Heaven can wait (Sven Halfar) D 2023

Der Kinoabend beginnt mit Werbung und Trailern, die überwiegend das Leben im Alter thematisieren. So ganz allmählich stellt sich das Gefühl ein, möglichst schnell die 70+ zu erreichen, um endlich von allen Zwängen befreit, noch mal ein paar Träume verwirklichen zu können. Dieser lebensbejahenden oder verzerrenden Atmosphäre – ganz wie man will – passt sich auch „Heaven can wait“ an. Die Schattenseiten des Alterns werden weitgehend ausgespart. Visualisiertes Siechtum aufgrund von Alzheimer- oder Krebserkrankungen muss man heute Abend jedenfalls nicht befürchten. Muss ja auch nicht sein. Ein bisschen Feelgood schadet ja nicht.

Die Figuren

Die Stärke dieses Dokumentarfilms über einen Hamburger Seniorenchor sind seine teilweise sehr originellen Figuren, vor allem die Frauen. Inge, zum Bespiel, die nach Worten ringt, um ihr ungelebtes Leben zu beschreiben. Jahrzehnte lang hat sie sich zurückgenommen, ihre Interessen hinten angestellt, um im hohen Alter zu konstatieren: „Ich will nichts mehr müssen müssen.“ Von Männern hat sie keine allzu hohe Meinung: Letztlich wollen sie alle doch nur, dass man ihre Wäsche macht. Inges öffentliche Eingeständnisse sind wirklich mutig. Hut ab!

Ein weiteres Highlight ist der schwarze Soul-Star Joanne, die in ihrer Wohnung mit Lebensmitteln und Gegenständen spricht: „Reis, wo bist du?“ Im Gegensatz zu Inge ist sie in ihrem Leben immer ihren Neigungen nachgegangen, dem Singen. Sehr originell sind auch ihre Erkenntnisse über die sexuelle Unerfahrenheit oder Unfähigkeit der Männer. Ebenso witzig ist die Sorge eines Chormitglieds, dass bei lautem Gesang seine dritten Zähne mal in der ersten Zuschauerreihe landen könnten.

Bei der Vielzahl von porträtierten Personen ergibt sich allerdings irgendwann die Frage, ob diese Menge zur Qualität beiträgt? Wird ein Film dadurch komplexer, ausgewogener, besser? Hätte es nicht auch das Porträt eines Chorsängers sein können? Hätte man dadurch nicht viel mehr in die Tiefe gehen können? Wie wäre es denn gewesen, wenn man die Aktivitäten des Chores ganz aus Inges Perspektive erzählt hätte?

Dramaturgie

Es gibt keinen erzählerischen Spannungsbogen. Absolut nichts. Ist ja ein Dokumentarfilm könnte man entschuldigend anmerken. Aber das ist nichts weiter als eine faule Ausrede. Dokumentarfilm ist ja nur eine Gattung wie Spiel- oder Experimentalfilm. Warum sollte das handwerkliche Regelwerk plötzlich außer Kraft gesetzt sein? In „Heaven can wait“ fehlen zum Beispiel Konflikte oder das Zusteuern auf einen großen Auftritt. Ein Ausfall von Chormitgliedern wie „Vollis“ Tod müsste Konsequenzen haben. Er müsste das große Ziel gefährden. Hier ist es nur eine Randnotiz ohne Relevanz für den Fortbestand des Chores.

Young@Heart

In „Young@Heart“, ein US-amerikanischer Dokumentarfilm über einen Chor älterer Menschen, demonstriert Stephen Walker wie es richtig gemacht wird. Da bleiben im Verlauf des Geschehens gleich zwei wichtige Chormitglieder auf der Strecke. Die Existenz des Ensembles steht auf dem Spiel. Wie sich die verbliebenen Sänger dann doch noch mal aufraffen und beim Konzert in einem Gefängnis „Forever Young“ zum Besten geben, lässt selbst hartgesottene Schwerverbrecher in Tränen ausbrechen.

„Warszawa 1956“

Jerzy Bossak, Dokumentarist und ehemaliger Leiter der Filmhochschule Lódz, hat seinen Studenten immer wieder vermittelt wie elementar der Spannungsaufbau ist, auch im Dokumentarfilm. Wie man auf filmische Weise Suspense entwickeln kann, zeigt er in seiner genialen Kurzdokumentation „Warszawa 1956“:

Fazit

Am Ende fragt man sich, wieso in „Heaven can wait“ nicht ein einziges Mal ein Musikstück bis zum Ende gesungen wird? Ständig werden die Songs zerstückelt, als ob der Regisseur seiner Sache nicht recht trauen würde. So bleibt es bei manchmal berührenden oder erheiternden Schnipseln, aber das ist ja auch schon was.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für "Heaven can wait"

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