Organisation

Du brauchst Geld zum Drehen? Was für Geld? Wofür? O.k., Du benötigst Geräte. Mal angenommen, Du verfügst über die Technik bzw. einen Zugang. Dann brauchst Du vielleicht noch ein paar Speicherkarten, Festplatten, Akkus oder Batterien. Alles ist erschwinglich. Für das ein oder andere Projekt wirst Du noch mal ein Requisit benötigen, das man nicht so ohne weiteres auftreiben kann. Aber das war’s dann wohl?

Falls Du – wofür auch immer – einen kleinen Etat benötigst, folgender Tipp:
Überlege, wer ein Interesse an Deinem Film haben könnte. Richte Deine Produktion aber nicht nach den Wünschen anderer aus. Sonst bekäme es den Charakter einer Auftragsarbeit, die aber nicht in der Größenordnung von Zuschüssen oder Aufwandsentschädigungen liegen sollte. Halte frühestens nach der Ideenentwicklung, also wenn ein Handlungsablauf schriftlich fixiert ist, nach Kooperationspartnern Ausschau. 

Drehorte

Versuche die Anzahl Deiner Drehorte kompakt zu halten. Verbringe nicht wertvolle Produktionszeit mit Teamfahrten zu diversen Locations. Reisen könnt Ihr später immer noch durchführen (s. Kapitel „Vertrieb“). Außerdem muss jeder Drehort vorbereitet, hergerichtet werden. Im Optimalfall hast Du nur einen Drehort, wie zum Beispiel „Der Tod und Das Mädchen“ von Roman Polanski.

Bei den Locations gibt es eine ähnliche Fragestellung wie bei den Schauspielern: Wählt man sie möglichst authentisch oder behilft man sich mit verfügbaren Mitteln? Um in Original-Schauplätzen drehen zu können, benötigst Du in vielen Fällen einen zeitlichen Vorlauf. Adhoc wird das schwierig. 

Beispiel: Öffentliche Verkehrsbetriebe veranschlagen für die Bearbeitung von Drehgenehmigungen mindestens zwei Wochen Vorlauf. Wenn Du rechtzeitig wissen willst, wo’s lang geht, erhöht sich Dein Handlungsspielraum.

Bei unserem preisgekrönten Spot „Da pecuniam!“ gab es einen Monat Zeit für Verhandlungen mit Geldinstituten. Für die sind Banküberfälle natürlich ein brisantes Thema. Anfangs fanden wir keine kooperationsbereite Bank. Plan B hätte bedeutet, dass wir Räume oder ein Studio wie eine Bank ausstatten. Aber das wäre zum einen sehr aufwändig gewesen und zum anderen möglicherweise aufgefallen. Dann hätte der Film an Wirkung verloren. Nach längerem Suchen fanden wir eine kleine Bankfiliale, die uns auch versicherte, dass man sie gar nicht ausrauben könne. An einem Freitagnachmittag nach Betriebsschluss hatten wir in Anwesenheit des Filialleiters und einer Mitarbeiterin zwei Stunden Zeit, unseren Film zu drehen. Es gibt also Fälle, in denen sich eine präzise Vorbereitung empfiehlt.

