Der Graf von Monte Christo (Robert Vernay) F 1954

Nachdem Robert Vernay den gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas 1942 schon einmal in schwarzweiß verfilmt hatte, 12 Jahre später die Farbversion. Leider wirkt diese Adaption heute etwas angestaubt und transportiert bei weitem nicht die Kraft anderer Meisterwerke aus dieser Zeit, wie etwa Fellinis „La Strada“ oder Kurosawas „Die sieben Samurai“. Das mag zum einen an der etwas überfrachteten Romanvorlage mit seiner Fülle an Personen liegen, zum anderen an der mangelnden Konzentration auf die emotionale Befindlichkeit des Helden. Das ist Kapitän Edmond Dantès. Eine Synchronisation mit seinen Gefühlen, mit seinem erlittenen Unrecht, seiner unerfüllter Liebe und seinen Rachegelüsten findet nicht immer statt. Die fehlende Fokussierung drückt sich auch in den vielen Halbtotalen und wenigen Nahaufnahmen aus. Der angeklebte Bart des Helden und das künstliche Blut leisten ihren Beitrag zum etwas antiquierten Eindruck. Edmonds körperliche und geistige Unversehrtheit nach 18 Jahren Kerker (!) mutet schon seltsam an.

Dabei geht Alexandre Dumas mit seinem Abenteuerroman in die Vollen. Der unbändige Wille und das Können, eine spannende Geschichte zu erzählen, ist schon beeindruckend. Gleich drei Erzählmotive schickt er hier nacheinander ins Rennen: „Unschuldig Beschuldigt“ (Hitchcocks Lieblingsmotiv), „Die unmögliche Liebe“ und „Rache“. Der Roman beruht auf einem Buch des französischen Polizeiarchivars Jacques Peuchet und wurde als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Edmond Dantès wird am Tage seiner Verlobung mit der hübschen Mercédès Opfer einer politischen Intrige. Seine Gegner sind der Staatsanwalt de Villefort, Fernand Mondego, der ein Auge auf Mercédès geworfen hat sowie der eifersüchtige Offizier Caderousse. Ihr Komplott gipfelt in Edmonds Gefangennahme und Inhaftierung. Geschlagene 18 Jahre Einzelhaft im Château d’If muss der Held ertragen. Im Roman sind es 12 Jahre. 18 Jahre sind besser, aus dramaturgischen und handlungslogischen Gründen.

In seiner Einzelzelle gelingt Edmond im Laufe der Zeit die Kontaktaufnahme zu seinem Zellennachbarn Abbé Faria. Der Geistliche wird eine Art Mentor für den jungen Kapitän. Zudem ist er der Besitzer eines sagenumwobenen Schatzes auf der Insel Monte Christo. Erst im Angesicht seines Todes verrät Abbé den Fundort. Edmond nutzt das Ableben seines Freundes, um an dessen Stelle im Leichensack eingenäht zu werden. Auf diese Weise gelingt ihm die Flucht von der Gefängnisinsel. Schmuggler fischen Edmond aus dem Meer. Ihnen ist zwar klar, dass es sich hier um einen entsprungenen Häftling handelt, aber mit dem Gesetz und ihren Vertretern haben sie eh nichts am Hut.

In wechselnden Verkleidungen verschafft Edmond, der sich nun „Graf von Monte Christo“ nennt, in Marseille erstmal einen Überblick. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass sein geliebter Vater inzwischen verstorben ist und Mercédès mit Fernand verheiratet ist, der sich nun Comte de Montcerf nennt. In Paris sucht Edmond seine ehemalige Verlobte auf und gibt sich ihr zu erkennen. Das ist eine bewegende und dramatische Szene, in der Mercédès erklärt, dass sie Fernand nicht einfach verlassen kann. In der Annahme, dass Edmond tot ist, hat sie ihre Gefühle für den Geliebten im Laufe der vielen Jahre begraben. Außerdem hat sie einen 18-jährigen Sohn (Albert), den sie nicht einfach verlassen kann. Das ist dramatisch perfekt und setzt der Ungerechtigkeit sozusagen die Krone auf. Ab diesem Moment steht Edmonds Racheplänen nichts mehr im Wege.

