Nathalie

F 2003, Länge: 106 Min., FSK: 16
Produktion: France 2 Cinéma, DD Productions u.a.
Regie: Anne Fontaine
Drehbuch: Philippe Blasband, Jacques Fieschi u.a.
Kamera: Jean-Marc Fabre
Musik: Michael Nyman
Montage: Emanuelle Castro
Darsteller: Fanny Ardant, Emmanuelle Béart, Gérard Depardieu u.a.

Genre: Liebesgeschichte
Erzählmotiv: Versuchung
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): exzellent
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: sinnlich
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, ARTE
Datenträger: DVD

„Nathalie“ erzählt die Beziehungskrise eines wohlsituierten Ehepaares. Genau genommen ist es eine Dreiecksgeschichte, denn die Edelprostituierte Marlène fungiert als Katalysator im erstarrten Eheleben: eine Prostituierte als Therapeutin. Wie in ihrer späteren Liebeskomödie „Mein liebster Alptraum“ erweist Regisseurin Anne Fontaine sich auch hier als gute Beobachterin menschlichen Beziehungswirrwarrs. „Nathalie“ war auch die Vorlage für Atom Egoyans völlig verkorkstes Remake „Chloe“.

Die Geschichte

Gynäkologin Catherine arrangiert eine Überraschungsparty zum Geburtstag ihres Ehemannes Bernard. Der ist allerdings beruflich verhindert, behauptet er zumindest. Als Catherine eine anzügliche Nachricht auf dem Handy ihres Mannes abhört, stellt sie ihn zur Rede. Bernard streitet gelegentliche Seitensprünge gar nicht ab. Die hätten allerdings gar keine Bedeutung. In ihrer Kränkung kommt Catherine auf die Idee, ihren Ehemann zu testen. Sie engagiert die Edelprostituierte Marlène, die in einem Café Kontakt mit Bernard aufnimmt. Anschließend berichtet sie ihrer Auftraggeberin von ihren amourösen Treffen. Catherine reagiert mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination, finanziert aber weiterhin diese Affäre, später auch ein Apartment der Prostituierten. Nachdem Catherine eines Abends auf einer Party wieder von Bernard versetzt wird, verbringt sie die Nacht mit dem Barkeeper. Im Café führt sie ein Treffen mit Bernard und Marlène herbei und muss überrascht feststellen, dass ihr Mann die junge Frau gar nicht kennt. Marlène hatte die erotischen Geschichten allesamt erfunden. Catherine fühlt sich einerseits hinters Licht geführt, andererseits aber auch erleichtert. Am Ende gehen Catherine und Bernard Hand in Hand an der Seine spazieren.

Stärken

Einer der großen Vorzüge dieses Films sind seine Andeutungen. Es wird viel über Erotik und Sexualität geredet, explizit gezeigt wird sie nur ein einziges Mal. Da schleicht Catherine in der Nachtbar in den ersten Stock und beobachtet Marlène und zwei Kolleginnen mit einem Freier. Das war’s. Ansonsten wird viel geredet und elliptiert. Nachdem Catherine sich zum Beispiel eher unsicher auf ihren One-Night-Stand eingelassen hat, gibt es einen Schnitt und wir sehen sie gutgelaunt am nächsten Morgen das Mietshaus verlassen. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, dürfen wir uns vorstellen. Diese Andeutungen regen natürlich die Phantasie des Betrachters an, genauso wie Marlènes gesammelte Erotikmärchen. Das ist doch schön. Der Zuschauer ist gefordert und darf sich am Ende selbst dabei ertappen, dass er genauso wie Catherine ein Opfer verborgener Sehnsüchte ist. Auch wenn Catherine und Marlène nach ihrem Streitgespräch am Ende Zärtlichkeiten austauschen, bleibt ungewiss, ob es dabei geblieben ist. Vieles bleibt unserer (schmutzigen) Phantasie überlassen. 

Seitensprung

Der hat eine Mehrfachfunktion: Er zeigt einerseits, dass Catherine begehrenswert ist, dass sie nicht nur die Leidtragende ist. Vor allem überzeugt er sie von der Ausrede ihres Mannes, demnach diese Abenteuer keine Bedeutung hätten. Nun weiß sie es. In gewisser Weise sind sie nun quitt, die Voraussetzung für einen Neuanfang. Schön ist auch, dass es Marlène nicht nur ums Geld ging. Das wird am Schluss  deutlich, nicht nur als sie es erklärt. Ebenso deutlich wird ihre Einsamkeit: Im Grunde sehnt die schöne junge Frau sich nach einem Ehemann, der es Wer ist, in Versuchung geführt zu werden. Das ist ihre Eifersucht.

Suspense

Den gibt es, da nur die Zuschauer von Catherines Auftrag an Marlène wissen. Wir sind Geheimnisträger und das sorgt für Spannung. Andererseits werden wir genauso überrascht wie Catherine, dass sich die sexuellen Abenteuer als Fiktion herausstellen. In diesem Punkt gibt es keinen Suspense, was ausnahmsweise kein Nachteil ist. Denn die explizite Darstellung von Sexualpraktiken hätte – wie erwähnt – unsere Phantasie nicht gefordert. Es gibt einen Moment, in dem Catherine hätte stutzig werden können, und zwar als Marlène behauptet, beim Akt mit Bernard auf einem Hotelflur einen Orgasmus erlangt zu haben. Wie bitte? Eine Prostituierte, die bei einem Kunden zum Höhepunkt kommt?! Das hätte Catherine misstrauisch machen müssen. Aber manchmal ignoriert man ja alle Anzeichen eines Schwindels, weil man ihn gar nicht hören will. Marlène bringt es am Ende auf den Punkt: „Hätte ich die Wahrheit gesagt, hätten wir uns gar nicht mehr getroffen.“

Dramaturgie

„Nathalie“ bezieht seine Spannung aus dem Arrangement der beiden Frauen. Denkbar wäre natürlich gewesen, die Rolle der Prostituierten bedrohlicher zu gestalten. Also, welche zusätzlichen Gefahren hätten von Marlène ausgehen können? Sie hätte Catherine zum Beispiel erpressen können. Wenn Bernard von den Aktivitäten seiner Frau erfahren hätte, wäre es wohl endgültig um ihre Beziehung geschehen. Andererseits bekommt sie ja sowieso schon Geld von ihrer Auftraggeberin. Außerdem würde eine derartige Dramatisierung die Liebesgeschichte in eine zweifelhafte Gesellschaft bringen, nämlich in die von Machwerken wie „Eine verhängnisvolle Affäre“ oder eben diesem hanebüchenen Remake. Also, die Femme fatale, die am Ende dran glauben muss, um das verlogene Familiengebilde nicht zu gefährden. Davon sind die Franzosen – zum Glück – weit entfernt.

Fazit

Anne Fontaine gönnt ihren Protagonisten ein Happy End. Auch das passt zum Film und zur ganzen Stimmung. Beide haben etwas dazugelernt. Bernard wird wohl keine bedenkenlosen Seitensprünge mehr riskieren und Catherine hat gelernt, dass die tatsächlich gar nichts bedeuten müssen. Manchmal im Gegenteil. Sie können diesem Paar den Wert ihrer langjährigen Beziehung vor Augen führen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Anne Fontaines „Nathalie“.

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