Wind River (Taylor Sheridan) USA 2017

Es fängt damit an, dass nachts eine junge Frau barfuß durch eine tief verschneite, vereiste Landschaft um ihr Leben rennt. Damit sind wir bei einem der Hauptdarsteller dieses packenden Thrillers, dem „Wind River“ Indianerreservat. Die ebenso schöne wie unwirtliche Gegend in den Bergen Wyomings verleiht dem Film eine einzigartige Atmosphäre. Die exzellente Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis verstärkt die sogartige Spannung. Ein Schneethriller, der an „Fargo“ erinnert, aber besser ist.

Ein weiterer Vorzug sind seine bis in die letzten Nebenfiguren hervorragend besetzten Darsteller. Allen voran Jeremy Renner, der hier, anders als in Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“, sein ganzes Können demonstrieren kann. In „Wind River“ spielt er den schweigsamen, traumatisierten Jäger Cory Lambert, der eigentlich Wölfe und Pumas im Visier hat. Aber jetzt gilt es den Mörder der jungen indigenen Natalie zu fassen, die außerdem – wie sich herausstellt – die beste Freundin seiner vor drei Jahren verstorbenen Tochter war. Ihm zur Seite ermittelt die junge FBI-Agentin Jane Banner, die anfangs in jedes Fettnäpfchen tritt, aber dazulernt und außerdem gut schießen kann.

Herausragend ist die ebenso dramatische wie glaubhafte Inszenierung der Familiendramen. Auf der einen Seite sind es die erkalteten Begegnungen Corys mit seiner Ex-Frau Wilma, der Mutter ihrer verstorbenen Tochter. Wie ein Puzzle enthüllen ihre irritierenden Dialoge nach und nach das ganze Ausmaß der tragischen Vorgeschichte, an der ihre Beziehung offensichtlich zerbrochen ist. „Der Schmerz lässt nie nach, aber man gewöhnt sich daran“, erzählt Cory dem Vater der ermordeten Natalie. Der ist drauf und dran, am Verlust der geliebten Tochter zu zerbrechen. Am Ende bewahrt ihn nur ein Lebenszeichen seines drogenabhängigen Sohns vorm Suizid. Wenn in „Wind River“ die männlichen Protagonisten weinen oder dazu gar nicht mehr in der Lage sind, dann nimmt man ihnen das ab, dann fühlt man mit ihnen. Ihre Fragilität wird mit dem Testosteron gesteuerten Machogehabe der Mitarbeiter einer nahen Bohrgesellschaft kontrastiert und wirkt dadurch noch intensiver.

Taylor Sheridan, Regisseur und Drehbuchautor dieses Thrillers, war auch der Autor von „Sicario“, zu dem es einige Parallelen gibt: Die sogartige Spannung, die Ibsensche Dramaturgie, die naive Polizistin, der hier aber eine Entwicklung gegönnt wird und – damit kommen wir zum gravierenden Schwachpunkt von „Wind River“ – der Massenschießerei. Wenn am Ende die Mitarbeiter der Bohrgesellschaft das gesamte FBI-Team sowie den hiesigen Polizeichef erschießen, dann ist das nicht minder dämlich als die Ballerei an der Grenzstation in „Sicario“. Was wird wohl die Folge der Ermordung von fünf FBI-Agenten und eines Polizeichefs sein? Genau. Da wird eine ganze Armada anrücken und die Mörder zur Strecke bringen. Damit diskrediert Taylor Sheridan ein weiteres Mal seine Antagonisten. Schade. Dieses völlig unmotivierte Massaker passt auch nicht zur eher ruhigen Grundstimmung des Films.

Die Lösung wäre folgende gewesen: Nur einer der Mitarbeiter der Bohrfirma ist der Täter, der aber von den anderen gedeckt wird. Cory ist ein Jäger, ein Fährtenleser, Jane hat psychologisches Gespür. Aufgrund ihrer Fähigkeiten könnten sie am Ende gemeinsam dem Mörder auf die Schliche kommen. Das wär’s gewesen. Deshalb reicht es nicht ganz zum Sprung in die Bestenliste.

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