Almost Famous (Cameron Crowe) USA 2000

Eine langatmige, nostalgisch verklärte Reminiszenz an die Rockmusik der 70er Jahre, die auf autobiographischen Erlebnissen des Regisseurs Cameron Crowe beruhen. Hauptfigur in „Almost Famous“ ist der erst 15-jährige William Miller, der leidenschaftlich gern Musikkritiken verfasst. Beim Versuch, hinter den Kulissen eines Rockkonzerts mit Musikern von „Black Sabbath“ in Kontakt zu kommen, landet er bei den Newcomern von „Stillwater“. Über die soll William für das Musikmagazin „Rolling Stone“ einen Tourneebericht schreiben, wobei er den Redakteuren lieber sein wahres Alter verheimlicht. Drei Tage gewährt Mama Kate (Frances McDormand) schließlich ihrem Jungen, nicht mehr. Dann geht es zusammen mit den Musikern, Manager und Groupies, angeführt von Penny Lane, im Tourbus auf Reisen. Casting und Ausstattung sind hervorragend, vor allem Kate Hudson in der Rolle der Penny Lane. Einzig der brillante Philip Seymour Hoffman besitzt in der Rolle des Musikjournalisten Lester Bangs keine Handlungsrelevanz.

Aber was eine spannende Coming-of-age-Geschichte hätte werden können, versandet im sentimentalen Rückblick auf eine Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll-Ära, die längst vom Konsum okkupiert wurde. Dabei wäre es ganz einfach gewesen: Crowe hätte sich nur auf die Liebesgeschichte zwischen William und Penny Lane konzentrieren müssen, also auf „Die unmögliche Liebe“. Dann hätte er eine Geschichte gehabt. Leider lässt der Regisseur sich zu sehr von seinen persönlichen Erinnerungen leiten. Zusätzlich hätte Mama Kate die Polizei einschalten müssen, nachdem ihr Junge nach dreitägiger Tourbegleitung immer noch nicht heimgekehrt ist. Flucht-Verfolgung wäre das zusätzliche Erzählmotiv gewesen. Die Bandmitglieder hätten dann – ganz zeitgemäß – ein Katz-und-Mausspiel mit der Polizei veranstalten können. Die Dramatik am Ende des Films kommt viel zu spät und ändert nichts am oberflächlichen, von Rockmusikklängen der 70er untermalten Gesamtwerk.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Almost Famous"

Die letzten beißen die Hunde (Michael Cimino) USA 1974

Schon die Eröffnungsszene deutet daraufhin, dass man in diesem bleihaltigen Roadmovie nicht alles ernst nehmen sollte. Gangster „Red Leary“ betritt eine Kirche, in der gerade ein Gottesdienst stattfindet. Er eröffnet das Feuer auf den Prediger „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der wie durch ein Wunder nicht getroffen wird und fliehen kann. Einer von den vielen Hollywood-Unverwundbaren. Wer mal etwas Gegenteiliges erleben möchte, dem sei zum Beispiel „Lone Survivor“ von Peter Berg empfohlen. „Die letzten beißen die Hunde“ ist ein Roman von Max Pierre Schaeffer und hat mit diesem Film aber auch gar nichts zu tun (ich dachte, Buchtitel sind geschützt?). Abgesehen davon ist der Filmtitel nicht sonderlich originell und müsste – wenn schon, denn schon – eigentlich „Den letzten beißen die Hunde“ heißen, weil Red Leary, und sonst keiner, am Ende von einem Wachhund getötet wird.

Schön sind die Landschaftsaufnahmen und die Unbekümmertheit, mit der Michael Cimino in seinem Debütfilm zu Werke geht. Er hat überhaupt keine Berührungsängste mit Handlungsunlogik oder machohaftem Gehabe. Die Gangster, die anfangs ohne Vorwarnung rumballern, machen plötzlich mit Thunderbolt und Lightfoot (Jeff Bridges) gemeinsame Sache. Warum? Egal. Neben dem durchgeknallten Fahrer eines aufgemotzten Wagens, der die beiden ein Stückchen mitnimmt, befindet sich ein Waschbär, im Kofferraum dutzende von Kaninchen. Manchmal schmunzelt man über die Absurditäten oder über die Dialoge, die teilweise unfreiwillig originell, machohaft oder auch einfältig sind. Spannung entsteht zu keiner Zeit. Trotzdem verbreitet der Film gute Laune. Das liegt an Ciminos Rücksichtslosigkeit, an seiner Liebe zum Film und dem 70er-Jahre-Zeitgeist. Dass er es besser kann, hat er 1978 mit „The Deer Hunter“ bewiesen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Die letzten beißen die Hunde"
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La Strada (Federico Fellini) Italien 1954

„La Strada – Das Lied der Straße“, so der deutsche Verleih-Untertitel, gehört zu den Filmen, die über Jahrzehnte ihre emotionale Kraft bewahrt haben. Er entführt den Zuschauer in eine wundersame, fremde Welt, ohne je die Bodenhaftung zu verlieren (wie es Federico Fellini in späteren Filmen passiert ist).

„La Strada“ beginnt am Meer und endet am Meer. Er beginnt mit Tränen und endet mit Tränen. Am Anfang ist es die Mutter, die ihre Tochter Gelsomina für 10.000 Lire an den herumfahrenden Gaukler Zampano verschachert. Der Gewinn des Geldes ist zugleich der Verlust des Kindes. Am Ende ist es Zampano, der sich endlich seine Gefühle für Gelsomina eingesteht, als sie schon längst gestorben ist.

Zwischen dem dramatischen Beginn und dem Ende liegt ein Roadmovie, das den Zuschauer wie in einem Science-Fiction-Film durch ein verarmtes Nachkriegsitalien führt. Dabei vereint „La Strada“ zwei klassische Erzählmotive: „Die unmögliche Liebe“ und „Das mörderische Dreieck“. Gelsominas Liebe zu Zampano scheitert an seiner Gefühlsarmut, seiner Grobschlächtigkeit, seiner Humorlosigkeit. Als sie seine Schale geknackt hat und er sich zum ersten Mal liebevoll um sie kümmert, ist sie bereits seelisch erkrankt, ist es zu spät. Gelsominas Gefühle für den Artisten Matto haben keine Chance, weil das Abhängigkeitsverhältnis zu Zampano dominant ist. Der behandelt sie wie einen Hund und sie lässt es meistens geschehen. Matto ist die dritte Person, die in diese Beziehung eindringt. Er wirbt um Gelsomina und wäre mit seinem Witz, seiner Phantasie, seiner Lebensfreude der geeignetere Partner. Am Ende stirbt er an den Folgen eines Faustschlags, den Zampano ihm zufügt.

Der eigentliche Star des Films ist Gelsomina, gespielt von Giulietta Masina (Fellinis Ehefrau). Sie hat etwas Naives, Sanftmütiges, Verspieltes, Clowneskes und erobert bei den gemeinsamen Varieténummern die Herzen der Kinder. Mit großen Augen scheint sie die Welt zu erforschen. Jede Empfindung ist in ihrem Gesicht ablesbar, ein weiterer Aspekt der außergewöhnlichen Visualität dieses Films. Zampanos Gefühlswelt scheint hingegen in Ketten zu liegen, wie es eine seiner Zirkusnummern versinnbildlicht. Während er bei seinen Vorführungen stets die Fesseln sprengt, gelingt es ihm im Leben zu spät. „La Strada“ ist eines der ganz großen Melodramen der Filmgeschichte.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 blaue Smileys für "La Strada"
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