Abbitte

GB 2007, Länge: 118 Min., FSK: 12
Produktion: Working Title Films u.a.
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Christopher Hampton
Kamera: Seamus McGarvey
Musik: Dario Marianelli
Montage: Paul Tothill
Darsteller: Keira Knightley u.a.

Genre: Liebesfilm
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): ???
Gegenspieler: kleines Biest
Stimmung: stilvoll, albtraumhaft
Bewertung: 1 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Abbitte“ gehört nicht zu den stärksten Romanen von Ian McEwan und ist für eine Verfilmung nicht wirklich geeignet.

Auf das Problem der Verfilmung von A-Literatur sind wir an anderer Stelle schon ausführlich eingegangen. Eigentlich ist es grundsätzlich problematisch, das eigene Gewerk im künstlerischen Produkt zu thematisieren, also das Schreiben im Roman oder die Filmproduktion im Spielfilm usw. Warum? Wirkt ein bisschen einfallslos, wie ein Buch über den Schriftsteller, der eine Schreibblockade hat. Wen interessiert’s? Die Adaption eines artifiziellen Romans wie „Abbitte“ macht eigentlich nur Sinn, wenn man sich auf das erzählerische Potenzial konzentriert. Welches ist das hier?

Erzählmotiv

Zum einen existiert hier ein klassisches Erzählmotiv, das ist „Die Unmögliche Liebe“. Eine Romeo-und-Julia-Variante, die sich vor etwa 90 Jahren auf einem englischen Landsitz abspielt. Protagonisten sind die junge Cecilia (Tochter der Gutsherrin) und der gleichaltrige Robbie (Sohn der Haushälterin). Eine Liebe, die aufgrund unwirtlicher Zeiten, Standesunterschieden und Eifersucht keine Chance hat. Leider konzentriert Joe Wright sich genauso wenig wie Ian McEwan auf das vorhandene Potenzial. Stattdessen gibt es jede Menge Schnickschnack, der mit der Geschichte nichts zu tun hat. Man fragt sich in der Verfilmung auch, wer denn eigentlich die Hauptperson ist?

Perspektive

Eine konsequente Perspektive aus Brionys Sicht (ist im Roman eindeutiger), sozusagen die Wiedergutmachungs-Perspektive, wäre normalerweise ein Ansatz gewesen: Die noch kindliche Protagonistin, die Schuld auf sich lädt. Vergleichbar mit dem Held in Khaled Hosseinis „Drachenläufer“. Also, die Heldin begeht einen folgenschweren Fehler, in den – außer ihr – nur noch der Zuschauer eingeweiht ist (Suspense). Leider taugt Briony überhaupt nicht zur Heldin. Ihr Umgang mit ihrer Schuld ist eine erzählerische Katastrophe.

Abbitte

Eine Abbitte müsste eigentlich an die Betroffenen adressiert werden bzw. deren Nachkommen (s. „Drachenläufer“). Am Ende von „Abbitte“ erfahren wir jedoch, dass Cecilia und Robbie in den Kriegswirren ums Leben kamen. Kinder existieren nicht. Eine Abbitte im eigentlichen Sinn ist für Briony also nicht mehr möglich, nur die fiktive in ihrem Roman. Ach, hätte sie doch nur einmal im Leben ihr Plappermäulchen aufgemacht, um die Wahrheit zu sagen. Selbst beim Besuch der Hochzeit des Vergewaltigers mit seinem Opfer (!) bleibt sie stumm. Zeit ihres Lebens ist Briony zu feige, sich den Konsequenzen ihrer Lügen zu stellen. Dafür müssen am Ende die Leser ihres Romans herhalten. In „Drachenläufer“ ist zwar auch der Betroffene verstorben, aber der Held setzt sein Leben auf’s Spiel, um den Sohn des Opfers aus den Fängen der Taliban zu befreien. Das ist eine Abbitte von anderem Kaliber.

