Anna (Luc Besson) F 2018

Dieser Agententhriller ist ein schaler Aufguss eines früheren, viel besseren Films von Luc Besson, nämlich „Nikita“. Hauptproblem ist die völlig unglaubwürdige Figur der KGB-Agentin Anna, die keinerlei Emotionen vermittelt. Dazu tragen auch die unmotivierten Zeitsprünge der Filmerzählung bei, die manchmal zwar überraschend sind, aber auch immer für Distanz sorgen.

Dieser nicht-chronologische Unfug wird einem zwar als modern verkauft, ist aber nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver, um die narrativen Defizite zu verschleiern. Außerdem sind sie antidramatisch und somit fehl am Platze. Ein Beispiel: Wenn Anna einen deutschen Diplomaten in seinem Hotelzimmer heimsucht, dann kehrt sie als nächstes zwar verspätet aber erfolgreich von ihrer Mission zur KGB-Einheit zurück. Da stellt sich doch Erleichterung ein. Erst später erfahren wir in einer Rückblende von den Gefahren, mit denen sie im Zimmer in Gestalt des CIA-Agenten Miller und seinen Leuten konfrontiert wurde. Das ist eine Überraschung – Emotionen, die ca. drei Sekunden währen. Viel besser wäre es gewesen, wenn wir mit ihr diese Gefahren durchlebt hätten und Zeugen ihrer Lügen gegenüber der KGB-Chefin geworden wären. Letztlich ein Frage des Informationsflusses. Also versorge ich den Zuschauer mit dramatischen Informationen (Suspense) oder enthalte ich sie ihm vor (Überraschung). Meister Hitchcock stellt die Sache klar: „Daraus folgt, dass das Publikum informiert werden muss, wann immer es möglich ist.“ („Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut).

Also, es ist ein dramaturgischer Vorteil, wenn die Zuschauer mehr Informationen haben als Teile der handelnden Personen. Wer jemals beim Kasper-Theater war, wird sich vielleicht an das Krokodil erinnern, das im Hintergrund auftaucht und von Kasper noch nicht wahrgenommen wird, wohl aber von den Zuschauern. So eine dramatische Situation wird natürlich retardiert. Das dauert bis zu einer halben Minute, bis Kasper im letzten Moment die Zurufe der Kinder erhört und das Krokodil unschädlich machen kann. Das ist Suspense.

Außerdem wartet der Film mit einer Fülle von Abstrusitäten auf: Nach ihrer Ausbildung zur Agentin darf Anna in Paris eine ganze Reihe von Gegnern eliminieren, inszeniert im Stile eines Killer-Potpourri. Das könnte sich die Auslandsabteilung des KGB aber nie und nimmer erlauben. Schon ein einziger Mord würde sofort Ermittlungen, diplomatische Verwicklungen und Sanktionen nach sich ziehen (s. Fall Litwinenko oder Tiergartenmord).

Geradezu lächerlich sind die Schießereien im Moskauer Restaurant und in der KGB-Zentrale. Gerade da fragt man sich, ob nicht wenigstens einer der vielen KGB-Leute, die sie da erledigen kann, eine ähnlich gute Ausbildung wie sie erhalten hat? Jedenfalls wird sie auf wundersame Weise von gegnerischen Tritten und Kugeln verschont. Und wenn man sie erwischt hätte, wäre es einem auch egal gewesen. Das ist eben einer der Unterschiede zum Agententhriller „Red Sparrow“. Da zittert man mit der Heldin mit. Aber da stammt die Vorlage auch von einem Ex-CIA-Agenten und nicht von einem alternden Filmemacher, der sich einfalls- und lustlos abstrampelt, kalten Kaffee aufzuwärmen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Anna"

Léon – der Profi (Luc Besson) USA 1994

Wenn man schluckt, dass die komplette Spezialeinheit eines Rauschgiftdezernats aus brutalen Gangstern besteht, dann ist diese Racheoper schon grandios komponiert. Luc Besson ist ein Virtuose, der die Filmsprache verinnerlicht hat. Er weiß, wann man das Erzähltempo retardieren, wann beschleunigen muss. Mit der exzellenten Filmmusik von Éric Serra entwickelt „Léon – der Profi“ eine sogartige Spannung, der man sich nur schwer entziehen kann.

