The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese) USA 2013

Eine grandiose, schlitzohrige und rücksichtslose Gaunerkomödie, die in ihrer Machart an „Casino“ von Martin Scorsese erinnert, mit ihrer Geschichte an „Catch me if you can“ von Steven Spielberg. Genauso wie in dessen Meisterwerk ist hier eine Biografie die Vorlage, die ihre Faszination aus der Schilderung von Betrügereien an der Börse bezieht, die so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben. Das gibt dem unglaublichen Treiben noch mal eine ganz andere Dimension, als wenn es von irgendwelchen zugekifften Drehbuchautoren erfunden worden wäre.

So wirkt „The Wolf of Wall Street“ eher wie ein durchgeknallter Dokumentarfilm. Das Erzähltempo ist rasant. Atemberaubend. Es gibt keinen Schnickschnack. Scorsese lässt sich da Zeit für seine Figuren, wo es der Identifikation dient. Mit den „Inneren Stimmen“ der Protagonisten können wir tief in ihre Befindlichkeiten und Gedankenwelten eintauchen. Scorsese weiß um den ungeheuren Vorteil, den die Literatur in diesem Punkt gegenüber dem Film hat. Er macht ihn sich einfach zunutze, indem er uns die Gedanken seiner Figuren verrät und die Geschichte vorantreibt.

Die Besetzung ist herausragend. Leonardo DiCaprio, der den Börsenmakler Jordan Belfort spielt, hat das einzigartige Talent, in bestimmte Rollen förmlich hineinzuschlüpfen. Das ist schon fast beängstigend, so gut und authentisch spielt er den neureichen Aufsteiger. Ein ebenso charmanter wie gewiefter Verkäufer, der vor allem das Geld anderer Leute im Visier hat und im Verlauf seines Treibens zunehmend die Bodenhaftung verliert. Börsenmanipulationen, Drogen, Lug und Betrug gehören bald zum Alltagsgeschäft seiner Brokerfirma. Immer mehr ist nicht genug. Trotzdem ist Jordan ehrlich empört über die Headline eines Zeitschriftenartikels, die ihn als „The Wolf of Wall Street“ abstempelt. Herrlich ist der Besuch der beiden FBI-Agenten auf seiner Luxusyacht, die er vergeblich mit Bikinimädchen, Drinks und Geld zu ködern versucht. Jordan kann einfach nicht glauben, dass es Menschen gibt, die man nicht korrumpieren kann. Die Qualität der gesamten Inszenierung kann man auch an den exzellenten Besetzungen aller Nebenfiguren ablesen.

Einziges Manko ist die Dramaturgie: Man zittert nicht wirklich mit Jordan Belfort mit. Das hängt natürlich mit dieser Figur des Schlawiners zusammen. Man weiß, dass nach dem Leben in Saus und Braus der tiefe Fall kommt – was sonst? Als der dann eintritt, ist er auch keine Überraschung mehr. Außerdem weiß man, dass der Held wieder auf die Füße fallen wird. Das zeigt ja dann auch das Ende, als Jordan nach der verbüßten Haftstrafe als Verkaufstrainer sein Geld verdient: Crime does pay.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "The Wolf of Wall Street"

Catch me if you can (Steven Spielberg) USA 1985

„Catch me if you can“ von Steven Spielberg ist eine sehr originelle, in den 60er Jahren angesiedelten Gaunerkomödie. Wenn man nicht wüsste, dass die abstrusen Geschehnisse auf tatsächlichen Begebenheiten beruhen, wäre man versucht, sie als Hirngespinste zugekiffter Drehbuchautoren abzutun. Aber so wird die Faszination an den sich auftürmenden Überraschungen bis zum Anschlag ausgereizt. Man glaubt, den eigenen Augen und Ohren nicht zu trauen. Das ist super!

Der Held von „Catch me if you can“, Frank Abagnale jr. (Leonardo DiCaprio), ist eine kongeniale Filmfigur: frühreif kommt er schon mit 16 Jahren auf die schiefe Bahn. Es fängt damit an, dass er sich in der Schule als Vertretungslehrer ausgibt, dann als PanAm-Co-Pilot, als CIA-Agent, als Arzt und als Rechtsanwalt. Während dieser Laufbahn verfeinert er seine Kenntnisse als Dokumentenfälscher und als Gejagter, stets darauf bedacht, den Fängen seines Verfolgers, des FBI-Agenten Carl Hanratty (Tom Hanks), zu entkommen. Dabei geht Frank jr. keineswegs kaltblütig vor: Er ist ebenso charmant wie trickreich und hat Mitgefühl für die Schwächen und Schicksale der Menschen, denen er begegnet. Er lügt, dass sich die Balken biegen und wenn er mal die Wahrheit erzählt, glaubt ihm meist keiner. Mit all diesen unorthodoxen Eigenschaften ist er ein echter Sympathieträger. Sehr schön ist auch die Konzentration auf die Hauptfigur.
Im Grunde erzählt der Film eine Vater-Sohn-Geschichte, erst die Liebe des Juniors zu seinem leiblichen Vater, der – was nicht weiter verwundert – ebenfalls ein Hochstapler ist.

Dann die Beziehung zu Carl Hanratty, der im Laufe der Jagd so etwas wie sein Ersatzvater wird. Zwei verlorene Seelen beim Katz-und-Maus-Spiel. Im Grunde geht es um die Sehnsucht nach einer heilen Familie, um das Gefühl der Sicherheit, das die tanzenden, verliebten Eltern Frank jr. einmal zu Weihnachten vermittelt haben. Das Ende des Films ist eigentlich ein Drama: Frank jr. wird in dem Moment gefasst, als er seinen Traum von einer heilen Familie in Trümmern sieht. Ein solcher Schluss hätte natürlich nicht zur Grundstimmung dieser durchtriebenen Komödie gepasst. Insofern ist es schön, dass die Pointe auch hier noch eine stimmige Überraschung parat hat.

Trotz dieser originellen Figuren und überragenden Schauspielern, trotz dieses Feuerwerks an Überraschungen fehlt etwas. Es ist die Spannungskurve, die zu keiner Zeit konsequent auf die Spitze getrieben wird. So richtig zittert man nicht mit dem Helden, da man ahnt, dass er seinen Kopf schon irgendwie aus der Schlinge ziehen wird. Eigentlich ist man nur neugierig, wie er das wieder schafft. Was fehlt, ist die emotionale Anteilnahme. Ein Wermutstropfen in dieser ansonsten genialen Tricksterkomödie.

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