Leben im Schloss (Jean-Paul Rappeneau) F 1966

Der Titelvorspann besteht aus kunstvollen, betörenden Nahaufnahmen von Gesicht und Haaren der Heldin, Reproduktionen von Fotografien in schwarzweiß. Die Exposition ist auch eine Einstimmung auf die Geschichte, in der die 20-jährige Marie (Catherine Deneuve) aufs Podest gehoben wird. Sie ist eine Hommage an die Attraktivität der Protagonistin, an ihren Eigensinn und ihren Trickreichtum. Damit hat der Film von Jean-Paul Rappeneau etwas sehr Modernes, auch wenn er fast 60 Jahre alt ist und 1944 in der Normandie spielt, also zu Zeiten der deutschen Besatzung. Inszeniert im Stile einer hemmungslosen Komödie erinnert „Leben im Schloss“ an die geniale Naziklamotte „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch.

Die Geschichte

Es fängt damit an, dass Maries Ehemann Jérôme (Philippe Noiret) feststellt, dass im Keller ihres heruntergekommenen Schlosses wieder Äpfel geklaut wurden. Anstatt Interesse für den Diebstahl zu zeigen, beschimpft Marie ihn und seinen Kleingeist. Schließlich fordert sie von ihm eine vertragliche Zusicherung, dass er wie versprochen endlich mit ihr nach Paris zieht. Und das ist die Geschichte. Darum dreht sich alles, von Anfang bis Ende. Diese Einfachheit ist ein weiterer Vorzug von „Leben im Schloss“. Die Kriegswirren kurz vor Landung der Alliierten nutzt Rappeneau nur als Folie. Es könnten auch andere zeitgeschichtliche Unruhen sein. Letztlich dienen sie nur der Anhäufung von Konflikten sowie der Skizzierung und Entwicklung der Protagonisten.

Hemmungslosigkeit

Die erfrischende Hemmungslosigkeit, mit der Rappeneau hier zu Werke geht, ist nie plump. Es gibt keinen Klamauk, wie er des öfteren in deutschen „Komödien“ anzutreffen ist. Apropos. 1966 wurden in Deutschland schwermütige Dramen oder Winnetou-Filme produziert. Keine Spur von Originalität, nuancierter Komik oder Rücksichtslosigkeit. „Leben im Schloss“ demonstriert, wie man spielerisch (Spielfilm) mit Zeitgeschichte umgehen kann.

Die Figuren

Marie ist die unumstrittene Heldin dieser Komödie: Kratzbürstig, schlagfertig und trickreich wickelt sie die Männer um den Finger. Ehemann Jérôme agiert anfangs etwas tranig und verhalten. Schließlich muss er sich auch noch seiner im gemeinsamen Haushalt lebenden Mutter erwehren. Aber dann zeigt er zunehmend Mut und engagiert sich bei der Überrumpelung der Besatzer. Folgerichtig wird er am Ende belohnt. Der französische Widerstandskämpfer Julien verfällt Maries Charme ebenso wie Nazikommandant Klopstock. Julien macht anfangs noch den Fehler, Marie eine gemeinsame Zukunft auf einer einsamen Insel auszumalen. Später erfährt er dann von ihren Träumen und korrigiert beim nächsten Tête-à-tête seine Ziele. Auch das ist witzig.

Finale

Sehr schön und stimmig ist auch das Ende, das Marie und Jérôme beim triumphalen Einmarsch der Befreier in Paris zeigt. Wie in einem Karnevalsumzug posieren sie auf den Panzern der Alliierten und scheinen den Jubel der Menge für sich zu reklamieren. Schön ist auch, dass Marie am Ende zu ihrem Mann hält, nachdem er gezeigt hat, was in ihm steckt. Nicht nur Paris ist befreit, sondern auch Marie und Jérôme. Pures Kinovergnügen!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Leben im Schloss".