Die Liebe

Der einzige sinnvolle Ansatz wäre die Konzentration auf die „Unmögliche Liebe“ gewesen, also das Scheitern einer Beziehung aufgrund äußerer Umstände. Alles rigoros aus der Perspektive der Liebenden. Dann müsste allerdings auch dieser merkwürdige Kriminalfall mehr in den Vordergrund rücken. Denn das muss man erstmal schlucken, dass nur aufgrund der Aussage eines verwirrten 13-jährigen Mädchens ein Verdächtiger zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt wird. Okay, die Standesunterschiede tragen natürlich zu Vorurteilen und zur Vorverurteilung bei, aber wieso werden das Opfer und andere Beteiligte der Suchaktion nicht befragt? Auch die Gerichtsverhandlung wäre interessant gewesen. In „The Help“, ebenfalls eine Literaturverfilmung, reicht der bloße Verdacht einer weißen Frau zur Verurteilung ihrer schwarzen Hausangestellten aus. Das akzeptiert man sofort, aber hier …

Stärken

Es gibt ein paar schöne Szenen mit Eigenwert, etwa als Briony mit den anderen Kindern ihr Theaterstück proben will: „Ihr spielt in diesem Stück, sonst knallt’s!“ Ihr Ensemble hat leider ganz andere Dinge im Kopf. Das ist witzig. Dann die Szene am Brunnen, wie Cecilia entrüstet, nur mit Unterwäsche bekleidet und völlig durchnässt im Garten steht. Das ist Brionys Perspektive. Die wirklichen Zusammenhänge erfahren wir später. Die Liebesszene in der Bibliothek hat etwas Fesselndes, auch wenn Briony sie wieder ganz anders interpretiert. Stellenweise baut der Film eine schöne Atmosphäre auf, die dann durch die Vergewaltigung und die Kriegsszenen zerstört wird.

Weitere Schwächen

Robbies Kriegserlebnisse werden in surrealen, albtraumhaften Sequenzen erzählt. Dieses Stilmittel wirkt wie ein Fremdkörper und wird urplötzlich ungefähr nach der Hälfte des Films eingeführt. Auch hier fragt man sich: Was soll das? Warum plötzlich diese Traumsequenzen? Letztlich eine unproduktive Irritation.

Fazit

Insgesamt ist „Abbitte“ zu abgehoben, zu überambitioniert, zu unentschlossen, zu manieriert und zu weit weg von seinen Zuschauern, um Spannung und Gefühle zu erzeugen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für Abbitte.

Der Gesang der Flusskrebse

„Der Gesang der Flusskrebse“ ist eine märchenhafte Pippi-Langstrumpf-Variante, die im schmalzigen Morast der Sümpfe North Carolinas absäuft. Nach den Verkaufszahlen des gleichnamigen Romans der Zoologin Delia Owens war eine Verfilmung die logische Folge. Die Adaption soll sich angeblich ziemlich eng an die Vorlage halten (Roman habe ich nicht gelesen)? Besser wäre allerdings gewesen, das Potenzial dieses Stoffes auszuloten und sich darauf zu konzentrieren. In „Die Brücken am Fluss“ hat Clint Eastwood zum Beispiel demonstriert, wie man eine triviale Vorlage handwerklich behandelt.

Der Kriminalfall

Im Grunde ist es eine perfekte Ausgangssituation: Chase Andrews, ein junger Mann tot im Sumpf. Unfall oder Verbrechen? Jedenfalls macht es neugierig. Aber die kriminalistischen und juristischen Ermittlungen sind teilweise schon hanebüchen. Protagonistin Kya lebt allein in der Einöde einer Sumpflandschaft. Für die Menschen in der Umgebung ist sie das „Marschmädchen“. Schnell wird die Außenseiterin des Mordes an Chase verdächtigt, mit dem sie eine Affäre hatte. Allerdings existiert nur ein einziges Indiz: Ein roter Wollfaden auf der Jacke des Toten. Der stammt, wie sich herausstellt, von Kyas Mütze. Er könnte sich aber, so der Kriminaltechniker, auch schon seit geraumer Zeit dort befunden haben. Mit anderen Worten: Die Anklage hat nichts, aber auch gar nichts in der Hand. Dieser Sachverhalt steht einem Prozess, bei dem es immerhin um Leben oder Tod geht, nicht im Weg.