Wenn es bei der Drehortsuche hakt, folgende Tipps:
1. Klammere Dich nicht an eine Idee. Vielleicht muss die Szene beispielsweise gar nicht in einem Café spielen? Vielleicht könnte sie ebenso gut in einem Park, in einem PKW o.ä. spielen? Sei flexibel, nicht nur in diesem Bereich! Vielleicht befindest Du dich einfach auf einem Holzweg? Das kann jedem passieren. Ändere einfach Deinen Plan. Häufig lassen sich die Probleme dann lösen. Außerdem ist es ein tolles Gefühl, durch gedankliche Flexibilität Dinge zum Laufen zu bringen.
2. Versuche immer persönlich mit den Leuten oder Besitzern eines Drehortes Deiner Wahl zu reden. Verhandele nach Möglichkeit im Team und nicht allein. Das Telefon ist die zweitbeste Möglichkeit und eignet sich insbesondere zur Vorbereitung solcher Treffen. Das Mailing bei solchen Verhandlungen unbedingt vermeiden.
3. Für ein Projekt brauchten wir einen Gerichtssaal. Ein Original-Drehort war nicht so einfach zu bekommen. Also mussten wir improvisieren (s. Kapitel „Improvisation“) und haben einen Seminarraum entsprechend ausgestattet. Gerade diese „Notlösungen“ müssen nicht schlechter sein. Hat man nicht alle Filme, die in einem Original-Gerichtssaal spielen (oder Krankenhaus, Polizeirevier, usw.) schon gesehen? Entsteht Originalität (unter anderem) nicht gerade durch derartige Notlösungen? Tatsächlich sorgte bei späteren Vorführungen vor allem unsere improvisierte Ausstattung des Gerichtssaals für Heiterkeit. So etwas hatte noch niemand gesehen. 

Teamfindung / Teamwork

Das Gros der organisatorischen Vorbereitung wird auf Deinen Schultern lasten. Aber es gibt Bereiche, die man sinnvoll delegieren kann. Eine Filmproduktion ist Teamwork, vergleichbar mit dem Zusammenspiel einer Fußballmannschaft. Wenn Sie im Sturm top besetzt sind, aber eine schlechte Verteidigung haben, dann sind die Chancen auf ein attraktives, erfolgreiches Spiel eher gering. 

Versuchen Sie die Neigungen und Stärken Ihres Teams auszuloten und zu fördern. Es macht wenig Sinn, jemand in eine Position zu zwingen, in der er sich unwohl, deplatziert fühlt. Meistens kristallisieren sich Vorlieben und Talente bei den praktischen Vorübungen heraus. Es gibt bei jedem Workshop Jugendliche, die sich zu den technischen Disziplinen oder den schauspielerischen hingezogen fühlen. Bestärken Sie Ihr Team in ihren Neigungen. Versuchen Sie aber auch, die Jugendlichen rotieren zu lassen. Es gibt immer verborgene Talente. Die zum Leben zu erwecken, ist für alle Beteiligten begeisternd.

Beispiele: Bei einem Schulprojekt zu einem eher drögen Thema gab es einen Jungen mit komödiantischem Talent, der aus dem Stegreif parodieren konnte. Intuitiv haben wir ihm mehr Raum gegeben, den ganzen Film verstärkt auf ihn und seine Rolle zugeschnitten. Das Ergebnis war ein großer Lacherfolg. Auch ein weiteres Beispiel dafür, welches kreative Potenzial gerade in scheinbar langweiligen Aufgabenstellungen stecken kann.

Bei einer Liebesgeschichte gab es die weibliche Hauptrolle zu besetzen. Mehr aus Mangel an Teilnehmern fiel die Wahl auf ein eher schüchternes Mädchen. Für die Rolle hatten wir sie mit Perücke und weißem Kleid ausgestattet. Die Intensität und Ausdrucksstärke, mit der sie die Figur ausgefüllt hat, war schlicht umwerfend. 

Auch die Anzahl der Teammitglieder sollte der Größe einer Fußballmannschaft entsprechen: 8 bis 12 Spieler wären optimal. Größere Gruppen sollten aufgeteilt werden. Nicht nur dafür wäre ein Projektassistent, also ein zweiter Erwachsener, hilfreich. 

Die Teamarbeit einer Filmproduktion ist nicht zuletzt ein perfektes Training für ein soziales Miteinander. Die Jugendlichen lernen, an einem Strang zu ziehen. Nur gemeinsam erzielen sie ein gutes Ergebnis. Und das ist für Ihre jungen Teilnehmer besonders wichtig. Sie wollen auf dem Sprung in die Erwachsenenwelt vor allem ernst genommen werden. Insofern ist es essentiell, dass der Projektleiter ein teamorientiertes Spiel vorlebt. Bereichern Sie sich und Ihr Projekt, indem Sie die Kreativität der Jugendlichen provozieren und ausschöpfen. Es wäre dumm, sich taugliche Ideen des Teams oder auch anderer Kollegen entgehen zu lassen.

