The Little Things (John Lee Hancock) USA 2021

Ja, die 90er Jahre waren kein angenehmer Aufenthaltsort für junge Frauen in den USA. Überall Serienkiller und korrupte Cops. Im Krimidrama „The Little Things“ gibt es gleich sechs tote Frauen in kurzer Zeit. Das muss man erstmal verdauen, auch dass das FBI noch nicht die Ermittlungen übernommen hat. Immerhin sind die Cops nicht korrupt im eigentlichen Sinne. Sie haben Schuld auf sich geladen und leiden darunter. So ist der Satz des alternden Polizisten Joe Deacon (Denzel Washington) zu verstehen: „Es sind die kleinen Dinge, die einen zerreißen oder verraten.“ „Zerreißen“ bezieht sich auf seinen Seelenzustand, hat er doch fünf Jahre zuvor bei einem Polizeieinsatz versehentlich ein noch lebendes Tatopfer getötet, was unter Beihilfe seiner Kollegen gedeckelt wurde. Auch das muss man erst mal verdauen. „Verraten“ bezieht sich auf Deacons akribische Polizeiarbeit, die in Kooperation mit dem jungen, ehrgeizigen Detective Jim Baxter (Rami Malek) schon bald einen Tatverdächtigen ermittelt, den psychopathischen und intelligenten Gelegenheitsarbeiter Albert Sparma, der von Jared Leto herausragend gespielt wird.

Das sind die Highlights dieses psychologischen Krimis: die Ermittlungsarbeit, die Verhöre und das Beschatten des Mordverdächtigen, dem die Polizisten letztlich nichts nachweisen können. Der Krimi baut immerhin eine leidliche Spannung auf, auch wenn die beiden Polizisten nie ernsthaft in Gefahr geraten (im Gegensatz zum Beispiel zu „Das Schweigen der Lämmer“). Es gibt auch gelungene Dialoge, zum Beispiel wenn Deacon seiner Ex-Frau einen Besuch abstattet. Da darf man sich schon ein bisschen Gedanken machen, wenn sie ihn fragt „geht’s dir gut?“ und er „du kennst mich“ antwortet.

Allerdings wird Deacons traumatische Backstory viel zu spät enthüllt. Es gibt immer mal wieder Flashbacks und einen gequälten Gesichtsausdruck, aber wie sollen wir das als unwissende Zuschauer verstehen (s. Anmerkungen zum Informationsfluss in Kapitel 3 auf der Seite „Warum eine TOP 20 der Filmgeschichte“)? Um Mitleiden zu können, bräuchten wir mehr Informationen, so wie Tony Scott es in „Man on Fire“ demonstriert hat, aber keine Geheimniskrämerei. Ein weiterer dramaturgischer Fehler ist auch die frühe Annäherung zwischen den beiden Ermittlern. Ein Odd-Couple-Paar – so und nicht anders sind sie beiden Ermittler etabliert – kommt exakt beim Showdown zusammen und keine Sekunde früher. Warum, dürfte klar sein.

Am Schluss tötet Baxter den Mordverdächtigen Sparma im Affekt und lädt damit eine ähnliche Schuld auf sich wie Deacon fünf Jahre zuvor. Das ist das Drama: bei der Suche nach einem Mörder möglicherweise einen Unschuldigen getötet zu haben. Bis zum Schluss erfährt man nicht, ob Sparma nun tatsächlich der Serienkiller war oder nicht. John Lee Hancock ging es wohl nicht um die Aufklärung eines Whodunits, sondern um das Seelenleben von Mordermittlern, das insgesamt aber zu dürftig beleuchtet wird. Außerdem: Wenn Sparma unschuldig war, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Dann treibt ein Serienkiller weiterhin sein Unwesen und junge Frauen sollten tunlichst von einer USA-Reise absehen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "The Little Things"

The Equalizer (Antoine Fuqua) USA 2014

Hier bekommt die Russenmafia ordentlich eins auf die Mütze. Das haben sie eben davon, wenn sie sich in den Staaten so breit machen. Der Mann, der hier für Gerechtigkeit sorgt, heißt Robert McCall (Denzel Washington). In seinem normalen Leben ist er ein unscheinbarer Mitarbeiter eines Baumarkts, in seinem Vorleben war er Spezialagent des DIA. Vorleben ist hier wörtlich zu nehmen, denn McCall hat sein Ableben und damit seinen Ausstieg aus der Agententätigkeit inszeniert. Dummerweise versucht er anschließend, ein guter Mensch zu sein. Aber dazu gehören Gleichgesinnte, ein anderes Vorleben und andere Fähigkeiten.