Die Marx Brothers auf See (Norman Z. McLeod) USA 1931

Die Marx Brothers waren eine US-amerikanische Komikertruppe, die vor knapp 100 Jahren ihr Unwesen getrieben hat. Ihre Filme sind weniger Erzählungen als eine Aneinanderreihung von Sketchen und Varieténummern. Die Situationskomik ist teilweise so absurd, dass man irgendwann lachen muss. Die Vorgehensweise des Anarcho-Quartetts ist weniger subtil, denn hemmungs- und rücksichtslos. Gut so. Leidtragende sind stets Vertreter des Establishments, der Konventionen. Insofern haben sie durchaus etwas gemeinsam mit ihrem philosophischen Namensvetter. Jegliche Etikette sind für die Vier ein Antrieb – ein Muss, das Regelwerk auf den Kopf zu stellen und ad absurdum zu führen.

Opening

In „Die Marx Brothers auf See“ (Monkey Business) machen Groucho, Harpo, Chico und Zeppo einen Luxusdampfer unsicher, auf dem sie natürlich als blinde Passagiere eingecheckt haben. Schon der Vorspann mit den Credits ist sehr originell. Die Texte werden auf rollenden Heringsfässern, dem Versteck der Brothers Brothers, ins Bild gerollt. Nach ihrer Enttarnung kann der Spaß in Form von Flucht-Verfolgungs-Szenen beginnen.

Stärken

Das absurde Treiben könnte man als rotzfreches Kaspertheater bezeichnen, das von Grouchos Wortwitz (der mit Schnurrbart und Zigarre) dominiert wird. Auf die Empörung eines Passagiers „Was glauben Sie, wer ich bin?“, entgegnet Groucho: „Sagen Sie’s mir nicht!“ Korrumpierungsversuche beantwortet er folgendermaßen: „Wollen Sie mich etwa bestechen? Wie viel?“ Nach der Ohnmacht eines Passagiers wird lauthals nach einem Arzt gerufen. Das veranlasst die Marx Brothers, beim nächstbesten weiblichen Gast Erste-Hilfe-Maßnahmen anzuwenden. Deren Proteste, „Ich bin doch nicht die Patientin“, kontern sie wie folgt:“ Macht nichts. Wir sind auch nicht die Ärzte.“

New York

Bei der Ankunft in New York haben die Marx Brothers natürlich keinen Pass. Den klauen sie einfach aus der Kabine von Maurice Chevalier. Da das Passfoto kaum Ähnlichkeit mit den vier Brüdern hat, versucht einer nach dem anderen mit einem vorgetragenen Chanson die Zweifel der Grenzbeamten auszuräumen. Das gelingt ihnen auch, denn spätestens jetzt ist klar, dass keiner von ihnen Maurice Chevalier ist. Witzig ist auch die Zweckentfremdung von Statussymbolen oder Gegenständen. So schlüpft Groucho beim Showdown beispielsweise in die Rolle eines Radioreporters. Als Mikrofon muss ein alter Milchtopf mit Stiel herhalten.

Grenzüberschreitungen

Die Grenzen zu Beleidigungen sind fließend. So kündigt Groucho dem Publikum auf dem Ozeandampfer eine berühmte Opernsängerin an, während im Nachbarzimmer gerade das Büfett eröffnet wird: „Um sie schnell dorthin zu bringen, gibt Frau Schmalhausen ein Sopransolo.“ Bei der Landung in New York mischt Groucho sich einfach unter die wartenden Journalisten, um der von Bord gehenden Operndiva folgende Frage zu stellen: „Stimmt es, dass sich Ihr Mann von Ihnen scheiden lässt, sobald er wieder sehen kann?“ Das sind natürlich schon Bemerkungen unterhalb der Gürtellinie. Darf man das im Film? Ja, warum nicht? Ist doch nur ein Film. Dort können oder sollen wir auch Zutaten verwenden, auf die wir im realen Leben besser verzichten. Könnte ja sonst langweilig werden.

Schwächen

Echte Widersacher sind im ganzen Treiben allerdings nicht auszumachen. Kapitän und Besatzung in „Die Marx Brothers auf See“ agieren in Gestalt von uniformierten Trotteln. Das ist zwar grotesk und spaßig, aber eben wenig dramatisch. Ein Manko, das allen Filmen der Marx Brothers anhaftet. Teilweise wirkt das Geschehen auch etwas angestaubt, etwa wenn Harpo jedem Rock hinterherläuft und die Damen schreiend das Weite suchen.

