Reine Nervensache (Harold Ramis) USA 1999

„Reine Nervensache“ hat eine sehr originelle Grundidee: Ein Mafiaboss mit seelischen Problemen, die sich u.a. in plötzlichen Hemmungen ausdrücken, verfeindete Mafiosi zu foltern, sucht einen Therapeuten auf. Das ist schon gut! Der Aufeinanderprall konträrer Welten verspricht natürlich jede Menge Konfliktpotenzial. Gespickt mit originellen Typen, witzigen Dialogen und Sprüchen gibt es hier erfreulicherweise keine Berührungsängste mit den Klischees der jeweiligen Branche. Leider hält die Komödie dann nicht, was die rasante Exposition verspricht.

Das liegt zum einen an der mangelnden Konzentration auf einen Helden. Auch hier ist die Multiperspektive ein entscheidender Nachteil. Wir erfahren viel zu wenig über den Mafiaboss Paul Vitti oder den Therapeuten Ben Sobel, als dass wir mit ihnen mitfiebern könnten. Die Protagonisten sind einem egal. Hinzu kommt, dass Robert De Niro in der Rolle des Mafiabosses eine glatte Fehlbesetzung ist. Irgendwann nervt sein Overacting, seine Grimassen und sein Rumgefuchtel.

Dabei bringen beide Figuren alle Voraussetzungen für einen veritablen Helden mit. Man hätte das Potenzial nur ausloten und ausschöpfen müssen. Wenn Paul Vitti bei seinen Therapiestunden ständig mit seinen Mafia-Knallchargen auftaucht, ist das hanebüchen aber nicht witzig. Die Dramatik besteht doch gerade darin, dass er als Mafiaboss keine Schwäche zeigen darf. Das ist doch wunderbar. Also müsste er doch seine Konsultationen verheimlichen. Er müsste alleine hingehen und ständig Angst haben, dass etwas ruchbar wird. Das ist doch eine tödliche Gefahr für ihn. Wie kann man das verschenken?! So kann ja keine Spannung entstehen und das hat nichts mit einer Komödie zu tun. Denn das Genre ist ja sozusagen nur die Verpackungseinheit, in der etwas erzählt wird oder eben nicht.

Die zweite Möglichkeit wäre es gewesen, alles aus der Perspektive des Therapeuten zu erzählen. Auch er bringt alle erforderlichen Voraussetzungen mit. Denn in dem Moment, wo er die Therapie abbricht oder Internas erfährt, hängt auch sein Leben am seidenen Faden. Na wunderbar. Da müsste man eigentlich nur noch in die Vollen greifen und ihm das Leben zur Hölle machen, anstatt es oberflächlich dahinplätschern zu lassen.

„Reine Nervensache“ ist auch zu lieb, nicht böse und nicht hinterhältig genug, um wirklich witzig zu sein. Wie wär’s denn gewesen, wenn die Mafia Sobels Vater entführt hätte, um den Therapeuten zu erpressen? Wie wär’s denn gewesen, wenn ihn das kalt gelassen hätte, weil der Alte ihn sein Leben lang ignoriert hat und außerdem reich ist? Ödipus wird ja gelegentlich zitiert, aber leider nicht in Handlung transformiert. Wie wär’s denn gewesen, wenn Sobel im Laufe des Geschehens zum Gangster mutiert wäre? Diese Entwicklung kommt leider nur in seinen etwas rabiateren Behandlungsmethoden am Schluss zum Ausdruck. Ansonsten bleibt alles ziemlich harmlos: Reine Nebensache.

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