So freundet McCall sich in einem Diner mit der Prostituierten Alina (Chloé Grace Moretz) an. Als die von einem Kunden und ihrem Zuhälter Slavi krankenhausreif geschlagen wird, ist Schluss mit lustig. Jetzt kommt meine Lieblingsszene. McCall knöpft sich den Gangster und seine Leute in ihrer Hotelsuite vor. „Na, Opa. kriegst du überhaupt noch einen hoch?“, wird er verhöhnt. Kurz darauf liegen fünf Tote auf dem edlen Teppich. Das geht Ober-Russenmafioso Pushkin gewaltig auf den Keks, weshalb er seinen Mann fürs Grobe, Teddy Rensen, nach Boston schickt, um dort den Laden wieder auf Vordermann zu bringen.Bis zum Showdown müssen noch einige korrupte Polizisten und russische Gangster ins Gras beißen, aber gegen McCall haben sie letztlich keine Chance.

Damit sind wir beim Hauptproblem des Films. Man hat nie wirklich Angst um McCall, der bei seinem Kampf gegen die Übermacht kein einziges Mal eine Schusswaffe benutzt. Er wirkt wie eine Kunstfigur, wie Superman ohne Kostüm. Zudem nervt seine missionarische Gutherzigkeit, so als müsste er sämtliche Schandtaten seines Vorlebens wieder ausbügeln – „The Equalizer“. Leider erfährt man nichts von diesen Untaten. Man erfährt auch nicht, ob sie ihm in irgendeiner Form zu schaffen machen. Derartige innere Konflikte wären natürlich nicht schlecht für eine Annäherung an diese Figur. Aber so ist McCall einem „equal“. In „Man on Fire“ hat Tony Scott mit dem Ex-Agenten Creasy (ebenfalls Denzel Washington) demonstriert, wie man es richtig macht. Immerhin gibt es jetzt weniger russische Mafiosi. Das ist doch auch was.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "The Equalizer"
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Man on Fire (Tony Scott) USA 2004

Die Exposition ist ein kleines Meisterwerk und deutet schon darauf hin, womit wir es in „Man on Fire“ zu tun bekommen: Mit einem exzellent gemachten, spannenden Thriller. Zudem gibt es ein klassisches Erzählmotiv, nämlich Rache und das wird auch noch – zumindest weitgehend – intelligent abgehandelt, also nicht im Stile von „Ein Mann sieht rot“.

Eigentlicher Star des Films ist die neunjährige Pita Ramos (Dakota Fanning), die mit ihren unbekümmerten, unkorrekten Fragen dem zweiten Protagonisten, den desillusionierten Ex-Agenten John Creasy (Denzel Washington), das Leben schwer macht: „Hast du eine Freundin?“, „Ist das gut schwarz zu sein als Bodyguard in Mexiko?“ usw. Dabei steht Creasy das Wasser sowieso schon bis zum Hals. Eigentlich ist es eher der Whisky und nicht das Wasser, in dem er die Erinnerungen an die Untaten seiner Vergangenheit ertränken will. Er ist schon drauf und dran, sich aus dem Leben zu schießen, aber es hat noch mehrere Wendungen in petto. Erst klemmt die Kugel im Lauf seiner Waffe und dann entwickelt er auch noch Gefühle für die kleine Nervensäge.

