USA 2021
Länge: 114 Min., FSK: 6
Produktion: A24, Be Funny When You Can
Drehbuch + Regie: Mike Mills
Kamera: Robbie Ryan
Musik: Aaron + Bryce Dessner
Montage: Jennifer Vecchiarello
Darsteller: Joaquin Phoenix u.a.
Genre: Tragikomödie
Erzählmotiv: leider nicht vorhanden
Suspense: leider nicht vorhanden
Held(en): sehr gut
Gegenspieler: fehlt leider
Stimmung: ernsthaft, heiter
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet TV, Videobuster
Mike Mills ist der „Franzose“ der amerikanischen Filmregisseure. Wieder einmal legt er den Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen und schafft es, uns für seine Figuren einzunehmen. Es sind die ganz alltäglichen Dinge, mit denen er uns auf kluge und unterhaltsame Weise in den Bann zieht. Mit herausragenden Schauspielern schafft Mike Mills in seiner Tragikomödie „Come on, Come on“ den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit. Allerdings: Der Spannungsaufbau ist nicht seine Sache.
Die Geschichte
Johnny (Joaquin Phoenix) ist ein Radiojournalist in New York und arbeitet an einer Sendereihe mit Kindern und Jugendlichen, die er zu ihren Vorstellungen von der Zukunft befragt. Seine alleinerziehende Schwester Viv (Gaby Hoffmann) lebt in Los Angeles und sucht für eine Zeit lang ein „Kindermädchen“ für ihren 9-jährigen Sohn Jesse (Woody Norman). Johnny lässt sich auf das Abenteuer ein und hat nun alle Hände voll zu tun, Job und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Gemeinsam reisen die beiden erst nach New York, wo Johnny seine redaktionelle Arbeit weiterführt, dann nach New Orleans. Auf ihrer Reise kommen Onkel und Neffe sich näher, bis am Ende jeder wieder in sein Leben zurückkehrt, aber um einige Erfahrungen und Erkenntnisse reicher.
Stärken
Star des Films ist der kleine Jesse, der Johnny immer wieder mit altklugen Fragen nervt, die ans Eingemachte gehen: „Warum bist du nicht verheiratet?“, „Hast du sie geliebt?“, „Warum habt ihr euch getrennt?“ usw. Auch dieser abrupte Wechsel von ernsthaften Themen zu absurden Rollenspielen ist gut beobachtet. So sind Kinder eben – auch. In einem Moment werden bohrende Fragen gestellt, um dann unvermittelt in die Rolle eines armen Waisenkindes zu schlüpfen oder im Supermarkt Versteck zu spielen. Nichts geht über das Spielerische. Da können sich alle Erwachsenen eine Scheibe von abschneiden, nicht nur Johnny. Mit dessen Schwester Viv hat Mike Mills auch eine starke Frauenfigur entwickelt, die im Grunde eine Dreifachbelastung auf ihren Schultern trägt: Als alleinerziehende Berufstätige kümmert sie sich noch um Jesses psychisch kranken Vater. Auch auf diesem Gebiet kann Johnny dazulernen.
Schwächen
Mit unseren vorgeschalteten Sehorganen nehmen wir unsere Umgebung eigentlich in Farbe wahr. Die Entscheidung, „Come on, Come on“ in schwarzweiß zu drehen, ist eine Stilisierung und eine Entfernung von der Realität. Wozu? Gerade bei diesen teilweise dokumentarisch anmutenden Szenen macht das überhaupt keinen Sinn. Die Rockmusik von „The National“ ist ziemlich genial, im Gegensatz zur gefühlsduseligen Hintergrundmusik bei den Statements der Kinder und Jugendlichen. An diesen Stellen hätte man sich einfach nur ihre Stimmen gewünscht und keine musikalische Ablenkung. Die Rolle des Radiojournalisten ist zu autobiografisch. Zwar nicht ganz so schlimm wie der erfolgreiche Filmregisseur in „Cinema Paradiso“ oder der alternde in „Sentimental Value“, aber nicht gerade ein Beleg für Einfallsreichtum. Der in Rückblenden visualisierte exzessive Streit der Geschwister um die Pflege ihrer dementen Mutter ist übertrieben. So läuft das nicht.
Dramaturgie
Da liegen die Defizite von Mike Mills. Aber auch eine auf Beziehungen fokussierte Tragikomödie sollte nicht frei von Spannung und Gefahren sein. In „Gloria“ etabliert John Cassavetes mit der gleichnamigen Protagonistin und dem 6-jährigen Phil ein „Odd-Couple-Paar“: Zwei Menschen, die sich eigentlich nicht ausstehen können, sind durch äußere Umstände aneinander gekettet. Abgesehen davon, dass beide von der Mafia gejagt werden und es richtig zur Sache geht, sorgt diese Abneigung natürlich für Zündstoff. Ähnliches fehlt in „Come on, Come on“. Auch in „Gloria“ geht der Junge im Großstadtdschungel New Yorks verloren, was aber dann fachgerecht retardiert wird. In „Come on, Come on“ findet sich Jesse schnell wieder ein. Das ist natürlich ein dramaturgischer Fehler, denn das Verschwinden des Jungen hätte auch einen ernsthaften Konflikt mit Viv zur Folge gehabt. Vielleicht hätte Johnny diesen Fauxpas auch erstmal verschwiegen. In jedem Fall hätte es ihn in Bedrängnis gebracht.
FSK Freigabe
Interessante Randnotiz: Während hierzulande der Film frei ab 6 Jahren ist, muss man in den USA ganze 17 Jahre sein, um ihn im Kino sehen zu dürfen. Diese Diskrepanz ist bemerkenswert. Wovor will man die Kinder und Jugendlichen in den Staaten „schützen“? „Come on, Come on“ hat keine Szenen, die Gewalt, Pornografie oder Suchtkonsum zeigen, geschweige denn verharmlosen. Also, was kann es sein? Was wollen die Amis deckeln? Wahrscheinlich ist es bedrohlich, wenn Jugendliche einen freien Diskurs über ihre Ängste und Zukunft führen? Das könnte sie ja auf unliebsame Gedanken bringen?
Fazit
Wenn man die Fähigkeiten von Mike Mills mit denen von Alfred Hitchcock kombinieren könnte – das wär’s. Das würde eine interessante Kreuzung ergeben. So bleibt es bei einer sehenswerten Tragikomödie, die Hoffnung macht. Aber das ist ja schon mal eine ganze Menge.