Was für ein Casting! Auf der einen Seite Jean Reno als teilweise entwicklungsgestörter Profikiller Léon und Natalie Portman als frühreifer 12-jähriger Racheengel Mathilda. Auf der anderen Seite der geniale Gary Oldman als Norman Stansfield, der den drogensüchtigen, durchgeknallten Chef der DEA-Spezialeinheit spielt. Luc Besson nimmt sich Zeit für seine Figuren und ihre Entwicklung. Es dauert fast zwei Stunden bis Léon Mathildas Liebesbekundungen endlich erwidert. Genauso brillant sind Ausstattung, Kleidung und Requisiten. Das einzige Lebewesen, zu dem Léon eine Beziehung hat, ist eine Pflanze – eine Metapher für seine Einsamkeit und am Ende für die Verbundenheit der beiden Protagonisten.

Die Story ist ganz einfach und erinnert an „Gloria“ von John Cassavetes. Norman Stansfield will ein Exempel statuieren an Mathildas Vater, einem Drogendealer, der ihn hintergangen hat. Er lässt die ganze Familie liquidieren. Nur Mathilda kann entkommen und beim benachbarten Léon Zuflucht finden. Für ihre Rachepläne hat sie nun den kongenialen Partner gefunden.
Die Dialoge sind klug, pointiert, irritierend, originell, manchmal witzig, manchmal auch hart oder ergreifend: „Ich bin schon erwachsen. Ich werde nur noch älter“, sagt die 12-jährige Mathilda. „Bei mir ist es genau umgekehrt“, antwortet Leon, womit die beiden Helden treffend charakterisiert werden. Die Ermordung Léons ist genial inszeniert, als Subjektive in Zeitlupe segnet der Zuschauer zusammen mit ihm das Zeitliche. Kein herumspritzendes Blut aber mit einer faustdicken Überraschung für den hinterhältigen Mörder.

Es gibt zwei weitere Schwachpunkte: Wenn Léon beginnt, Mathildas Rachepläne umzusetzen und drei chinesische Mafiosi sowie Malky, einen von Stansfields Leuten tötet, dann müsste er eigentlich wissen, dass der DEA-Chef ihm nun auf die Schliche kommen kann. Damit setzt er aber auch sein und Mathildas Leben aufs Spiel. Im Grund müsste Léon zuerst Stansfield ausschalten, dann den Rest und nicht umgekehrt. Wenn Mathilda ihr Waffenarsenal in einem Pizzakarton problemlos am Wachpersonal des Polizeipräsidiums vorbeischleust, dann könnte es schon ein bisschen glaubhafter und dramatischer sein. Ähnlich mühelos kann Léon kurz darauf zwei Wachposten im Präsidium k.o. schlagen, zwei Beamte der DEA-Einheit erschießen und unbehelligt wieder verschwinden.

Die Lösung wäre folgendes gewesen: Mathilda wird am Empfang geschnappt und festgenommen. Wer verhört sie? Natürlich Stansfield und seine Leute. Wenn Léon sie befreien will, dann benötigt er ein Ablenkungsmanöver. Ein vor dem Polizeipräsidium brennender Einsatzwagen zum Beispiel. Dann wäre das Wachpersonal kurzzeitig mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

Bei Rotten Tomatoes bewerteten 95% der Zuschauer „Léon – der Profi“ positiv, die Kritikerzustimmung lag bei 73%. Also, den Zuschauern kann man eher trauen als den Kritikern! Das bestätigt auch die taz, die sich nicht scheut, die Me-Too-Bewegung zur Verbreitung kruder Ansichten zu missbrauchen (Juli 2020). Tatsächlich weist Léon die Avancen der frühreifen Mathilda stets zurück. Er schützt sich und sie. Wenn Mathilda ihn am Ende mit ins Bett zieht – und nicht umgekehrt -, dann sind beide angezogen, dann hat diese Szene aber auch gar nichts Anrüchiges, sondern etwas Beschützendes, Anrührendes. Es ist eine Vater-Tochter-Beziehung. Wenn Léon ihr am Ende die Flucht ermöglicht und sich opfert, dann verschafft er ihr damit ein Stück verlorener Kindheit, soweit das bei dieser Vorgeschichte überhaupt möglich ist. Fazit: Bis auf diese paar Ungereimtheiten – das sind die fehlenden 5% zur maximalen Zustimmung – ganz großes Kino! Luc – der Profi.

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