USA, GB 1998, Länge: 114 Min., FSK: 12
Roman: Max Evans
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Walon Green
Kamera: Oliver Stapleton
Musik: Carter Burwell
Montage: Masahiro Hirakubo
Darsteller: Billy Crudup, Woody Harrelson u.a.
Genre: Melodrama, Western
Erzählmotiv: Das mörderische Dreieck
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): entwicklungsfähig
Gegenspieler: teilweise vorhanden
Stimmung: aufgeladen
Bewertung: 3 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
„Hi-Lo Country“ ist ein Melodrama im Westerngewand, das auf einem Roman von Max Evans beruht. Eigentlich erzählt der Film eine Männerfreundschaft, die durch Liebesgefühle für die gleiche Frau dramatisiert wird. Also auch eine Dreiecksgeschichte, hier mit mörderischem Ausgang, der allerdings durch eine externe Figur herbeigeführt wird. Auch das deutet auf einige Defizite hin. Schon in „Philomena“ hat Stephen Frears seine Schwächen in der Adaption von Vorlagen offenbart. Seine Stärken liegen in den früheren Werken, wie „The Snapper“ oder „Mein wunderbarer Waschsalon“, in denen er auf erfrischende, britische Weise Geschichten aus der Working-Class-Schicht erzählt.
Die Geschichte
Die Cowboys Big Boy Watson (Woody Harrelson) und Pete Calder (Billy Crudup) sind dicke Freunde. Beide arbeiten auf der Ranch von Hoover Young, dem Konkurrenten des Großranchers Jim Ed Love. Die Freunde verlieben sich in die verheiratete Mona, die sich jedoch für Big Boy entscheidet. Pete kann die Zurückweisung nur schwer verbergen und fühlt sich zunehmend zerrissen. Nach dem Besuch bei einer Wahrsagerin, die den Tod des Freundes prognostiziert, vergewaltigt er Mona, hält dies aber vor Big Boy geheim. Der erhält nach Hoovers Tod Anteile an seiner Ranch. Bei einem Streit mit seinem jüngeren Bruder wird Big Boy im Affekt erschossen. Während Mona trauernd am Grab zurückbleibt, macht Pete sich auf den Weg nach Kalifornien.
Stärken
Sehr schön ist die Beschreibung der Männerfreundschaft, die an den französischen Thriller „Wenn es Nacht wird ins Paris“ erinnert. Ebenfalls fachgerecht wird der „Point of Attack“ etabliert, nämlich die Liebe zur gleichen Frau. Da ahnt man schon, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Das Drama wird durch die innere Stimme des Helden verstärkt, wodurch eine Synchronisation mit seinen Gefühlen und Suspense erzeugt wird. Denn von seiner Liebe zu Mona wissen nur die Zuschauer, der Held und Mona natürlich, allenfalls noch seine Freundin Josepha, die Pete durchschaut. All das schafft Spannung. Exzellent ist auch die Kameraarbeit mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen. Soweit, so gut.
Schwächen
Aber dann. Immer wieder verliert der Film sich in Plattheiten und Unglaubwürdigkeiten. Wieso verliebt Pete sich überhaupt in Mona? Dieses Gefühl wirkt mehr wie eine Obsession als eine Liebe. Erschwerend kommt hinzu, dass der Held seine Zurückweisung wie ein kleiner trotziger Junge zur Schau trägt. Das ist schon unfreiwillig komisch und auch nicht sonderlich glaubhaft. Üblicherweise würde man derartige Gefühle, vor allem angesichts dieser prekären Verflechtungen, doch verbergen. Nicht so Pete. In einer Barszene hängt er völlig fertig am Musikautomaten, während Big Boy sich mit Mona vergnügt und Josepha sich langweilt. Desgleichen als das Quartett nach einer Kneipenschlägerei nachts am Lagerfeuer seinen Sieg feiert. Da liegt Pete wie ein waidwundes Tier auf seiner Decke. Sehr merkwürdig auch die Vergewaltigung, die in Anwesenheit Josephas stattfindet. Auch Big Boy ist nicht weit weg. Ein derartiger Moment hätte eigentlich einer Intimität, einer Zweisamkeit bedurft. Auch die Tatsache, dass alle Protagonisten ständig frisch rasiert herumlaufen, trägt nicht gerade zur Authentizität und Glaubwürdigkeit bei. Hier hätte Stephen Frears sich durchaus an früheren Italowestern orientieren können.
Das mörderische Dreieck
Eine dramatische Dreiecksgeschichte beinhaltet eigentlich eine Lösung innerhalb seiner Strukturen. Auch deshalb ist der Brudermord ein erzählerischer Fehler. Zudem kommt er ziemlich überraschend und ist nicht wirklich vorbereitet. Wenn schon ein Externer herhalten muss, wäre Vorarbeiter Les, der mit Mona verheiratet ist, geeigneter gewesen. Der hatte seine Mordpläne im Vorfeld auch schon mehrfach angekündigt.
Lösungen
Eine Konzentration auf das Melodrama, auf die Dreiecksgeschichte. Die angesprochenen Plattheiten hätte man ganz einfach vermeiden können: Als Pete mit Big Boy und Mona zum Beispiel zerknirscht in der Kneipe am Musikautomaten hängt, wäre das Gegenteil besser gewesen. Er hätte den Fröhlichen, den Unbekümmerten mimen sollen. Die Zuschauer hätten ja über die innere Stimme seine wahre Befindlichkeit erfahren. Gerade dieser Kontrast hätte die emotionale Wirkung verstärkt. Außerdem hätte seine zur Schau getragene Fröhlichkeit und Intimität mit Josepha ja Monas Eifersucht provozieren können. Apropos Josepha. Sie hat eigentlich keine Handlungsrelevanz und trottet eher wie ein trauriges Schaf durch die Gegend. Also streichen.
Entscheidungen
Ein guter Erzähler hätte den Helden in eine Situation manövriert, in der er existenzielle Entscheidungen treffen muss: Entweder der Freund oder die geliebte Frau. Diese Entscheidungen werden Pete in dieser Geschichte durch den Brudermord leider abgenommen. Die schlimmstmögliche Situation – und die müsste ein guter Erzähler durchspielen – wäre eigentlich folgende gewesen: Im Schneesturm stürzt nicht Hoover vom Pferd, sondern Big Boy. Jetzt müsste Pete entscheiden, was schwerer wiegt, seine Männerfreundschaft oder seine Obsession. Das wäre der Gipfel des Dramas gewesen, nicht der Brudermord.
Romanverfilmung
Es mag ja sein, dass die aufgelisteten Schwächen schon im Roman enthalten sind. Das ist aber noch lange kein Grund, sie zu übernehmen. Eine kunstgerechte Adaption sollte immer die Defizite aussparen, das dramatische Potenzial ausreizen und auch anreichern.
Fazit
Trotz einiger Vorzüge kommt „Hi-Lo Country“ insgesamt zu platt, unentschlossen und wirr daher, um tiefergehende Gefühle beim Zuschauer zu erzeugen.

