schlüpft in den Leichensack und näht ihn von innen zu? Vor allem Letzteres hätte ich gern mal in der Ausführung gesehen. Kein Wunder, dass der Film diese Szene einfach ausgespart hat. Ebenso unter den Tisch fällt, nach dem Fund des riesigen Schatzes, dessen Abtransport. Weiht Edmond die Schmuggler ein oder nicht? Wenn ja, warum werfen sie ihn nicht einfach ins Meer zurück und behalten den Schatz für sich? Wenn nein, wie kann Edmond allein und unbemerkt selbst Teile des Schatzes bergen und wegschaffen? Wieso erkennt Caderousse seinen alten Kapitän nicht, auch wenn 18 Jahre vergangen sind und Edmond sich als Pater verkleidet hat?

Den entscheidenden dramatischen Punkt ignoriert der Film ebenfalls, genau wie der Roman. Was ist das Schlimmstmögliche in dieser Spielanordnung? Nehmen wir mal an, dass Mercédès von Edmond schwanger war. Nach dessen Inhaftierung hätte sie auch Gründe, sich mit Fernand einzulassen. Als unverheiratete, schwangere Frau hätte sie Anfang des 19. Jahrhunderts nur schwer überleben und ihr Kind schützen können. Also, als später „Der Graf von Monte Christo“ den Comte de Montcerf öffentlich bloßstellt und Albert Satisfaktion verlangt, dann hätte das ein Duell mit seinem eigenen Sohn bedeutet. Diese hochdramatische Situation muss ein guter Erzähler eigentlich durchspielen und retardieren. Des weiteren hätte es mehr Gefahrenmomente für den „Graf von Monte Christo“ nach seiner Flucht geben müssen. Er agiert zu sehr im Stile eines allmächtigen Drahtziehers, den nichts und niemand etwas anhaben kann.

Die vierteilige französiche Fernsehserie von 1998 mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle deutet diese Möglichkeit zumindest an. Bei dieser Verfilmung fragt man sich aber angesichts von Depardieus Körperfülle, wieso die 18 Jahre Einzelhaft keine sichtbaren Spuren hinterlassen haben? Immerhin erzeugt die Fernsehserie mehr Emotionen. Das liegt zum einen eben an einer zeitgemäßeren Umsetzung, zum anderen an der detaillierten Werktreue. So werden zum Beispiel die Giftmorde von de Villeforts Ehefrau beschrieben, nicht aber in Vernays Verfilmung. Am Ende erleidet die Fernsehserie Schiffbruch, als Edmond und Mercédès sich an den Gestaden des Mittelmeeres in die Arme fallen. Was für eine Schmonzette! Hier hält Vernay sich zurecht an die Romanvorlage, die keine Zukunft der Geliebten vorsieht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Der Graf von Monte Christo"

16 Blocks (Richard Donner) USA 2006

„16 Blocks“ ist ein spannender Copthriller, der ein klassisches Erzählmotiv behandelt: „Der bedrohte Zeuge“. Geniale Hauptfigur ist der alternde, desillusionierte und alkoholkranke Detective Jack Mosley. Eine Paraderolle für Bruce Willis, den man eher mit dem rustikalen John McClane aus den Die-Hard-Thrillern in Verbindung bringt. In „16 Blocks“ ist er sozusagen konträr besetzt. Und das macht er super! In einer der Anfangsszenen schlurft er auf dem Flur des Präsidiums längs, wobei er mühelos von Kollegen überholt wird. Jack Mosley bewegt sich in Zeitlupe. Das wird sich im Laufe des Geschehens ändern, denn er hat die Aufgabe, den inhaftierten Zeugen Eddie Bunker (Mos Def) nur 16 Häuserblocks weiter zum Gerichtssaal zu eskortieren. Die scheinbar leichte Aufgabe entpuppt sich als Himmelfahrtskommando.

Wenn Jack am Anfang sagt „Ich habe versucht, das Richtige zu tun“, dann weiß man natürlich, dass er es nicht getan hat und man ist gespannt, die Hintergründe zu erfahren. Wenn Jack sagt, dass Menschen sich nicht ändern, fragt man sich, wie er zu dieser desillusionierenden Haltung gekommen ist? Der Katalysator ist die notorische Quasselstrippe und Nervensäge Eddie. Ähnlich wie in „Midnight Run“ von Martin Brest hat auch er hier die Funktion, Jacks desillusionierte Fassade zu knacken und seelische Probleme freizulegen. Umgekehrt genauso. Ein klassisches Odd-Couple-Paar also. Auch das ist sehr schön angeordnet. Beide schenken sich nichts, außer dass einer dem anderen das Leben rettet. Man kann mit ihnen mitzittern und es geht ans Eingemachte. Was will man mehr?

