Cry Macho (Clint Eastwood) USA 2021

Clint Eastwood hat in in 50 Jahren ganze 38 (!) abendfüllende Spielfilme gedreht, darunter einige Meisterwerke (s. TOP 20). „Cry Macho“ gehört nun wirklich nicht dazu. Liegt es am fortgeschrittenen Alter? Eigentlich nicht. Erst drei Jahre zuvor, also im Alter von 88 Jahren(!), hat er den fulminanten Thriller „The Mule“ hergestellt, im Alter von 79 Jahren den langweiligen „Invictus“. Das Alter kann’s also nicht sein. Was denn?

Genre

Schon eine Genreeinstufung fällt schwer. Für einen Thriller ist „Cry Macho“ zu langweilig, für eine Komödie nicht witzig genug, für ein Familiendrama zu seicht. Außerdem tragen eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten zum unentschlossenen Gesamteindruck bei. Es fängt damit an, dass der 91-jährige Held Mike Milo (Clint Eastwood), ein ehemaliger Champion im Rodeoreiten, von seinem Boss Howard Polk gedemütigt und entlassen wird. Sehr merkwürdig. Wie darf man sich denn die 60 Jahre, die zwischen Unfall und Entlassung liegen, vorstellen? Hat Mike auf einer Art Gnadenhof sein Dasein gefristet? Erteilt man jemandem, den man gedemütigt und gefeuert hat, dann noch einen Auftrag?

Exposition

Damit sind wir bei der nächsten Szene, die ein viel tauglicherer Beginn gewesen wäre. Mike soll nämlich den inzwischen 13-jährigen Sohn von Howard, Rafael „Rafo“ Polk, von Mexiko-City nach Texas bringen. Angeblich wird er dort von seiner Mutter Leta schikaniert und misshandelt. Mike willigt ein und damit beginnt die eigentliche Geschichte.

Die nächste Merkwürdigkeit wartet in Mexiko-City in Gestalt der Mutter, die eine Art weiblicher Gangsterboss oder Bordellchefin mimt – wie das Leben eben so spielt. Kein Wunder, dass sich Sohnemann schon längst davon gemacht hat. In Letas Augen ist Rafo ein „Monster“, das „seine Eltern hasst“. Anschließend versucht sie den 91-Jährigen zu verführen (?), was der leider ablehnt. Derartige Abstrusitäten tragen nicht unbedingt zum Verständnis für die Figuren bei. Jedenfalls macht Mike sich auf die Suche und stöbert den Bengel schließlich in einer illegalen Arena für Hahnenkämpfe auf. Rafo gibt sich widerspenstig, ist in Wirklichkeit aber neugierig, weshalb er sich zusammen mit seinem Hahn „Macho“ in Mikes Wagen versteckt. Mama droht Mike noch, ihm mexikanische Polizisten auf den Hals zu hetzen, wenn er nicht sofort wieder abhaut. Außerdem schickt sie ihm noch Aurelio, einen ihrer Bodyguards, hinterher.

Roadmovie

Damit sind eigentlich alle Zutaten für eine spannende Verfolgungsjagd beisammen: Ein interessanter Held, ein widerborstiger Junge – das „Odd-Couple-Paar“, Gangster und Polizisten auf ihren Fersen. Wie man diese Reise derart spannungsfrei gestalten kann, ist schon erstaunlich, vor allem bei Clint Eastwood. Jedenfalls – was wir ja alle schon ahnen – nähern Mike und Rafo sich an. Der Junge hat blaue Flecken am Körper, die von Mama oder einem Onkel stammen. Die Version seines Vaters scheint also zu stimmen? Auf einem Parkplatz will Aurelio den Jungen in seine Gewalt bringen. Doch durch einen Trick kann Rafo den Gangster außer Gefecht setzen.

Nachdem Mikes Wagen geklaut wird, stehlen sie selber einen. Aus Furcht vor der Polizei (?) suchen beide in einer Kneipe Zuflucht. Marta, die verwitwete Besitzerin, erweist sich als außerordentlich zuvorkommend und hilfsbereit, was zwar ganz schön ist, aber nicht sonderlich dramatisch. Jedenfalls hat Marta ein ähnlich tragisches Schicksal auf dem Buckel wie Mike und einen Haufen Enkelkinder bei sich. Alle freunden sich an und auch Rafo fühlt sich wohl in der Opa-Kinder-Kommune.

Als Aurelio endlich auftaucht, müssen sie weiter fliehen. Bei einem Telefonat mit Howord erfährt Mike einen weiteren Aspekt seines Auftrags: Einen Rechtsstreit mit seiner Ex-Frau will er mit Hilfe des Jungen zu seinen Gunsten entscheiden. Diese Neuigkeit erzählt Mike dem Jungen, der ihn daraufhin als Lügner bezeichnet. Wieder eine dieser Merkwürdigkeiten. Welchen Grund hat Rafo zu der Annahme, dass Mike schon vorher von diesem Rechtsstreit wusste? Eigentlich keinen, zumal Mike ihm diese Neuigkeit sofort anvertraut. Das Gefühl des Verrats verpufft auch sofort, denn die beiden werden von korrupten Polizisten kontrolliert. Die kann Mike aber mit ein paar Dollarscheinen verscheuchen. Anschließend chauffiert er Rafo zu einem kleinen Grenzübergang, an dem Papa schon wartet. Nachdem der seinen Jungen in die Arme geschlossen hat (wieso lässt Rafo das zu?), kehrt Mike zu Marta zurück. Das grenzt schon fast an Kitsch und hätte man dem alten Rauhbein (Clint Eastwood) gar nicht zugetraut. Ist aber so.

Schwachpunkte

Ein weiterer Schwachpunkt in „Cry Macho“ sind auch die fehlenden Begegnungen zwischen dem Jungen und seinen Eltern. Wir erfahren nur die unterschiedlichen Standpunkte und Interessen, denen wir glauben können oder nicht. Schön wäre aber eine Überprüfung durch Handlungen und Konflikte der Betroffenen gewesen. Gangster Aurelio ist leider eine Knalltüte und die Polizisten sind entweder harmlos wie der Hilfssheriff, der mehr an der Heilung des erkrankten Hundes seiner Frau interessiert ist, oder leicht zu bestechen. An dieser Stelle hätte man sich eine wirkliche Wendung gewünscht.

Lösungen

Wie wär’s denn gewesen, wenn die beiden Streifenpolizisten Rafo mitgenommen hätten? Dann hätte Mike ein echtes Problem gehabt, was ja dramaturgisch gesehen nicht schlecht gewesen wäre. Da sind wir beim Protagonisten, der hier – im Gegensatz zu „The Mule“ – eine glatte Fehlbesetzung ist. Als 60-Jähriger hätte man ihm die Romanze mit Marta noch abgekauft, aber mit 91? Außerdem wäre es besser gewesen, wenn Rafo nicht freiwillig mit Mike mitgefahren wäre, der ihn also gekidnappt hätte. Warum? Weil das seine Probleme multipliziert und die Annäherung zwischen dem Odd-Couple-Paar fachgerecht bis zum Schluss hinausgezögert hätte.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Cry Macho"

Sully (Clint Eastwood) USA 2016

Clint Eastwood hat schon ein Gespür für taugliche Filmstoffe. In „Sully“ konzentriert er sich ganz auf die inneren und äußeren Konflikte seines Helden, Commander Chesley „Sully“ Sullenberger (Tom Hanks). Die spektakuläre Notlandung eines vollbesetzten Jets auf dem Hudson River dürfte noch in Erinnerung sein. Dabei stellt der Regisseur nicht die dramatischen Ereignisse dieser Beinahe-Katastrophe in den Vordergrund, sondern menschliche Schicksale, die anklagenden Recherchen der sofort etablierten Untersuchungskommission und die Selbstzweifel des Protagonisten.

Die Kommission macht Sully und seinem Kopiloten nämlich zum Vorwurf, nach dem Ausfall der Triebwerke nicht sofort zum Flughafen zurückgekehrt zu sein. Damit hätten beide aber das Leben sämtlicher Insassen aufs Spiel gesetzt. Zusätzlich wurde hier natürlich ein intakter Düsenjet in den Hudson River versenkt. Auch das ist Teil der Anklage, die von sämtlichen Computer-Simulationen untermauert wird. Dagegen ist Sully für die 155 Passagiere, die ausnahmslos gerettet wurden, und für die Öffentlichkeit ein Held. Allerdings belasten ihn diese Vorwürfe, die von seiner angespannten finanziellen Situation verstärkt werden. Wenn Sully schuldig gesprochen wird, darf er nie wieder fliegen und verliert zudem sämtliche Pensionsansprüche. Auch daraus bezieht der Film seine Dramatik.

Die Hauptfigur ist mit Tom Hanks kongenial besetzt. Nach außen hin versucht er gelassen zu wirken, aber die Vorwürfe treffen ihn ins Mark. Denn er ist ein Pilot aus Leidenschaft, seit 42 Jahren wie er betont: „Das war mein ganzes Leben.“ Am Ende kann er die Kommission davon überzeugen, dass ihre Berechnungen einen Aspekt außer Acht gelassen haben, nämlich den Faktor Mensch. Noch nie in der Geschichte der Luftfahrt sah sich ein Flugkapitän mit dem kompletten Ausfall seiner Triebwerke durch multiplen Vogelschlag konfrontiert. Also hätten die Berechnungen eine angemessene Reaktionszeit einkalkulieren müssen. Nach entsprechenden Neuberechnungen verlaufen sämtliche Computer-Simulationen im Desaster. Erst jetzt wird deutlich, welche flugtechnische Meisterleistung hier vollbracht wurde. Der Film endet mit der vollständigen Rehabilitierung der beiden Piloten und mit der Gewissheit, dass sie nicht nur das Leben sämtlicher Insassen gerettet haben.

Keine Schwachpunkte? Doch! Wie in „Der Spion“ ist auch hier die authentische Vorlage eine Spannungsbremse. Sully ist von Anfang an zu sehr der Held, dem eigentlich nur die Untersuchungskommission das Leben schwer macht. Nicht aber sein Kopilot, die Crew, die Passagiere, die Presse oder etwa seine Ehefrau „Lorrie“. Die hält in den Telefonaten tapfer zu ihrem Mann und bekräftigt ihre Liebe. Das ist zwar sehr schön, aber nicht sonderlich dramatisch. In Clint Eastwoods „American Sniper“, der ebenfalls auf tatsächlichen Ereignissen beruht, wird der Held mit einem Ehedrama konfrontiert.

Insgesamt wäre mehr Abkehr von den Ereignissen im Januar 2009 wünschenswert gewesen. Genau das hat Clint Eastwood ja auch zum Wohle der Geschichte mit der Darstellung der NTSB-Ermittler getan. Tatsächlich verhielten sich die Mitglieder der Untersuchungskommission nämlich nicht feindselig und anklagend, zwar kritisch, aber sachlich und wertschätzend. Auf diese Diskrepanz wies auch der leibhaftige Sullenberger hin. Ist die Verzerrung historisch belegter Abläufe in einem Spielfilm nun fragwürdig? Ich meine NEIN. Zum Wohle einer Geschichte sollte ein Erzähler das dramatische Potenzial ausschöpfen. Es ist ja kein Dokumentarfilm.

Anmerkungen eines befreundeten Piloten: Zum einen hat Sully alles richtig gemacht, vor allem mit seiner Entscheidung nicht den nahegelegenen Flughafen Tettoboro anzusteuern, wie ihm die Fluglotsen empfohlen hatten. Das wäre – wie spätere Simulationen demonstriert haben – im Fiasko geendet. Des weiteren hat er auf einen zeitraubenden „Engine Restart“ verzichtet. Dann war auch Glück im Spiel. Sein Kopilot war zwar relativ unerfahren, aber fit in der Theorie (Notfallhandbuch). Außerdem hatte Sully mit den ruhigen Wetterverhältnissen schlichtweg Glück. Wenn den Flieger eine 50 cm hohe Welle getroffen hätte, wäre er auseinander gebrochen.

