Kill the Messenger (Michael Cuesta) USA 2014

„Kill the Messenger“ ist ein spannender Politthriller nach wahren Begebenheiten. Er handelt vom illegalen Drogen- und Waffenhandel der CIA in der 80er Jahren. Seinerzeit hatte der US-Kongress nämlich untersagt, die Contra-Rebellen in Nicaragua mit Waffen zu versorgen. Aber die CIA und ihre Hintermänner fanden einen Weg, den Beschluss zu umgehen. Zur Finanzierung der Waffenkäufe kamen sie u.a. auf die glorreiche Idee, mit nicaraguanischen Drogenbossen zu kooperieren. Die US-Airforce ermöglichte reibungslose Importe von Kokain und Heroin. Klingt alles ziemlich unglaubwürdig, ist aber, ausgelöst durch die Iran-Contra-Affäre, in die Annalen jüngster US-Geschichte eingegangen.

Zeitsprung. Kalifornien 1996. Hauptfigur ist der Investigativ-Reporter Gary Webb (Jeremy Renner), der nach einem Tipp den Machenschaften der CIA auf die Spur kommt. Seine Recherchen in den USA und in Nicaragua bei einem inhaftierten Drogenboss bringen handfeste Beweise. Die Veröffentlichung seiner Artikelserie „Dark Alliance“ macht ihn über Nacht berühmt. Auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs schlagen seine Gegner mit ähnlich perfiden Mitteln zurück wie in „Insider“ von Michael Mann. Gary wird nicht einfach umgelegt – noch nicht -, sondern Opfer einer Rufmordkampagne. Um ihn mundtot zu machen, wird er systematisch diskreditiert. Beruflich steht er bald als Lügner und Dilettant da, sein Privatleben wird in den Schmutz gezogen. Von seiner Redaktionsleitung wird er aufs Abstellgleis geschoben, von seiner geliebten Familie muss er sich vorerst trennen. Psychoterror in Reinkultur.

Damit sind wir beim Schwachpunkt dieses Politthrillers. Das sind die ausführlichen Beschreibungen von Garys Familienleben, die im Grunde wenig Handlungsrelevanz haben. Anders als in „Insider“ werden seine Frau und Kinder nicht bedroht, sondern nur indirekt in Mitleidenschaft gezogen. Es ist einfacher an der Seite eines erfolgreichen Journalisten zu leben, als an der eines angeblichen Lügners und Betrügers. Ehefrau Sue und der älteste Sohn Ian stellen ihre Verletzungen in den Vordergrund, um beim pathetischen Ende doch wieder die amerikanische Familenidylle zu zelebrieren. Dieses „Ich-bin-so-stolz-auf-dich“-Gefasel ist ziemlich furchtbar und verlogen. Der ganze Familienklimbim sorgt auch für ein reduziertes Spannungslevel. Es gibt zwar eine latente Gefahr, aber so richtig mitzittern kann man nicht mit dem Helden.

Vor allem lenkt dieser Erzählstrang vom spannenden Stoff ab. Die Nicaragua-Contra-Affäre hätte eine tiefere Behandlung verdient. Im Grunde gibt es hundert Fragen, die allesamt unbeantwortet bleiben. Wie ist es möglich, dass die US-Airforce tonnenweise unbehelligt Rauschgift in die USA schaffen kann? Wie viel Personen sind geschmiert worden bzw. im Dienst der CIA tätig? Wieso geht über einen Zeitraum von 15 Jahren keiner dieser involvierten Mittäter an die Öffentlichkeit? Welche Funktion hat der mit der CIA kooperierende Banker, der angeblich Drogengelder „gewaschen“ hat? Wieso wird für den illegalen Waffenhandel legales Geld benötigt? Wie darf man sich diese Geschäfte konkret vorstellen? Wie werden diese Waffen nach Nicaragua geschafft? Da müsste doch auch die Marine im Spiel sein? Wie sieht die Übergabe an die Rebellen konkret aus? usw.