Auch dramaturgisch weiß „16 Blocks“ mit vielen Überraschungen und Wendungen zu überzeugen. Die Deadline ist hier wortwörtlich zu nehmen: Jack und Eddie müssen unter tödlichen Gefahren bis 10 Uhr im Gerichtssaal sein. Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung ist ein großer erzählerischer Pluspunkt. Alles spielt sich in wenigen Stunden zwischen ein paar New Yorker Häuserblocks ab. Die ganze Inszenierung, die Ausstattung und Atmosphäre sind brillant. Auch das Ende ist schlüssig: Jack entscheidet sich, vor Gericht auszusagen und sich selber zu belasten. Denn er war früher Teil dieser kriminellen Polizeieinheit. Er macht sozusagen reinen Tisch, seine Art der Traumabewältigung, was ihm zwei Jahre Gefängnis einbringt, einschließlich der Gelegenheit, seine Alkoholsucht zu therapieren. Soweit alles super.

Der Schwachpunkt sind die Antagonisten. Wieder sollen wir schlucken, dass die komplette Einheit eines Policedepartments aus Gangstern und Mördern besteht. Dieses Mal sind es angeblich sechs an der Zahl. Tatsächlich sind es noch viel mehr, denn auch die Staatsanwaltschaft ist infiltriert und zwei korrupte Cops in einem Transporter erledigt Jack anfangs noch auf der Straße. Der Captain hängt auch irgendwie mit drin. Bei der Belagerung des Linienbusses hat man den Eindruck als wenn mindestens die Hälfte der angerückten Polizeiarmada mit Oberbösewicht Frank Nugent paktiert, dem Ex-Partner von Jack.

Auch hier wäre weniger mehr gewesen. In „Der einzige Zeuge“ von Peter Weir agieren die Copgangster zu dritt. „L.A. Confidential“ von Curtis Hanson ist zeitlich in den 50er Jahren angesiedelt. Da kann man derartige Umtriebe noch eher schlucken als 60 Jahre später. Besser wäre es gewesen, die örtliche Mafia ins Spiel zu bringen, die zwei der Detectives korrumpiert hätte. Das wäre eine glaubhaftere und nicht minder tödliche Gefahr gewesen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für "16 Blocks"

Baby Driver (Edgar Wright) USA, GB 2017

„Baby Driver“ ist ein rasanter Actionthriller, der vor allem in seinen leisen Momenten und mit einer sehr schönen Liebesgeschichte überzeugen kann. Regisseur Edgar Wright ist zuvor schon mit der schwarzhumorigen Horrorkomödie „Shaun of the Dead“ positiv aufgefallen. Protagonist ist der junge Miles, den alle Baby nennen (Ansel Elgort) und der wie in „Drive“ als Fluchtfahrer arbeitet. Aber er hat keine wechselnden Auftraggeber, sondern fährt für Gangsterboss „Doc“ (Kevin Spacey), dessen Mercedes er einmal geklaut hat. Den entstandenen Schaden muss er nun abarbeiten. „Noch ein Job und wir sind quitt“, ködert ihn der Boss. Da ahnt man schon, dass dem nicht so sein wird.

Baby hat seine Eltern bei einem Autounfall verloren. Das ist sein Trauma, vor allem der Verlust der geliebten Mutter, die sich auch als Sängerin versucht hat. Er lebt bei seinem gelähmten Pflegevater, um den er sich rührend kümmert. Seit dem Unfall leidet Baby unter einem Tinnitus, weshalb er ständig Ohrhörer trägt und Musik hört. Dann lernt er die Kellnerin Debora (Lily James) in einem Diner kennen. Beide bewegen sich auf einer Wellenlänge, Schnittpunkt ist der gemeinsame Musikgeschmack. Ansel Elgort spielt den Held mit einer Mischung aus wortkarger Verletzlichkeit und jugendlichem Draufgängertum. Gerade in den Momenten, in denen er verloren wirkt, kann er die Zuschauer für sich gewinnen. Die Liebesgeschichte wird vorbildlich mit den brutalen Überfällen der Gangster kontrastiert. Die sind allesamt hervorragend und originell gecastet.

Nach dem letzten Job für Doc muss Baby „nur“ noch eine Leiche entsorgen. Anschließend wirft er das Handy weg, mit dem er seine Aufträge erhält: „Mein Huhn hat gerade ein großes Ei gelegt“. Baby fängt einen Job als Pizzafahrer an, bei dem er zwar nur einen Bruchteil verdient, aber immerhin von einer unbeschwerten Zukunft mit Debby träumen darf. Die Hoffnung währt bis zu einem Dinner, zu dem er seine Freundin eingeladen hat. Die Kosten im Edelrestaurant übernimmt der ebenfalls anwesende Doc.
Der macht ihm anschließend klar, dass es keinen Ausstieg gibt, wenn Debby nichts passieren soll. Da ist auch Baby klar, dass es für ihn eigentlich nur eine Chance gibt, nämlich mit Debby durchzubrennen: „2 Uhr nachts“ lautet ihre Verabredung.

