About Schmidt (Alexander Payne) USA 2002

Von der ersten Sekunde an wird in dieser Tragikomödie der amerikanische Traum vom familiären Wohlstand auf eindrucksvolle Weise demontiert. Aber anders als in Ang Lees „Der Eissturm“ ist der gnadenlose Blick hinter die beruflichen und familiären Fassaden nie distanziert. Er ist stets ebenso böse wie liebevoll. Die Ausstattung, die Requisiten, die Kleidung, die Schauspieler – alles stimmt bis aufs I-Tüpfelchen. Allen voran Jack Nicholson in der Rolle des Versicherungsmathemathikers Schmidt, dessen Hang zu Infantilitäten wie zum Beispiel in „Departed“ (Martin Scorsese) hier keinen Platz hat. Als Durchschnittsbürger kann er zeigen, dass er ein überdurchschnittlicher Schauspieler ist. Dazu trägt auch die unglaubliche Konzentration der Geschichte auf ihren Helden bei. Schmidt ist praktisch in jeder Szene präsent. Es gibt keinen Schnickschnack, keine Ablenkungsmanöver, keine Unausgegorenheiten. Entscheidenden Beitrag dazu leistet die literarische Vorlage von Louis Begley, dessen Biografie sich liest wie ein Abenteuerroman und einen Exkurs wert ist.
Kleines Manko in diesem ansonsten grandiosen Film ist der duchschnittliche Ausschlag der Spannungskurve. Die Bedrohung für den wohlsituierten Rentner Schmidt ist nicht existenziell wie für die Protagonisten in „Fahrraddiebe“. Da hätte man Schmidt das Leben durchaus noch schwerer machen können, auch wenn sein Eintritt ins Rentenalter jede Menge unliebsame Überraschungen in petto hat. Angefangen vom plötzlichen Tod seiner Ehefrau Helen, mit der er 42 Jahre verheiratet war, die – wie sich herausstellt – eine Affäre mit seinem besten Freund hatte, über die distanzierten Begegnungen zur einzigen Tochter Jeannie und deren Verlobten, dem einfach gestrickten Randall. Die bevorstehende Hochzeit der beiden ist Anlass für eine Reise, für ein Roadmovie, um den Mysterien des letzten Lebensabschnitts auf die Spur zu kommen. 33 Jahre nach „Easy Rider“ (Dennis Hopper) endet die Odyssee für Jack Nicholson aber nicht tödlich, sondern nur scheinbar aussichtslos. Die Lösung liegt in der Etablierung der Brieffreundschaft zum tansanischen Jungen Ndugo, die Schmidt 22 Dollar im Monat kostet. Während er seine Briefe schreibt, erfahren wir durch seine Stimme im Off ungeschminkte Einblicke in seine Gefühlswelt. Das ist schon ein genialer Schachzug. Im Grunde ist das Briefeschreiben für Schmidt nichts anderes als eine Therapie, eine Möglichkeit des Austausches, was das erstarrte Eheleben offensichtlich schon lange nicht mehr leistet. Die Brieffreundschaft entsteht eigentlich erst am Schluss, als Schmidt selbstkritisch über die eigene Bedeutungslosigkeit räsoniert, den Sinn des Lebens in Frage stellt. In diesem Moment kommt die Rückmeldung von Ndugu, dessen kindliche Zeichnung Schmidt zu Tränen rührt und seinen Defätismus erschüttert: Vielleicht ist doch nicht alles sinn- und bedeutungslos? Vielleicht kann man doch Spuren hinterlassen? Dass dem so sein kann, demonstriert auch dieser kluge, wundervolle Film.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht

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