Mörderland (Alberto Rodriguez) Spanien 2014

Es handelt sich hier um einen lupenreinen Krimi, keinen Thriller wie in einigen Ankündigungen und Kritiken behauptet wird. Genauer: Ein Whodunit. Die damit verknüpften Probleme bei der Emotionalisierung sind an anderer Stelle schon ausführlich behandelt worden. „Mörderland“ spielt in den 80er Jahren im ländlichen Südspanien, baut mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen eine beklemmende Atmosphäre auf. Das erinnert an die hervorragende US-amerikanische Krimiserie „True Detective“ (Nic Pizzolatto). Leider ist die Trostlosigkeit und der pittoreske Verfall einer strukturschwachen Region die einzige Parallele in beiden Filmen. Die Qualität der polizeilichen Ermittlungsarbeit von „True Detective“, vor allem die psychologische Raffinesse von Rust (Matthew McConaughey), vermisst man in „Mörderland“ schmerzlich.

Es fängt damit an, dass die beiden Kriminalbeamten Pedro und Juan aus Madrid in die Provinz geschickt werden, um den Fall zweier vermisster junger Mädchen aufzuklären. Schnell stellt sich heraus, dass die beiden Opfer eines Psychokillers geworden sind, der sie bestialisch vergewaltigt, gefoltert und getötet hat. Zufällig erfahren die beiden Detektive, dass sich vor einiger Zeit bereits ähnliche Fälle ereignet haben. Also ist ein Serienkiller am Werk. Merkwürdig, dass die Madrider Polizeizentrale nichts von solchen Ritualmorden weiß. Merkwürdig auch, dass die beiden Detektive bei ihren Ermittlungen dem örtlichen Bürgermeister oder Polizeidirektor – wer immer das ist? – unterstellt sind.

Auf die ersten Ungereimtheiten bekommt man im Verlauf des Films, wie auf alle anderen, leider keine Antworten. Richtig absurd wird das Geschehen als die beiden Ermittler den Vater der ermordeten Mädchen in die Mangel nehmen und heraus bekommen, dass der vor einiger Zeit ein Päckchen Heroin am Flussufer gefunden hat. Er ist natürlich auf die glorreiche Idee gekommen, den Stoff zu verkaufen, was – oh Wunder! – die Dealer auf den Plan gerufen hat. Da der Vater aber mit den Einnahmen seine Schulden getilgt hat, gab es nichts Bares mehr. Also haben die Gangster alle verwertbaren Gegenstände aus seiner Wohnung abtransportiert. Das ist normalerweise eine heiße Spur, nicht aber für Madrider Cops. Anstatt sich Personenbeschreibungen geben zu lassen und eine Fahndung einzuleiten, ignorieren sie diese Geschichte.

Und so geht das munter weiter. Bei einer nächtlichen Fahrt durch das Sumpfgelände werden die beiden Detektive in ihrem Auto beschossen. Konsequenzen? Keine. Bei der Beobachtung einer Jagdhütte wird Pedro vom jungen Quini mit einem Messer bedroht. Nach der Gefahrenabwehr behauptet Quini steif und fest, den gerade in die Jagdhütte hineinspazierten „Mann mit Hut“ nicht gesehen zu haben und nicht zu kennen. Unsere beiden Polizisten sind mit dieser offensichtlichen Lüge und dem tätlichen Angriff zufrieden und lassen den Verdächtigen laufen. In ihrer Pension pinkelt Juan Blut und Pedro telefoniert gelegentlich mit seiner Frau. Handlungsrelevanz? Null! Was hat es mit den Sexfotos auf sich, die von den entführten Mädchen gemacht wurden? Was ist mit dem darin verstrickten Fotostudio in Sevilla?

Wir erfahren am Ende noch nicht einmal wer der Killer war. Es ist zwar dunkel und regnerisch, aber man weiß nicht, ob es nun der verdächtige Sebastián, den man vorher noch nie gesehen hat oder der „Mann mit Hut“ war? Der Killer hatte zwar keinen Hut auf, sondern eine Kapuze, aber den Hut kann man ja auch ablegen. Also fange ich an zu recherchieren. Keine noch so ausführliche Rezension liefert eine Antwort auf diese Frage. Ist ja auch nicht so wichtig in einem Whodunit.

Stattdessen wird die thematische Behandlung eines Stoffes in der Nach-Franco-Ära gelobt und die Auswirkungen von Diktaturen auf menschliche Befindlichkeiten. Als wenn das eine Entschuldigung für unterlassene fachgerechte dramaturgische Gestaltung wäre. Ach, hätte Rodriguez doch ein bisschen recherchiert, zumindest eine Woche. Im hervorragenden US-amerikanischen Copthriller „End of watch“ (David Ayer) sind die Filmemacher über den Zeitraum von einem halben Jahr (!) in Los Angeles mit Polizisten auf Streife gefahren. Mit dieser handwerklichen Ernsthaftigkeit kann man dann eben Ergebnisse anderer Qualität erzielen. Als I-Tüpfelchen erfahren wir in „Mörderland“ ganz am Ende noch, dass Juan als Agent des Franco-Regimes dutzende von Regimegegnern liquidiert hat. So eine Information müsste natürlich eher kommen, um eine dramatische Wirkung zu erzielen. So kann der Zuschauer damit genau so viel anfangen wie mit dem vorangegangenen Sammelsurium an Ungereimtheiten: Nichts hat eine Bedeutung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Mörderland"

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