Aber die Gangster, allen voran Buddy und Bats, sind misstrauisch. Sie konfrontieren Baby mit seinen Tonbandaufzeichnungen von den Planungen des Überfalls auf ein Postamt. Für sie ist der Fall klar: Baby ist ein Cop. Seine Erklärung, die Tonaufnahmen für die Komposition von Rapstücken zu verwenden, halten sie für eine dämliche Ausrede. Erst als Bats seinem Pflegevater einen Besuch abgestattet hat und mit einem Koffer voller Tonbänder zurückkehrt, sind sie halbwegs beruhigt. Aber sie lassen Baby nicht mehr aus den Augen, weshalb er die Verabredung mit Debby nicht einhalten kann. Der Raubüberfall auf das Postamt am nächsten Morgen endet im Desaster. Baby will eine Kassiererin vor dem Betreten des Postamts warnen. Die verständigt einen Sicherheitsbeamten, den die Gangster einfach erschießen. Baby ist geschockt. Er tötet Bats mit einem Auffahrunfall. Bei der anschließenden Schießerei mit Polizisten wird auch Buddys Freundin getötet. Der gibt Baby die Schuld am Tod seiner Geliebten und macht nun Jagd auf ihn.

Am Ende kann Baby den Verfolger unschädlich machen, auch dank Docs Hilfe. Im entscheidenden Moment zeigt der Gangsterboss väterliche Gefühle für Baby. Der versucht jetzt seinen Traum doch noch wahr zu machen und flieht mit Debby im Wagen vor der Polizei. Der Schluss ist einfach grandios. Da hätte „Drive“ sich mal ein Beispiel dran nehmen können. Die Flucht endet auf einer Hochbrücke vor einer Polizeisperre. Die Weiterfahrt wäre sein sicherer Tod und wohl auch Debbys auf dem Beifahrersitz. Aber Baby zieht den Wagenschlüssel heraus und steigt aus. Dann wirft er den Schlüssel übers Geländer und stellt sich der Polizei. Damit hat er sehr wahrscheinlich auch Debbys Leben gerettet. „Baby Driver“ ist erwachsen geworden. Zum Glück kein „Thelma und Louise“-Ende, also das Liebespaar, das in den Tod fährt.

Im Prozess bekommt Baby zwei Jahre wegen Mithilfe zum bewaffneten Raubüberfall. Als er entlassen wird, wartet Debby auf ihn. Jetzt ist er wirklich frei. Das ist sehr schön und stimmig komponiert. Der Thriller ist auch hervorragend montiert. Die Choreografie der rasanten Autofahrten mit der Filmmusik ist brillant. Einziges Manko: Edgar Wright übertreibt es mit den Ballereien. Sein Hang zum Schrillen geht wieder mit ihm durch. Die blutige Schießerei mit den vermeintlichen Waffenhändlern, die sich als Cops entpuppen, ist völlig überflüssig. Sie hat überhaupt keine Handlungsrelevanz. Solche Szenen schmälern leider den positiven Gesamteindruck.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Baby Driver"

Drive (Nicolas Winding Refn) USA 2011

Die etwas einfallslose Pretitle-Sequenz deutet schon darauf hin: Styling, Ambiente und Musik stehen hier im Vordergrund. Sie haben auch die Funktion, erzählerische Defizite zu übertünchen. In „Man on Fire“ zum Beispiel gestaltet Tony Scott die Exposition als kleines Kunstwerk, wobei die exzellente Filmmusik dem Geschehen stets untergeordnet ist. In „Drive“ ist das nicht immer so. Hauptperson ist der namenlose Fahrer (Ryan Gosling), der tagsüber als Automechaniker und Stuntfahrer beim Film arbeitet, nachts als Fluchtfahrer für Gangster. Drei Jobs – ein fleißiger Junge.

