F 2014
Länge: 118 Min., FSK: 6
Produktion: Gaumont Productions u.a.
Drehbuch + Regie: Éric Toledano, Olivier Nakache
Kamera: Stéphane Fontaine
Musik: Ludovico Einaudi
Montage: Dorian Rigal-Ansous
Darsteller: Omar Sy, Charlotte Gainsbourg u.a.
Genre: Tragikomödie
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: sehr gut
Held: hart im Nehmen
Gegenspieler: hart im Geben
Stimmung: schwarzhumorig + mitreißend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Videobuster
„Heute bin ich Samba“ ist ein tragikomischer Liebesfilm, dessen Titel schon darauf hindeutet, womit wir es hier zu tun haben: Musik, Rhythmus, Leichtigkeit, Protest.
Subtrahiert man die Werke von Olivier Marchal haben’s die Franzosen einfach drauf, was das Regieduo schon mit „Ziemlich beste Freunde“ unter Beweis gestellt hat. Es ist schlicht beeindruckend, mit welcher spielerischen Tiefgründigkeit sie gegenwärtige gesellschaftliche Probleme in eine mitreißende Spielhandlung verpacken. Ein ebenso schwarzhumoriger wie erkenntnisreicher Ausflug in eine subkulturelle Parallelwelt.
Die Geschichte
Der Senegalese Samba (Omar Sy) lebt auf engstem Raum bei seinem Onkel und arbeitet ohne Papiere als Tellerwäscher in einem Nobelrestaurant. Nachdem er bei einer Razzia festgenommen wird, kommt er in Haft. Dort lernt er die Flüchtlingshelferin Alice (Charlotte Gainsbourg) kennen, die sich nach einem Burnout ehrenamtlich engagiert. Beim Gerichtsverfahren erhält Samba einen Abschiebebescheid. Fortan lebt er als Illegaler und verdingt sich als Tagelöhner. Dabei freundet er sich mit dem Brasilianer Wilson an, der eigentlich aus Algerien stammt. Nach und nach kommen auch Samba und Alice sich näher. Ein Rendezvous zwischen beiden wird durch einen Kampf zwischen Samba und einem ehemaligen Mithäftlinge vereitelt, bei dem sie in den Fluten der Seine versinken. Aufgrund einer Verwechslung wird Samba für tot gehalten. Nachdem sich das Missverständnis aufgeklärt hat, wollen Samba und sein Onkel zurück in die Heimat. Aber Alice hat bei den Habseligkeiten des Verstorbenen eine gültige Aufenthaltsgenehmigung entdeckt. Sie überredet Samba zum Bleiben und die Identität des Toten anzunehmen.
Liebesgeschichte
Sehr schön ist die behutsame Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Samba und Alice, wobei die Filmemacher gängige Klischees vermeiden: Sexszenen, Scheinheirat usw. Die Probleme der beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Während der mittellose Samba um seine nackte Existenz kämpft, laboriert die vergleichsweise wohlhabende Alice an einem beruflich bedingten Burnout. Beide helfen sich gegenseitig. Eine produktive Liaison, wobei die Ironie darin besteht, dass der farbige Geflüchtete ohne Aufenthaltsstatus der weißen Businessfrau wieder ins Berufsleben hilft. Sehr schön.
Stärken
Am Anfang führt uns die Kamera von einer exklusiven Hochzeitsfeier in die Katakomben eines Nobelrestaurants. Dahin, wo eigentlich niemand hinschaut: Zu den Menschen, die solche Festivitäten ermöglichen, zu den Küchenhelfern und Tellerwäschern. Die Kontrastierung ist ein dramaturgischer Baustein. Sie dient der Verdeutlichung und der Steigerung von Konflikten. Auch die Lebenswelten, die in „Heute bin ich Samba“ aufeinanderprallen, könnten kontrastreicher kaum sein. Zudem etabliert das Regieduo eine klassische Suspense-Situation: Die Zuschauer wissen um den Abschiebebescheid, um die Illegalität, nicht aber die meisten Akteure. Das ist das Damoklesschwert, das über den Helden schwebt. So ist das richtig. Die Dialoge sind erfreulich unkorrekt, so wie man eben auf der Straße spricht.
Überraschungen
Dann wartet der Film immer wieder mit Überraschungen und Wendungen auf: Manu, die Kollegin von Alice, mahnt Distanz zu den Geflüchteten an, um sich alsbald Wilson an den Hals zu werfen. Nach dem Kampf um Leben und Tod wähnt man Samba schon im Jenseits, aber das hätte nicht zur schwarzhumorigen Grundstimmung des Films gepasst. Auch das ist eine Wendung.
Figuren
Einfach herausragend ist die Darstellung von Charlotte Gainsbourg als labile, zerbrechliche Businessfrau, die scheinbar alles hat. Aber das Wesentliche ist ihr im Leben abhanden gekommen: der Sinn, die Leichtigkeit, der Spaß. All das bringt ausgerechnet der vom Leben gebeutelte Samba mit. Er ist nicht nur Küchenhelfer, sondern auch Sinnhelfer. Sein verspieltes Naturell verdeutlicht eine Szene als Nachtwächter in einem Kaufhaus, in der er mit ausgestellten Sportgeräten imaginäre Siege feiert. Wunderbar ist auch die Szene, in der er zusammen mit Wilson als Fensterputzer die Glasfassade eines Bürohauses reinigt. Während Samba sich ziert, legt Wilson einen Striptease für die weiblichen Mitarbeiterinnen der Büroetage hin. Grandios.
Fazit
„Heute bin ich Samba“ sollten sich vor allem mal jene anschauen, die Geflüchtete für arbeitsscheu halten und diesbezüglich ihre Vorurteile pflegen. Tatsächlich sind Samba und seine von Abschiebung bedrohten Mitstreiter sich für nichts zu schade. Sie nehmen jeden Job an, ob nun als Tellerwäscher, Wachmann, Bauarbeiter oder Fabrikarbeiter in der Mülltrennung. Ja, sie reißen sich um diese Jobs. Sie kämpfen ums Überleben, ohne ihren Humor und ihre Empathie zu verlieren. Dieses hoffnungsvolle Ende haben Samba und Alice sich redlich verdient. Unbedingt anschauen!









