Insider (Michael Mann) USA 1999

Es handelt sich hier um einen ebenso spannenden wie klugen Psychothriller, der auf einem tatsächlichen Fall beruht und ohne Darstellung von Gewalttaten auskommt. „Insider“ konzentriert sich ganz auf die inneren Konflikte seiner beiden Hauptdarsteller. Das ist zum einen Jeffrey Wigand (Russel Crowe), der als Wissenschaftler eines Tabakkonzerns vor den Suchtgefahren einer chemischen Beimischung warnt. Ein entsprechendes firmeninternes Memo hat seine Kündigung zur Folge. Trotz vertraglicher Schweigepflicht entscheidet er sich aus Gewissensgründen für die Veröffentlichung seiner Insider-Kenntnisse. Damit kommt Lowell Bergman (Al Pacino), Producer des CBS-Politmagazins „60 Minutes“ ins Spiel.

Was folgt, ist ein gnadenloser Kampf zwischen den Geschäftsführern, Lobbyisten und Anwälten des Tabakkonzerns auf der einen Seite und Wigand mit Bergman und seiner Redaktion auf der anderen Seite. Ein Kampf, der nicht mit Kugeln ausgetragen wird, sondern – subtiler und cleverer – mit Rufmordkampagnen, Psychoterror und Gerichtsklagen. Wigands Ehe übersteht diesen Kampf nicht. Seine Frau verlässt ihn mit den beiden gemeinsamen Kindern. Bergman gerät in einen vergleichbaren Zwiespalt, als CBS vom Tabakkonzern aufgekauft und das schon fertig produzierte Interview mit Wigand nicht ausgestrahlt werden soll. Hier sind die sektengleichen Zwänge einer Firmenstruktur sehr schön beschrieben. Als es für die Journalisten unverfänglich ist, plädieren alle Mitarbeiter der Redaktion für eine Ausstrahlung des Interviews, also für eine Veröffentlichung der Wahrheit. Als der Druck der Fernsehbosse dann zunimmt, ist Bergman plötzlich allein. An hehre journalistische Grundsätze kann sich plötzlich keiner mehr erinnern. Um den Renitenten ruhig zu stellen, wird er – anders als Wigand – nicht gefeuert, sondern beurlaubt, was eigentlich viel cleverer ist. Denn Ressentiments entstehen eher durch Kündigungen als durch kostenlose Urlaube.

Aber Bergman denkt gar nicht daran, lange auf dem Abstellgleis zu verweilen. Er schlägt mit seinen Mitteln zurück, indem er einen befreundeten Redakteur der New York Times von diesem Skandal berichtet. Die entscheiden sich nach kurzer Recherche für eine Veröffentlichung dieses Angriffs auf die Pressefreiheit auf der ersten Seite ihrer Zeitung. Ein Schachzug, der natürlich ein großes Interesse am nichtgesendeten Beitrag erzeugt. Dem müssen die TV Bosse schließlich nachgeben: Das Interview wird gesendet. Doch Bergman hat genug von seinen alten Kollegen und kündigt seinen Job bei „60 Minutes“, weil gegenüber zukünftigen Informanten nicht noch einmal als Verräter dastehen will. Er ist nicht käuflich.

Zum packenden Geschehen gesellt sich eine brillante Kameraarbeit (Dante Spinotti), oftmals aus der Hand gefilmt, manchmal in Zeitlupe, immer unglaublich konzentriert auf Handlung und Personen. Die Montage, die Komposition von Geräuschen, die Filmmusik offenbaren die Handschrift eines ganz großen Regisseurs: Michael Mann, einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods. Seine Werke sind stets ebenso eigenwillig wie spannend.