Fazit

Wer jemals Angst hatte, gegen Benimmregeln zu verstoßen, hätte mit den Filmen der Marx-Brothers jede Menge Therapiematerial. Sie haben etwas Befreiendes, machen Spaß und sind – wenn man so will – eine Anleitung zum Ungehorsam.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für "Die Marx Brothers auf See"

Bullets over Broadway (Woody Allen) USA 1994

Die Idee, eine New Yorker Theatergruppe in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit einem Mafiaclan zu konfrontieren, hat jede Menge Potenzial. In typischer Allen-Manier pendelt „Bullets over Broadway“ zwischen Screwball comedy und Groteske. Hauptfigur ist der junge, erfolglose Autor David Shayne (John Cusack), der endlich mal Regie führen möchte und sich dafür auf einen Pakt mit dem Teufel einlässt. Finanzier ist nämlich der Mafioso Nick Valenti (Joe Viterelli), der als Gegenleistung eine Theaterrolle für seine völlig unbegabte Freundin Olive Neal (Jennifer Tilly) einfordert. Als Aufpasser wohnt Gangster Cheech (Chazz Palminteri), einer von Valentis Leuten, den Theaterproben bei. Nicht nur damit sind die Konflikte vorprogrammiert. Zusätzlich hat David es mit einem exaltierten Ensemble zu tun. Allen voran die alternde Diva Helen Sinclair (Dianne Wiest), die David um den Finger wickelt und in die er sich schließlich verliebt.

Theater

Einmal mehr thematisiert Woody Allen die Widrigkeiten eines künstlerischen Daseins in westlichen Wohlstandsgesellschaften. „Kein Künstler hat Zeit seines Lebens berufliche Anerkennung bekommen“, versuchen Davids Freunde den Erfolglosen zu beruhigen. Der weiß natürlich, dass dieser gut gemeinte Ratschlag so nicht stimmt. Seine Vorbehalte, auch künstlerische Eingriffe der Mafiosi zu akzeptieren, begegnet sein Manager mit folgender Frage: „Willst du nun dein Stück auf der Bühne sehen oder nicht?“

David arrangiert sich so gut er kann, bis Cheech das Kommando übernimmt. Der entpuppt sich nämlich als bauernschlauer Dramatiker, der sein Rüstzeug im Ghetto und im Gefängnis erlernt hat. Sehr schön sind die gemeinsamen Optimierungsrunden von Mafioso und Autor, bei denen David seine Grenzen realisiert und seinen Meister findet. Cheech ist es schließlich auch, der bereit ist, sein Leben zum Wohle des Stücks aufs Spiel zu setzen, indem er Olive ins Jenseits befördert. In seinen Augen der einzige Weg, diese Niete zum Wohle der Inszenierung aus dem Theaterspiel zu nehmen. Valenti riecht den Braten und schickt Cheech seine Killer auf den Hals. Als David den sterbenden Cheech in seinen Armen hält, begreift er die Limitierungen seiner künstlerischen Fähigkeiten und zieht die Konsequenzen.

Emotionen

Seltsamerweise erzeugt der Film, außer gelegentlichen Lachern, keine Emotionen. Man fiebert nie wirklich mit einem der Protagonisten mit. Alles wirkt irgendwie distanziert, wie ein Kaleidoskop, eine Collage. Man schaut dem Treiben zu und amüsiert sich – mehr nicht. Selbst wenn die Geschichte konsequenter aus Davids oder Cheechs Perspektive erzählt worden wäre, stünde ihnen immer noch der eigentliche Held im Wege: das Theater oder der Broadway. Diese Liebeserklärung an eine darstellende Kunst benötigt zur Emotionalisierung aber taugliche Vehikel: Protagonisten, die mehr im Fokus stehen.

Frauen

Des weiteren sind sämtliche weiblichen Charaktere bis ins Groteske überzogen. Allen voran die unterbelichtete Olive, die in ihrer dargestellten Dämlichkeit auch nicht mehr wirklich witzig ist. Woody Allen bedient sich hier des Susan-Alexander-Syndroms aus „Citizen Kane“. Da meint der mächtige Zeitungstycoon Charles Foster Kane seiner Geliebten, der Hobbysängerin Susan Alexander, zum Erfolg verhelfen zu müssen. Ein Unterfangen, das letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Dabei kommt Susan in „Citizen Kane“ immerhin noch vom Fach und Kane hat, außer seiner Zuneigung, noch einen weiteren Antrieb: Er will seine Eitelkeit zufriedenstellen und allen beweisen, dass er – trotz mangelhafter Voraussetzungen – mächtig genug ist, einen Star zu kreieren. All dies fehlt in „Bullets over Broadway“. Olive ist eine Tänzerin aber keine Schauspielerin, die zudem keinen Funken Grips im Kopf hat. Gerade Gangsterboss Nick Valenti müsste wissen oder zumindest ahnen, dass dieser Karriereplan kompletter Unfug ist.

