Die Banden von Marseille (Olivier Marchal) F 2020

Der Film fängt mit der Ermordung zweier Menschen und einem Suizid an. Dann gibt es einen Zeitsprung in die Vergangenheit, wobei sich später herausstellt, dass dieses Opening völlig unglaubwürdig ist und keine erzählerische Bedeutung hat. Also, in „Die Banden von Marseille“ geht’s um Effekthascherei. In der ersten Flashbackszene sehen wir Vronski, den Leiter einer Anti-Gang-Einheit der Marseiller Kripo, beim Gefangenentransport eines arabischen Clanchefs. Dessen Bitte um einen außerplanmäßigen Abstecher ins Krankenhaus zu seiner todkranken Frau kommt Vronski nach. Das alleine ist schon mehr als unprofessionell. Es kommt aber noch besser. Vronski lässt das Krankenzimmer nicht von seinen Leuten vorab untersuchen. Dann erfüllt er auch noch die Bitte seines Gefangenen, mit seiner schwerkranken Frau allein zu sein. Die nutzt dieser, um seine Frau von ihrem Leiden zu erlösen, indem er sie erstickt. Also leistet Bronsky nichts anderes als Beihilfe zum Mord. Das ist für alle handelnden Personen des Films einschließlich der Filmemacher aber kein großes Thema.

Aber so kann der Zuschauer natürlich keine emotionalen Beziehungen aufbauen. Den ganzen Film über gibt es keine nachvollziehbaren Konflikte, keine Entscheidungsfindungen, in die man einbezogen wird. Ein Paradebeispiel für unproduktive Irritationen: Der Zuschauer hat Fragen, auf die er bis zum Ende keine Antworten bekommt. Man wird ständig vor den Kopf gestoßen. Es herrscht die totale Konfusion, Unglaubwürdigkeiten bis zum Abwinken. Wer soll zum Beispiel glauben, dass praktisch die kompletten Einheiten des Marseiller Anti-Gang- und Rauschgiftdezernats korrupt sind? Warum werden bei einem Feuergefecht zwischen verfeindeten Gangs in einem Strandclub viele der anwesenden Gäste gleich mit erschossen? Wer soll glauben, dass ein Kripobeamter einen überlebenden Zeugen bei der Vernehmung ermordet und dann als Selbstmord tarnt? Warum verhaftet Vronski den Waffenlieferanten des Überfalls ausgerechnet bei der Trauerfeier des ermordeten Zeugen in einer voll besetzten Kirche? So geht das dann munter weiter. Warum Vronski suspendiert und kurz hinterher wieder rehabilitiert wird, fragt man sich schon nicht mehr. Die totale Verwirrung als Gestaltungsprinzip, als Ablenkungsmanöver, weil man im Grunde nichts zu erzählen hat.

Es gibt keine Figuren, mit denen man mitzittert, keine Spannung, keine guten Dialoge. Es gibt einen Haufen Gangster – mit und ohne Polizeimarke – die sich gegenseitig umbringen. Das bringt die arabische Clanchefin bei Vronskis Drogendeal irgendwann auf den Punkt: „Das einzige, was uns unterscheidet ist, dass ich keine Polizeimarke habe“. Die nützt ihm am Ende aber auch nichts, weil er mitsamt seiner kompletten Einheit einschließlich des neuen Polizeichefs eliminiert wird. Von wem weiß man nicht und es ist auch nicht mehr wirklich von Interesse. „Nach „The Power of the Dog“ wieder ein desaströser Netflix-Spielfilm. Man erinnert sich wehmütig an originelle und spannende französische Copthriller wie „Crossfire“ (Claude-Michel Rome). Aber „Die Banden von Marseille“ hat allenfalls einen halben Punkt verdient, für stimmungsvolle Aufnahmen der Stadt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 schwarze traurige Gesichter für "Die Banden von Marseille"
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Léon – der Profi (Luc Besson) USA 1994

Wenn man schluckt, dass die komplette Spezialeinheit eines Rauschgiftdezernats aus brutalen Gangstern besteht, dann ist diese Racheoper schon grandios komponiert. Luc Besson ist ein Virtuose, der die Filmsprache verinnerlicht hat. Er weiß, wann man das Erzähltempo retardieren, wann beschleunigen muss. Mit der exzellenten Filmmusik von Éric Serra entwickelt „Léon – der Profi“ eine sogartige Spannung, der man sich nur schwer entziehen kann.