Das Schönste an diesem Rachethriller ist die Zeit, die er sich nimmt, um die Freundschaft zwischen beiden zu erzählen. Der Film ist schon zur Hälfte vorbei als Pita ihn soweit hat: „Sie haben eben gelächelt.“ – „Nein. Ich lächle nie.“ Aber Creasy kommt da nicht mehr raus. Die Kleine hat ihn um den Finger gewickelt, ihren großen, traurigen „Creasy-Bär“. Das ist einfach schön. Auf dem Höhepunkt ihrer Freundschaft schenkt Pita ihm einen silbernen Anhänger mit einer Abbildung des Heiligen Judas, dem Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle. Nicht nur Creasy ist gerührt.

Dramaturgisch fachgerecht wird an dieser Stelle die nächste Kehrtwendung vollzogen: Pitas Entführung und vermeintliche Ermordung im Zuge einer desaströsen Lösegeldübergabe. Die ganzen Wendungen und Überraschungen, bis hin zum dramatischen Ende, sind stets plausibel und eskalieren die Spannung. Die Montage und die Kameraarbeit sind herausragend. Die zeitweise angewendete fragmentarische Schnitttechnik inklusive Geschwindigkeitsmanipulationen sind hier kein Selbstzweck. Sie tragen zur Identifikation bei, zur Synchronisation der Gefühle. Wir sehen die Welt mit Creasys Augen. Die Filmmusik ist schräge, einfach und genial. Sie ordnet sich stets dem Geschehen unter und versucht, seine Wirkung zu intensivieren. Und das gelingt ihr. Chapeau! Linda Ronstedts Version von „Blue Bayoo“ ist nicht minder brillant.

Es gibt zwei Schwachpunkte: Samuel Ramos (Marc Anthony) ist nie und nimmer Pitas Vater und schauspielerisch eine komplette Fehlbesetzung. Glaubt er denn allen Ernstes, dass die Kidnapper seine Tochter ungeschoren lassen, nachdem er zusammen mit seinem Anwalt die Hälfte des Lösegeldes abgezwackt hat? Der finanzielle Druck, der auf dem Vater lastet, wird nicht richtig transparent. Hat er in dieser Zwangslage nichts Besseres zu tun, als in der heimischen Villa Golf zu spielen, in der – warum auch immer? – dauernd dutzende von Kerzen brennen? Das martialische Gerede von Pitas Mutter („Töte sie alle!“ und „Legen Sie ihn um!“) nervt einfach nur und passt überhaupt nicht zu ihrer seelischen Verfassung. Creasys Freund Paul Rayburn (Christopher Walken) bläst ins gleiche Horn: „Er (Creasy) ist dabei, sein Meisterwerk (das Töten) zu vollbringen.“ Im Grunde hätten sie in diesen Momenten einfach nur schweigen müssen. Weniger wäre mehr gewesen. Creasy hatte es vorher ja schon auf den Punkt gebracht: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“ Ansonsten macht es einfach Spaß, Tony Scott und seinem Team bei der Ausübung ihres Handwerks zuzuschauen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Man on Fire"
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Safe House (Daniél Espinosa) USA 2012

Jedenfalls wird in „Safe House“ ordentlich geballert und es werden jede Menge umweltschädlicher Autos geschrottet. Das ist gut, genauso wie das Anliegen, den Zuschauer zu unterhalten. Sehr schön sind die Präsentationen der Protagonisten im CIA-Hauptquartier, als eine Mitarbeiterin ihre Profile am Computer aufruft. Während sie knappe Lebensläufe und Beurteilungen vorliest, werden diese Charakterisierungen mit Aktionen der jeweiligen Personen montiert. So genanntes Scene-Merging. Das ist super. Das sorgt für Erzähltempo, erzählerische Tiefe und Spannung.

