Elle (Paul Verhoeven) F/D 2016

Wenn man sich als Erzähler nicht auf seine Geschichte konzentriert, kann das auch nichts werden, zumal in „Elle“ das Fundament eigentlich vorhanden ist: Die 50-jährige Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) wird in ihrer Stadtvilla von einem Unbekannten überfallen und vergewaltigt. Anstatt zur Polizei zu gehen, macht sie sich auf die Suche nach dem Täter. Ein spannendes Rachedrama hätte es werden können, aber Paul Verhoeven hat nichts Besseres zu tun als eine Unmenge von handlungsirrelevanten Personen ins Spiel zu bringen. Da besucht Michèle ihre botoxbehandelte Mutter, die sich gerade mit einem 40 Jahre jüngeren Mann vergnügt. Ihr Ex-Mann hat eine Jüngere, die von Michèle zum Essen eingeladen wird. Toll. Ihr Sohn mietet mit Mamas Hilfe eine viel zu teure Wohnung an, in der er mit seiner zickigen Freundin auf Nachwuchs hofft, der sich dann auch nach wenigen Tagen einstellt. Mittlerweile wundert man sich über nichts mehr, auch nicht darüber, dass das Baby eine dunkle Hautfarbe hat, was den Vater nicht zu stören scheint.

Michèle selbst hat eine Affäre mit dem Ehemann ihrer besten Freundin Anna, mit der sie zusammen die Geschäfte eines Computerspiel-Verlags leitet. Die ganze stylische Ausstattung und die Mitarbeiterbesprechungen sind eine Lachnummer und erinnern nicht nur in ihrem Ambiente an die Niederungen deutscher Fernsehfilme. Nur, was haben diese ganzen Nebenerzählstränge mit der eigentlichen Geschichte zu tun?

Völlig krank wird das Ganze als Michèle beim zweiten Überfall im Vergewaltiger ihren religiösen Nachbarn erkennt und mit ihm eine sadomasochistische Beziehung eingeht. Zumindest erhält hier die Vorgeschichte ihres Vaters, der – wie das Leben so spielt – ein psychopathischer Killer war, eine Bedeutung: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bei all diesem absurden Treiben kommt „Elle“ fast komplett humor- und spannungsfrei über die Runden. Der einzige Unterschied zu deutschen Depressionsfilmen besteht in der originellen Fähigkeit der Protagonisten, Streitereien schnell zu begraben, um sich lieber wieder ihren absurden Tätigkeiten zu widmen. Diese Unbekümmertheit hat im positiven Sinne etwas Kindliches. Zumindest kann man an diesen Stellen mal schmunzeln. Wer nach eineinhalb Stunden immer noch nicht ausgeschaltet hat, kann dann noch erleben wie Michèles Sohn den Vergewaltiger bei seinem vierten Überfall erschlägt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Elle"