Solange es Menschen gibt (Douglas Sirk) 1959

Obwohl „Solange es Menschen gibt“ vor über 60 Jahren hergestellt wurde, wirkt der Film – auch heute noch – richtig modern. Das liegt natürlich an der Figurenkonstellation und dem Fokus auf die Belange der weiblichen Protagonisten. Im Grunde bilden die beiden Witwen Lora Meredith (Lana Turner) und die farbige Annie Johnson (Juanita Moore) mit ihren kleinen Töchtern eine Patchworkfamilie. Die Theaterschauspielerin Lora kann sich um ihre Karriere kümmern und Annie hält ihr den Rücken frei. Eine braucht die andere. Eine produktive Lebensgemeinschaft.

Leider verzettelt Douglas Sirk sich in einer Vielzahl von Erzählsträngen, anstatt sich auf den dramatischsten Konflikt zu konzentrieren. Da ist zum einen die Liebesgeschichte von Lora zum Fotografen Steve (John Gavin). Genau so schnell wie sie sich annähern, gehen sie auch wieder getrennte Wege. Steve hat ein starres, heute würde man sagen antiquiertes Rollenverständnis: Der Mann bringt das Geld nach Haus und die Frau kümmert sich um Heim und Kinder. Das kollidiert allerdings mit Loras Karriereplänen. Steve reagiert eingeschnappt und macht sich aus dem Staub. Jahre später gibt es ein Déjà-vu. Wieder stellt Steve seine Eifersucht und Empfindlichkeit vornan, weshalb ihm jetzt der Spitzname Lebewohl-Steve verliehen wird. Überhaupt kommen die Männer schlecht weg in Sirks Melodrama. Auch das ist modern. Sie werden als überempfindlich, unflexibel oder gar rassistisch und gewalttätig dargestellt.

Der zweite Erzählstrang behandelt die Freundschaft der beiden Mütter. Die funktioniert eigentlich nur, weil Annie bereitwillig die Rolle der Haushälterin übernimmt. Das verschafft Lora Luft bei ihren beruflichen Ambitionen und wertet ihre Position auf. Eine schwarze Haushälterin galt als Statussymbol. Eine weitere Grundlage ihrer Freundschaft sind ihre kleinen Töchter, die sich blendend verstehen. Eine umgekehrte Rollenverteilung – die farbige Annie auf Jobsuche und die weiße Lora als Kindermädchen – wäre in den USA der 50er Jahre wohl unmöglich gewesen. Aber was wäre denn passiert, wenn Annie im Laufe der Geschichte doch berufliche Ambitionen entwickelt hätte? Was wäre gewesen, wenn Lora ihre Freundschaft zu Annie irgendwann nach außen getragen hätte? Wenn sie beispielsweise zu einem Empfang mit ihrer farbigen Freundin aufgetaucht wäre? Das hätte zumindest ihre Karriere beeinträchtigt, wenn nicht beendet. Diese dramatische Wendung müsste man als Erzähler einer Geschichte aber durchexerzieren. Dieses Konfliktpotenzial darf man sich nicht entgehen lassen.

Der dritte Erzählstrang ist die Beziehung Loras zu ihrer Tochter Susie, die sich im Teenageralter in Lebewohl-Steve verliebt. Eine Dreiecksgeschichte: Mutter und Tochter verlieben sich in den selben Mann. Die Karriere und die Abwesenheit der Mutter, die vorgeblich zum Wohle des Kindes stattfindet, hat eben den Preis der Entfremdung. Die Vertrauensperson ist nicht mehr die eigene Mutter, sondern eben die ständig anwesende Annie. Auch der Fokus auf diese Dreiecksgeschichte hätte ein taugliches Fundament für ein abendfüllendes Melodrama sein können. Allerdings agiert Susie hier noch reichlich kindlich und ist keine wirkliche Gefahr für die Mutter. Hier hätte man sich ein abgründigeres Verhältnis gewünscht, so wie es zum Beispiel Vladimir Nabokov in „Lolita“ erzählt hat.

