The Last Duel (Ridley Scott) USA 2021

„The Last Duel“ von Ridley Scott ist ein grandioses Historiendrama, das auf einem tatsächlichen Fall beruht, den der US-Amerikaner Eric Jager in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat. Es spielt im Frankreich des 14. Jahrhunderts und behandelt die Vergewaltigung von Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) durch den Junker Jacques Le Gris (Adam Driver). Letzterer bestreitet den Sachverhalt, weshalb Marguerites Ehemann, der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon), den Fall vor dem königlichen Gericht zur Anklage bringt. Die Schuldfrage soll schließlich durch ein Duell auf Leben und Tod geklärt werden, das quasi einem Gottesurteil gleichkommt. Damit variiert der Film auch ein klassisches Erzählmotiv: Das mörderische Dreieck.

Erzählt wird „The Last Duel“ in drei Kapiteln, jeweils aus der Perspektive der beteiligten Personen. Das erinnert natürlich stark an Akira Kurosawas Meisterwerk „Rashomon“, das ebenfalls eine Vergewaltigung aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. Diese Mehrfachperspektive ermöglicht einen tieferen Einblick in die Psyche der Protagonisten und die Komplexität der Geschichte. Sehr schön ist die Wiederholung einzelner Szenen, die von den jeweiligen Personen völlig unterschiedlich interpretiert werden. Da lächelt zum Beispiel Marguerite auf einem Fest dem Junker Jacques Le Gris zu, was dieser als Avance auffasst. Tatsächlich macht sie sich zusammen mit ihrem Ehemann über ihn lustig.

Überhaupt sind die Protagonisten herausragend charakterisiert und besetzt: Auf der einen Seite der etwas einfach gestrickte, aber furchtlose und kampferprobte, manchmal auch hitzköpfige Ritter Jean de Carrouges, auf der anderen Seite der belesene, eitle Lebemann Jacques Le Gris, dessen Selbstüberschätzung und fehlende Selbstreflexion ihm schließlich zum Verhängnis wird. Zwischen ihnen die Literaturliebhaberin Marguerite, die eigentlich gar nicht zu Jean passt, aber keine Chance hat, ihrer Rolle als Frau im 14. Jahrhundert zu entkommen. Das Leben als Arrangement, die Ehe als Überlebensmodell, bis sie die Büchse der Pandora öffnet und die Vergewaltigung öffentlich macht. Genial ist Ben Affleck in der Rolle des zynischen, hedonistischen Grafen Pierre d’Alencon.

Die Lichtstimmung ist in kühlem Blau gehalten. Die Kameraarbeit, die Locations, die Ausstattung, die Narben auf den Körpern der Männer – alles stimmt bis ins kleinste Detail. Die Montage und die Filmmusik sind brillant. Ja, gibt es denn gar nichts zu monieren? Doch! Es ist die Mehrfachperspektive. Sie hilft bei der schonungslosen Analyse des eskalierenden Dramas. Sie dient der Ausleuchtung eines komplexen Geschehens bis in seine hinterletzte Ecke. Aber sie ist auch wieder der Emotionshemmer. Bei einem Perspektivwechsel zahlt ein Erzähler immer seinen Preis: Er verlässt seinen jeweiligen Protagonisten und verhindert so ein Mitzittern. Das dramatische Geschehen wirkt wie eine Versuchsanordnung, die durch ein Brennglas betrachtet wird. Es ist spannend und erhellend, aber nicht mitreißend. Es geht letztlich nicht unter die Haut. Ein Blick in die „TOP 20 der Filmgeschichte“ bestätigt diesen Zusammenhang. Alle Filme verlassen ihre(n) Protagonisten nie. Bis auf eine Ausnahme: „Psycho“. Aber da sorgt Meister Hitchcock wie bei einem Staffellauf für eine sofortige Kontinuität der Identifikation: Nach dem Ableben der Heldin zittern wir sofort mit dem Psychopathen Norman Bates mit, der das Motelzimmer von den Mordspuren säubert.

Das Ende von „The Last Duel“ ist hochdramatisch. Mit ihrer Unbeugsamkeit und dem Gang an die Öffentlichkeit riskiert die inzwischen schwangere Marguerite letztlich ihr Leben, das ihres Mannes und das ihres Kindes. Denn sollte Jean beim Duell getötet werden, dann wäre sie nach dem Gottesurteil eine Ehebrecherin und Lügnerin und würde bei lebendigem Leib verbrannt werden. Ebenso riskiert Jean mit seiner Sturheit ihr beider Leben. Man kann es als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass erst dieses letzte Duell, aus dem er schwerverletzt als Sieger hervorgeht, die beiden Eheleute näher zusammenbringt. Jeder weiß, was er auch für den anderen riskiert hat. Erst als der Film endet, ist das Fundament für eine Liebesgeschichte gelegt. Das ist zwar nicht hollywoodlike aber stimmig.