Am Schluss des Films lehnt Sully es vor der Untersuchungskommission ab, als Held bezeichnet zu werden. Er macht darauf aufmerksam, dass nur das Zusammenwirken von Crew, Passagieren und Rettungskräften eine Katastrophe verhindert hat: „Wir alle waren es. Wir haben überlebt.“ Der Film ist eine Hymne an die Kraft des Zusammenhalts, die Menschen in Notsituationen entwickeln können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Sully"

Pale Rider (Clint Eastwood) USA 1985

Mit seiner Kritik am Raubtierkapitalismus und am Raubbau an der Natur war „Pale Rider“ seiner Zeit weit voraus. Der Western ist eine Variation von Akira Kurosawas Abenteuerepos „Die sieben Samurai“. Anstelle eines Bauerndorfes wird hier eine Goldgräbersiedlung in einem kalifornischen Canyon regelmäßig von Männern des Minenbesitzers LaHood überfallen. Anstatt sieben Samurais kämpft hier nur einer zusammen mit den Siedlern für Frieden und Gerechtigkeit. Das ist kein Geringerer als der „Pale Rider“, den alle Prediger nennen (Clint Eastwood). Anfangs tritt er noch in der Verkleidung eines Reverends auf, um im Verlauf der Geschichte sein wahres Gesicht zu zeigen, nämlich das eines Revolverhelden. Das Szenario ist ganz einfach und verständlich angelegt: Gut gegen Böse in winterlicher Gebirgslandschaft. Das ist ein großer Pluspunkt, wobei die Guten – anders als in den US-amerikanischen Western der 50er und 60er Jahre – auch mal mit unlauteren Mitteln kämpfen. So sprengt zum Beispiel der Prediger zusammen mit dem Goldgräber Hull Barret (Michael Moriarty) das gegnerische Lager mit Dynamit in die Luft.

Der Film beginnt mit einer Gruppe von Reitern, die sich im rasenden Galopp einer Siedlung von Goldgräbern nähern. Das Getrappel der Pferde schwillt bedrohlich an. Im Lager reißen die Männer Hütten und Zelte nieder und schießen wild um sich. Aber es sind Warnschüsse. „Nur“ der Hund der 15-jährigen Megan wird tödlich getroffen. Die lebt im Camp mit ihrer alleinerziehenden Mutter Sarah Wheeler (Carrie Snodgress). Ihr Mann, das wird später deutlich, hat sich schon Jahre zuvor aus dem Staub gemacht. Umworben wird sie von Hull Barret. Nach dem Überfall kutschiert dieser, trotz Warnungen, in die nahe gelegene Stadt, um Vorräte zu besorgen. Dort wird er von Lahoods Leuten verprügelt, bis der auftauchende Prediger ihm aus der Patsche hilft. Zusammen kehren sie ins Lager zurück. Trotz seiner Kleidung erscheint der Prediger Megan wie die leibhaftige Erfüllung ihres erbeteten Beistands. Sowohl das junge Mädchen als auch ihre Mutter verlieben sich in den Fremden.

Der Canyon, in dem LaHood mit modernster Technik das Erdreich abträgt, ist wenig ergiebig. Nach einem Goldfund im Lager der Siedler will er deshalb mit allen Mitteln an ihre Claims. Vergeblich versucht LaHood, den Prediger zu bestechen und auf seine Seite zu ziehen. Aber der ist natürlich nicht käuflich und schlägt stattdessen vor, den Siedlern ein Kaufangebot in Höhe von 1.000 Dollar pro Claim zu machen. LaHood willigt schließlich ein, droht aber bei Scheitern der Kaufverhandlungen mit Marshal Stockburn und seinen Deputys. Das sind keineswegs Gesetzeshüter, sondern bezahlte Killer, die der Prediger zu kennen scheint.

Einige der Goldgräber wollen verkaufen, bis Hull eine flammende Rede hält und an ihren Teamgeist und ihre Würde appelliert. Schließlich entscheiden die Siedler sich zum Verbleib. Am nächsten Morgen scheint der Prediger verschwunden. Aber er holt nur seine Waffen aus einem Depot in der Stadt. Seine Verwandlung zum Revolverhelden ist nun vollkommen. Mittlerweile haben Stockburn und seine Leute den Ort erreicht. Ihre erste „Amtshandlung“ besteht darin, den betrunkenen Goldgräber Spider zu erschießen. Nachdem der Prediger LaHoods Lager in die Luft gesprengt hat, macht er sich allein auf den Weg zum letzten Duell in die Stadt. Dort wird er bereits von Stockburn, den Deputys und LaHoods Männern erwartet. Der Prediger kann seine Gegner separieren und einen nach dem anderen ausschalten, bis auf LaHood. Der versucht ihn aus dem Hinterhalt zu erschießen. Doch der herbeigeeilte Hull rettet dem Prediger das Leben. Dann reitet der „Pale Rider“ allein von dannen.