Was für ein Casting! Auf der einen Seite Jean Reno als teilweise entwicklungsgestörter Profikiller Léon und Natalie Portman als frühreifer 12-jähriger Racheengel Mathilda. Auf der anderen Seite der geniale Gary Oldman als Norman Stansfield, der den drogensüchtigen, durchgeknallten Chef der DEA-Spezialeinheit spielt. Luc Besson nimmt sich Zeit für seine Figuren und ihre Entwicklung. Es dauert fast zwei Stunden bis Léon Mathildas Liebesbekundungen endlich erwidert. Genauso brillant sind Ausstattung, Kleidung und Requisiten. Das einzige Lebewesen, zu dem Léon eine Beziehung hat, ist eine Pflanze – eine Metapher für seine Einsamkeit und am Ende für die Verbundenheit der beiden Protagonisten.

Die Story ist ganz einfach und erinnert an „Gloria“ von John Cassavetes. Norman Stansfield will ein Exempel statuieren an Mathildas Vater, einem Drogendealer, der ihn hintergangen hat. Er lässt die ganze Familie liquidieren. Nur Mathilda kann entkommen und beim benachbarten Léon Zuflucht finden. Für ihre Rachepläne hat sie nun den kongenialen Partner gefunden.
Die Dialoge sind klug, pointiert, irritierend, originell, manchmal witzig, manchmal auch hart oder ergreifend: „Ich bin schon erwachsen. Ich werde nur noch älter“, sagt die 12-jährige Mathilda. „Bei mir ist es genau umgekehrt“, antwortet Leon, womit die beiden Helden treffend charakterisiert werden. Die Ermordung Léons ist genial inszeniert, als Subjektive in Zeitlupe segnet der Zuschauer zusammen mit ihm das Zeitliche. Kein herumspritzendes Blut aber mit einer faustdicken Überraschung für den hinterhältigen Mörder.

Es gibt zwei weitere Schwachpunkte: Wenn Léon beginnt, Mathildas Rachepläne umzusetzen und drei chinesische Mafiosi sowie Malky, einen von Stansfields Leuten tötet, dann müsste er eigentlich wissen, dass der DEA-Chef ihm nun auf die Schliche kommen kann. Damit setzt er aber auch sein und Mathildas Leben aufs Spiel. Im Grund müsste Léon zuerst Stansfield ausschalten, dann den Rest und nicht umgekehrt. Wenn Mathilda ihr Waffenarsenal in einem Pizzakarton problemlos am Wachpersonal des Polizeipräsidiums vorbeischleust, dann könnte es schon ein bisschen glaubhafter und dramatischer sein. Ähnlich mühelos kann Léon kurz darauf zwei Wachposten im Präsidium k.o. schlagen, zwei Beamte der DEA-Einheit erschießen und unbehelligt wieder verschwinden.

Die Lösung wäre folgendes gewesen: Mathilda wird am Empfang geschnappt und festgenommen. Wer verhört sie? Natürlich Stansfield und seine Leute. Wenn Léon sie befreien will, dann benötigt er ein Ablenkungsmanöver. Ein vor dem Polizeipräsidium brennender Einsatzwagen zum Beispiel. Dann wäre das Wachpersonal kurzzeitig mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

Bei Rotten Tomatoes bewerteten 95% der Zuschauer „Léon – der Profi“ positiv, die Kritikerzustimmung lag bei 73%. Also, den Zuschauern kann man eher trauen als den Kritikern! Das bestätigt auch die taz, die sich nicht scheut, die Me-Too-Bewegung zur Verbreitung kruder Ansichten zu missbrauchen (Juli 2020). Tatsächlich weist Léon die Avancen der frühreifen Mathilda stets zurück. Er schützt sich und sie. Wenn Mathilda ihn am Ende mit ins Bett zieht – und nicht umgekehrt -, dann sind beide angezogen, dann hat diese Szene aber auch gar nichts Anrüchiges, sondern etwas Beschützendes, Anrührendes. Es ist eine Vater-Tochter-Beziehung. Wenn Léon ihr am Ende die Flucht ermöglicht und sich opfert, dann verschafft er ihr damit ein Stück verlorener Kindheit, soweit das bei dieser Vorgeschichte überhaupt möglich ist. Fazit: Bis auf diese paar Ungereimtheiten – das sind die fehlenden 5% zur maximalen Zustimmung – ganz großes Kino! Luc – der Profi.

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