Woody Allen und die Frauen – ein Thema in seinen meisten Filmen. In „Bullets over Broadway“ ist auffallend, dass alle männlichen Charaktere zwar mit Marotten ausgestattet sind aber glaubhaft agieren. Selbst die Gangster sind hervorragend gecastet. Demgegenüber sind, bis auf Davids Freundin, alle weiblichen Figuren grotesk überzeichnet. Das kann man bei der exaltierten Helen Sinclair noch akzeptieren, aber bei Olive wirkt die überzogene Charakterisierung nur noch peinlich. Irgendwann im Verlauf des Films hält Davids Freundin ihm eine klischeehafte Figurenzeichnung vor: „Du hast keine Ahnung wie Frauen wirklich ticken.“ Diesen Satz hat wohl auch Woody Allen in seinem Leben so oder so ähnlich schon mal von kompetenter Seite zu hören bekommen. Er ist eine mögliche Erklärung für die klischeehafte Figurenzeichnung der weiblichen Protagonisten.

Spannung

Die Distanz zu den Figuren verhindert auch das Entstehen von Spannung, was angesichts von Gangstern und lebensbedrohlichen Situationen schon bemerkenswert ist. Aber wenn eine Identifikation nicht zustande kommt, ist selbst das Ableben eines Protagonisten nicht mehr als der Baustein einer Versuchsanordnung. Es reicht gerade mal zu einem Achselzucken. Zur Distanz trägt auch die langweilige Kameraführung von Carlo Di Palma bei. Sie changiert zwischen „amerikanischen“ Einstellungen, Halbtotalen und Totalen. Ganz selten mal eine Nahaufnahme. So kann eben keine Nähe entstehen.

Fazit:

Dagegen sind die Dialoge brillant. Aber das darf man vom ehemaligen Gagschreiber Woody Allen auch erwarten. Wenn Helen Sinclair in einer Bar zwei Martinis bestellt und David ihr gesteht, dass das auch sein Lieblingsgetränk ist, antwortet Helen: „Sie wollen auch einen?“ Ein typischer Woody-Allen-Gag. Trotz der Defizite in der Dramaturgie und Charakterisierung schaut man in „Bullets over Broadway“ dem teils absurden, aber immer vergnüglichen Treiben gerne zu.

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Project X (Nima Nourizadeh) USA 2012

Diese Teenager-Komödie hat zwei entscheidende Vorteile: Sie behandelt die irdischen Probleme von drei heranwachsenden Jungs und geht dabei völlig hemmungs- und rücksichtslos zu Werke. Die Geschichte beruht auf einem tatsächlichen Fall und erinnert an „Ferris macht blau“. Sie wird konsequent aus der Perspektive des 17-jährigen Thomas und seiner Kumpels Costa und JB erzählt. Den vierten im Bunde (Dax) von der „Schwuchtel-Video-AG“ (Originalton Costa) sieht man so gut wie gar nicht, denn der dokumentiert alles mit seiner Kamera.

Das Casting der Protagonisten und sämtlicher Nebendarsteller ist hervorragend. Die Story ist ganz einfach: Thomas, Costa und JB fühlen sich als Loser und wollen ihr Image mit einer coolen Party aufbessern. Leider läuft „Project X“ völlig aus dem Ruder und endet mit einer Verwüstung der väterlichen Villa, mit Polizei und Feuerwehreinsätzen. Sehr schön ist auch das emotionale Auf und Ab des Helden zwischen Euphorie (im Bett mit der eigentlich unerreichbaren Traumfrau) und totaler Resignation angesichts zunehmender Verwüstung der heimischen Partylocation. Da hat selbst Großmaul Costa alle Hände voll zu tun, nicht nur seine Kumpels mit Durchhalteparolen bei Laune zu halten: „Was auch passiert, es war eine richtig geile Nacht.“

Schwachpunkte

Es gibt drei Schwachpunkte: Wenn der Vater am Ende mit Thomas vor den Überresten seiner Villa steht und sein Mercedes gerade aus dem Pool gehievt wird, sollte seine Standpauke schon drastischer ausfallen. Mit seiner Mischung aus Ärger und Stolz, weil er eine derartige Aktion seinem Sohn gar nicht zugetraut hat, unterstützt er letztlich die fragwürdige Message dieses Films: Wenn du eine geile Party machst, dann bist du wer! In diese Kategorie fällt auch der kritiklose und exzessive Alkohol- und Drogenkonsum vor und während der Party. Das böse Erwachen, der ja Teil eines Reifeprozesses sein kann, findet nicht statt. Das ist schade und verleiht dem Film etwas Infantiles.

Lösungen

Wie wäre es denn gewesen, wenn betrunkene Partybesucher auf der Rückfahrt im Auto einen Unfall verursacht hätten und jemand zu Schaden gekommen wäre? Dann hätten die drei Freunde damit leben müssen. Das wäre ebenso interessant wie dramatisch gewesen und hätte dem vorangegangenen Spaß keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Kontrastierungen intensivieren die Wirkung. Geradezu schmalzig gerät Thomas’ Versöhnung am Ende mit seiner Sandkastenfreundin Kirby. Das passt überhaupt nicht zum rotzigen Grundtenor des Films und ignoriert die fällige Entwicklung des Protagonisten. Eine Loslösung von Kirby als Ausdruck seiner „Reifeprüfung“ wäre es gewesen. So reicht es für „Project X“ am Ende doch nur zu einem „Hangover“ für Teenager.

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The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese)

„The Wolf of Wall Street“ ist eine grandiose, schlitzohrige und rücksichtslose Gaunerkomödie, die in ihrer Machart an „Casino“ von Martin Scorsese erinnert, mit ihrer Geschichte an „Catch me if you can“ von Steven Spielberg. Genauso wie in dessen Meisterwerk ist hier eine Biografie die Vorlage, die ihre Faszination aus der Schilderung von Betrügereien an der Börse bezieht, die so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben. Das gibt dem unglaublichen Treiben noch mal eine ganz andere Dimension, als wenn es von irgendwelchen zugekifften Drehbuchautoren erfunden worden wäre.

Die Form

So wirkt „The Wolf of Wall Street“ eher wie ein durchgeknallter Dokumentarfilm. Das Erzähltempo ist rasant. Atemberaubend. Es gibt keinen Schnickschnack. Scorsese lässt sich da Zeit für seine Figuren, wo es der Identifikation dient. Mit den „Inneren Stimmen“ der Protagonisten können wir tief in ihre Befindlichkeiten und Gedankenwelten eintauchen. Scorsese weiß um den ungeheuren Vorteil, den die Literatur in diesem Punkt gegenüber dem Film hat. Er macht ihn sich einfach zunutze, indem er uns die Gedanken seiner Figuren verrät und die Geschichte vorantreibt.

Die Figuren

Die Besetzung ist herausragend. Leonardo DiCaprio, der den Börsenmakler Jordan Belfort spielt, hat das einzigartige Talent, in bestimmte Rollen förmlich hineinzuschlüpfen. Das ist schon fast beängstigend, so gut und authentisch spielt er den neureichen Aufsteiger. Ein ebenso charmanter wie gewiefter Verkäufer, der vor allem das Geld anderer Leute im Visier hat und im Verlauf seines Treibens zunehmend die Bodenhaftung verliert. Börsenmanipulationen, Drogen, Lug und Betrug gehören bald zum Alltagsgeschäft seiner Brokerfirma. Immer mehr ist nicht genug. Trotzdem ist Jordan ehrlich empört über die Headline eines Zeitschriftenartikels, die ihn als „The Wolf of Wall Street“ abstempelt. Herrlich ist der Besuch der beiden FBI-Agenten auf seiner Luxusyacht, die er vergeblich mit Bikinimädchen, Drinks und Geld zu ködern versucht. Jordan kann einfach nicht glauben, dass es Menschen gibt, die man nicht korrumpieren kann. Die Qualität der gesamten Inszenierung kann man auch an den exzellenten Besetzungen aller Nebenfiguren ablesen.

Die Dramaturgie

Einziges Manko ist die Dramaturgie: Man zittert nicht wirklich mit Jordan Belfort mit. Das hängt natürlich mit dieser Figur des Schlawiners zusammen. Man weiß, dass nach dem Leben in Saus und Braus der tiefe Fall kommt – was sonst? Als der dann eintritt, ist er auch keine Überraschung mehr. Außerdem weiß man, dass der Held wieder auf die Füße fallen wird. Das zeigt ja dann auch das Ende, als Jordan nach der verbüßten Haftstrafe als Verkaufstrainer sein Geld verdient: Crime does pay.

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Rendezvous nach Ladenschluss (Lubitsch)

Diese romantische Komödie im Angestelltenmilieu glänzt durch ihre Konzentration auf das Odd-Couple-Paar: Klara Novak vs. Alfred Kralik. Wieder ist Ernst Lubitsch seiner Zeit weit voraus, indem er im puritanischen Amerika die weibliche Heldin trickreich und rotzfrech anlegt. In „Rendezvous nach Ladenschluss“ ist es nicht der Ehemann, der seine Frau mit einer Jüngeren betrügt. Nein, hier ist es Frau Matuschek, die sich mit einem jüngeren Liebhaber vergnügt.

Die Figuren

Die Nebenfiguren sind originelle Typen: der Konfliktscheue, der Schleimer, der väterliche Chef, der den Harten mimt und an seinen Gefühlen fast zugrunde geht. Sehr schön ist auch die Szene am Schluss, in der Matuschek seinen Angestellten vor dem Geschäft auflauert, um Heiligabend nicht allein zu sein. Gut ist auch, dass der Zuschauer zusammen mit Alfred die Identität seiner Brieffreundin erfährt, der er sich so nahe glaubt. Es ist nämlich ausgerechnet die freche Klara, mit der er eigentlich überhaupt nichts zu tun haben will. Das ist Suspense. Der Zuschauer weiß mehr als Klara und das ist gut so.

Schwachpunkte

Leider fehlt der Geschichte etwas der Biss und die Rücksichtslosigkeit, die man aus „Ninotschka“ oder „Sein oder Nichtsein“ kennt. Wenn Alfred sich am Ende als Klaras Brieffreund outet, dann müsste sie ihm eigentlich die Leviten lesen. Immerhin hat er eine Zeit lang mit ihren Gefühlen gespielt.

Fazit

Ansonsten ist „Rendezvous nach Ladenschluss“ ein beseelender Film mit einem stimmigen Happy End.

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Catch me if you can (Steven Spielberg)

„Catch me if you can“ von Steven Spielberg ist eine sehr originelle, in den 60er Jahren angesiedelten Gaunerkomödie. Wenn man nicht wüsste, dass die abstrusen Geschehnisse auf tatsächlichen Begebenheiten beruhen, wäre man versucht, sie als Hirngespinste zugekiffter Drehbuchautoren abzutun. Aber so wird die Faszination an den sich auftürmenden Überraschungen bis zum Anschlag ausgereizt. Man glaubt, den eigenen Augen und Ohren nicht zu trauen. Das ist super!

Die Figuren

Der Held von „Catch me if you can“, Frank Abagnale jr. (Leonardo DiCaprio), ist eine kongeniale Filmfigur: frühreif kommt er schon mit 16 Jahren auf die schiefe Bahn. Es fängt damit an, dass er sich in der Schule als Vertretungslehrer ausgibt, dann als PanAm-Co-Pilot, als CIA-Agent, als Arzt und als Rechtsanwalt. Während dieser Laufbahn verfeinert er seine Kenntnisse als Dokumentenfälscher und als Gejagter. Dabei ist er stets darauf bedacht, den Fängen seines Verfolgers, des FBI-Agenten Carl Hanratty (Tom Hanks), zu entkommen. Dabei geht Frank jr. keineswegs kaltblütig vor: Er ist ebenso charmant wie trickreich und hat Mitgefühl für die Schwächen und Schicksale der Menschen, denen er begegnet. Er lügt, dass sich die Balken biegen und wenn er mal die Wahrheit erzählt, glaubt ihm meist keiner. Mit all diesen unorthodoxen Eigenschaften ist er ein echter Sympathieträger. Sehr schön ist auch die Konzentration auf die Hauptfigur.

