USA 2016, Länge: 93 Min., FSK: 12
Produktion: Levantine Films u.a.
Roman: Jonathan Evison
Drehbuch + Regie: Rob Burnett
Kamera: Giles Nuttgens
Musik: Ryan Miller
Montage: Christopher Passig
Darsteller: Paul Rudd, Craig Roberts u.a.
Genre: Tragikomödie
Erzählmotiv: Identität
Suspense: nicht vorhanden
Held(en):
Gegenspieler:
Stimmung:
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Netflix
„Umweg nach Hause“ ist eine kleine Independent-Perle, die sich ganz auf seine originellen Helden konzentriert.
Drehbuchautor und Regisseur Rob Burnett hat mit „Umweg nach Hause“ einen Roman von Jonathan Evison adaptiert. Ohne Schnickschnack erzählt er die Geschichte zweier Männer, des heranwachsenden 18-jährigen, im Rollstuhl sitzenden Trevor (genial: Craig Roberts) und des traumatisierten Schriftstellers Ben (Paul Rudd). Die Konzentration dieser Tragikomödie kann man auch an der klassischen Spielfilmlänge von 90 Minuten ablesen.
Die Geschichte
Schriftsteller Ben hat, wie sich später herausstellt, seinen kleinen Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren. Um wieder ins Leben zurückzufinden, absolviert er eine Fortbildung als Pflegekraft. Sein erster Patient ist Trevor, der an einer Muskelkrankheit leidet. Gleichwohl hat der Junge es faustdick hinter den Ohren und provoziert Ben ein ums andere Mal. Der braucht ein wenig, um sich in seiner neuen Rolle zurechtzufinden, aber dann bietet er Trevor Paroli und fordert ihn heraus. Der Traum des Jungen ist es nämlich, mal zum tiefsten Loch der Welt zu fahren und im Stehen zu pinkeln.
Roadmovie
Also überredet Ben ihn zu einer Reise in Mamas Van. Unterwegs gabeln sie die Tramperin Dot (Selena Gomez) auf, mit der Trevor sich anfreundet und sein erstes Date hat. Dann nehmen sie noch die hochschwangere Peaches mit, die mit einer Autopanne liegen geblieben ist. Ein Abstecher zu Trevors leiblichem Vater endet mit einer Enttäuschung. Endlich am Ziel ihrer Reise entpuppt sich das tiefste Loch als ein mit Wasser gefüllter Krater. Bei Peaches setzen die Wehen ein und Ben kann sich als Geburtshelfer bewähren. Mutter und Baby werden ins Krankenhaus gebracht, Dot von ihrem Vater abgeholt. Mit einem Trick gelingt es Ben, Trevor an eine Trage zu schnallen, so dass er endlich mal im Stehen pinkeln kann. Nach ihrer Rundreise fängt Ben wieder an zu schreiben und Trevor provoziert erfolgreich seine nächste Pflegekraft, die entsetzt das Weite sucht.
Figuren
Eigentlich wird hier die Begegnung von zwei Paralysierten erzählt. Der eine ist mehr physisch beeinträchtigt, der andere psychisch. Ben will die Scheidungspapiere, mit denen seine Ex-Frau ihn bedrängt, nicht unterschreiben. Zu sehr belasten ihn die Schuldgefühle am Unfalltod seines kleinen Sohnes. „Ich bin noch nicht so weit“, ist das Mantra, mit dem er seine Frau und den von ihr beauftragten Anwalt hinhält. Einfach herausragend spielt Craig Roberts den trotzigen und verletzten Jungen, der Zeit seines Lebens an einen Rollstuhl gefesselt ist und eine überschaubare Lebenserwartung hat. „Nenn mir eine Zahl zwischen 1 und 3.500?“, ist eines seiner bevorzugten Rätselspiele. Das errät natürlich niemand, außer Dot, aber da ist der Treffer wahrscheinlich vorgetäuscht. Eins zu Dreitausendfünfhundert ist nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch seine Krankheit (Muskeldystrophie Duchenne) erleidet. Trevors schwarzhumorige Provokationen erinnern an die Schein-Suizide des Protagonisten in „Harold und Maude“ von Hal Ashby. In jedem Fall lassen sie keine Schwermut aufkommen.
Stärken
Es gibt zwar keinen Suspense, aber immer wieder Überraschungen, die es in sich haben. Da sind zum Beispiel die Streiche des Jungen oder die vielen Briefe des Vaters, die Trevor allesamt nicht beantwortet hat. Die stammen allerdings, wie sich später herausstellt, gar nicht vom Vater, sondern von seiner Mutter. Sie will damit ein emotionales Verständnis für die Flucht des Vaters erzielen, ein Verzeihen ermöglichen und Hassgefühlen vorbeugen. Auch das ist eine schöne Idee. Den Verfolger bei ihrer Rundreise hält Ben für den beauftragten Anwalt seiner Ex-Frau. Aber der entpuppt sich als Dots Vater, der sich Sorgen um seine Tochter macht. Die Dialoge sind sarkastisch, schwarzhumorig und schonungslos. Die Protagonisten schenken sich nichts. Gut so. Trevor: „Wie würdest du mir den Arsch abwischen?“ Ben überlegt, bevor er antwortet: „In jedem Fall würde ich ihn so abwischen, dass keine Scheiße übrig bleibt.“ Damit ist er eingestellt.
Schwächen
Überflüssig ist die Figur der Peaches. Sie hat eigentlich keine Handlungsrelevanz. Die Geburtshilfe am tiefsten Loch der Welt wirkt ein bisschen konstruiert. Ben muss hier keinen Lebensretter spielen, um seine Schuld abzutragen. Er hat auf andere Weise Leben und Hoffnung verbreitet. Eine interessantere Frage ist, wie man das Roadmovie etwas dramatischer hätte gestalten können. Einmal wird angedeutet, dass der Van einen technischen Defekt hat oder Ben die lebenswichtigen Hilfsmittel und Medikamente im letzten Hotel vergessen hat. Aber beide Hindernisse verflüchtigen sich und damit auch die lebensbedrohlichen Konsequenzen.
Fazit
Am Ende hat nicht nur dieser „Umweg nach Hause“ beide Protagonisten bereichert, auch die Zuschauer. Ein schöner, kleiner Film, der unterhaltsam ist, zum Nachdenken anregt und Hoffnung macht.