Trotz des Einzelgängertums seines Helden ist „Pale Rider“ ein Plädoyer für den Teamgeist. Der Zusammenschluss verleiht den Siedlern Rückhalt und Kraft. Er führt die Wende im bleihaltigen Kampf herbei. Selbst der einzelkampferprobte Prediger wäre ohne Hulls mutigen Beistand am Ende erschossen worden. Die Dialoge sind manchmal etwas banal, dann wieder erfrischend lakonisch und fragmentiert. Anstatt sich am Ende umständlich bei seinem Lebensretter zu bedanken, bemerkt der Prediger nur folgendes: „Sie sind gut zu Fuß.“ Hulll: „Ja, das bin ich.“ Mehr muss man ja auch nicht sagen.

Sehr schön ist auch die angedeutete „Unmögliche Liebe“ zwischen dem Prediger und Sarah bzw. zwischen dem Prediger und Megan. Beide Beziehungen haben keine echte Chance. Die schwärmerischen Avancen der Tochter weist der Prediger zurück und beschützt sie damit. Die Mutter wählt am Ende Hull, den sie zwar weniger liebt. Aber er ist der Partner, der sie nicht verlassen wird, wie einst ihr Ex-Mann oder der „Pale Rider“.

Demgegenüber leidet der Spannungsaufbau an der Kunstfigur des einsamen Revolverhelden. Der agiert sowohl mit seinen Fäusten als auch mit seinen Waffen im Stile eines Supermannes, weshalb man sich auch nicht groß ängstigt. Sein einziger Fauxpas, LaHoods Hinterhalt, kommt zu spät. Schade. Das hat Clint Eastwood in seinem späteren Meisterwerk „Erbarmungslos“ wesentlich besser gelöst. Da kommen die Helden verletzlicher und gebrochener daher. Insofern ist „Pale Rider“ eigentlich nur eine Fingerübung für den großen Wurf. Dieser Schwachpunkt betrifft auch die Antagonisten. Marshal Stockburn hat der Strategie des Predigers beim Showdown nichts entgegenzusetzen. Auch beim finalen Duell lässt er sich einfach erschießen. Da ist Sheriff Little Bill (Gene Hackman) in „Erbarmungslos“ schon ein anderes Kaliber. Man hätte auch gern mehr über die Vorgeschichte von Stockburn und dem Prediger erfahren. Offensichtlich sind sie in der Vergangenheit schon einmal aneinander geraten, worauf auch die Schussnarben auf dem Rücken des Predigers hindeuten. Stockburn hat ihn wohl für tot gehalten. Aber was genau passiert ist, bleibt leider im Dunkeln.

Die Szene mit dem betrunkenen Goldgräber Spider, der Stockburn und seine Leute auf der Straße provoziert, ist kompletter Unfug. Selbst im alkoholisierten Zustand kann man eigentlich nicht so blind ins Verderben laufen. Außerdem hätten seine anwesenden Söhne ihn vor dieser Dummheit bewahren müssen. Insgesamt ein leidlich spannender, aber origineller und unterhaltsamer Western vor beeindruckender Gebirgskulisse.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für "Pale Rider"
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Die letzten beißen die Hunde (M. Cimino)

Schon die Eröffnungsszene deutet daraufhin, dass man in diesem bleihaltigen Roadmovie nicht alles ernst nehmen sollte. Gangster „Red Leary“ betritt eine Kirche, in der gerade ein Gottesdienst stattfindet. Er eröffnet das Feuer auf den Prediger „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der wie durch ein Wunder nicht getroffen wird und fliehen kann. Einer von den vielen Hollywood-Unverwundbaren. Wer mal etwas Gegenteiliges erleben möchte, dem sei zum Beispiel „Lone Survivor“ von Peter Berg empfohlen. „Die letzten beißen die Hunde“ ist ein Roman von Max Pierre Schaeffer und hat mit diesem Film aber auch gar nichts zu tun (ich dachte, Buchtitel sind geschützt?). Abgesehen davon ist der Filmtitel nicht sonderlich originell und müsste – wenn schon, denn schon – eigentlich „Den letzten beißen die Hunde“ heißen, weil Red Leary, und sonst keiner, am Ende von einem Wachhund getötet wird.

