Johnny Guitar (Nicholas Ray) USA 1954

In der Eröffnungsszene zeigt sich das ganze erzählerische Desaster dieses Westerns. Eine Postkutsche wird von vier Gangstern überfallen, wobei einer der Kutscher erschossen wird. Johnny Guitar (Sterling Hayden) beobachtet diesen Überfall aus der Ferne. Anstatt am Tatort möglichen Verletzten zu helfen, reitet er weiter. Die unterlassene Hilfeleistung nimmt den Betrachter nicht unbedingt für den Protagonisten ein und verschenkt dramatisches Potenzial. Im weiteren Verlauf werden vier Männer der Saloonbesitzerin Vienna (Joan Crawford) des Überfalls verdächtigt. Ob sie etwas damit zu tun hatten oder wer es war, erfahren wir bis zum Schluss nicht, womit diese Szene aber auch überflüssig ist. Leider nicht die einzige Szene.

Dabei ist die Figur einer Saloonbesitzerin, die zudem Ländereien aufkauft und die Hosen anhat durchaus interessant. Emotionen entstehen allerdings zu keiner Zeit. Das liegt zum einen an ihrem inkohärenten Verhalten: Wieso zahlt sie z.B. ihren Geliebten Johnny aus, damit dieser die Stadt verlassen kann? Zum anderen an ihrer durch und durch eindimensionalen Gegenspielerin Emma Small, die schimärenhaft gegen Vienna giftet und die Rancher aufstachelt. Mit ihrer geifernden Vehemenz wirkt diese schwarz gekleidete Hexe eher wie eine Lachnummer. Wer soll denn das alles glauben? Welchen Grund gibt es überhaupt für die Feindschaft? Vieles bleibt im Interpretationsbereich. Warum verlassen Vienna und Johnny nach dem willkürlichen Ultimatum der Rancher nicht einfach für ein paar Wochen die Gegend? Nach ihrer Rückkehr wäre wahrscheinlich schon die Eisenbahn da und auch die Rancher hätten die wirtschaftlichen Vorteile einer Bahnanbindung begriffen. Davon abgesehen sollte eine Deadline immer mit maximalen dramatischen Konsequenzen verbunden sein – in diesem Fall: die Trennung der Liebenden. Das tut sie aber nicht. Vienna und Johnny könnten zusammen wegfahren oder gemeinsam das Ultimatum verstreichen lassen. Sie sind nicht gezwungen, sich zu trennen. Das ist ein zentraler Schwachpunkt.

Die Kritiker, vor allem die der „Nouvelle Vague“, haben „Johnny Guitar“ über den grünen Klee gelobt. Begründet wird dies vor allem mit angeblichen Parallelen zu den politischen Säuberungen der McCarthy-Ära. Das ist aber ziemlich weit hergeholt. Vienna wird zwar zur Persona non grata erklärt, aber nicht auf Grund ihrer Gesinnung, sondern aus Eifersucht. Sie hat ein Verhältnis mit Ted, einen von Viennas Leuten, den auch Emma liebt und ist zudem als erfolgreiche weibliche Unternehmerin potenziell verdächtig. Also, der Vergleich hinkt. Sie hat ja kein Berufsverbot und könnte mit ihrem Vermögen überall wieder unternehmerisch tätig sein.

Ein weiterer Grund, den die Kritiker bemühen, ist ein angeblich lesbisches Verhältnis zwischen Vienna und Emma. Für eine derartige Vermutung benötigt man allerdings viel Phantasie. Der Film liefert zu keiner Zeit auch nur ansatzweise ein entsprechendes Indiz. Unklar bleibt auch, was diese „Gründe“ mit der Qualität eines Films zu tun haben sollen? Ist ein Film automatisch besser, wenn er metaphorisch eine bestimmte politische Epoche behandelt oder ein verkapptes Melodrama zwischen Frauen? Wohl kaum. Die Kritiker haben keine Kriterien – nicht wirklich. Keiner redet über die narrativen Defizite oder darüber, dass der Banküberfall von Viennas Männern an Dummheit kaum zu überbieten ist und man nicht andauernd Figuren bei ihren unterbelichteten Aktionen zuschauen möchte. Keiner redet über die ständig glatt rasierten und mit frischen Hemden gekleideten Gangster. Deren Hütte in ihrer Silbermine ist ein bestens ausgestattetes, luxuriöses Blockhaus, in dem es an nichts mangelt. Keiner redet über die unfreiwillige Komik, die aus diesen Zutaten resultiert. Dass dieses Machwerk zu den besten Western zählen soll, ist eine Beleidigung für „The Searchers“, „Rio Grande“, „Man nannte ihn Hombre“, „El Dorado“, „Erbarmungslos“ usw.

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