Der Film hat ein paar Ungereimtheiten: Wie darf man sich denn die Nummer mit dem Leichensack vorstellen? Edmond trennt die Naht auf, schafft Abbé in seine Zelle, schlüpft in den Leichensack und näht ihn von innen zu? Vor allem Letzteres hätte ich gern mal in der Ausführung gesehen. Kein Wunder, dass der Film diese Szene einfach ausgespart hat. Ebenso unter den Tisch fällt, nach dem Fund des riesigen Schatzes, dessen Abtransport. Weiht Edmond die Schmuggler ein oder nicht? Wenn ja, warum werfen sie ihn nicht einfach ins Meer zurück und behalten den Schatz für sich? Wenn nein, wie kann Edmond allein und unbemerkt selbst Teile des Schatzes bergen und wegschaffen? Wieso erkennt Caderousse seinen alten Kapitän nicht, auch wenn 18 Jahre vergangen sind und Edmond sich als Pater verkleidet hat?

Den entscheidenden dramatischen Punkt ignoriert der Film ebenfalls, genau wie der Roman. Was ist das Schlimmstmögliche in dieser Spielanordnung? Nehmen wir mal an, dass Mercédès von Edmond schwanger war. Nach dessen Inhaftierung hätte sie auch Gründe, sich mit Fernand einzulassen. Als unverheiratete, schwangere Frau hätte sie Anfang des 19. Jahrhunderts nur schwer überleben und ihr Kind schützen können. Also, als später „Der Graf von Monte Christo“ den Comte de Montcerf öffentlich bloßstellt und Albert Satisfaktion verlangt, dann hätte das ein Duell mit seinem eigenen Sohn bedeutet. Diese hochdramatische Situation muss ein guter Erzähler eigentlich durchspielen und retardieren. Des weiteren hätte es mehr Gefahrenmomente für den „Graf von Monte Christo“ nach seiner Flucht geben müssen. Er agiert zu sehr im Stile eines allmächtigen Drahtziehers, den nichts und niemand etwas anhaben kann.

Die vierteilige französiche Fernsehserie von 1998 mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle deutet diese Möglichkeit zumindest an. Bei dieser Verfilmung fragt man sich aber angesichts von Depardieus Körperfülle, wieso die 18 Jahre Einzelhaft keine sichtbaren Spuren hinterlassen haben? Immerhin erzeugt die Fernsehserie mehr Emotionen. Das liegt zum einen eben an einer zeitgemäßeren Umsetzung, zum anderen an der detaillierten Werktreue. So werden zum Beispiel die Giftmorde von de Villeforts Ehefrau beschrieben, nicht aber in Vernays Verfilmung. Am Ende erleidet die Fernsehserie Schiffbruch, als Edmond und Mercédès sich an den Gestaden des Mittelmeeres in die Arme fallen. Was für eine Schmonzette! Hier hält Vernay sich zurecht an die Romanvorlage, die keine Zukunft der Geliebten vorsieht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Der Graf von Monte Christo"

Gefährten (Steven Spielberg) USA 2011

„Gefährten“ ist ein Abenteuerfilm nach dem Jugendroman „War Horse“ von Michael Morpurgos über die Freundschaft des jungen Albert Narracott zum Halbblüter Joey. Die ganze Exposition ist hervorragend. Angefangen von der Pferdeauktion, bei der Alberts eigensinniger Vater Ted aus einer Laune heraus das junge Pferd ersteigert: „Der Bursche ist etwas Besonderes.“ Eigentlich kann er den Kaufpreis von 30 Guineen gar nicht bezahlen. Aber sein Mitbieter ist der wohlhabende und arrogante Lyons, der zugleich der Verpächter seines Bauernhofes ist. Deshalb darf der das Pferd auf keinen Fall bekommen. Dickköpfigkeit geht über Vernunft.

Mit dieser Szene ist auch der Antagonist Lyons etabliert. Zu Hause bekommt Ted natürlich Ärger mit seiner Frau Rose. Nur ihr Sohn Albert ist Feuer und Flamme. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Albert tauft das Pferd Joey und steckt seine ganze Energie in dessen Ausbildung. Der Druck wird vorbildlich eskaliert: Wenn Albert und Joey nicht zeitnah den Acker pflügen und die Ernte einfahren, droht der Familie die Pleite. Angesichts des ungestümen Temperaments des Halbblüters eine schier unmögliche Aufgabe. Aber Albert ist nicht minder dickköpfig als sein Vater oder das Pferd. Er will allen beweisen, wozu er mit Joey in der Lage ist. Und sie schaffen es, bis dann ein Unwetter die ganze Ernte wieder vernichtet.