Schön sind die Landschaftsaufnahmen und die Unbekümmertheit, mit der Michael Cimino in seinem Debütfilm zu Werke geht. Er hat überhaupt keine Berührungsängste mit Handlungsunlogik oder machohaftem Gehabe. Die Gangster, die anfangs ohne Vorwarnung rumballern, machen plötzlich mit Thunderbolt und Lightfoot (Jeff Bridges) gemeinsame Sache. Warum? Egal. Neben dem durchgeknallten Fahrer eines aufgemotzten Wagens, der die beiden ein Stückchen mitnimmt, befindet sich ein Waschbär, im Kofferraum dutzende von Kaninchen. Manchmal schmunzelt man über die Absurditäten oder über die Dialoge, die teilweise unfreiwillig originell, machohaft oder auch einfältig sind. Spannung entsteht zu keiner Zeit. Trotzdem verbreitet der Film gute Laune. Das liegt an Ciminos Rücksichtslosigkeit, an seiner Liebe zum Film und dem 70er-Jahre-Zeitgeist. Dass er es besser kann, hat er 1978 mit „The Deer Hunter“ bewiesen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Die letzten beißen die Hunde"
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Ein wahres Verbrechen (Clint Eastwood)

Eigentlich beruhigend, dass Clint Eastwood in der Spätphase seines Schaffens, in der eine Reihe von Meisterwerken entstanden sind, auch mal einen Film richtig in den Sand gesetzt hat. Immerhin widmet er sich in „Ein wahres Verbrechen“ einem klassischen Erzählmotiv („Unschuldig Beschuldigt“). Er baut Spannung auf und reizt die Deadline natürlich bis zum Äußersten aus – Handwerk eben. Eindrucksvoll ist die dokumentarisch anmutende Inszenierung der Hinrichtung. Spätestens wenn sich der Vorhang vor dem hell erleuchteten Lager des Todgeweihten öffnet, wähnt man sich als unfreiwilliger Zuschauer einer makabren Theateraufführung. Das sind die Stärken dieses Films, der auch ein schonungsloses Plädoyer gegen die Todesstrafe ist.

Schwachpunkte

Wie in vielen seiner Filme spielt Clint Eastwood auch in „Ein wahres Verbrechen“ den Helden, und zwar den Journalisten Steve Averett, einen „Lonely Wolf“ mit ausgeprägter Spürnase. Völlig unglaubwürdig ist allerdings sein Gespür für die Unschuld des zum Tode verurteilten Frank Beechum, wofür er gerade mal einen halben Tag benötigt. Damit werden aber auch sämtliche polizeilichen Ermittlungen und juristischen Verfahren, die sich ja vorab monatelang hingezogen haben werden, ad absurdum geführt. Hinzu kommt eine ganze Menge privater Schnickschnack, der keinerlei Handlungsrelevanz besitzt. Das wiederholte Flirten des ca. 70-jährigen Helden mit jungen Mädchen, die seine Avancen dann auch noch erwidern, wirkt einfach peinlich. Seine Eheprobleme und Seitensprünge haben mit der Geschichte überhaupt nichts zu tun. Sie dienen dem Regisseur nur der Verarbeitung privater Eheprobleme und sind immer wieder Thema in seinen Filmen („Erbarmungslos“, „American Sniper“, „The Mule“ usw.). Ebenfalls völlig überflüssig ist der tödliche Verkehrsunfall seiner jungen Kollegin.

Lösungen

Folgendes wäre besser gewesen: Eine Konzentration auf den Justizirrtum, dem ja ein tatsächlicher Fall („True Crime“ nach einem Roman von Andrew Klavan) zugrunde liegt. Eine zeitliche Erweiterung der Deadline auf mindestens eine Woche, damit seine Ermittlungsarbeit eine Glaubwürdigkeit erhält. Vor allem aber wäre es dramaturgisch besser gewesen, wenn Averett nicht sofort an die Unschuld des Verurteilten geglaubt hätte. Er hätte gezwungen werden müssen, diesen Auftrag anzunehmen, quasi seine letzte Chance. Besser wäre auch die Etablierung einer Antipathie zwischen Averett und Beechum gewesen (Odd Couple). Kurz vor Ultimo wäre er dann auf entlastendes Material gestoßen. Rest wie gehabt.