Es gibt zwei Schwachpunkte im Film. Zum einen agiert Wigands Frau in ihrer Zickigkeit zu eindimensional. Da stellen sich bei der Trennung des Ehepaares regelrechte Glücksgefühle ein: Gottseidank ist er diese Tante endlich los. Ein komplexeres Verhalten wäre natürlich dramatischer gewesen und nur darum geht’s, nicht darum, welchen Charakter die reale Mrs. Wigand hatte. Des weiteren zahlt auch diese Geschichte ihren Preis für die Fokussierung auf zwei Hauptdarsteller: Die emotionale Anteilnahme wird gerecht aufgeteilt, aber nicht bis zum Anschlag maximiert. Dafür hätte man die Geschichte ganz aus Wigands Perspektive erzählen müssen. Aber dann wären die journalistischen Internas natürlich auf der Strecke geblieben. Eine Frage der Abwägung. Was ist wichtiger: die Eskalation der emotionalen Anteilnahme für den Protagonisten oder der Medienkrimi?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Insider"

Das Schweigen der Lämmer (Jonathan Demme) USA 1991

Zu Zeiten als der Oscar noch nicht ein Symbol gesellschaftlicher Wiedergutmachung war, gab es hin und wieder würdige Preisträger. Einer davon ist der gnadenlos spannende Psychothriller „Das Schweigen der Lämmer“ von Jonathan Demme nach einem Roman von Thomas Harris. Hier stimmt praktisch alles: Drehbuch, Inszenierung, Kamera, Ausstattung, Filmmusik, Montage und vor allem die hervorragenden Schauspieler.

Heldin ist die junge FBI-Agentin Clarice Starling (Jodie Foster), die einer Sondereinheit des FBI angehört. Ihr Ziel ist es, den Serienmörder „Buffalo Bill“ zur Strecke zu bringen. Dafür sucht Clarice den kannibalistisch veranlagten Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) auf, der in Baltimore im Gefängnis einsitzt. Von ihm erhoffen die Ermittler sich Hinweise zur Klärung des Mordfalls. Vor der fensterlosen Gefängniszelle entwickelt sich ein nervenzermürbendes Katz-und-Mausspiel. Quid pro quo lauten die Spielregeln, die von Dr. Lecter bestimmt werden. Für jede Information aus ihrem Privatleben liefert er Andeutungen zur Psyche des Serienmörders. Das ist genial gemacht. So tauchen wir tief in das Vorleben der Heldin ein, erfahren von ihrer Beziehung zum gewaltsam getöteten Vater und ihre Zeit auf dem Schlachthof des Onkels. Seit jenen Tagen wird sie vom Schreien der zur Schlachtbank geführten Lämmer in ihren Albträumen verfolgt. Clarice beantwortet Dr. Lecters Fragen wahrheitsgemäß. Zum einen würde er eventuelle Lügen sofort durchschauen, zum anderen ist er ihre Hoffnung bei der Aufklärung des Mordfalls. Im Laufe der Verhöre entwickelt sich ein Verhältnis zwischen beiden. Er mag sie und gibt ihr schließlich – verklausuliert – die entscheidenden Hinweise. Und Clarice ist fasziniert von der Inkarnation des Bösen, von seiner Intelligenz, von seiner Direktheit, von seiner Hinterhältigkeit. Ein abgründiges Vater-Tochter-Verhältnis.

Der Showdown ist ein kleines Meisterstück, brillant inszeniert und montiert. Besser geht’s nicht. Da ist zum einen Crawford, der Chef der Sondereinheit, der mit seinen Leuten das Haus eines vermeintlichen Täters in Chicago stürmt, zum anderen Clarice, die alleine weiter in Ohio ermittelt. Beide Handlungsstränge laufen alternierend aufeinander zu, bis Clarice dem Killer ganz allein gegenübersteht. Dieser Moment wird natürlich fachgerecht retardiert, bis sie ihn im letzten Moment ausschalten kann.

