Sinn und Sinnlichkeit (Ang Lee)

Aus vier Gründen erreicht „Sinn und Sinnlichkeit“ von Ang Lee nach einem Roman von Jane Austen nicht die Qualität von „Stolz und Vorurteil“ (Joe Wright):

Liebesgeschichte

1. Es fehlt die Fokussierung auf eine Liebesgeschichte. Der Film schwankt unentschlossen zwischen der Liaison von Elinor Dashwood (Emma Thompson) und Edward Ferrars (Hugh Grant) einerseits und der von Marianne Dashwood (Kate Winslet) und John Willoughby (Greg Wise) andererseits hin und her. In „Stolz und Vorurteil“ ist der Fokus auf die unglückliche Liebe von Elizabeth „Lizzie“ Bennet zu Mr. Darcy die treibende Kraft der Geschichte.

Figuren

2. Die männlichen Figuren in „Sinn und Sinnlichkeit“ benehmen sich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Vor allem Edward schleicht ständig mit gequältem Gesichtsausdruck herum. Dagegen sprühen in „Stolz und Vorurteil“ zwischen Lizzie und Darcy die Funken – eine energiegeladene Atmosphäre, die sich auf den Zuschauer überträgt. Einzig Willoughby hat in „Sinn und Sinnlichkeit“ bis zu seinem Einknicken etwas Draufgängerisches, Freches. Ihm hätte man zusammen mit Marianne das Happy End gegönnt, womit wir beim dramaturgischen Kernproblem sind.

Perspektiven

3. Im Grunde hätte die Geschichte aus Willoughbys Perspektive erzählt werden müssen. Er hat sich in Marianne verliebt, verliert sein Vermögen und geht aus finanziellen Gründen eine Beziehung mit einer wohlhabenden Londonerin ein. Darin liegt das eigentliche dramatische Potenzial: Der innere Kampf, sich für die Liebe in ärmlichen Verhältnissen oder ein materielles Arrangement zu entscheiden. Ein Konflikt, bei dem man sicher die Lebensumstände im England des 19. Jahrhunderts berücksichtigen muss. Verglichen mit seiner Lage sind die Dashwood-Ladys finanziell abgesichert. Sie leben mit einer Apanage in einem zur Verfügung gestellten Cottage. Damit sind sie aber nicht den Qualen ausgesetzt, die Willoughby durchleben muss. Es wäre eine Variante von Theodore Dreisers brillantem Roman „Eine amerikanische Tragödie“ gewesen, also „Eine britische Tragödie“.

Werktreue

Eine interessante Frage ist, inwieweit man sich bei einer Literaturverfilmung von der Vorlage entfernen darf oder sollte? Darf man den Helden einfach austauschen? Wer ist das überhaupt in „Sinn und Sinnlichkeit“? Darf man ein Happy End zu einem tragischen Ende umformen? Jane Austen war eine Frau, aber Ang Lee ist ein Mann, der die Figur des Willoughby erzählerisch hätte füllen können. Den Credits kann man entnehmen, dass Emma Thompson das Drehbuch geschrieben hat. In solchen Fällen frage ich mich immer, was Schauspieler dazu sagen würden, wenn plötzlich Drehbuchautoren neben ihnen vor der Kamera agieren? Also, warum keine mutigere Adaption? Warum sollte man als Filmemacher vor Werken der Weltliteratur in Ehrfurcht erstarren? Welchen „Sinn und Sinnlichkeit“ ergibt eine Neuverfilmung ohne diese ganz persönliche Perspektive, ohne dramatische Optimierung?

Happy-End

4. Damit sind wir beim Happy End. In „Stolz und Vorurteil“ freuen wir uns am Schluss mit Lizzie und Darcy. In „Sinn und Sinnlichkeit“ beschleicht uns eher ein ungutes Gefühl. Marianne arrangiert sich mit dem 20 Jahre älteren Gutmenschen Colonel Brandon (Alan Rickman), wobei ihr innerer Kampf ausgespart bleibt. Elinor bekommt Edward, der auch bei der Hochzeit noch rumläuft als hätte er die Hosen voll. Beide Eheschließungen sind eigentlich kein Grund zur Freude, aber ein weiteres Argument für die Willoughby-Version. Schade, dass die Filmemacher so mutlos waren.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Sinn und Sinnlichkeit"

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