Chinatown (Roman Polanski) USA 1974

Es ist nicht die Aufgabe von Filmemachern, Erklärungen abzugeben, sondern – im Gegenteil – für Mysterien, Geheimnisse und Irritationen zu sorgen, natürlich für begründete. Das demonstriert dieses Krimidrama par excellance. Es ist ein Prototyp Ibsenscher Erzähldramaturgie, also der häppchenweisen Enthüllung von dramatischen Ereignissen. In „Chinatown“ passieren lauter merkwürdige Dinge, wobei man ahnt, dass es dafür eine plausible Erklärung gibt.

Eine Mrs. Mulray beauftragt den Privatdetektiv Gittes (Jack Nicholson) mit der Observation ihres Mannes, um dem Verdacht des Ehebruchs auf den Grund zu gehen. Dabei ist dieser Mulray überhaupt nicht der Typ eines Frauenhelden. Trotzdem erwischt Gittes ihn beim Tête-à-tête mit einer jungen, hübschen Frau. Dieser Seitensprung landet in den Klatschspalten, was zur Folge hat, dass Gittes Besuch von der echten Mrs. Mulray (Faye Dunaway) bekommt. Alles sehr merkwürdig, aber es kommt noch mysteriöser. Denn kurz darauf wird Mulray ermordet aufgefunden und Gittes ahnt, dass er nur benutzt wurde für irgendwelche kriminellen Machenschaften. Aber jetzt hängt Gittes an der Angel. Dann so etwas macht man natürlich nicht mit ihm. Jetzt hat er Gelegenheit zu zeigen, dass er nicht nur Ehebrechern nachstellen kann, dass er ein hervorragender Schnüffler ist. Und der Zuschauer ist immer auf der Höhe seiner Ermittlungen, fungiert sozusagen als sein Partner.

Die Riege der Schauspieler ist herausragend, allen voran Faye Dunaway in der Rolle der mal entschlossenen, mal nervösen oder verhuschten, wohlhabenden Evelyn Mulray. Nicht minder brillant ist Jack Nicholson, der frech, trickreich und hartnäckig agiert. Sehr prägnant ist seine von Gangstern aufgeschlitzte Nase, die den halben Film von einem Verband verziert wird. Der Schnüffler, der seine Nase zu tief in fremde Angelegenheiten gesteckt hat – ein Bild, das in Erinnerung bleibt. Sehr schön ist auch die konsequente Konzentration auf den Helden, der in jeder Einstellung präsent ist.

Einer der großen Stärken von Roman Polanski ist die kunstgerechte Inszenierung von Mysterien, von Stimmungen, die eine hypnotische Wirkung erzielen. So auch hier. Irgendwann kann man sich diesen Aufnahmen, diesem Licht, diesen Eindrücken nicht mehr entziehen. Unterstützt wird diese ebenso geheimnisvolle wie bedrohliche Atmosphäre durch die Filmmusik von Jerry Goldsmith mit teilweise disharmonischen Klangteppichen. Die Dialoge sind nie informativ. Sie sind doppeldeutig, mysteriös oder witzig und animieren den Zuschauer zum Detektivspiel. Die Darstellung des Todes von Evelyn Mulray ist genial. Man sieht sie im Auto mit ihrer Tochter davonfahren und Polizisten, die auf sie schießen. Als ihr Wagen schon eine gewisse Entfernung hat, ertönt plötzlich die Hupe – ununterbrochen. Das Fahrzeug scheint an Geschwindigkeit zu verlieren. Keine Nahaufnahme. Kein spritzendes Blut. Nur die penetrante Hupe und die entsetzten Reaktionen ihrer Tochter, ihres Vaters, der Polizisten, von Gittes.

„Chinatown“ hat zwei Schwachpunkte: Die im Mordfall von Hollis Mulray ermittelnden Kriminalbeamten sind nicht sehr helle. Das ist schade. Denn irgendwann haben sie ja Gittes im Visier und dann wären intelligente Gegner natürlich dramatischer. Der zweite Schwachpunkt ist schon gravierender und betrifft das offene Ende der Kriminalgeschichte. Während das Familiendrama mit dem Tod von Evelyn Mulray seinen düsteren Schlusspunkt gefunden hat, bleibt der Krimi eigentlich ungeklärt. Es ist nicht damit getan, dass Lieutenant Escobar sagt: „Vergiss es, Jake. Wir sind in Chinatown“. Denn Gittes könnte die Verbrechen von Noah Cross – immerhin drei Morde und betrügerische Bodenspekulation in Millionenhöhe – beweisen. Und Gittes ist nicht der Typ, der aufgibt und Noah Cross nicht der Typ, der Mitwisser unbehelligt lässt. Insofern bleibt am Ende ein unbefriedigendes Gefühl.