Schwachpunkte: Wenn „Buffalo Bill“ eines seiner Opfer nachts vor einem Diner beobachtet, dann benötigt er dafür ja wohl kein Nachtsichtgerät. Das wird hier nur eingeführt, weil es beim Showdown eine Rolle spielt. Das hätte man geschickter lösen können. Dr. Lecters Entkommen aus dem provisorischen Hochsicherheitstrakt im 5. Stock eines Gerichtsgebäudes in Memphis muss man erst mal schlucken. Da benötigt es schon einiges Wohlwollen. Aber okay, ist ja Kintopp. Clarice hat Schwierigkeiten mit Männern, auch weil sie ihren Vater idealisiert. Das hat Dr. Lecter messerscharf erkannt. Sie lässt keine Männer in ihre Nähe kommen, weder den älteren Crawford noch den jungen Biologen, der ihr im Laufe der Ermittlungen Avancen macht. Da hätte man der Heldin zum Schluss der Geschichte schon eine Entwicklung gegönnt. Ansonsten: perfekte, abgründige Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für das "Schweigen der Lämmer"

Lonely Hearts Killers (Todd Robinson) USA 2006

Der Film ist zu einem Teil ein Krimi, zum anderen Teil ein Psychothriller. Aber anders als in „Hell or High Water“ (David Mackenzie) hat die Krimiebene hier eine erzählerische Funktion. Es fängt damit an, dass die Ehefrau von Detective Elmer Robinson (John Travolta) Selbstmord begeht und die Off-Stimme des Erzählers, seines Partners Charles Hildebrandt (James Gandolfini), für unglaubliches Tempo sorgt. Dieser Suizid ist der Schlüssel für die Ergreifung der Lonely-Hearts-Killers, die in den 40er Jahren in den USA tatsächlich mehrere Frauen betrogen und ermordet haben.

Elmer will der scheinbare Selbstmord einer jungen Frau, den er bei einem Kriminalfall untersucht, nicht so recht einleuchten. Stellvertretend für den unerklärlichen Freitod seiner Frau untersucht er akribisch den Tatort und kommt nach und nach dem Täterpaar auf die Spur. Das besteht aus dem Hochstapler und Heiratsschwindler Ray Fernandez (Jared Leto) sowie seiner Geliebten Martha Beck (Salma Hayek). Beide verbindet ein krankhaftes Liebesverhältnis, in dem Martha die treibende und mörderische Kraft ist. Nach ihrer Festnahme fragt sie Elmer beim Verhör, ob er – so wie sie – jemals einen Menschen getroffen hat, der bereit war für ihn zu töten? Elmer schweigt und denkt an seine verstorbene Frau.

Die Ausstattung, die Kamera – alles perfekt. Die Schauspieler sind allesamt herausragend. Wenn die drei Detectives der Mordkommission sich anfrotzeln, dann geht es richtig zur Sache. Überhaupt ist „Lonely Hearts Killers“ hart. Das liegt nicht nur an den Dialogen, sondern vor allem am abgründigen Treiben der Mörder. Manchmal ist es zu hart. Wenn Martha und Ray am Ende nicht nur seine Brieffreundin Delphine umbringen, sondern auch noch deren kleine Tochter, wird eine Grenze überschritten. Zurecht hat Alfred Hitchcock selbstkritisch festgestellt, dass ein Kind im Film sterben zu lassen, nichts anderes als Verrat am Kino ist. Der wird damit gerechtfertigt, dass es sich im tatsächlichen Fall auch so zugetragen hat. Das ist aber – mit Verlaub – Unfug. Denn ein Filmemacher nimmt immer Eingriffe vor. Die tatsächliche Martha war eine eher unattraktive, schwergewichtige Frau. Die wurde in der Verfilmung dargestellt durch die bildhübsche Salma Hayek. Also, warum dieser Verrat, der einen letztlich deprimiert zurücklässt?

