Ideenentwicklung

Nehmt Euch – wenn möglich – etwas Zeit für das Finden und Entwickeln von Filmideen. Verschenkt nicht das, was Ihr in die Waagschale werfen könnt. Geld oder Perfektion wird es eher nicht sein. Beides interessiert den Zuschauer auch nicht, im Gegensatz zu einer originellen, spannenden Idee und einer entsprechenden Umsetzung.
Wie findet Ihr eine taugliche Idee? Sie fällt nicht vom Himmel und ist zum überwiegenden Teil auch nicht das Resultat kreativer Eingebungen. Sie ist das Ergebnis eines Arbeitsprozesses. Ideenfindung und Ideenentwicklung ist Handwerk – zu 90-95%. Den Rest macht die Individualität, die Persönlichkeit aus – der nicht vermittelbare Bereich.

In „Wie man einen Thriller schreibt“ erläutert Patricia Highsmith die fruchtbare Konfrontation einer Idee mit einer scheinbar zusammenhanglosen zweiten (Randomising):
„Was ist der Keim einer Idee? Vermutlich alles Erdenkliche für jeden Autor: Ein Kind fällt auf dem Bürgersteig hin und verschüttet seine Eiscreme. Ein respektabel aussehender Mann im Lebensmittelgeschäft steckt heimlich, wie unter Zwang, eine reife Birne ein und bezahlt sie nicht.Es kann auch eine kurze Folge von Handlungen sein, die einem aus der Luft in den Kopf kommt, ohne dass man etwas gesehen oder gehört hat. Zu dieser letzten Gattung gehören die meisten meiner Ideenkeime. Der Keim für den Plot in ‚Zwei Fremde im Zug‘ war zum Beispiel dies: Zwei Menschen treffen eine Vereinbarung. Jeder soll den Feind des anderen umbringen, damit auf diese Weise ein perfektes Alibi aufgebaut werden kann …
Es gibt Ideen, die sich niemals parthenogenetisch entwickeln; sie brauchen eine zweite Idee, um in Gang zu kommen. Ein solcher untauglicher Geschichtenkeim war der Ursprung zu ‚Der süße Wahn‘: Ein Mann will sich Geld beschaffen durch den alten Versicherungstrick. Er schließt eine hohe Lebensversicherung ab, kommt dann scheinbar zu Tode oder verschwindet und streicht schließlich die Versicherungssumme ein. Es muss doch einen Weg geben, dachte ich, diese Idee originell aufzuzäumen und sie – frisch und fesselnd – in eine neue Story einzubauen. Wochenlang zerbrach ich mir abends den Kopf darüber. Mein Verbrecherheld sollte mit neuem Namen ein anderes Haus beziehen – ein Haus, in das er endgültig einziehen konnte, wenn sein wahres Ich allem Anschein nach tot und verschwunden war. Aber die Idee wollte kein Leben annehmen. Eines Tages tauchte dann der zweite Teil auf – in diesem Fall ein weit besseres Motiv, als ich bis dahin geplant hatte. Ein Liebesmotiv. Der Mann richtete das zweite Haus für das Mädchen ein, das er liebte, aber niemals für sich gewann, wie aus der Geschichte dann hervorging. Die Versicherung oder das Geld interessierte ihn gar nicht, denn Geld hatte er. Er war ein Mann, der von seinem Gefühl besessen war. In mein Notizbuch schrieb ich unter die ganzen fruchtlosen Notizen: ‚Alles obige ist Quatsch‘ und arbeitete dann auf der neuen Gedankenbahn weiter. Plötzlich erwachte alles zum Leben. Ein wunderbares Gefühl.“

Ideenfindung

Grob betrachtet gibt es in der Ideenfindung zwei Spielfelder:

1. THEMATISCHE VORGABE

In vielen Fällen haben Filmprojekte mit Kindern und Jugendlichen inhaltliche Vorgaben. Die resultieren aus Themen in Projektwochen, aus der Arbeit von Einrichtungen, aus der Teilnahme an Wettbewerben usw. Diese inhaltlichen Vorgaben klingen meist nicht sehr spannend.

Ein typischer Anfängerfehler in der Ideenfindung ist es, alle Probleme dieser Welt (und noch ein bisschen mehr) zu thematisieren. Tauglicher wäre allerdings das Gegenteil. 

Aber von diesen gut gemeinten Leitmotiven sollte man sich nicht abschrecken lassen. Man sollte sie vielmehr als kreative Herausforderung betrachten: Kann man aus einem vagen, sperrigen Thema eine originelle Idee entwickeln? Man kann, vorausgesetzt man beherrscht die Techniken, das Handwerkszeug zur Ideenentwicklung.

Thematische Rahmenbedingungen bieten eine Reihe von Vorteilen:

1. Sie können Zeit sparen im Vergleich zur „freien“ Ideenentwicklung.

2. Sie können mit Ihrem Team das Ausloten von Spielräumen innerhalb eines gedanklichen Korsetts trainieren, also Lernprozesse für’s spätere Leben.

3. Sie können das kreative Potenzial Ihres Filmteams stimulieren.

Was ist eine taugliche Filmidee?

