Midnight Run (Martin Brest) 1988

„Midnight Run“ ist eine originelle Thrillerkomödie, die neben den üblichen Genrezutaten vor allem die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Da ist zum einen der desillusionierte Kautionsjäger Jack Walsh (Robert De Niro) und zum anderen der ehemalige Mafiabuchhalter Jonathan „Duke“ Mardukas (Charles Grodin). Der hat nicht einfach nur seine ehemaligen Arbeitgeber beklaut, sondern die Beute von 15 Millionen Dollar auch noch der Wohlfahrt vermacht. Es ist ein klassisches „Odd-Couple“-Paar, also zwei gegensätzliche Charaktere, die aufgrund äußerer Umstände aneinander gekettet sind. Hier im buchstäblichen Sinn, denn Jack hat den Auftrag, den „Duke“ innerhalb von fünf Tagen für 100.000 Dollar nach Los Angeles zu schaffen.

Nachdem er den Gesuchten in New York aufgespürt hat, fesselt er ihn mit seinen Handschellen. Aber ganz so einfach ist die Rückreise natürlich nicht. Zum einen sind ihnen FBI-Agent Alonzo Mosely (Yaphet Kotto) sowie Mafiaboss Jimmy Serrano (Dennis Farina) mit ihren Leuten auf den Fersen. Zum anderen entpuppt sich der „Duke“ als echte Nervensäge. Zunächst täuscht er eine Flugangst vor, weshalb die Jagd nun mit allen übrigen Verkehrsmitteln fortgeführt wird.

Was dann folgt, ist wirklich sehr schön gemacht. Ein Roadmovie mit Flucht-Verfolgungsszenen quer durch die USA. Das gibt dem „Duke“ auch Zeit, seinen Entführer mit unangenehmen Fragen zu konfrontieren, ihn zu kritisieren oder ihm gute Ratschläge zu erteilen. Für Jack ist es auch eine Reise in die Vergangenheit und eine Art Therapie. In Chicago hat er früher als Detective bei der Polizei gearbeitet, bis zu seiner Kündigung. Offenbar wollte Jack sich nicht korrumpieren lassen wie viele seiner Kollegen. Die Schmiergeldzahlungen stammten von eben jenem Serrano, dessen Leute nun hinter ihm her sind. Alles fügt sich zusammen.

Sehr schön ist auch die Begegnung von Jack mit seiner Ex-Frau, bei der beide schnell wieder in alte Muster verfallen. Den aufkeimenden Streit kann ihre gemeinsame Tochter Denise schlichten. Auch das ist eine sehr schöne, berührende Szene. Überhaupt ist es einer der Vorzüge dieses Films, irgendwie immer MEHR zu bieten. Er ist nicht „nur“ witzig, spannend und rasant. Er lässt sich dann auch wieder Zeit, kümmert sich um seine Figuren, schafft berührende Momente und macht nachdenklich.

Am Ende hat Jack die Frist eingehalten. Er trifft rechtzeitig mit dem „Duke“ in Los Angeles ein, wo er ihn aber zum Entsetzen seines Auftraggebers laufen lässt. Damit verzichtet Jack zwar auf sein Honorar, hat aber einen Freund fürs Leben gewonnen. Außerdem entpuppt sich das Geschenk, das er im Gegenzug vom „Duke“ erhält, als das Dreifache seines Honorars. Nachdem die beiden Freunde Abschied genommen haben, entledigt Jack sich seiner alten, kaputten Armbanduhr (ein Geschenk seiner Ex-Frau). Er ist bereit für einen Neuanfang und geht beschwingten Schrittes in die Nacht.

Darüber hinaus sind alle Figuren und Nebenfiguren hervorragend gecastet: Der schmierige Besitzer des Kautionsbüros, sein kauziger Gehilfe, der bullige, etwas unterbelichtete Kautionsjäger Marvin Dorfler usw.
„Midnight Run“ zeigt auch wie Running Gags kunstgerecht eingesetzt werden. Dreimal schafft Jack es, seinen Konkurrenten Marvin mit einem billigen Trick abzulenken. Beim vierten Mal will Marvin partout nicht drauf reinfallen und sich umschauen. Hätte er es dieses Mal doch gemacht, dann hätte er hinter sich eine ganze Armada von Polizisten sehen können. So ist er wieder der Gelackmeierte.

Ein paar Schwachpunkte gibt es schon: FBI und Mafiosi wirken ein bisschen unterbelichtet. Das ist stellenweise ganz amüsant, aber nicht sonderlich spannend. Das betrifft auch sämtliche Schießereien, bei denen wie durch ein Wunder niemand getroffen wird. Insgesamt hätten die Verfolger ein bisschen hinterhältiger sein können. Dass es ganz einfach ist, am Telefon die Kreditkarte einer anderen Person zu sperren, muss man schlucken. Ebenso wie Serranos plötzliches Interesse an angeblich belastenden Disketten. Diese Datenträger sind doch unendlich duplizierbar, was doch auch ein etwas einfältiger Mafiaboss ahnen könnte. Trotzdem macht diese Thrillerkomödie einfach gute Laune!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für "Midnight Run"

Reine Nervensache (Harold Ramis) USA 1999

„Reine Nervensache“ hat eine sehr originelle Grundidee: Ein Mafiaboss mit seelischen Problemen, die sich u.a. in plötzlichen Hemmungen ausdrücken, verfeindete Mafiosi zu foltern, sucht einen Therapeuten auf. Das ist schon gut! Der Aufeinanderprall konträrer Welten verspricht natürlich jede Menge Konfliktpotenzial. Gespickt mit originellen Typen, witzigen Dialogen und Sprüchen gibt es hier erfreulicherweise keine Berührungsängste mit den Klischees der jeweiligen Branche. Leider hält die Komödie dann nicht, was die rasante Exposition verspricht.

Das liegt zum einen an der mangelnden Konzentration auf einen Helden. Auch hier ist die Multiperspektive ein entscheidender Nachteil. Wir erfahren viel zu wenig über den Mafiaboss Paul Vitti oder den Therapeuten Ben Sobel, als dass wir mit ihnen mitfiebern könnten. Die Protagonisten sind einem egal. Hinzu kommt, dass Robert De Niro in der Rolle des Mafiabosses eine glatte Fehlbesetzung ist. Irgendwann nervt sein Overacting, seine Grimassen und sein Rumgefuchtel.

Dabei bringen beide Figuren alle Voraussetzungen für einen veritablen Helden mit. Man hätte das Potenzial nur ausloten und ausschöpfen müssen. Wenn Paul Vitti bei seinen Therapiestunden ständig mit seinen Mafia-Knallchargen auftaucht, ist das hanebüchen aber nicht witzig. Die Dramatik besteht doch gerade darin, dass er als Mafiaboss keine Schwäche zeigen darf. Das ist doch wunderbar. Also müsste er doch seine Konsultationen verheimlichen. Er müsste alleine hingehen und ständig Angst haben, dass etwas ruchbar wird. Das ist doch eine tödliche Gefahr für ihn. Wie kann man das verschenken?! So kann ja keine Spannung entstehen und das hat nichts mit einer Komödie zu tun. Denn das Genre ist ja sozusagen nur die Verpackungseinheit, in der etwas erzählt wird oder eben nicht.

Die zweite Möglichkeit wäre es gewesen, alles aus der Perspektive des Therapeuten zu erzählen. Auch er bringt alle erforderlichen Voraussetzungen mit. Denn in dem Moment, wo er die Therapie abbricht oder Internas erfährt, hängt auch sein Leben am seidenen Faden. Na wunderbar. Da müsste man eigentlich nur noch in die Vollen greifen und ihm das Leben zur Hölle machen, anstatt es oberflächlich dahinplätschern zu lassen.

„Reine Nervensache“ ist auch zu lieb, nicht böse und nicht hinterhältig genug, um wirklich witzig zu sein. Wie wär’s denn gewesen, wenn die Mafia Sobels Vater entführt hätte, um den Therapeuten zu erpressen? Wie wär’s denn gewesen, wenn ihn das kalt gelassen hätte, weil der Alte ihn sein Leben lang ignoriert hat und außerdem reich ist? Ödipus wird ja gelegentlich zitiert, aber leider nicht in Handlung transformiert. Wie wär’s denn gewesen, wenn Sobel im Laufe des Geschehens zum Gangster mutiert wäre? Diese Entwicklung kommt leider nur in seinen etwas rabiateren Behandlungsmethoden am Schluss zum Ausdruck. Ansonsten bleibt alles ziemlich harmlos: Reine Nebensache.

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