Das dramatische Potenzial dieses Thrillers wird zum großen Teil verschenkt. Das zeigt auch der lapidare Nachspann, in dem wir erfahren, dass Gary 2004 Selbstmord begangen hat. Unmittelbar vor der Veröffentlichung weiteren Materials wird er mit zwei Kopfschüssen tot aufgefunden. Also, während des gesamten Films ist sein Leben nicht in Gefahr, erst nach dem Ende. Schon bemerkenswert. Auch seltsam, dass ein Selbstmörder sich zweimal in den Kopf schießt. Eigentlich bekommt der Filmtitel „Kill the Messenger“ erst jetzt seine Berechtigung. Insgesamt ist es schade, dass die Filmemacher einem konstruierten Familienleben mehr Platz eingeräumt haben als diesem hochexplosiven Hintergrundmaterial.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Kill the Messenger"

Wind River (Taylor Sheridan) USA 2017

Es fängt damit an, dass nachts eine junge Frau barfuß durch eine tief verschneite, vereiste Landschaft um ihr Leben rennt. Damit sind wir bei einem der Hauptdarsteller dieses packenden Thrillers, dem „Wind River“ Indianerreservat. Die ebenso schöne wie unwirtliche Gegend in den Bergen Wyomings verleiht dem Film eine einzigartige Atmosphäre. Die exzellente Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis verstärkt die sogartige Spannung. Ein Schneethriller, der an „Fargo“ erinnert, aber besser ist.

Ein weiterer Vorzug sind seine bis in die letzten Nebenfiguren hervorragend besetzten Darsteller. Allen voran Jeremy Renner, der hier, anders als in Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“, sein ganzes Können demonstrieren kann. In „Wind River“ spielt er den schweigsamen, traumatisierten Jäger Cory Lambert, der eigentlich Wölfe und Pumas im Visier hat. Aber jetzt gilt es den Mörder der jungen indigenen Natalie zu fassen, die außerdem – wie sich herausstellt – die beste Freundin seiner vor drei Jahren verstorbenen Tochter war. Ihm zur Seite ermittelt die junge FBI-Agentin Jane Banner, die anfangs in jedes Fettnäpfchen tritt, aber dazulernt und außerdem gut schießen kann.

Herausragend ist die ebenso dramatische wie glaubhafte Inszenierung der Familiendramen. Auf der einen Seite sind es die erkalteten Begegnungen Corys mit seiner Ex-Frau Wilma, der Mutter ihrer verstorbenen Tochter. Wie ein Puzzle enthüllen ihre irritierenden Dialoge nach und nach das ganze Ausmaß der tragischen Vorgeschichte, an der ihre Beziehung offensichtlich zerbrochen ist. „Der Schmerz lässt nie nach, aber man gewöhnt sich daran“, erzählt Cory dem Vater der ermordeten Natalie. Der ist drauf und dran, am Verlust der geliebten Tochter zu zerbrechen. Am Ende bewahrt ihn nur ein Lebenszeichen seines drogenabhängigen Sohns vorm Suizid. Wenn in „Wind River“ die männlichen Protagonisten weinen oder dazu gar nicht mehr in der Lage sind, dann nimmt man ihnen das ab, dann fühlt man mit ihnen. Ihre Fragilität wird mit dem Testosteron gesteuerten Machogehabe der Mitarbeiter einer nahen Bohrgesellschaft kontrastiert und wirkt dadurch noch intensiver.

Taylor Sheridan, Regisseur und Drehbuchautor dieses Thrillers, war auch der Autor von „Sicario“, zu dem es einige Parallelen gibt: Die sogartige Spannung, die Ibsensche Dramaturgie, die naive Polizistin, der hier aber eine Entwicklung gegönnt wird und – damit kommen wir zum gravierenden Schwachpunkt von „Wind River“ – der Massenschießerei. Wenn am Ende die Mitarbeiter der Bohrgesellschaft das gesamte FBI-Team sowie den hiesigen Polizeichef erschießen, dann ist das nicht minder dämlich als die Ballerei an der Grenzstation in „Sicario“. Was wird wohl die Folge der Ermordung von fünf FBI-Agenten und eines Polizeichefs sein? Genau. Da wird eine ganze Armada anrücken und die Mörder zur Strecke bringen. Damit diskrediert Taylor Sheridan ein weiteres Mal seine Antagonisten. Schade. Dieses völlig unmotivierte Massaker passt auch nicht zur eher ruhigen Grundstimmung des Films.

Die Lösung wäre folgende gewesen: Nur einer der Mitarbeiter der Bohrfirma ist der Täter, der aber von den anderen gedeckt wird. Cory ist ein Jäger, ein Fährtenleser, Jane hat psychologisches Gespür. Aufgrund ihrer Fähigkeiten könnten sie am Ende gemeinsam dem Mörder auf die Schliche kommen. Das wär’s gewesen. Deshalb reicht es nicht ganz zum Sprung in die Bestenliste.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Wind River"
Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag