Sicario (Denis Villeneuve) USA 2015

Von Beginn an wird man in diesem Thriller in einen Strudel eskalierender Spannung hineingezogen, der einen bis zum Schluss mitreißt. „Sicario“ von Denis Villeneuve wird aus der Perspektive der Hauptfigur, der jungen FBI-Agentin Kate Macer erzählt, die sich freiwillig einer Anti-Drogen-Spezialeinheit anschließt. Wahrscheinlich eine Abteilung der CIA? Man weiß es anfangs nicht so genau und das ist gut so.

Der Zuschauer erfährt immer genauso viel oder so wenig vom undurchsichtigen Geschehen wie die Heldin. „Sicario“ ist ein Prototyp Ibsenscher Dramaturgie, also der häppchenweisen Enthüllung von dramatischen Ereignissen. Es werden jede Menge Fragen aufgeworfen, die beantwortet werden wollen. Im Fachjargon: produktive Irritation. Wie ein Puzzle fügt sich die Geschichte nach und nach zusammen. Eigentlich geht es um ein klassisches Erzählmotiv, um eine Rachegeschichte. Der von der CIA angeheuerte Söldner Alejandro Gillick will Vergeltung für die Ermordung seiner Familie durch den mexikanischen Drogenboss Alarcón. Dabei ist die Spezialeinheit, der auch Alejandro angehört, nur ein Vehikel für seine Rache und Kate – wie sich am Schluss herausstellt – nur eine Schachfigur. Denn die CIA darf im eigenen Land nur in Zusammenarbeit mit einer anderen Bundesbehörde Operationen durchführen. Nur deshalb wird Kate benötigt. Nicht für den vorgeblichen Kampf gegen den Drogenhandel. Das ist bitter für die idealistische Heldin und deshalb ist es dramaturgisch gut.

„Sicario“ hat zwei Schwachpunkte. Zum einen ist es die Szene an der Grenzstation bei der Überführung eines mexikanischen Drogenbosses, als es zu einem unerwarteten Stau kommt. Ein verdächtiges Fahrzeug wird von schussbereiten amerikanischen Elitesoldaten umstellt. Dass die mexikanischen Gangster in diesem Moment trotzdem zur Waffe greifen, was – oh Wunder! – ihr sofortiges Ableben zur Folge hat, ist schon ein bisschen dämlich. Vor allem aber ein Verstoß gegen eine elementare dramaturgische Regel: Der oder die Antagonisten sollten so intelligent und hinterhältig wie möglich sein. Warum, ist klar. Weil die Protagonisten es dann schwieriger haben.

Der zweite Schwachpunkt ist schon gravierender. Er betrifft den Schluss des Films und der ist nichts anderes als Verrat an der Hauptdarstellerin. Wenn Alejandro Kate nämlich die Pistole auf die Brust setzt, um ihre Unterschrift unter dem geschönten Abschlussbericht zu bekommen, dann müsste sie, dann darf sie nicht klein beigeben. Zumal sie kurz zuvor das ganze Ausmaß der Intrige erfasst hat. Zumal Alejandro ihr verrät, dass sie ihn an seine ermordete Tochter erinnert. Sie müsste auf diesen Moment vorbereitet sein und den Spieß umdrehen. Sie müsste pokern und Alejandro jetzt endlich mal für ihre Zwecke einsetzen! Das wäre die Lösung gewesen. Schade. Ansonsten ist es ein brillant gemachter Rachethriller im Drogenmilieu mit exzellenter Filmmusik. „Sicario 2“ ist nicht der Rede wert.

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