The Life of Chuck

USA 2024, Länge: 111 Min., FSK: 12
Produktion: Red Room Pictures u.a.
Drehbuch + Regie: Mike Flanagan
Kamera: Eben Bolter
Musik: The Newton Brothers
Montage: Mike Flanagan
Darsteller: Tom Hiddleston u.a.
Verleih: Tobis Film

Genre: Mystery-Science-Fiction
Erzählmotiv: nicht vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held: begnadeter Tänzer
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: mysteriös
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„The Life of Chuck“ ist ein Mystery-Science-Fiction, der – angeordnet wie ein Puzzle – eine Kurzgeschichte von Stephen King adaptiert.

Die Stärken des Vielschreibers zeigen sich allerdings weniger in seinen Geschichten mit surrealen oder paranormalen Elementen, sondern in der Dramatisierung von alltäglichen Problemen seiner Protagonisten (s. „Misery“, „Die Verurteilten“, „Stand by me“ oder „Dolores Claiborne“). Dieser Alltag ist nämlich in allen aufgelisteten Beispielen mysteriös genug, spannend allemal. Das Problem von „The Life of Chuck“ ist, dass er keine Geschichte erzählt. Es sind rückwärts montierte Lebensschnipsel, die teilweise einen Eigenwert haben, aber letztlich nicht für eine Verfilmung geeignet sind.

Inhalt

Das Ende: Los Angeles. Ein Erdbeben lässt die Welt aus den Fugen geraten, während überall rätselhafte Werbung auftaucht, die einem gewissen Chuck für 39 wunderbare Jahre danken. Doch niemand kennt diesen Chuck, obwohl sein Name mit dem Ende der Welt verbunden scheint. Tatsächlich ist es Chucks Ende, das aus seiner Perspektive erzählt wird. Im mittleren Teil des Films sieht man den Buchhalter Chuck als Erwachsenen auf der Straße. Er lässt sich von einer Straßenmusikerin zu einem Tanz inspirieren, der alle Zuschauer in seinen Bann zieht. Der letzte Teil zeigt Chucks Kindheit, die er bei seinen Großeltern verbringt. Während seine Großmutter ihm die Liebe zum Tanzen näherbringt, vermittelt sein Großvater ihm die Faszination für Zahlen und das Universum. Im Dachgeschoss des Hauses existiert ein mysteriöses, stets verschlossenes Zimmer, das Chuck auf keinen Fall betreten darf. Erst nach dem Tode seiner Großeltern schaut er in das verbotene Zimmer und dort auf sein eigenes Leben.

Stärken

Es gibt ein paar Szenen mit hohem Eigenwert. Natürlich die Tanzszene auf der Straße im 2. Akt, die nicht nur die Passanten fasziniert. Sehr schön ist auch die Szene beim Abtanzball, als der 13-jährige Chuck sich zunächst ziert, mit seiner Partnerin die Tanzfläche zu betreten. Überhaupt ist der Film bis in seine Nebenrollen sehr gut besetzt. Hin und wieder gibt es originelle Gespräche – Momente, die das Leben ausmachen. Sehr schön ist auch der etablierte Erzähler, der das Geschehen häufig ironisch ergänzt oder konterkariert. Ach ja, dann hat der Film teilweise noch eine lebensbejahende Grundstimmung. Auch das gehört zu seinen Vorzügen.

Schwächen

Eigentlich wird hier der Lebensweg eines begnadeten Tänzers aufgezeigt, der sein Talent zu Ungunsten eines sicherheitsorientierten Berufes ignoriert. Auch wenn Chuck in seinem Job als Buchhalter nicht unglücklich wirkt, ist seine Entscheidung eigentlich ziemlich traurig. Sie entspricht den gesellschaftlichen Normen: Geld geht vor Kunst. Dabei ist gerade der Spielfilm prädestiniert, Verhältnisse mal auf den Kopf zu stellen, eine Art Gegenpropaganda zu betreiben. In vielen seiner Filme plädiert Woody Allen zum Beispiel für künstlerische Tätigkeiten als Alternative zu sicherheitsorientierten, häufig auch entfremdeten oder sinnentleerten Jobs. Des Weiteren bietet die nicht-chronologische Erzählweise keinen erkennbaren erzählerischen Mehrwert. Firlefanz. Insgesamt dominiert der Wirrwarr.