Ein Beispiel: In der Endphase eines Workshops hatten wir das Team aufgeteilt. Eine Hälfte bastelte nach einer Einführung in den professionellen Videoschnitt an einer Layoutfassung, die andere Hälfte fertigte unter meiner Anleitung Tonaufnahmen an. Bei unserer Rückkehr an den Schnittplatz präsentierten die Cutter eine Passage, die so gar nicht vorgesehen war: eine Aneinanderreihung völlig verständnisloser Mienen jugendlicher Darsteller. Das war witzig, gerade in seiner Wiederholung, in seiner Retardierung. Diesen Zusammenschnitt haben wir natürlich in die Endfassung transportiert. Bei späteren Vorführungen sorgte vor allem diese Passage für viele Lacher. 

Was machen Sie, wenn es mal nicht so läuft, wenn sich z.B. die Ideenfindung hinzieht und das Ende Ihres Workshops schon in Sicht ist? Einiges hängt auch von Faktoren ab, die Sie gar nicht beeinflussen können. Das können Lustlosigkeiten oder Animositäten sein, die natürlich die Produktivität eines Teams beeinträchtigen. 

Wie bei einem Fußballspiel gibt es auch bei der Filmproduktion Phänomene. Es gibt Tage, da bestürmen Sie das gegnerische Tor, treffen aber allenfalls den Pfosten, während der Gegner ein Murmeltor erzielt. An solchen Tagen könnten Sie auch noch stundenlang weiterspielen, sich aufreiben und würden doch nichts ändern. Genauso ist es bei der Produktion von Kurzfilmen, bei denen Sie nicht alles kontrollieren können. Manchmal fügen sich die Dinge, manchmal hakt’s. Es liegt nicht alles an Ihnen. Außerdem sind diese Phänomene ein Plädoyer für Produktivität, mal ganz abgesehen von der handwerklichen Erfahrung: Je mehr Filme Sie herstellen, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch mal alles fügt.

TIPP: Wenn es bei einem Projekt mal hakt, teilen Sie Ihr Team auf. Schicken Sie die eine Hälfte (die Unruhigsten in der Gruppe) mit der Kameraausrüstung auf die Straße, um Statements zum Thema einzufangen (s.a. Kapitel „Dokumentarfilme“). Die sollten natürlich gut trainiert sein und von einem Projektassistenten begleitet werden. Mit der anderen Hälfte arbeiten Sie an der Filmidee. Das beschleunigt Arbeitsprozesse und schafft Produktivität. 

Casting

Bei Spielfilmprojekten mit Jugendlichen sollten Sie auf keinen Fall auf ein Casting* verzichten – egal ob die Schauspieler aus den eigenen Reihen stammen oder von außen kommen. Lassen Sie alle Bewerber für eine Hauptrolle eine Szene aus dem geplanten Handlungsablauf spielen. Damit trainieren Sie Ihr Team auch gleichzeitig an Kamera- und Tongeräten. 

Nach den Proben sichten Sie mit Ihrem Team die Aufnahmen. Dabei ist es sinnvoll eine Fernbedienung parat zu haben. Schalten Sie den Playermodus Ihrer Kamera von Zeit zu Zeit auf Pause, um die Bild- und Tonaufnahmen zu analysieren. Erörtern Sie Optimierungsmöglichkeiten. 

Die Kinder haben ein sehr gutes Gespür für Echtheit und Überzeugungskraft schauspielerischer Darbietungen. In zehn Jahren musste ich nur ein einziges Mal eingreifen, um fragwürdige Entscheidungen zu korrigieren. Es war nicht nur so, dass die Geeignetsten zielstrebig ausgewählt wurden, auch die Aussortierten haben die Entscheidungen akzeptiert und mit getragen. Wahrscheinlich überwiegt der Wunsch nach einem guten Ergebnis vorhandenes Pofilierungspotenzial?