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Die Brücken am Fluss (Clint Eastwood)

In jüngeren Jahren hat Clint Eastwood auch viel Murks gedreht. Aber er hat dazu gelernt wie kaum ein anderer. Als er bei „Die Brücken am Fluss“ die Regie und die männliche Hauptrolle übernahm, war er bereits im Rentenalter. Die Vorlage ist ein mittelmäßiger Roman von Robert James Waller. Das Gespür für das dramatische Potenzial dieses Stoffes hatte Steven Spielberg, der die Rechte dann an Warner Brothers abtrat. Die wiederum beauftragte Clint Eastwood mit der Realisierung.

Die Geschichte ist unglaublich konzentriert und schnörkellos erzählt. Sie benötigt eben keine Ablenkungsmanöver. Es beginnt mit einer Rahmenhandlung. Die Geschwister Michael und Carolyn treffen sich, um den Nachlass ihrer gerade verstorbenen Mutter Francesca zu regeln. Dabei entdecken sie ein mehrbändiges Tagebuch, dass die unglückliche Liebe ihrer Mutter zu einem älteren Mann beschreibt. Im ersten Moment reagieren die Kinder abwehrend und verstört. Aber dann siegt die Neugier und sie erforschen dieses Geheimnis, das ihre Mutter mit ins Grab genommen hat.

Francescas Liebesgeschichte wird in Rückblenden erzählt und beginnt mit einer Deadline. Es ist keine der üblichen Galgenfristen wie z.B. in „96 Hours“. In „Die Brücken am Fluss“ begeben sich Ehemann und Kinder für vier Tage auf eine Landwirtschaftsausstellung. 96 Stunden, die Francescas Leben auf den Kopf stellen sollen. Schon am ersten Tag lernt sie den Fotografen Robert kennen und verliebt sich in ihn. Es ist eine schicksalhafte Begegnung. Denn er ist der Mann ihres Lebens. Das Drama wird hier kunstgerecht auf die Spitze getrieben. Denn auch für Robert ist sie die Frau seines Lebens. Und doch gibt es für beide keine Zukunft. Wenn sie mit ihm gehen würde, könnte sie nicht glücklich werden, weil sie ihre Familie im Stich gelassen hat. Im Grunde geht es um verpasste Chancen, oder darum, dass manche Dinge einfach zum falschen Zeitpunkt passieren.

Die Retardierung, das Zelebrieren dieser aussichtslosen Lage ist ein dramaturgisches Kunststück und wird hier bis zum Exzess ausgereizt. Noch nach dem Ablauf der Deadline schaffen die Filmemacher einen der bewegendsten Momente der Filmgeschichte. Francesca ist nämlich mit ihrem Ehemann zu Besuch in der nahegelegenen Stadt, als sie im Auto an einer roten Ampel warten müssen. Vor ihnen, was nur sie und der Zuschauer weiß, der Wagen von Robert. Er wartet auch noch als die Ampel schon längst auf grün geschaltet ist. Ihre Hand umklammert den Griff zum Öffnen der Beifahrertür. Ihr visualisierter innerer Kampf wird zum Zerreißen gedehnt, bis sie den Geliebten am Ende fahren lässt und sich ihren Tränen ergibt. Das ist einfach genial gestaltet! Sehr schön auch der Übergang in die Gegenwart. Denn die Liebesgeschichte ihrer Mutter hat auch die Kinder aufgerüttelt und ist unmittelbarer Auslöser für Veränderungen in ihrem Leben.

Herausragend ist vor allem die schauspielerische Leistung von Meryl Streep. Hier stimmt jede Kleinigkeit, jeder Blick, jede Geste. Es ist diese Mischung aus ungekünstelter Leichtigkeit und Leidenschaft, die einen in den Bann zieht, in diesem berührendsten Melodrama der Filmgeschichte.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 blaue Smileys für "Die Brücken am Fluss"
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