Ein weiterer Schwachpunkt ist die finale Annäherung zwischen Elmer und seinem Sohn. Das wirkt im gezeigten Ausmaß ein bisschen aufgesetzt, so als wollte man einen gefühlsmäßigen Ausgleich fürs depressive Geschehen sorgen. Das erreicht dann noch mal seinen Höhepunkt durch den Vollzug der Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhl. Die Grausamkeit der Darstellung mag zwar ein Plädoyer gegen die Todesstrafe sein, aber sie lässt Elmer ebenso unbefriedigt zurück wie den Zuschauer. Grausamkeit kann man eben nicht durch Grausamkeit vergelten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für "Lonely Hearts Killers"

Der Tod und das Mädchen (Roman Polanski) USA 1994

Dieser spannende Psychothriller ist zugleich das intelligenteste Rachedrama der Filmgeschichte. Es beruht auf einer starken Vorlage des chilenischen Autors und Literaturprofessors Ariel Dorfman. Sein Theaterstück „Der Tod und das Mädchen“ ist auch eine Metapher über Missbrauch und Leid, über Täter und Opfer. Alles passiert in einer Nacht in einem einsam gelegenen Landhaus. Die Vorgeschichte ist zu Zeiten einer südamerikanischen Militärdiktatur angesiedelt, in der politische Gegner misshandelt und gefoltert wurden. So auch die Protagonistin Paulina Escobar, herausragend gespielt von Sigourney Weaver. Nicht minder exzellent ist das Schauspiel der männlichen Figuren, ihres Ehemannes, des Rechtsanwalts Gerardo Escobar (Stuart Wilson) sowie des Folterers, des Arztes Dr. Roberto Miranda (Ben Kingsley).

Das Theaterstück war als Vorlage geradezu prädestiniert für Roman Polanski, der – auch aufgrund eigener Erfahrungen im Krakauer Ghetto – wie kaum ein anderer die Traumata, die klaustrophobische Enge und die bedrohliche Atmosphäre in Szene setzen konnte.
Von Beginn an geht es zur Sache. Beim ersten verdächtigen Geräusch greift Paulina zur Pistole, die sie bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Wie ein gehetztes Tier geistert Paulina durch ihre Umgebung, um die Dämonen der Vergangenheit abzuschütteln. „Was ist mit den Lebenden?“, fragt sie anklagend ihren Mann, der gerade zum Vorsitzenden einer Regierungskommission zur Aufarbeitung von getöteten Oppositionellen berufen worden ist. Einer, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat, ist ihr Folterer Dr. Miranda. Zufällig hilft er Gerardo bei einer Wagenpanne und taucht im Landhaus auf. Paulina erkennt ihren Peiniger an seiner Stimme und seinem Geruch. Mit der Pistole in der Hand dreht sie nicht einfach den Spieß um – das wäre zu plump -, sondern stellt ihm ein Ultimatum: Entweder er legt ein Geständnis ab oder er stirbt. Eine Deadline – um 6 Uhr morgens erscheinen die Personenschützer – eskaliert den Druck.

Patricia Highsmith hat einmal postuliert, dass eine gute Geschichte so nahe wie möglich vor ihrem Ende anfangen sollte. Der dramatische Ertrag dieser klugen Erkenntnis wird hier beispielhaft demonstriert. Eine Nacht – nicht mehr und nicht weniger – dient der Enthüllung grausamer Taten und Qualen. Dafür werden keine Folter- oder Missbrauchsszenen benötigt. Alles spielt sich in den Köpfen, Gesichtern und Handlungen der drei Protagonisten ab. Reactionshots, denn „Movies are not action. They are reaction.“ (so der US-amerikanische Drehbuchautor Dudley Nichols). Die Dialoge sind schonungslos. Es ist die Nacht der Wahrheit.

Bis zum Schluss versucht Gerardo – ganz Anwalt – die Schuld Dr. Mirandas anzuzweifeln, womit Paulina ganz auf sich allein gestellt ist. Dramaturgisch vorbildlich. Auch ein angebliches Alibi kann oder will Gerardo nicht als Fälschung identifizieren. Dafür benötigt es dieses geniale Ende: Paulina steht mit dem gefesselten Dr. Miranda und ihrem Mann auf dem Felsen, von dem sie zuvor schon den Wagen ihres Peinigers in die Tiefe gestürzt hat. Erst jetzt, angesichts des Todes und der aufwühlenden Nacht, gesteht Miranda seine Vergewaltigungen und Misshandlungen. Jetzt ist es ein echtes Eingeständnis. Deshalb befreit Paulina ihn von den Fesseln, was auch zugleich – zumindest ein Stück weit – eine Befreiung für sie ist. Sein Tod hätte ihr keine Erleichterung gebracht. Da auch Gerardo den Folterer seiner Frau nicht in den Abgrund stürzt und Dr. Miranda nicht den Mut für einen Selbstmord aufbringt, erwartet ihn das schlimmstmögliche Ende: das Weiterleben unter dem Eingeständnis seiner Taten.

