Sinn und Sinnlichkeit (Ang Lee) USA, UK 1995

Aus vier Gründen erreicht „Sinn und Sinnlichkeit“ von Ang Lee nach einem Roman von Jane Austen nicht die Qualität von „Stolz und Vorurteil“ (Joe Wright):

1. Es fehlt die Fokussierung auf eine Liebesgeschichte. Der Film schwankt unentschlossen zwischen der Liaison von Elinor Dashwood (Emma Thompson) und Edward Ferrars (Hugh Grant) einerseits und der von Marianne Dashwood (Kate Winslet) und John Willoughby (Greg Wise)andererseits hin und her. In „Stolz und Vorurteil“ ist der Fokus auf die unglückliche Liebe von Elizabeth „Lizzie“ Bennet zu Mr. Darcy die treibende Kraft der Geschichte.

2. Die männlichen Figuren in „Sinn und Sinnlichkeit“ benehmen sich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Vor allem Edward schleicht ständig mit gequältem Gesichtsausdruck herum. Dagegen sprühen in „Stolz und Vorurteil“ zwischen Lizzie und Darcy die Funken – eine energiegeladene Atmosphäre, die sich auf den Zuschauer überträgt. Einzig Willoughby hat in „Sinn und Sinnlichkeit“ bis zu seinem Einknicken etwas Draufgängerisches, Freches. Ihm hätte man zusammen mit Marianne das Happy End gegönnt, womit wir beim dramaturgischen Kernproblem sind.

3. Im Grunde hätte die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt werden müssen. Er hat sich in Marianne verliebt, verliert sein Vermögen und geht aus finanziellen Gründen eine Beziehung mit einer wohlhabenden Londonerin ein. Darin liegt das eigentliche dramatische Potenzial: Der innere Kampf, sich für die Liebe in ärmlichen Verhältnissen oder ein materielles Arrangement zu entscheiden. Ein Konflikt, bei dem man sicher die Lebensumstände im England des 19. Jahrhunderts berücksichtigen muss. Verglichen mit seiner Lage sind die Dashwood-Ladys finanziell abgesichert. Sie leben mit einer Apanage in einem zur Verfügung gestellten Cottage. Damit sind sie aber nicht den Qualen ausgesetzt, die Willoughby durchleben muss. Es wäre eine Variante von Theodore Dreisers brillantem Roman „Eine amerikanische Tragödie“ gewesen, also „Eine britische Tragödie“.
Eine interessante Frage ist, inwieweit man sich bei einer Literaturverfilmung von der Vorlage entfernen darf oder sollte? Darf man den Helden einfach austauschen? Wer ist das überhaupt in „Sinn und Sinnlichkeit“? Darf man ein Happy End zu einem tragischen Ende umformen? Jane Austen war eine Frau, aber Ang Lee ist ein Mann, der die Figur des Willoughby erzählerisch hätte füllen können. Den Credits kann man entnehmen, dass Emma Thompson das Drehbuch geschrieben hat. In solchen Fällen frage ich mich immer, was Schauspieler dazu sagen würden, wenn plötzlich Drehbuchautoren neben ihnen vor der Kamera agieren würden? Also, warum keine mutigere Adaption? Warum sollte man als Filmemacher vor Werken der Weltliteratur in Ehrfurcht erstarren? Welchen „Sinn und Sinnlichkeit“ ergibt eine Neuverfilmung ohne diese ganz persönliche Perspektive, ohne dramatische Optimierung?