Die Lösung wäre folgende gewesen: Entweder hätte Gittes dafür sorgen müssen, dass Noah Cross hinter Schloss und Riegel kommt, womit er auch keinen Zugriff mehr auf Evelyns Tochter hat (das Happy End) oder aber er wird ebenfalls von Cross getötet (das komplette Drama). Nur dann ist auch die Krimigeschichte zu Ende. Ansonsten alles genial.

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About Schmidt (Alexander Payne) USA 2002

Von der ersten Sekunde an wird in dieser Tragikomödie der amerikanische Traum vom familiären Wohlstand auf eindrucksvolle Weise demontiert. Aber anders als in Ang Lees „Der Eissturm“ ist in „About Schmidt“ der gnadenlose Blick hinter die beruflichen und familiären Fassaden nie distanziert. Er ist stets ebenso böse wie liebevoll. Die Ausstattung, die Requisiten, die Kleidung, die Schauspieler – alles stimmt bis aufs I-Tüpfelchen. Allen voran Jack Nicholson in der Rolle des Versicherungsmathemathikers Schmidt, dessen Hang zu Infantilitäten wie zum Beispiel in „Departed“ (Martin Scorsese) hier keinen Platz hat. Als Durchschnittsbürger kann er zeigen, dass er ein überdurchschnittlicher Schauspieler ist. Dazu trägt auch die unglaubliche Konzentration der Geschichte auf ihren Helden bei. Schmidt ist praktisch in jeder Szene präsent. Es gibt keinen Schnickschnack, keine Ablenkungsmanöver, keine Unausgegorenheiten. Entscheidenden Beitrag dazu leistet die literarische Vorlage von Louis Begley, dessen Biografie sich liest wie ein Abenteuerroman und einen Exkurs wert ist.

Kleines Manko in diesem ansonsten grandiosen Film ist der duchschnittliche Ausschlag der Spannungskurve. Die Bedrohung für den wohlsituierten Rentner Schmidt ist nicht existenziell wie für die Protagonisten in „Fahrraddiebe“. Da hätte man Schmidt das Leben durchaus noch schwerer machen können, auch wenn sein Eintritt ins Rentenalter jede Menge unliebsame Überraschungen in petto hat. Angefangen vom plötzlichen Tod seiner Ehefrau Helen, mit der er 42 Jahre verheiratet war, die – wie sich herausstellt – eine Affäre mit seinem besten Freund hatte, über die distanzierten Begegnungen zur einzigen Tochter Jeannie und deren Verlobten, dem einfach gestrickten Randall. Die bevorstehende Hochzeit der beiden ist Anlass für eine Reise, für ein Roadmovie, um den Mysterien des letzten Lebensabschnitts auf die Spur zu kommen. 33 Jahre nach „Easy Rider“ (Dennis Hopper) endet die Odyssee für Jack Nicholson aber nicht tödlich, sondern nur scheinbar aussichtslos.

Die Lösung liegt in der Etablierung der Brieffreundschaft zum tansanischen Jungen Ndugo, die Schmidt 22 Dollar im Monat kostet. Während er seine Briefe schreibt, erfahren wir durch seine Stimme im Off ungeschminkte Einblicke in seine Gefühlswelt. Das ist schon ein genialer Schachzug. Im Grunde ist das Briefeschreiben für Schmidt nichts anderes als eine Therapie, eine Möglichkeit des Austausches, was das erstarrte Eheleben offensichtlich schon lange nicht mehr leistet. Die Brieffreundschaft entsteht eigentlich erst am Schluss, als Schmidt selbstkritisch über die eigene Bedeutungslosigkeit räsoniert, den Sinn des Lebens in Frage stellt. In diesem Moment kommt die Rückmeldung von Ndugu, dessen kindliche Zeichnung Schmidt zu Tränen rührt und seinen Defätismus erschüttert: Vielleicht ist doch nicht alles sinn- und bedeutungslos? Vielleicht kann man doch Spuren hinterlassen? Dass dem so sein kann, demonstriert auch dieser kluge, wundervolle Film.

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