Die Geschichte

Im Grunde erzählt der Film eine Vater-Sohn-Geschichte, erst die Liebe des Juniors zu seinem leiblichen Vater, der – was nicht weiter verwundert – ebenfalls ein Hochstapler ist. Dann die Beziehung zu Carl Hanratty, der im Laufe der Jagd so etwas wie sein Ersatzvater wird. Zwei verlorene Seelen beim Katz-und-Maus-Spiel. Im Grunde geht es um die Sehnsucht nach einer heilen Familie, um das Gefühl der Sicherheit, das die tanzenden, verliebten Eltern dem Sohnemann einmal zu Weihnachten vermittelt haben.

Finale

Das Ende des Films ist eigentlich ein Drama: Frank jr. wird in dem Moment gefasst, als er seinen Traum von einer heilen Familie in Trümmern sieht. Ein solcher Schluss hätte natürlich nicht zur Grundstimmung dieser durchtriebenen Komödie gepasst. Insofern ist es schön, dass die Pointe auch hier noch eine stimmige Überraschung parat hat.

Schwachpunkte

Trotz dieser originellen Figuren und überragenden Schauspielern, trotz dieses Feuerwerks an Überraschungen fehlt etwas. Es ist die Spannungskurve, die zu keiner Zeit konsequent auf die Spitze getrieben wird. So richtig zittert man nicht mit dem Helden, da man ahnt, dass er seinen Kopf schon irgendwie aus der Schlinge ziehen wird. Eigentlich ist man nur neugierig, wie er das wieder schafft. Was fehlt, ist die emotionale Anteilnahme. Ein Wermutstropfen in dieser ansonsten genialen Tricksterkomödie.

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Reine Nervensache (Harold Ramis)

„Reine Nervensache“ hat eine sehr originelle Grundidee: Ein Mafiaboss mit seelischen Problemen, die sich u.a. in plötzlichen Hemmungen ausdrücken, verfeindete Mafiosi zu foltern, sucht einen Therapeuten auf. Das ist schon gut! Der Aufeinanderprall konträrer Welten verspricht natürlich jede Menge Konfliktpotenzial. Gespickt mit originellen Typen, witzigen Dialogen und Sprüchen gibt es hier erfreulicherweise keine Berührungsängste mit den Klischees der jeweiligen Branche. Leider hält die Komödie dann nicht, was die rasante Exposition verspricht.

Die Figuren

Das liegt zum einen an der mangelnden Konzentration auf einen Helden. Auch hier ist die Multiperspektive ein entscheidender Nachteil. Wir erfahren viel zu wenig über den Mafiaboss Paul Vitti oder den Therapeuten Ben Sobel, als dass wir mit ihnen mitfiebern könnten. Die Protagonisten sind einem egal. Hinzu kommt, dass Robert De Niro in der Rolle des Mafiabosses eine glatte Fehlbesetzung ist. Irgendwann nervt sein Overacting, seine Grimassen und sein Rumgefuchtel.

Dramaturgie

Dabei bringen beide Figuren alle Voraussetzungen für einen veritablen Helden mit. Man hätte das Potenzial nur ausloten und ausschöpfen müssen. Wenn Paul Vitti bei seinen Therapiestunden ständig mit seinen Mafia-Knallchargen auftaucht, ist das hanebüchen aber nicht witzig. Die Dramatik besteht doch gerade darin, dass er als Mafiaboss keine Schwäche zeigen darf. Das ist doch wunderbar. Also müsste er doch seine Konsultationen verheimlichen. Er müsste alleine hingehen und ständig Angst haben, dass etwas ruchbar wird. Das ist doch eine tödliche Gefahr für ihn. Wie kann man das verschenken?! So kann ja keine Spannung entstehen und das hat nichts mit einer Komödie zu tun. Denn das Genre ist ja sozusagen nur die Verpackungseinheit, in der etwas erzählt wird oder eben nicht.

Erzählperspektive

Die zweite Möglichkeit wäre es gewesen, alles aus der Perspektive des Therapeuten zu erzählen. Auch er bringt alle erforderlichen Voraussetzungen mit. Denn in dem Moment, wo er die Therapie abbricht oder Internas erfährt, hängt auch sein Leben am seidenen Faden. Na wunderbar. Da müsste man eigentlich nur noch in die Vollen greifen und ihm das Leben zur Hölle machen, anstatt es oberflächlich dahinplätschern zu lassen.