Das verdeutlicht auch die Schlußszene in der Oper. Während Paulina wieder in der Lage ist Schubert zu hören („Der Tod und das Mädchen“) – die musikalische Untermalung während ihrer Folterungen – und sich den Darbietungen auf der Bühne widmet, starrt Dr. Miranda von seiner Loge auf sein ehemaliges Opfer herab. Jetzt ist er das gehetzte Tier und er wird es Zeit seines Lebens bleiben. Ein geniales Drama, das Hoffnung macht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 blaue Smileys für "Der Tod und das Mädchen"

Nightcrawler (Dan Gilroy) USA 2014

„Nightcrawler“ von Dan Gilroy ist ein grandioser Psychothriller mit einem genialen Jake Gyllenhaal in der Rolle des gewalttätigen Kleinkriminellen Louis Bloom. Ein konzentriertes Psychogramm eines intelligenten Soziopathen, der schließlich als rücksichtsloser Sensationsreporter seine „Berufung“ findet und buchstäblich über Leichen geht. Louis operiert ebenso abstoßend wie faszinierend. Gefühle sind ihm fremd. Er imitiert sie nur, wenn er ein Vorteil wittert. Nach eigenem Bekunden mag er keine Menschen, weil er sie nicht versteht. Er braucht sie, um Macht auszuüben und um zu überleben. Er zitiert gängige Business-Strategien und lobt seine Kunden aus taktischen Gründen. Louis ist ein Crime-Paparazzi wie er im Buche steht: „Wer mich sieht, hat den schlimmsten Tag seines Lebens.“ Alle Nebenfiguren sind ebenso hervorragend besetzt. Allen voran die alternde Nachrichtenchefin Nina Romina (Rene Russo) und sein Praktikant Rick Carey (Riz Ahmed).

Die Spannung wird vorbildlich eskaliert. Nachdem Louis seinen einzigen Konkurrenten erledigt hat, ist er als erster am Tatort einer feudalen Villa, in der die Bewohner von Killern ermordet wurden. Louis filmt nicht nur das Blutbad, sondern auch die fliehenden Mörder, was er gegenüber der Polizei verheimlicht. Deren Festnahme inszeniert er nach allen Regeln der Kunst. Dabei nimmt er nicht nur den Tod der beiden Killer in Kauf, sondern auch den seines Praktikanten und eines Polizeibeamten. Der Film ist auch eine gnadenlose Abrechnung mit den Mechanismen aktueller Fernsehberichterstattung in den USA (hierzulande wäre so etwas kaum denkbar). Letztlich liefert Louis nur das, wonach die Medien gieren: Mord und Totschlag – hautnah und schonungslos. Durch ständiges Elliptieren wird ein rasantes Erzähltempo vorgelegt und die Zuschauer zum Mitdenken animiert. Die Dialoge sind überraschend und hintergründig, ein Baustein der sogartigen Spannung.

Der Film hat zwei kleine Schwachpunkte: Wenn Louis die Bremsleitung am Fahrzeug seines Konkurrenten ansägt, dann müsste nach dessen tödlichem Verkehrsunfall die Spurensicherung eigentlich dem Sabotageakt auf die Schliche kommen. Louis’ ständige Grenzüberschreitungen an Unfall- und Tatorten werden juristisch nur ein einziges Mal beanstandet, was die Verpixelung von Mordopfern zur Folge hat. Da hätte man sich schon ein bisschen mehr Gegenwind vorstellen können, sowohl von Polizisten vor Ort oder von gefilmten Opfern und deren Angehörigen.