Also befinden wir uns in einem rechtsfreien Raum, in einer fiktiven Gesellschaft, aber doch nicht in den USA der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wer soll das denn glauben? Da wird selbst die Abwesenheit von Fingerabdrücken der Angeklagten zur Last gelegt. Eine Konstruktion jagt die nächste. Ganz zum Schluss wartet der Film noch mit einer Überraschung auf, die zu dem Zeitpunkt auch keine mehr ist. Kya war doch die Täterin. Also, ein heimtückischer Rachemord. Die Selbstjustiz wird mit darwinistischen Überlebensstrategien legitimiert: „Manchmal muss man seinen Jäger töten.“ Die Natur als Zufluchtsort und Lehrmeister. Jedenfalls hat man Verständnis für die Protagonistin, dass sie sich, nach erlittenem Unrecht, nicht diesem seltsamen Rechtsstaat anvertraut.

Erzählmotive

Die Autoren schicken gleich drei Erzählmotive ins Rennen. Klingt erstmal gut. Ist es aber nicht. Es findet keine Konzentration statt und das Potenzial der einzelnen Erzählmotive wird nicht ausgereizt. Zum einen ist es „Unschuldig Beschuldigt“, das Lieblingsmotiv von Altmeister Alfred Hitchcock, das sich hier am Ende als „Schuldig Beschuldigt“ entpuppt. Des Weiteren ist es „Die unmögliche Liebe“ (Romeo und Julia), die hier am Ende aber möglich ist. Zum dritten ist es „Der Verrat“, hier an der Liebe des Lebens, der am Ende keine Konsequenzen hat. 

Im hervorragenden Roman „Die Entscheidung“ zeigt Autor Douglas Kennedy zum Beispiel, dass es – trotz gegenseitiger Liebesschwüre – plausible Gründe für ein Verschwinden geben kann. In „Der Gesang der Flusskrebse“ müssen weinerliche, selbstmitleidige Ausflüchte ihrer ehemals großen Liebe als Begründung herhalten. Sie halten Kya zudem nicht von der Wiederaufnahme der Beziehung ab. Die Pointe am Schluss offenbart noch ein viertes Erzählmotiv, nämlich Rache. Aber das wird eigentlich gar nicht behandelt.

Dramaturgie

Zweimal tritt ein Mitarbeiter des Jugendamts in Erscheinung, der Kya in ein Heim einweisen lassen will. Dann wart er nie wieder gesehen. Eine Gefahrenquelle sollte man aber entweder etablieren und dann eskalieren oder entfernen. Überhaupt: Wie kann ein von den Eltern verlassenes 12-jähriges Mädchen in der Einöde überleben? Man sieht Kya ab und zu Muscheln sammeln und verkaufen, aber damit ist es doch nicht getan. Existenzielle und glaubhafte Schwierigkeiten fallen einfach unter den Tisch. Im Roman sollen sie ausführlicher behandelt worden sein?

Das ganze künstliche Ambiente trägt ebenfalls zur Entdramatisierung bei: Alles so niedlich hier in der Villa Kunterbunt. Die märchenhafte Inszenierung ist auch ein Grund, weshalb man nicht mit der Heldin mitzittert. Als Kya zum Beispiel ihr Grundstück im Grundbuchamt eintragen lassen will, sind 800 Dollar Steuern fällig. Eine gewaltige Summe seinerzeit. Was macht sie? Sie schickt ein paar Tierzeichnungen und Texte an einen Verlag und schwuppdiwupp hat sie einen Vertrag und Geld in der Tasche. So läuft das eben – im Märchen. Aber nicht in einer fachgerecht gestalteten Geschichte, in der Realität schon gar nicht. 

Figuren

Alle handelnden Personen agieren mehr oder weniger schablonenhaft: Der alkoholsüchtige, brutale Vater; der naturverbundene, hilfsbereite Freund; der eitle, gewalttätige Rivale; der gutherzige, engagierte Anwalt; die verständnisvollen, fürsorglichen Drugstorebesitzer (schwarze Hautfarbe); die verhuschte, rehäugige Heldin, stets im Fluchtmodus vor der feindlichen Umwelt. Immerhin transportiert sie die Ambivalenz zwischen einem Streben nach Zurückgezogenheit und sozialen Kontakten. Eine Synchronisation mit ihren Gefühlen bleibt aber weitestgehend aus. Dafür ist „Der Gesang der Flusskrebse“ zu klischeehaft.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Der Gesang der Flusskrebse".