Quo Vadis, Aida? (Jasmila Žbanić) EU 2020

25 Jahre nach dem Völkermord an muslimischen Bosniaken in Srebenica jetzt eine filmische Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels jüngster europäischer Geschichte. Dabei setzt die Filmemacherin ganz auf Authentizität. Im Stile eines packenden Dokumentarfilms konzentriert sie sich auf die letzten Stunden bis zur Räumung der UN-Schutzzone in Potocari im Juli 1995. Erzählt wird „Quo Vadis, Aida?“ aus Sicht der bosnischen Dolmetscherin Aida, die wie alle anderen Darsteller hervorragend gecastet ist. Wie eine Löwin kämpft sie um das Leben ihres Mannes und ihrer beiden Söhne. Am Ende scheitert sie an der Unentschlossenheit und Unfähigkeit der UN-Befehlshaber und von Regierungsbeamten. Diese Tatenlosigkeit ist letztlich nichts anderes als eine Beteiligung an Kriegsverbrechen.

Wie ein gehetztes Tier läuft Aida durch die heruntergekommenen Hallen einer ehemaligen Batteriefabrik, der letzten Bastion der Blauhelm-Soldaten. Sie versucht zu vermitteln, zu informieren und zu retten, was zu retten ist. Es ist aber nichts mehr zu retten. Das verrät ihr das Gesicht eines serbischen Busfahrers, der die schutzsuchenden Muslime angeblich in Sicherheit bringt. Bei der Darstellung eines Massakers sieht man keine sterbenden Menschen, sondern in der Nähe spielende Kinder, die unter den detonierenden Gewehrsalven davonlaufen. Diese asynchrone Gestaltung ist eindrucksvoller als die direkte Visualisierung des Grauens.

Das alles ändert nichts an den dramaturgischen Defiziten des Films. Das Leben der Heldin gerät zu keiner Zeit in Gefahr, für einen Kriegsfilm schon bemerkenswert. Die Regisseurin stellt ihrem Film einen Hinweis voran: „Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Einige Figuren, Szenen und Dialoge wurden aus kreativen und dramatischen Gründen fiktionalisiert.“ Da kann man zum einen nur sagen: Schön, dass wir noch mal auf die Authentizität der Ereignisse hingewiesen werden, zum anderen: Ist nicht jeder Film – egal ob Spielfilm oder Dokumentation – eine persönliche Darstellung, eine Fiktion? Diese überflüssigen Sätze im Vorspann wurden prophylaktisch eingebaut, denn tatsächlich beruht diese Geschichte auf den Erlebnissen des überlebenden männlichen Dolmetschers Hasan Nuhanovic. Aber wo ist das Problem, wenn diese Eingriffe zum Wohle einer Geschichte vorgenommen werden? Sollten Optimierungen nicht erfolgen, wann immer es möglich ist? Natürlich! Also kann man sich dieses Vorwort auch schenken. Für einen guten Erzähler – und darum geht’s bei einem Spielfilm – wäre es ein leichtes gewesen, auch Aidas Leben bei diesen Kriegswirren in Gefahr zu bringen.

Weiter: Wenn Aida kurz vor Räumung der UN-Schutzzone Ehemann und Söhne noch in einem Verschlag der stillgelegten Batteriefabrik versteckt und sie im nächsten Moment auf einen Lastwagen der serbischen Milizen verfrachtet werden, dann sind die entscheidenden Momente ausgespart, also die Enttarnung und der Abtransport zum LKW. Hier müsste die Spannung natürlich retardiert und eskaliert werden. Das Schlussbild, das Aida wieder als Lehrerin mit Schülern in ihrer Klasse zeigt, soll Hoffnung signalisieren. Das ist gutgemeint, aber verlogen. Wie soll denn ohne eine Aufarbeitung von Opfern mit Tätern und Mittätern eine konstruktive Bewältigung des Grauens möglich sein? Kurz vorher begegnet Aida noch beim Verlassen ihrer ehemaligen Mietwohnung einem serbischen Offizier, der seinerzeit die UN-Schutzzone mit Waffengewalt durchsucht hat. Nun ist er der Nachmieter ihrer Wohnung. Das ist ein Drama, das die Filmemacherin ignoriert. Hier müsste Aida aber die Konfrontation suchen und ein glaubhaftes Eingeständnis seiner Schuld einfordern, so wie Ariel Dorfmann es in „Der Tod und das Mädchen“ demonstriert hat. Ohne diese Aufarbeitung, ohne dieses Geständnis kann es eigentlich kein Verzeihen, keine Gerechtigkeit und auch keine Hoffnung geben.

Überhaupt tut der Film sich schwer im Erzählen von Geschichten, die sich zwischen den Akteuren entwickeln bzw. entwickeln könnten. Ein einziges Mal wird eine Annäherung beschrieben, als Aida dem UN-Arzt bei einer Entbindung hilft und beide sich persönlich näher kommen. In der Realität hat der überlebende Dolmetscher 2010 zusammen mit anderen Opfern den Befehlshaber der UN-Schutztruppe in den Niederlanden, Thomas Karremans, verklagt. Zwar trat 2002 die gesamte niederländische Regierung zurück, und ein Den Haager Gericht attestierte dem Staat eine Teilschuld am Genozid, aber Karremans wurde freigesprochen, rehabilitiert und mit einem Orden ausgezeichnet. Wie wär’s denn gewesen, wenn „Quo Vadis, Aida?“ mit diesem Prozess geendet hätte? Mit einer Konfrontation von Opfern und Mittätern 15 Jahre nach dem Völkermord? Das wäre die Vollendung des Dramas gewesen, das Ende der Hoffnung. Aber die stirbt bekanntermaßen ja auch zuletzt.

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