4. Damit sind wir beim Happy End. In „Stolz und Vorurteil“ freuen wir uns am Schluss mit Lizzie und Darcy. In „Sinn uns Sinnlichkeit“ beschleicht uns eher ein ungutes Gefühl. Marianne arrangiert sich mit dem 20 Jahre älteren Gutmenschen Colonel Brandon (Alan Rickman), wobei ihr innerer Kampf ausgespart bleibt. Elinor bekommt Edward, der auch bei der Hochzeit noch rumläuft als hätte er die Hosen voll. Beide Eheschließungen sind eigentlich kein Grund zur Freude, aber ein weiteres Argument für die Willoughby-Version. Schade, dass die Filmemacher so mutlos waren.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Sinn und Sinnlichkeit"

Geliebte Jane (Julian Jarrold) USA, GB 2007

Diesem opulent ausgestatteten, biographisch angehauchten Melodrama liegt ein klassisches Erzählmotiv zugrunde: Die Unmögliche Liebe. Die 20-jährige Schriftstellerin Jane Austen trifft mit dem jungen Rechtsanwalt Tom Lefroy den Mann ihres Lebens. Am Ende verzichtet sie, weil sie glaubt, dass ihre Liebe in den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie leben müssten, keine Zukunft hätte. Tatsächlich handelte es sich im Leben der Schriftstellerin bei dieser Begegnung um eine Romanze, die ein paar Wochen währte. Keinesfalls um die Liebe ihres Lebens. Aber das ist ja legitim, wenn Filmemacher ihre Version und Interpretation von Lebensdaten liefern, zumal Janes ältere Schwester Cassandra sämtliche Briefe, die hätten Aufschluss geben können, nach Jane Austens frühem Tod vernichtet hat.

Es handelt sich in „Geliebte Jane“ also um eine fiktionale Biographie, die versucht, das Liebesdrama zu eskalieren. Dafür werden von den Gegenspielern intrigante Briefe, zum Beispiel an Lefroys reichen Onkel verschickt, in denen Jane als Mitgiftjägerin verunglimpft wird. Die gemeinsame Flucht der Liebenden ist der Höhepunkt der Romanze. Für die erneute Kehrtwendung muss wieder ein Brief herhalten, den Jane zufällig bei Lefroy findet und sie von dessen Zuwendungen für seine darbende Familie in Kenntnis setzt. Im Film wird der Verzicht als reife Entscheidung einer langsam erwachsen werdenden Frau dargestellt. Tatsächlich ist dieser Brief ein Konstrukt. Denn Lefroys finanzielle Verpflichtungen hätten ihr eigentlich auch so bekannt sein müssen. Ihr scheinbar edelmütiger Verzicht verheimlicht auch den wahren Grund ihrer Umkehr: Ihr eigentlicher Geliebter ist nämlich nicht Lefroy, sondern die Schriftstellerei. Daneben hatten Männer vor allem als Forschungsobjekte eine Funktion. Denn nach eigenem Bekunden schreibt Jane ja über „Herzensangelegenheiten“ und da sind eigene Erfahrungen natürlich von Vorteil.

Der Film endet mit einem Zeitsprung und zeigt, dass Jane ihren Geliebten nie vergessen hat. Anlässlich einer Dichterlesung erscheint der inzwischen ca. 40-jährige Lefroy mit seiner Tochter, die er ebenfalls Jane genannt hat. Die Unmöglichkeit ihrer Liebe stimmt im Film traurig. Mehr Glück hatte Jane Austen in ihrem Leben, das sie kompromisslos ihrer wahren großen Liebe gewidmet hat. Insofern kein Zufall, dass die Romane der begnadeten Erzählerin und Beobachterin wie Aschenputtel-Varianten wirken und allesamt mit einem Happy End schließen.
Die brillante Kameraarbeit lässt die Drehorte ziemlich picobello erscheinen. Selbst das Wirtshaus einer Postkutschenstation wirkt richtig anheimelnd. Da ahnt man denn, dass alles irgendwie anders gewesen sein muss, nur nicht so. Im Jahre 1801 hatte Jane Austen sich in Bath in einen Mann verliebt, der kurz darauf tödlich verunglückte. Vielleicht wäre diese mysteriöse Episode viel tauglicher und dramatischer für ein biographisches Melodrama gewesen als die kurze Romanze mit Tom Lefroy?

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