Vier Tipps, falls Sie Einfluss auf die Themenfindung haben:

1. Wählen Sie „einfache“ Themen, z.B. XY baut ein Möbelstück zusammen, kocht sich ein Ei usw. Viel ergiebiger ist es, diesen scheinbar banalen Ausgangssituationen eine (philosophische) Bedeutung abzugewinnen, statt an den großen Themen zu scheitern.

2. Lassen Sie sich bei der Ideenfindung von klassischen Erzählmotiven inspirieren (Kapitel „Bausteine der Filmgestaltung“, Punkt 1). 

3. Wählen Sie lieber politisch unkorrekte Themen als korrekte. Warum? Denken Sie an das Vorwort.

4. Nehmen Sie an Schülerwettbewerben teil, auch wenn Sie dort mit thematischer Tristesse konfrontiert werden. Sie können mit Ihrem Team das Einhalten von Abgabeterminen trainieren. Mit der Teilnahme haben Sie schon eine vertriebliche Plattform, ein wie auch immer geartetes Event, bei dem die Filme präsentiert werden können.

Beispiele für Spielfilme mit einfachen Ausgangsideen:

1. In „Do pivnice“ (Ins Kellergewölbe) von Jan Švanmajer* geht ein kleines Mädchen in den Keller eines Mietshauses, um Kartoffeln zu holen.
2. Das Zweipersonenstück „Goliath“ von Ozan Mermer handelt von einem Jungen, der von einer Prostituierten wissen will, ob sie nicht nur auf dem Kopf rote Haare hat.
3. Im preisgekrönten Jugendfilm „Papa schmeißt den Grill an“ versucht ein Vater, mit seinen beiden Töchtern zu grillen (www.jugendfilm-ev.de –> Filme –> 2008) usw.

Zum reduzierten Ansatz dieser filmischen Prototypen gehört auch folgende Gemeinsamkeit: Die Helden haben ein klares Ziel. Der Weg dorthin ist mit Hindernissen, Überraschungen und Gefahren gespickt.

2. FREIE IDEENFINDUNG

Hört sich gut an, ist aber mit Vorsicht zu genießen.

Vorteile:

a) Wenn Sie eine Idee Ihrer Teilnehmer als Vorlage nehmen, sind Sie näher dran, geben Sie ihnen das Gefühl, Gestalter und Entscheider und nicht bloß Ausführende zu sein. Sie nehmen Ihr Team ernst, und das wird es honorieren.

b) Die Ideenwelt der Kinder unterscheidet sich elementar von der der Erwachsenen. Wenn Sie sich darauf einlassen, können Sie originelle Welten betreten und stofflich dramatisieren. Das ist das Faszinierende an der freien Ideenentwicklung. 

Beispiel: Zwei Jungs kamen mit folgender Idee in unser Vorbereitungsseminar: Machtwechsel, also Kinder haben das Sagen, Erwachsene müssen gehorchen. Auf so eine Idee würde wohl kaum ein Erwachsener kommen. 

Nachteile:

a) Die freie Ideenentwicklung benötigt mehr Zeit, wie überhaupt das Finden tauglicher Ideen mit Zeit verknüpft ist. Diesen Nachteil können Sie möglicherweise ausgleichen, indem Sie schon Wochen vor den Dreharbeiten einen regelmäßigen Termin für die Entwicklungsarbeit finden, vorausgesetzt Sie haben schon Zugriff auf Ihr Team.

b) Zur Steuerung einer freien Ideenentwicklung sind fundierte dramaturgische Kenntnisse nötig (Kapitel „Bausteine der Filmgestaltung“).

c) Sonst laufen Sie Gefahr, Opfer gut gemeinter Freiräume zu werden. Sie können mit der ganzen Bandbreite infantiler Phantasien konfrontiert werden, z.B. „mein Handy wurde gestohlen – die Welt geht unter“. Wenn Sie sich jetzt auf demokratische Entscheidungsfindungen einlassen, geraten Sie in Schwierigkeiten. Die sollte aber nicht der Projektleiter haben, sondern die Hauptfigur des Films.

d) Die Gefahr der inhaltlichen Überfrachtung. Völlig unterschiedliche Filmideen sollten auch als solche behandelt werden und nicht zu einem demokratischen Gesamtwerk gebündelt werden. Es geht um die Konzentration auf eine Geschichte, ein Thema.

TIPP: In jedem Fall empfiehlt es sich, ein alternatives Thema in petto zu haben, d.h. gewappnet zu sein. Ziel sollte es sein, die Idee mit dem dramatischsten Potenzial zu realisieren. Aber wie sollen Ihre Jugendlichen ohne dramaturgische Grundkenntnisse diese Idee erkennen?

Eine wirklich gute Idee ist immer einfach und verständlich. Sie deutet darauf hin, dass die Autoren ihre Arbeit gemacht, alles durchdacht haben und kommunizieren wollen. Andersherum: komplizierte Ideen und Umsetzungen, expansiver Aufwand sind meist Ablenkungsmanöver. Eigentlich beherrschen diese Filmemacher ihre Arbeit nicht bzw. sie haben sie nicht richtig gemacht, oder sie haben nichts zu erzählen. 