Lösungen

„Reine Nervensache“ ist auch zu lieb, nicht böse und nicht hinterhältig genug, um wirklich witzig zu sein. Wie wär’s denn gewesen, wenn die Mafia Sobels Vater entführt hätte, um den Therapeuten zu erpressen? Wie wär’s denn gewesen, wenn ihn das kalt gelassen hätte, weil der Alte ihn sein Leben lang ignoriert hat und außerdem reich ist? Ödipus wird ja gelegentlich zitiert, aber leider nicht in Handlung transformiert. Wie wär’s denn gewesen, wenn Sobel im Laufe des Geschehens zum Gangster mutiert wäre? Diese Entwicklung kommt leider nur in seinen etwas rabiateren Behandlungsmethoden am Schluss zum Ausdruck. Ansonsten bleibt alles ziemlich harmlos.

Fazit

Reine Nebensache.

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Geraubte Küsse (Francois Truffaut) F 1968

Es gibt Filme, die einem die Lebenszeit rauben und welche, die genau das Gegenteil praktizieren. Zu letzteren gehört „Geraubte Küsse“ von Francois Truffaut. Schon die ersten Musikakkorde definieren die dominante Atmosphäre des Films: Sie ist heiter und beschwingt.

Figuren

Dazu passt auch die Etablierung einer originellen Hauptperson, die der Film nie aus den Augen verliert. Es gibt keinen multiperspektivischen Schnickschnack, der immer auch etwas Kontraproduktives hat. Der Held ist Truffauts alter Ego Antoine Doinel, ein manchmal naiver, manchmal etwas verträumter, manchmal aufsässiger junger Mann. Mit charmanter Offenheit gibt er seine Misserfolge zu, gerät von einem Schlamassel in den anderen und fällt stets wieder auf seine Beine. Ein Stehaufmännchen. Bei diesen Verrenkungen assistieren ihm eine ganze Riege nicht minder origineller, zum Teil auch abstruser Figuren. Es macht einfach Spaß, diesem Treiben zuzuschauen.

Liebe

Das Detektivbüro, in dem Antoine eine Anstellung findet, ist wahrscheinlich das originellste der Filmgeschichte. Herrlich die Szene mit dem Schuhhändler, der sich von allen ungeliebt fühlt. Anstatt zum Therapeuten zu gehen, beauftragt er die Detektei mit Nachforschungen. Diesen Job vermasselt Antoine natürlich auch, weil er sich auf eine Affäre mit der Ehefrau des Schuhhändlers einlässt. Damit sind wir – wie bei Truffauts meisten Filmen – beim eigentlichen Thema: nämlich der Liebe bzw. ihren Turbulenzen, die in Antoines Beziehung zu seiner 19-jährigen Freundin Christine beschrieben werden.

Fazit

Die Dialoge des Films sind witzig, originell, manchmal auch verblüffend, aber nie langweilig. Letztlich ist „Geraubte Küsse“ ein Plädoyer dafür, sich im Leben auch mal treiben zu lassen, gegen Autoritäten zu rebellieren, sich selbst treu zu bleiben und vor allem die Liebe nicht aus den Augen zu verlieren. Wer etwas Lebenszeit gewinnen möchte, dem sei dieser Film wärmstens empfohlen.

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Taschengeld (Francois Truffaut) F 1976

„Taschengeld“ ist ein wunderbarer Film und Francois Truffaut ist der Anwalt der Kinder. Wie kein anderer konnte er ihre Sorgen, Ängste, Nöte und Eskapaden beschreiben. Im Stile einer Collage erzählt er episodenhaft die Abenteuer von Kindern verschiedener Familien.

Genre

„Taschengeld“ gehört zu den sogenannten unanimistischen Filmen, die das Leben des Einzelnen in der Verflechtung mit der Gemeinschaft zeigen. Was fehlt, ist das Narrative, das Dramatische. Deshalb kein Platz unter den TOP 20. Aber wer mal eineinhalb Stunden von einem Film beseelt werden möchte, dem sei „Taschengeld“ ans Herz gelegt.

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