Aber ansonsten hat man irgendwie alles schon gesehen: Der abtrünnige CIA-Agent, der im Besitz geheimer Daten ist, hinter denen einige Killer her sind, die Verräter in den eigenen Reihen, das Greenhorn, das in diesen Schlamassel gerät und sich beweisen muss. Originell ist das nicht. Außerdem gibt es drei gravierende Schwachpunkte:

1. Das ist zum einen die Figur des Ex-CIA-Agenten Tobin Frost (Denzel Washington), dessen angebliche innere Zerrissenheit zu keiner Zeit transparent wird. Er agiert im Stile eines altklugen, kaltblütigen, staatlich ausgebildeten Killers, der sich – ohne mit der Wimper zu zucken – eine Kugel aus dem Leib pult oder gegnerische Agenten abknallt. In „Man on Fire“ von Tony Scott spielt ebenfalls Denzel Washington einen traumatisierten Ex-Agenten, der die Hälfte des Films damit kämpft, wieder einigermaßen ins Leben zurückzufinden. Da nimmt man ihm seine Verzweiflung ab. Da kann man mit ihm fühlen. Tobin Frost weckt zu keiner Zeit Emotionen.

2. Wenn man eine Liebesgeschichte etabliert, dann sollte sie auch eine Handlungsrelevanz haben oder gestrichen werden. Hier hat die Beziehung des jungen CIA-Agenten Matthew Weston zur Ärztin Ana keine Funktion. Es ist nur eine behauptete Liebe und kann deshalb auch keine Emotionen wecken. Auch hier wird die Chance auf die Erzählung einer „Unmöglichen Liebe“ vertan. Als Matthew seine Freundin am Kapstadter Bahnhof aus der Schusslinie bringen will, hätte sie ihm eigentlich sein Ticket und sein Geld um die Ohren hauen und bei ihm bleiben müssen. Dann hätte er nämlich nicht nur mit seinem gefährlichen Gefangenen untertauchen, sondern sich auch noch um den Schutz seiner Geliebten kümmern müssen. Es wäre ein zusätzliches Problem gewesen, was der Dramatik einer Erzählung noch nie geschadet hat. Vor allem aber wäre dieses Himmelfahrtskommando eine hervorragende Gelegenheit gewesen, sich wirklich näher kennenzulernen und sich nicht mehr anzulügen. Die Thrillerhandlung als Folie für eine „Unmögliche Liebe“ – das wär’s gewesen. Am Ende hätte Ana zum Beispiel als einzige den Showdown überleben können und zwar in einem Moment, in dem beide erkennen, hier die Liebe ihres Lebens getroffen zu haben. Das wäre das Drama gewesen, nicht das Ableben mehrerer Killer. Es wäre auch die Gelegenheit zur Etablierung einer starken Frauenfigur gewesen. Der Fokus auf männliche Attribute wie Raufen, Schießen, Autos zu Schrott fahren, wirkt ein bisschen infantil.

3. Das Gespann Tobin Frost und Matthew Weston hätte die Möglichkeit zu einer Odd-Couple-Konfiguration geboten, d.h. zwei völlig gegensätzliche Charaktere, die aufgrund äußerer Umstände aneinander gekettet sind und sich ständig auf die Nerven gehen. Dieses dramatische und komödiantische Potenzial darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen. In „Midnight Run“ von Martin Brest spielt Robert de Niro den Kopfgeldjäger Jack Walsh, der den abtrünnigen Mafia-Buchhalter Jonathan Mardukas von New York nach Los Angeles bringen soll. Die ganze Zeit spielt Mardukas einen Advocatus Diaboli. Er fragt Walsh über seine gescheiterte Ehe aus und nervt ihn bis aufs Blut. So können wir einiges über die Person des Kopfgeldjägers erfahren, tauchen tief in seine Vorgeschichte, in sein Leben ein. Wir verstehen seine Probleme und können Gefühle entwickeln. Das ist vorbildlich gemacht. In „Safe House“ erzählt Tobin Frost auf Nachfrage von einer tiefergehenden Liebesbeziehung in seinem Leben. Das war’s. Anstatt an dieser Stelle nachzubohren, lässt Matthew es damit auf sich beruhen. Das ist schwach! So kann natürlich keine Tiefe, kein Verständnis und kein Gefühl entstehen. Anstelle einer Odd-Couple-Beziehung dominiert in „Safe House“ ein Lehrer-Schüler-Verhältnis auf Agentenebene.

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