Am Ende ist Marguerites sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen: „Dass ein Kind seine Mutter hat, ist wichtiger, als dass sie recht hat.“ Das Schlussbild ist sehr schön und friedvoll – der pure Kontrast zum blutigen Kampf in der Arena. Marguerite spielt mit ihrem kleinen Sohn auf einer Wiese, der überraschenderweise ein Ebenbild ihres Ehemannes und nicht des Vergewaltigers ist. Weniger überraschend ist der Hinweis im Abspann, demnach Jean bei einem der Kreuzzüge sein Leben verloren hat. Dieses Ende ist ebenso schön wie kunstgerecht. Alles andere wäre ein erzählerischer GAU gewesen, der Einsturz der 6. Säule der Filmgestaltung (Defätismusskala). „The Last Duel“ ist auch ein Plädoyer für Wagemut, für das Aussprechen und Anprangern von Ungerechtigkeit, womit der Film auch etwas sehr Modernes hat (MeToo). Insgesamt ein ganz großer Wurf!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "The Last Duel"

Alien – Director’s Cut (Ridley Scott) USA 2003

Ridley Scott ist genauso wie sein Bruder Tony ein Synonym für gut gemachte, spannende Unterhaltung. So auch in „Alien – das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“. Es beginnt mit Impressionen des Frachtraumschiffs Nostromo, mit unheilvollen Vorahnungen, dass dieser Triumph der Technik sich als Trugschluss erweisen könnte. So spannend die Exposition ist, deutet sie doch zugleich auf einen der Schwachpunkte des Films hin: Alles sehr technisch.

Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung ist ein großer Pluspunkt, ändert aber nichts an der dünnen Story: Im Jahr 2122 empfängt die Nostromo mysteriöse Funksignale von einem kleinen Planeten. Ein Erkundungstrupp stößt dort auf auf unbekannte Lebensformen, die bei der Rückkehr mit an Bord des Raumschiffs gelangen. Es ist ein „Alien“, das nach und nach alle Besatzungsmitglieder tötet, bis auf Offizier Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die sich im letzten Moment des Monsters entledigen kann.

Zur Dominanz der Technik gehört auch das Fehlen von Beziehungen unter den Besatzungsmitgliedern. Es gibt ein bisschen Geplänkel von Parker und Brett über zu niedrige Prämien und eine Kontroverse über die Entscheidung von Captain Dallas, bei der Rückkehr des Suchtrupps geltende Quarantänevorschriften zu ignorieren. Aber, das war’s dann auch. Keine Liebes-, keine Familiengeschichten. Keine Geheimnisse, keine Backstories. Die Kälte des Weltalls scheint auch von der Crew Besitz ergriffen zu haben. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich der Wissenschaftler Ash als Roboter entpuppt. Eine wirklich interessante Person ist nicht an Bord. Ellen Ripley hätte es werden können, aber wir erfahren zu wenig von ihr.

Ein weiterer Schwachpunkt ist das „Alien“, das hier als glibberiges, formänderndes Wesen in Erscheinung tritt. Letztlich ist es zu künstlich und zu amorph. Es ist zwar furchterregender als der Sandwurm in „Dune“, wozu aber nicht viel gehört. Aber es kann nicht ansatzweise dem „weißen Hai“, den Raptoren in „Jurassic Park“ oder den Krokodilen in „Crawl“ das Wasser reichen. Es fehlt das Figürliche. Ein weißer Hai ist ein weißer Hai. Er verändert seine Form genauso wenig wie seinen immensen Appetit. Des weiteren operieren die letzten drei Horrorfilme mit Suspense, d.h. der Zuschauer wird teilweise über die bedrohliche Anwesenheit des Raubtieres informiert, nicht aber der Protagonist. So wird Spannung natürlich vorbildlich eskaliert. „Alien“ operiert mit Überraschungen, etwa wenn das kleine Monster aus Kanes Bauch heraus ins Freie schlüpft. Diese Szene ist sehr schön retardiert. Ein Film mit Überraschungen ist natürlich nicht schlecht, aber was sind sie schon im Vergleich zu Suspense. Irgendwann erahnt man in „Alien“ auch das Unheil, etwa wenn Brett im Rumpf des Schiffes mit einem Flammenwerfer auf Jagd geht. Eine Überraschung, die man ahnt, ist aber auch keine Überraschung mehr.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Alien"