Der vierte Erzählstrang beschreibt das schwierige Verhältnis von Annie zu ihrer erstaunlich hellhäutigen Tochter Sarah Jane. Die will mit Ausgrenzung und Rassismus lieber nichts zu tun haben und verleugnet schon zu Schulzeiten ihre leibliche Mutter. Sarah Jane genießt das Heranwachsen in einem von Weißen dominierten und finanzierten Haushalt. Jahre später kommt es zum Eklat als ihr erster (weißer) Freund sie verprügelt, nachdem er erfahren hat, wessen Tochter sie ist. Rassismus in Reinkultur. Sarah Jane will die Nabelschnur ein für allemal durchschneiden und flieht, erst in ein New Yorker Nachtlokal, dann nach Los Angeles ins Moulin Rouge. Auch Annies letzter Versuch einer Annäherung scheitert und sie stirbt, ohne sich mit ihrer Tochter ausgesöhnt zu haben. Fast hat es den Anschein, als würde die Schwarze sich opfern, um der familiären Gemeinschaft der Weißen nicht im Wege zu stehen. Das Zelebrieren ihres Ablebens hat Sirk den Vorwurf der Rührseligkeit eingebracht. Das ist nur zum Teil berechtigt, zum Beispiel wenn die tränenüberströmte Lora die Gutherzigkeit der sterbenden Freundin lobt: „Du bist so gut.“ Das ist schon nicht mehr grenzwertig. Andererseits spricht überhaupt nichts dagegen, einen traurigen Moment fachgerecht zu retardieren. Und darin ist Douglas Sirk ein Meister. Erst als es zu spät ist, gesteht Sarah Jane der Mutter ihre Liebe und bittet um Verzeihung. Dieses Zwiegespräch zwischen Tochter und dem mit Blumen geschmückten Sarg der Mutter ist an Intensität nicht zu überbieten. Das ist das größtmögliche Drama. Folgerichtig hätte Sirk sich auf diesen Erzählstrang konzentrieren sollen oder müssen. Im Grunde wäre es eine Variation von Cornell Woolrichs Roman „Das Geheimnis der falschen Braut“ gewesen, in dem die Ehefrau ihren Mann umbringen will, um ans Erbe zu kommen. Erst als sie erkennt, dass er sich aus Liebe zu ihr opfert, als es zu spät ist, verliebt sie sich auch in ihn. Ein vergleichbares Drama. Eine Variation von Woolrichs Roman wäre die Lösung für Douglas Sirk gewesen. Weniger ist eigentlich immer mehr.

Ein Verweis auf die Romanvorlage von Fannie Hurst kann keine Entschuldigung sein. Ein kompetenter Erzähler erkennt das Potenzial seiner Geschichten und kann sich konzentrieren. Alfred Hitchcock war ein Meister darin. Seine Vorlagen hat er nie unter den Bestsellern gesucht, sondern immer in der B- oder C-Literatur oder in Kurzgeschichten. Sein Meisterwerk „Das Fenster zum Hof“ basiert auf einer Erzählung von Cornell Woolrich. Wieder dieser Woolrich, dessen Bücher allesamt mehr dramaturgische als sprachliche Lehrstücke sind. Sie sind geradezu prädestiniert für Variationen.

Die steile Karriere einer nicht mehr ganz „taufrischen“ (Zitat Theateragent Loomis) Möchtegern-Schauspielerin ist komplett unglaubwürdig. Hier liefern Filme wie „Citizen Kane“ (Orson Welles) oder „Bullets Over Broadway“ (Woody Allen) plausiblere und dramatischere Einblicke ins Showbusiness. Zumindest hätte man Annies Absturz durchspielen müssen. Aber da hat Douglas Sirk sich schon längst hoffnungslos verzettelt. Immerhin sind es keine verlorenen zwei Stunden. „Solange es Menschen gibt“ macht nachdenklich, gibt Anregungen und berührt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für "Solange es Menschen gibt"

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