„Nightcrawler“ endet mit einer Drohung des weiblichen Detectives, Louis des Mordes zu überführen und mit einem erneuten Zeitsprung. Sämtliche Ermittlungen sind offensichtlich ins Leere gelaufen, da alle Zeugen des letzten Überfalls gestorben sind und Louis nichts nachzuweisen ist. Im Schlussbild hält er eine Ansprache vor seinen neuen Praktikanten und vor neuen Produktionsfahrzeugen: „Ihr müsst nichts tun, was ich nicht auch tun würde.“ Nur Bloom und die Zuschauer wissen um die tiefere Bedeutung dieser scheinbar harmlosen Floskel. Das Grauen ist weiterhin unter uns.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 blaue Smileys für "Nightcrawler"

Gone Girl (David Fincher) USA 2014

Dieser Psychothriller, nach einem Bestseller von Gillian Flynn, ist eigentlich ein Whodunit. „Gone Girl“ ist aufgebaut wie ein spannendes, komplexes Puzzlespiel, das eine emotionale Nähe zu den Protagonisten – wie bei den meisten Filmen von David Fincher – vermeidet und den Zuschauer deprimiert zurücklässt.

Man weiß anfangs nicht, was und wem man glauben soll und das sorgt für Spannung (produktive Irritation). Leider bleibt im Verlauf von „Gone Girl“ bis zum Schluss vieles mysteriös, was eine Synchronisation der Gefühle mit den Hauptfiguren verhindert. Wieder einmal erliegt Fincher seiner Vorliebe fürs Rätselhafte, was man (wie in „Sieben“) auch hier an den verschlüsselten Hinweisen in mehreren Briefumschlägen sehen kann, die entweder die verschwundene Ehefrau Amy oder ihr verdächtiger Ehemann Nick an verschiedenen Stellen deponiert hat.

Aber eigentlich ist es keine Kunst, ein Rätsel zu stellen. Dahinter steckt die Haltung eines allwissenden Fädenziehers, der sich einen Spaß daraus macht, den Betrachter an der Nase herumzuführen. Schnitzeljagd. Ich sehe was, was du nicht siehst. Das sorgt aber bestenfalls für kurzfristige Spannung oder momentane Überraschungen, oftmals für Verwirrung, aber nicht für Emotionen: „Zum Beispiel handelt es sich in einem Whodunit nicht um Suspense, sondern um eine Art intellektuelles Rätsel. Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion… Eben deshalb mag ich die Whodunits nicht. Mich erinnert das an Puzzlespiele oder an die Kästchen beim Kreuzworträtsel. In aller Ruhe wartet man die Antwort ab auf die Frage: Wer war’s (hier war’s die Ehefrau)? Kein bisschen Emotion.“ (Alfred Hitchcock in „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht von Francois Truffaut). Eben das ist der Punkt: Der mangelhafte Informationsfluss (s.a. Filmrezension zu „Anna“). Wir sehen, dass es Nick nicht gut geht, aber erfahren nicht warum. Wird er nun fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt oder plagen ihn die Gewissensbisse eines Mörders, dem eine Enttarnung droht? Weil wir darüber im Unklaren gelassen werden, haben wir auch keine Chance, mit den Hauptpersonen mitzufiebern.

Sehr gut ist die Installation des Reality-TV-Senders als allgegenwärtiger, allmächtiger und verkommener Beichtstuhl-Ersatz, der an allem interessiert ist, nur nicht an Kategorien wie Moral, Wahrheit oder Gerechtigkeit. Das offene Ende ist nichts anderes als Verrat am männlichen Protagonisten, der sich offensichtlich in sein Schicksal ergibt. Dabei müsste Nick nach der Erkenntnis, mit einer Psychopathin und Mörderin verheiratet zu sein, im Grunde den Spieß umdrehen. Jetzt, wo alle Welt weiß, dass er fälschlicherweise eines Mordes verdächtigt wurde, müsste er sich ihrer entledigen. Jetzt würde man ihn doch nicht mehr so leicht verdächtigen.

