Eine Fantastische Frau (Sebastián Lelio) CHL 2017

„Eine Fantastische Frau“ ist ein eher ruhiges Melodrama über „Die unmögliche Liebe“ der Trans*Frau Marina zum älteren Orlando in Santiago de Chile. Sehr schön ist die Konzentration auf die interessante Hauptfigur, die der Film zu keiner Zeit aus den Augen verliert. Ansonsten sind die Filmemacher leider Opfer ihrer guten Absichten und ihres eingeschränkten Könnens. Die Liebesgeschichte ist mit dem plötzlichen Herztod Orlandos nach fünf Minuten zu Ende. Das ist schade, denn wir hätten gern mehr über beide erfahren. Wie sollen wir Anteilnahme mit Marinas Trauer entwickeln? Die Begegnungen zwischen den Liebenden sind ähnlich kurz geraten wie die der Protagonisten in „Unterwegs nach Cold Mountain“, also letztlich eine behauptete Liebe. In Clint Eastwoods grandiosem Melodrama „Die Brücken am Fluss“ ist das zeitlich Verhältnis genau umgekehrt: 90% der Geschichte sind wir bei den Liebenden, nur den Rest der Zeit ohne sie.

Wichtiger sind den Filmemachern offensichtlich die zum Teil selbst verschuldeten Demütigungen, die Marina nach Orlandos Tod erfährt. Da gibt es polizeiliche Ermittlungen, weil Orlandos Leichnam Hämatome aufweist. Die resultieren aus einem Sturz im Treppenhaus, als Marina ihn ins Krankenhaus transportiert. Dann taucht noch eine obskure Kommissarin für Sexualdelikte auf, die Marina verdächtigt, erpresst und demütigt. Da fragt man sich auch, ob es in Chile keine Pflichtverteidiger gibt, die die Belange von Beschuldigten vertreten? Jedenfalls wirken diese Ermittlungen teilweise konstruiert und haben, was am Gravierendsten ist, keine Konsequenzen. Ein Verstoß gegen die dramaturgische Kardinalregel: Ein Held sollte in der jeweiligen Spielanordnung immer das Schlimmstmögliche durchleiden. Wer braucht schon Ermittlungen, die keine Konsequenzen haben? Apropos: Marina ist noch im Besitz eines Schlüssels des Verstorbenen zu einem Schließfach. Der gehört zu einem Spind in der Sauna, zu dem Marina sich trotz anwesender männlicher Gäste ungehindert Zugang verschaffen kann. Dann öffnet sie den Spind, in dem sich nichts, aber auch gar nichts befindet. So reiht sich eine Folgenlosigkeit an die andere. Das große Verpuffen.

Wenn Marina gegen den ausdrücklichen Wunsch von Orlandos Familie partout an der Totenwache und der Beerdigung teilnehmen will, hat das auch etwas Masochistisches. Ist doch klar, dass ihr dort Feindseligkeit entgegenschlägt. Um von einem Toten ungestört Abschied zu nehmen, bedarf es doch nicht eines Moments, in dem dessen ganze Sippe anwesend ist. Auch Marinas Visionen von Orlando, die ihr im Krematorium erscheinen, haben keinen erzählerischen Mehrwert. Sie erzeugen keine Emotionen. Die handwerkliche Limitiertheit der Filmemacher zeigt sich auch in der Schnittlänge einiger Szenen. Da darf man einige Male sekundenlang die Leere einer Wohnung bewundern, bevor jemand den Raum betritt.

Folgendes wäre besser gewesen: Der Film hätte sich bis zur Hälfte der Liebesgeschichte gewidmet. Nach Orlandos Tod hätte es eine notarielle Testamentseröffnung gegeben, bei der Marina zum ersten Mal Orlandos Ex-Frau und seinen Kindern begegnet wäre. Das Testament hätte sie zur Alleinerbin erklärt. Das hätte den Konflikt zwischen Marina und Orlandos Angehörigen eskaliert. Außerdem hätte die Kriminalpolizei ein Motiv für ihre Verdachtsmomente gehabt, die ansonsten nur spekulativ sind. So hätte man das untergeordnete Erzählmotiv „Unschuldig Beschuldigt“ fachgerecht in den Fokus rücken können. Insgesamt bleibt es leider bei der Behauptung, dass es sich hier um „Eine Fantastische Frau“ handelt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Eine fantastische Frau"