The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit (Stephen Daldry) USA 2002

Eigentlich ist es beruhigend, dass die Amerikaner auch mal einen derartigen Müll produzieren. Dabei hätte man eher die Deutschen der Täterschaft dieses verquasten, pseudointellektuellen Literaturlangweilers verdächtigt. Symptomatisch beginnt „The Hours“ mit einem handwerklichen Fehler. Er zeigt den Freitod der Schriftstellerin Virginia Woolf, der keinerlei Emotionen hervorruft. Wie sollte er auch? Wir haben sie ja noch gar nicht kennengelernt. Wenn der Zuschauer die Chance gehabt hätte, eine Beziehung aufzubauen, ihr nahe zu kommen, wäre ihr Freitod vielleicht ein Verlust gewesen. Aber so …

Ein weiterer Fehler sind die drei Erzählebenen, die zum ganzen Wirrwarr passen. Frei nach dem Motto: Wenn’s bei der einen Episode nicht klappt, dann vielleicht bei der nächsten? Nein, so läuft das eben nicht. Die ersehnte Tiefe und Komplexität erzielt man gerade nicht durch die Etablierung mehrerer Erzählstränge. Die Lösung wäre genau das Gegenteil gewesen, eine Reduktion und Konzentration auf wenige, taugliche Figuren wie es z.B. „Fahrraddiebe“ oder „Die Brücken am Fluss“ demonstriert haben.

Die Protagonisten in „The Hours“ sind meist Frauen, die merkwürdige und bedeutungsschwangere Dinge sagen und tun. Nur, worum geht’s überhaupt? Was ist die Geschichte? Was ist der erzählerische Bogen? Wer die ersten 20 Minuten übersteht, der erfährt irgendwann, dass es eine Verbindung zum Roman „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf geben soll. Der beeinflusst und verändert nämlich das Leben der weiblichen Protagonisten. Das sind aber – mit Verlaub – keine Geschichten (näheres siehe Punkt 1 „Warum eine TOP 20 der Filmgeschichte“)!

Es gibt immer wieder vereinzelte Szenen, in denen das Talent der hochkarätig besetzten Schauspielerriege aufblitzt. Aber dann dominiert wieder der Wirrwarr, die sinnfreie Bedeutungsschwere. Bleibt die Frage, warum sich Schauspieler von der Qualität einer Meryl Streep oder Nicole Kidman für so eine erzählerische Nullnummer hergegeben haben? Der Regisseur ist bereits vorher mit dem Gutmenschfilm „Billy Elliot“ unangenehm aufgefallen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "The Hours"

Die Brücken am Fluss (Clint Eastwood) USA 1995

In jüngeren Jahren hat Clint Eastwood auch viel Murks gedreht. Aber er hat dazu gelernt wie kaum ein anderer. Als er bei „Die Brücken am Fluss“ die Regie und die männliche Hauptrolle übernahm, war er bereits im Rentenalter. Die Vorlage ist ein mittelmäßiger Roman von Robert James Waller. Das Gespür für das dramatische Potenzial dieses Stoffes hatte Steven Spielberg, der die Rechte dann an Warner Brothers abtrat. Die wiederum beauftragte Clint Eastwood mit der Realisierung.

Die Geschichte ist unglaublich konzentriert und schnörkellos erzählt. Sie benötigt eben keine Ablenkungsmanöver. Es beginnt mit einer Rahmenhandlung. Die Geschwister Michael und Carolyn treffen sich, um den Nachlass ihrer gerade verstorbenen Mutter Francesca zu regeln. Dabei entdecken sie ein mehrbändiges Tagebuch, dass die unglückliche Liebe ihrer Mutter zu einem älteren Mann beschreibt. Im ersten Moment reagieren die Kinder abwehrend und verstört. Aber dann siegt die Neugier und sie erforschen dieses Geheimnis, das ihre Mutter mit ins Grab genommen hat.

Francescas Liebesgeschichte wird in Rückblenden erzählt und beginnt mit einer Deadline. Es ist keine der üblichen Galgenfristen wie z.B. in „96 Hours“. In „Die Brücken am Fluss“ begeben sich Ehemann und Kinder für vier Tage auf eine Landwirtschaftsausstellung. 96 Stunden, die Francescas Leben auf den Kopf stellen sollen. Schon am ersten Tag lernt sie den Fotografen Robert kennen und verliebt sich in ihn. Es ist eine schicksalhafte Begegnung. Denn er ist der Mann ihres Lebens. Das Drama wird hier kunstgerecht auf die Spitze getrieben. Denn auch für Robert ist sie die Frau seines Lebens. Und doch gibt es für beide keine Zukunft. Wenn sie mit ihm gehen würde, könnte sie nicht glücklich werden, weil sie ihre Familie im Stich gelassen hat. Im Grunde geht es um verpasste Chancen, oder darum, dass manche Dinge einfach zum falschen Zeitpunkt passieren.

Die Retardierung, das Zelebrieren dieser aussichtslosen Lage ist ein dramaturgisches Kunststück und wird hier bis zum Exzess ausgereizt. Noch nach dem Ablauf der Deadline schaffen die Filmemacher einen der bewegendsten Momente der Filmgeschichte. Francesca ist nämlich mit ihrem Ehemann zu Besuch in der nahegelegenen Stadt, als sie im Auto an einer roten Ampel warten müssen. Vor ihnen, was nur sie und der Zuschauer weiß, der Wagen von Robert. Er wartet auch noch als die Ampel schon längst auf grün geschaltet ist. Ihre Hand umklammert den Griff zum Öffnen der Beifahrertür. Ihr visualisierter innerer Kampf wird zum Zerreißen gedehnt, bis sie den Geliebten am Ende fahren lässt und sich ihren Tränen ergibt. Das ist einfach genial gestaltet! Sehr schön auch der Übergang in die Gegenwart. Denn die Liebesgeschichte ihrer Mutter hat auch die Kinder aufgerüttelt und ist unmittelbarer Auslöser für Veränderungen in ihrem Leben.

Herausragend ist vor allem die schauspielerische Leistung von Meryl Streep. Hier stimmt jede Kleinigkeit, jeder Blick, jede Geste. Es ist diese Mischung aus ungekünstelter Leichtigkeit und Leidenschaft, die einen in den Bann zieht, in diesem berührendsten Melodrama der Filmgeschichte.

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