Außerdem: Amys Version, von ihrem ehemaligen Freund Desi Collings entführt worden zu sein, kann doch nur stimmen, wenn der Beschuldigte zur Tatzeit kein Alibi hatte. Das wird totgeschwiegen. Weiter: Von wem soll Amy denn am Ende schwanger sein? Da es Nick nach eigenem Bekunden nicht war, kommt nur Desi Collings in Frage. Dem ließe sich aber beizeiten mit einem Vaterschaftstest auf den Grund gehen. Diese Lösung wäre besser gewesen: Die ganze Geschichte aus Amys Sicht zu erzählen, den Zuschauer mit Informationen zu füttern und als Komplizen zu instrumentalisieren, so wie es Patricia Highsmith mit der Figur des Tom Ripley demonstriert hat.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Gone Girl"

Prisoners (Denis Villeneuve) USA 2013

Alle Figuren in diesem düsteren Psychothriller sind hervorragend besetzt. Das Milieu, die Ausstattung, die Atmosphäre, die Filmmusik – alles perfekt. Zudem baut „Prisoners“ eine abgründige, sogartige Spannung auf, die einen bis zum Ende buchstäblich gefangen nimmt. So weit – so gut.

Andererseits setzt der Film negative Maßstäbe auf der Defätismusskala. Die Entführung und drohende Ermordung zweier kleiner Mädchen sowie die ungeschminkte Verzweiflung der Elternpaare ist hochgradig quälend. Die Darstellung der Selbstjustiz inklusive Folterungen ist nicht mehr fragwürdig, sondern nur noch daneben. Verschärfend kommt hinzu, dass der Folterknecht Keller Dover (Hugh Jackman) auch noch die Lösung des Falls herbeiführen darf. Zu keiner Zeit wird die Metamorphose vom Opfer zum Täter moralisch in Frage gestellt. Das Motiv der Psychopathin Holly Jones, kleine Kinder zu entführen und zu töten, weil sie als strenggläubige Christin ihr eigenes Kind und ihren Glauben verloren hat, mutet schon hanebüchen an.

Letztlich hat der Film auch nicht ansatzweise eine Geschichte zu erzählen, die für den Betrachter eine Bereicherung wäre. Wozu der ganze Aufwand? Wieso geben sich hochkarätige Crewmitglieder wie Roger Deakins oder Jake Gyllenhaal für diesen Psychomüll her? Fazit: Wer sich selbst zweieinhalb Stunden lang quälen möchte, dem sei „Prisoners“ an die Nieren gelegt. Liebhaber von harten, exzellent erzählten Psychothrillern können u.a. in der TOP 20 der Filmgeschichte fündig werden.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Prisoners"

Dolores Claiborne (Taylor Hackford) USA 1995

Puh, nach 25 Jahren noch einmal „Dolores Claiborne“ von Taylor Hackford angeschaut. Was für ein toller Film! Ein schnörkelloser Psychothriller mit herausragenden Schauspielerinnen. Oh, Kathy Bates, ist das gut! Brillante Dialoge, brillante Kameraarbeit. Die männlichen Figuren kommen ein bisschen schlecht weg. Sei’s drum. Bei einer fundierten Bewertung von Spielfilmen geht es um handwerkliche Qualität, nicht um Genderfragen.

Die Romanvorlage stammt von Stephen King, der kein Verfechter des Plottens ist, also der handlungsorientierten Storyentwicklung. Die meisten seiner Geschichten basieren auf einer Was-wäre-wenn-Figurenkonstellation. Hier: Was wäre, wenn eine Haushälterin, die ungestraft ihren Ehemann umgebracht hat, eines zweiten Mordes (an ihrer Arbeitgeberin) verdächtigt würde, den sie nicht begangen hat (aus „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King)? Man muss kein Freund aller seiner Geschichten sein. Aber er versteht sein Handwerk, genauso wie Taylor Hackford. Bezeichnenderweise gibt es von diesem Meisterwerk noch nicht einmal eine deutsch synchronisierte Blu-ray-Fassung. Er gehört in die TOP 20!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 blaue Smileys für "Dolores Claiborne"