Fazit

Und was soll das Ganze? Was wollen uns die Autoren jetzt sagen? Grundgedanke für den Film könnte das zitierte Gedicht  „Gesang von mir selbst“ von Walter Whitman gewesen sein. Jedenfalls wird der Satz – „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt ein ganzer Kosmos“ – mehrfach erwähnt. Das ist ja alles schön und gut und kann ja auch Grundlage für eine Gedichtinterpretation sein, aber doch nicht für eine abendfüllende Erzählung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "The Life of Chuck".

Attack the Block

GB 2011
Länge: 88 Min., FSK: 16
Produktion: Big Talk Productions u.a.
Drehbuch + Regie: Joe Cornish
Kamera: Thomas Townend
Musik: Steven Price, Basement Jaxx
Montage: Jonathan Amos
Darsteller: John Boyega, Jodie Whittaker u.a.
Verleih: Universum Film

Genre: Science-Fiction-Horrorkomödie
Erzählmotiv: Der Gefährliche Ort
Suspense: partiell vorhanden
Held(en): Ghettokids
Gegenspieler: blutrünstige Aliens
Stimmung: rabenschwarz
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Attack the Block“ ist eine erfrischende und hemmungslose Science-Fiction-Horrorkomödie, rabenschwarz und politisch unkorrekt bis zum Abwinken.

Man merkt, dass Joe Cornish von Haus aus Komiker ist und aus Großbritannien kommt. Außerdem erzählt er hier eine ganz einfache Geschichte, die sich in nur einer Nacht in bzw. in der Nähe eines heruntergekommenen Wohnblocks abspielt – ein Prototyp der aristotelischen Dramentheorie von den drei Einheiten (Zeit, Raum, und Handlung). Eben jene erinnert auch an „Assault – Anschlag bei Nacht“ von John Carpenter, der wiederum auf „Rio Bravo“ von Howard Hawks beruht.

Die Geschichte

Guy Fawkes Night in einem Südlondoner Ghetto. Feuerwerk am Himmel. Als die Jugendgang unter ihrem 15-jährigen Anführer Moses die junge Krankenschwester Sam überfällt und ausraubt, kracht ein glibberiges Alien neben ihnen zu Boden. Mit Feuerwerkskörpern und Knüppeln können sie das außerirdische Wesen erledigen. Aber da fallen auf mysteriöse Weise noch weitere Aliens vom Himmel und die entpuppen sich als blutrünstige Monster. Die Jugendgang und Sam verschanzen sich im Hochhaus. Gemeinsam nehmen sie den Verteidigungskampf auf. Am Ende kann Moses die Monster mit einer Gasexplosion ins Jenseits befördern.

Stärken

Außer seiner Konzentration und seiner Hemmungslosigkeit wartet „Attack the Block“ noch mit einer ganzen Riege von originellen Figuren auf, die allesamt hervorragend besetzt sind. Die Monster sind bärenähnliche, pechschwarze Raubtiere ohne Augen, dafür mit riesigen Fangzähnen ausgestattet. Sie verbreiten nicht nur Angst und Schrecken, sondern sind auf gruselige Weise auch originell. Manchmal sind wir über ihre Anwesenheit informiert, nicht aber die Protagonisten. Das sorgt natürlich für Adrenalin (Suspense). Die Dialoge sind rotzig, so wie Straßenkinder sich eben unterhalten.

Protagonisten

Am Anfang sind unsere Ghettokids die Bösen – immerhin rauben sie zu fünft eine wehrlose junge Frau aus. Aber nach und nach entwickeln sie sich zu echten Helden, die Stellung beziehen und sie halten. Sie geben sich knallhart, haben aber moralische Werte: Als sie feststellen, dass sie eine geringverdienende Krankenschwester überfallen haben, bedauern sie ihren Übergriff. Für sie ist es auch Ehrensache – im Gegensatz zu alarmierten Ordnungshütern -, ihr Revier gegen die Außerirdischen zu verteidigen. Richtige Reue stellt sich ein, als sie erfahren, dass Sam im gleichen Hochhaus wohnt: „Wenn wir gewusst hätten, dass du hier im Block wohnst, hätten wir dich nicht überfallen.“ Nachdem sie sich zusammengerauft haben, stecken die Jungs ihr als Zeichen des Respekts den geklauten Fingerring wieder an. Überhaupt ist diese Annäherung der Ghettokids an Sam eines der Highlights der Horrorkomödie. Sehr schön auch, wie der verwundete Pest die Krankenschwester verwundert fragt, warum ihr Freund, der Arzt ist, Kindern in Ghana hilft, aber nicht denen hier bei uns? Gute Frage. Darauf hat Sam erst mal keine Antwort. Sehr schön auch die beiden 10-jährigen Kids, die gern zur Jugendgang gehören würden. Ihre Aufnahmeprüfung haben sie eigentlich erfolgreich bestanden, indem sie ein Alien mit Benzin aus ihrer Wasserpistole bespritzen und dann anzünden.