Diese Katastrophe ist eine von vielen Wendungen, die in ihrer Häufung ein wenig konstruiert wirken. Eine Überraschung, deren Erscheinen man förmlich riechen kann, ist eben keine Überraschung mehr. Dann kommt Spielbergs entscheidender Fehler, auch wenn der Roman es so „vorgegeben“ haben mag. Ted verhökert Joey bei Ausbruch des 1. Weltkriegs für 30 Guineen an das britische Militär. Damit werden aber auch die Freunde getrennt. Das wäre kurzfristig okay, aber in „Gefährten“ dauert die Trennung bis zum Schluss der Geschichte. Das ist ein gravierender erzählerischer Fehler, denn die Emotionen der Zuschauer sind bei der Freundschaft und nicht bei den Kriegserlebnissen, die man nun ertragen muss. In „Wolfsblut“ zeigt Jack London wie es gemacht wird: Seine Protagonisten, den jungen Goldgräber Jack und den Wolfshund, verliert der Autor nie längerfristig aus den Augen.

Durch die Fülle an Episoden, in denen nun Joeys Besitzer wechseln, bekommt der Film etwas Flüchtiges. Da ist der britische Captain, der ins Verderben reitet. Da sind die jungen deutschen Stallburschen, die mit Joey von der Front fliehen und einen Tag später standrechtlich erschossen werden. Dann folgt Emilie, ein französisches Mädchen, das als Vollwaise bei ihrem Großvater lebt. Als nächstes sind wieder die Deutschen an der Reihe, die Zugpferde für ihre Kanonen benötigen usw. So kann natürlich keine Nähe entstehen, zumal wir von Albert derweil so gut wie gar nichts erfahren. Hinzu kommt, dass die Kriegsschauplätze entweder romantisierend wirken (Bauernhaus von Emilies Großvater) oder apokalyptisch (Front zwischen den Schützengräben). Dadurch bekommt „Gefährten“ etwas Künstliches. Nur eines weiß man sicher: So war’s nicht.

Das Ende überschreitet die Grenze zum Kitsch: Emilies Großvater ersteigert Joey im Andenken an seine inzwischen verstorbene Enkeltochter. Aber Joey will mit seinem neuen Besitzer nichts zu tun haben und trabt zu Albert zurück. Schließlich überlässt ihm der gutherzige Großvater das Pferd: „Emilie hätte es so gewollt.“ So kehren Albert und Joey vor glutrotem Sonnenuntergang zum elterlichen Gehöft zurück. Ist ja dann doch noch mal gut gegangen, kann man da nur sagen.

Besser wäre folgendes gewesen: Verzicht auf die ganzen Kriegswirren, auf den Emotionskiller. Stattdessen hätte Ted das Pferd heimlich an einen Rennstallbesitzer verkauft. Das hätte zum Beispiel der reiche Lyons sein können. Jedenfalls wäre Joey zum Rennpferd ausgebildet worden. Albert hätte im Gestüt oder in einem konkurrierenden Rennstall eine Anstellung gesucht. Das hätte die Freunde wieder zusammen gebracht und nicht die ganze vorbildliche Exposition zerstört. Es war doch alles perfekt angerichtet. Aber so fragt man sich im Verlauf der Geschichte, wo eigentlich der Antagonist, sein Sohn, das junge Mädchen im Cabrio, Alberts Freund, seine Eltern usw. abgeblieben sind? Was ist aus ihnen geworden?
Die Filmtitel offenbaren das erzählerische Dilemma. Im amerikanischen Original lautet er „War Horse“ und ist Ausdruck der dramaturgischen Defizite. Der deutsche Verleihtitel „Gefährten“ steht sozusagen für die optimierte Fassung und konzentriert sich auf die Freundschaft. Außerdem ist ein besserer und viele schönerer Filmtitel. Schade, dass uns Steven Spielberg nach seinem exquisiten Hors d’oeuvre eine verkochte Hauptspeise mit zuckersüßem Dessert serviert hat.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Gefährten"
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