IDEENENTWICKLUNG

Bei der Weiterentwicklung Ihrer Ideen sollten Sie vier Punkte im Auge behalten:

1. Die Machbarkeit. Ist das angedachte Projekt im verfügbaren Zeitraum umsetzbar? Gibt es Dreharbeiten in allen fünf Kontinenten oder beschränken Sie sich wohlweislich auf eine oder wenige Locations? Wie kann der Aufwand in allen Produktionsabteilungen ansonsten reduziert werden? Gibt es Alternativen? Vielleicht sind die ja viel tauglicher, als die ersten Gedanken (siehe Punkt 4)?

Ein Beispiel: Ihr Team will eine wilde Verfolgungsjagd drehen mit Gangstern, Bankraub, Schießerei, Rennwagen, 20 Polizeiautos, Hubschrauber – also das volle Programm. Abgesehen davon, dass die Realisierung unter eingeschränkten Produktionsbedingungen kaum machbar ist, haben alle so ein Szenario schon zur Genüge gesehen. Aber was wäre, wenn der Räuber z.B. ein Skateboard entwendet und er vom Besitzer mit seinen Freunden verfolgt wird? Diese Spielanordnung ist machbar, was die Jugendlichen auch sofort verstehen, und sie hat größeres Potenzial an Originalität. Außerdem fühlt Ihr Team sich ernst genommen. Ihre scheinbar abstrusen Ideen werden nicht sofort vom Tisch gewischt, sondern variiert.

2. Das Produkt: Ein in sich geschlossener Kurzfilm, der möglichst zielstrebig auf einen finalen Höhepunkt zusteuert. Gerade den Jugendlichen ist es wichtig, dass sie nach Abschluss des Projekts etwas in den Händen halten, das sie maßgeblich mit gestaltet haben. Wer einen beschäftigungstherapeutischen Ansatz verfolgt, nach dem Motto – wir schwenken ein bisschen in der Gegend rum und sind gut drauf – könnte sich zumindest fragen, warum er mit seinem Team an einem schönen Sommertag nicht alternativ ins Freibad geht.

Eine nicht unwesentliche Aufgabe eines Projektleiters ist es, dieses Endprodukt und das dafür erforderliche Zeitbudget ständig im Auge zu behalten. Das können die Jugendlichen (noch) nicht. Ihre Qualitäten liegen auf anderem Gebiet. Sie sollen ja erst lernen, wie wertvoll und beglückend es sein kann, im Team ein Produkt herzustellen, auf das man stolz sein kann.

3. Die Dramaturgie. Erst mal so viel: Es gibt eine Fülle von Regeln und Modellen (vom 3-Akt-Modell bis zum 12-Akt-Modell), die in der praktischen Anwendung niemand so recht glücklich machen. Der Extrakt all dieser verständlichen Versuche, einen Dschungel durchdringlicher zu machen, ist folgender: Kreieren Sie eine (oder mehrere) originelle Figur(en) und treiben Sie diese in maximale Schwierigkeiten!
Dabei muss es nicht um die Rettung der Welt gehen. Im Gegenteil. Es könnte zum Beispiel das Kind eines allein erziehenden Elternteils sein, das in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Welche Probleme resultieren daraus für das Kind? Es könnte ein kleiner Junge sein, der sich verlaufen hat? Es könnte ein Mädchen sein, das von Mitschülerinnen ausgegrenzt wird usw.

Wichtig ist – neben den Schwierigkeiten – die Originalität, die Prägnanz einer Figur, weniger die sympathische Ausstrahlung. Dann hat der Zuschauer die Chance auf eine emotionale Anteilnahme.

4. Techniken der Stoffentwicklung. Man kann alles trainieren, auch das Dramatisieren einer Idee. Folgende Techniken lohnen auch eine Anwendung bei Jugendfilmprojekten:

a) Die erste Idee wird naturgemäß eine banale sein, weil sie einem als erstes einfällt. Das Naheliegendste ist aber auch meist langweilig, was bekanntlich zu vermeiden ist. Die erste Idee ist also nicht mehr und nicht weniger als ein elementarer Ausgangspunkt. Deshalb ist es wichtig sie zu benennen. Keine Scheu vor Banalitäten. Sie sind wichtig, damit man weiß, wie man sich von ihnen befreien kann.

b) Versuchen Sie, alle Spielanordnungen auf den Kopf zu stellen. Wenn beispielsweise ein Mädchen die Hauptrolle spielen soll, überlegen Sie, wie sich die Geschichte ändert, wenn die Rolle ein Junge ausfüllen würde? Welche Anordnung bietet das größte dramatische Potenzial?

Was ist, wenn das geplante Happy End ersetzt wird durch ein dramatisches Ende und umgekehrt? Versuchen Sie, sich und Ihr Team im produktiven Hinterfragen sämtlicher Planungen zu trainieren: Könnte unsere Geschichte, unserer Film nicht optimiert werden, wenn wir es an dieser Stelle ganz anders machen, als zunächst gedacht? Üben Sie den Perspektivwechsel, die Umkehrung von Verhältnissen.