Fazit

Am Ende von „Attack the Block“ wird Moses zwar wieder, wie schon zu Beginn, von der Polizei abgeführt. Aber dieses Mal skandiert die Menge, die sich vor dem Block versammelt hat, seinen Namen. „Moses, Moses“, hallt es durch die Nacht und zum ersten Mal huscht ein Lächeln über das Gesicht des sonst so ernsten Jungen. Schönes Ende eines originellen, kurzweiligen und rabenschwarzen Films.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joe Cornishs "Attack the Block".

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Playtime

F/I 1967, Länge: 126 Min., FSK: 0
Deutscher Verleihtitel: Tatis herrliche Zeiten
Produktion: Specta Films, Jolly Film
Regie: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Lagrange, Jacques Tati
Kamera: Jean Badal, Andréas Winding
Musik: Francis Lemarque
Montage: Gérard Pollicand
Darsteller: Jacques Tati, Barbara Dennek u.a.

Genre: Science-Fiction-Slapstick
Erzählmotiv: nicht vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): exzellent
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: phantasievoll, heiter
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, LaCinetek
Datenträger: DVD

„Playtime“ ist eine unkonventionelle Kritik der Konformität.

Die Filme von Jacques Tati in ein Genre einzuordnen, ist nicht so ganz einfach. „Playtime“ (deutscher Verleihtitel: „Tatis herrliche Zeiten“) könnte man am ehesten noch als experimentellen Science-Fiction-Slapstick bezeichnen. Alles klar? Der Film ist ein Ausflug in ein futuristisches Paris, das aus Beton, Stahl, Glas, Steinen und verstopften Straßen besteht. Es gibt keine Bäume und keine Pflanzen mehr. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt erscheinen nur in den Spiegelungen der Glasflächen. Der Film ist artifiziell im positiven Sinn. Die Zivilisationskritik kommt einerseits kafkaesk, anderseits heiter und beschwingt daher – eine französische „Modern Times“-Version.

Die Geschichte

Tati ging es eigentlich nie darum, Geschichten zu erzählen. Es sind eher aneinandergereihte Beobachtungen und Visionen. In „Playtime“ glaubt man am Anfang, in einem Krankenhaus zu sein. Einer von vielen Trugschlüssen. Tatsächlich handelt es sich um ein Flughafengebäude, in dem verschiedene Reisende ankommen. Darunter auch Monsieur Hulot (Tatis alter Ego). Der versucht dann im Zentrum Monsieur Giffard in einem Bürogebäude zu treffen. Allerdings verpassen sie sich immer wieder. Hulot streunt über eine Messe mit neuesten Produkten, besucht einen Freund in seinem Apartment, dann die Eröffnung des hypermodernen Restaurants „Royal Garden“. Dort läuft die Eröffnungsfeier ein wenig aus dem Ruder. Der harte Kern der Zecher besucht bei Morgendämmerung noch den benachbarten Drugstore, bevor es zurück zum Flughafen geht.

Stärken

Da ist zum einen die Visualität, die sich in allen Werken von Tati – so auch hier – wiederfindet. „Playtime“ benötigt keine Erklärungen oder Dialoge, um die Zuschauer einzufangen. Tati ist ein Visionär. Bereits Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts bringt er den Verkehrswahnsinn in einer einzigen Einstellung auf den Punkt: Autos, die in einem Kreisverkehr ihre Runden drehen, gleichen den Fahrzeugmodellen eines rotierenden Karussells. Außerdem spielen die Geräusche in Tatis Filmen eine große Rolle und natürlich der Slapstick. Der ist seine große Stärke. Die Pantomime und das Kabarett sind seine Wurzeln. Einfach grandios die Beobachtungen bei der Eröffnung des Restaurants, die in einem Happening ausartet. Eine dreidimensionale Komposition, bei der man auch nach mehrmaliger Betrachtung immer wieder neue originelle Details entdecken kann. 