Highlight des Thrillers ist die Liebesgeschichte, die sehr schön entwickelt wird. Der Fahrer trifft die alleinerziehende Irene mit ihrem kleinen Jungen im Fahrstuhl. Beide sind Nachbarn, die sich zum ersten Mal wahrnehmen. Die Kontaktaufnahme erfolgt mit Blicken, ohne Worte. Das ist überhaupt einer der Stärken des Films: die Wortkargheit, die Blicke, das Mienenspiel, die Gesten, die meist mehr sagen als erklärende Sätze. Hier stört nur das häufige Grinsen des Fahrers. Im Supermarkt spricht er sie zum ersten Mal an. Er ist ihr sympathisch, nicht nur weil er Späße mit ihrem Jungen macht. Irene bringt ihren Wagen zur Reparatur in seine Werkstatt. Über Umwege bringt der Fahrer sie anschließend nach Hause. Das sind mit die schönsten Momente des Films. Die zarte Liebesgeschichte findet ein jähes Ende: „Mein Mann kommt in einer Woche aus dem Gefängnis.“ Schweigen. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Das ist dramaturgisch sehr gut gemacht. Bleiben wir zunächst beim Positiven: Auch nach dieser Szene gelingt es dem Film teilweise eine atmosphärische Spannung aufzubauen, eine unheilvolle Grundstimmung. Das Casting ist hervorragend. Bis in die Nebenfiguren sind die Schauspieler originell besetzt. Aber dann. Das ganze Ambiente ist sehr stylish. Treppenhaus und Wohnungen, alles sehr schick. Sogar die Autowerkstatt könnte als Location für einen Werbespot dienen. Dann kommt dieser abstruse Geldüberfall, der im Desaster endet. Irenes Ehemann wird von den Mafiosi Nino und Bernie zu einem Überfall auf ein Pfandhaus erpresst. Eigentlich will der Fahrer Irene aus der Patsche helfen, indem er sich ihrem Mann als Fluchtfahrer andient. Mit von der Partie ist Blanche, die – wie sich herausstellt – von den Mafiosi benutzt wird. Nach dem Überfall schleppt sie eine Tasche voller Geld aus dem Pfandhaus. Irenes Ehemann wird erschossen. Der Fahrer und Blanche können fliehen, müssen sich aber gegen die Attacken von Ninos Leuten wehren. Das erledigt der Fahrer erstaunlich gekonnt und cool, wobei er nur im Notfall zu einer Schusswaffe greift. Diese Fertigkeiten führen leider auch dazu, dass man keine richtige Angst um ihn hat, was dramaturgisch natürlich nicht so toll ist.

Die ganze Schlusshälfte ist ein Stelldichein der Ungereimtheiten. Angeblich soll die Ostküstenmafia im Pfandhaus eine Million Dollar deponiert haben, mit der sie Ninos und Bernies Geschäfte untergraben will. Aber warum sollten Mafiosi eine derartige Summe in einem Pfandhaus deponieren? Die geben ihr Geld doch nur aus den Händen um es zu „waschen“ oder schmutzige Geschäfte zu betreiben. Wie lange würde es wohl dauern, bis Leute der angeblichen Ostküstenmafia in Los Angeles sind, um ihr Geld zurückzubekommen? Einen Tag? Vielleicht zwei, aber nicht länger.

In „Drive“ ist das alles kein Thema. Dafür gibt es sofort die nächsten Merkwürdigkeiten. Welche Handlungsrelevanz hat Blanche? Eigentlich keine, außer ihrer Aufgabe das Geld in den Fluchtwagen zu schleppen. Das hätte aber ein angeschossener Ehemann genauso gut erledigen können. Dann mutiert der Fahrer zum grausamen Rächer und Beschützer, der die Gangster mit Hammer, Fußtritten oder seinem Wagen schwer verletzt oder ins Jenseits befördert. Die ganze Mafiabande agiert nicht minder grausam. Allen voran Schlitzer Bernie, der ein ganzes Arsenal an Stichwaffen besitzt. Wozu braucht ein Film überhaupt diese ungeschminkte Darstellung von Grausamkeiten? Wovon will er ablenken? Dabei sind die leisen Momente die Stärken dieses Films.

Die Antwort dürfte spätesten beim katastrophalen Schluss klar sein: Als der Fahrer nachts Mafiaboss Nino verfolgt und tötet, hat er eine Latexmaske auf. Wieso hat er die auf, wo er doch den einzigen Zeugen seines Racheakts im Pazifik ertränkt? Wieso hat er kurz darauf beim Treffen mit Bernie am hellichten Tag keine Maske auf? Wieso lässt der Fahrer sich auf dessen schwachsinnigen Vorschlag ein, ihm das ganze Geld zu überlassen und Zeit seines Lebens auf seiner Abschussliste zu stehen? Das ist ja ein toller Deal! So doof kann man doch eigentlich nicht sein? Aber unser Fahrer stapft tapfer wie ein Schaf zur Schlachtbank. Als er Bernie auf einem Parkplatz die Tasche mit dem ganzen Geld in die Hände drückt, muss er sich – welch Wunder! – einer wahrscheinlich tödlichen Messerattacke erwehren. Irgendwie juckt das dann auch nicht mehr so richtig. Das Geschehen und die Figuren sind einem längst egal geworden.

Im Grunde hätte die Lösung eine Variante von Don Siegels „Charly Varrick“ sein können: Der Held arbeitet als Fluchtfahrer für zwei Einbrecher, die nachts aus einem Tresor u.a. eine Million Dollar klauen. Das sind aber Gelder der örtlichen Mafia, die nun Jagd auf Räuber und Fahrer machen. Das wäre besser gewesen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Drive"