Was ist, wenn so eine Auswahl doch mal in die falschen Bahnen geraten sollte, wenn plötzlich ein Ungeeigneter die Hauptrolle übernehmen soll? Die Gründe können vielfältiger Natur sein: Der Ungeeignete gilt als cool, der Talentierteste hat das falsche Handy oder – noch schlimmer – gar keines usw.

Pädagogisch richtig wäre es wohl, wenn Sie dann die Entscheidung treffen und diese in der Gruppe fachlich begründen. Davon würde ich in so einem Fall aber dringend abraten. Zum einen laufen Sie Gefahr, unproduktive Grundsatzdebatten anzuzetteln, zum anderen stufen Sie den Auserwählten öffentlich herab. Da können Sie noch so viel reden, es bleibt eine Kränkung.

Lösung: Manipulieren Sie in diesem Fall die Auszählung und küren Sie den Talentiertesten zum (Haupt-)Darsteller. Die Auszählung sollten Sie niemals auf einer Tafel oder einem Flipchart (also öffentlich) vornehmen. Benutzen Sie Ihr Notizbuch, in das sonst niemand Einblick hat.

Auf keinen Fall sollten Sie Mehrheitsentscheidungen zum Nachteil des Films und letztlich Ihres Teams akzeptieren. Wem wäre damit gedient?

Schauspieler

Wenn Sie z.B. die Rolle eines Bankangestellten mit einem Jugendlichen besetzen, dann definieren Sie damit auch die Stimmung Ihres Films: Ein realitätsnahes Geschehen erwartet mich hier nicht. Muss es ja auch nicht. Film ist ja (auch) die Eingangspforte zur Magie, zur Phantasie, die die Kinder bedenkenlos betreten können. Wichtig ist nur: Die Atmosphäre Ihres Films wird durch solche Entscheidungen definiert. In einer Anarcho-Komödie kann der Bankangestellte ruhig 13 Jahre alt sein. Ja, er sollte es vielleicht sogar, unseren Erwartungen eben nicht entsprechen. 

Aber mal angenommen, Ihr Projekt benötigt erwachsene Schauspieler, dann ist es auch nicht so schwer, Profis für die Dreharbeiten zu gewinnen. Leider (für Sie zum Vorteil) gibt es ein Überangebot an Schauspielern. Alle haben naturgemäß den Wunsch, zu arbeiten, ihr Können unter Beweis zu stellen. Da Sie kein Budget haben, könnte ein Deal, von dem beide Seiten profitieren, folgendermaßen aussehen: Ein Schauspieler hilft Ihnen einen halben oder ganzen Drehtag, im Gegenzug erhält er einen hochauflösenden Export für seine Demorolle. Kein Schauspieler hat Interesse, sich als Eintagsfliege zu präsentieren, meist auch nicht, auf bestimmte Rollen festgelegt zu werden (der Bankangestellte, der Womanizer usw.). Ihm ist an einem facettenreichen Repertoire gelegen. 

Wie kommen Sie an Schauspieler heran?

Besuchen Sie die Internetseiten hiesiger Theater, Schauspieleragenturen oder Schauspielschulen. Häufig wird das Ensemble dort eingehend präsentiert. Keine Angst vor Profis! Sie können nur gewinnen, genauso wie Ihr Team und die Schauspieler.

Wichtig: Bereiten Sie diesen Schauspieler-Drehtag gut vor. Lassen Sie Ihre Schauspieler nicht stundenlang warten, bis Ihre Gruppe mal so weit ist. Geben Sie Ihnen nicht das Gefühl, hier von einer Chaotentruppe umzingelt zu sein. Revanchieren Sie sich für ihre Bereitschaft mit größtmöglicher Professionalität.

Verträge