Protagonist

Die Figur des Monsieur Hulot ist ein tollpatschiger Antiheld. Mit biederem Trenchcoat, Hut und langer Pfeife ist er in permanentem Kampf mit technischen Erneuerungen und den Tücken der Objekte verstrickt. Er wirkt wie ein aus der Zeit Gefallener, ein verwirrter Teilnehmer einer aus den Fugen geratenen Welt. Kein Wunder, dass er in all seinen Filmen isoliert und irgendwie einsam wirkt.

Schwächen

Das ist Tatis Hang zur Gigantomanie, sein Hang zum Perfektionismus. Das ist die Ironie. Im Grunde hat er in „Playtime“ das praktiziert, was er kritisiert: die Perfektion der Technik. Nach seinem Erfolg von „Mon Oncle“ hat Tati für „Playtime“ am Stadtrand von Paris eine ganze Kulissenstadt errichten lassen, um seine Visionen zu realisieren. Alles gedreht auf 70mm Filmmaterial. Das verleiht dem Film auch etwas Schwerfälliges, kein Wunder bei diesen monströsen Apparaturen. Der Film hat seine immensen Kosten nicht wieder eingespielt und Tati in die Insolvenz getrieben. Hinterher hat er nur noch zwei Projekte gedreht. „Playtime“ hat auch einige Längen, zum Beispiel als Hulot einen Freund in dessen Apartment besucht, dass ebenerdig von außen einsehbar ist. Privaträume als Schaufenster.

Experimentalfilm

Diese Episode erinnert an Zbigniew Rybczynskis genialen Experimentalfilm „Nova Ksiazka“ von 1972. 

Eigentlich war Jacques Tati mit „Playtime“ auf dem Holzweg. Seine Stärken liegen ganz woanders, in den ganz einfach angelegten Werken, wie „Tatis Schützenfest“ oder „Die Ferien des Monsieur Hulot“. Da kann sich seine geniale, humorvolle Beobachtungsgabe voll entfalten.

Fazit

Francois Truffaut: „Playtime ist mit nichts zu vergleichen, was bereits im Kino zu sehen war. Ein Film von einem anderen Planeten, wo man andere Filme dreht.“

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Jacques Tatis „Playtime“.

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Die Geschichte der Dienerin

USA/D 1990, Länge: 108 Min., FSK: 16
Produktion: Cinecom Entertainment Group u.a.
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Harold Pinter
Kamera: Igor Luther
Musik: Ryuichi Sakamoto
Montage: David Ray
Darsteller: Natasha Richardson, Faye Dunaway u.a.

Genre: Science-Fiction
Erzählmotiv: nicht vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): Marionetten
Gegenspieler: kläglich
Stimmung: künstlich, langweilig
Bewertung: 1 von 7 Sternen
Stream: Zeitverschwendung

Die Denke geht so: Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff verfilmt einen Roman von Booker-Preisträgerin Margaret Atwood nach einem Drehbuch von Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter – also muss es gut werden.

Aber Pustekuchen. Tut es nicht. Auf das Problem der Verfilmung von A-Literatur haben wir an anderer Stelle schon ausführlich hingewiesen. Wenn man so etwas macht, dann ist es sinnvoll, rigoros zu streichen und sich auf das erzählerische Potenzial zu konzentrieren. Das ist hier immerhin vorhanden, wird aber fahrlässig ignoriert. „Die Geschichte der Dienerin“ ist ein verquaster, düsterer Science-Fiction-Gruselfilm, der keine Emotionen hervorruft. US-Filmkritiker Roger Ebert rätselt zurecht darüber, was „uns der Film eigentlich sagen will?“

Vorzüge

Was man dem Film zugute halten kann, ist die gedankliche Auseinandersetzung mit einer Dystopie, wobei der Fokus, wie bei etlichen Werken von Margaret Atwood, auf der Unterdrückung der Frauen liegt. Konkret wird ein klerikales, totalitäres Regime in der fiktiven Republik Gilead beschrieben, das Frauen als „Gebärmaschinen“ instrumentalisiert. Vergleichbare Beispiele in der Literatur sind „1984“ von George Orwell oder „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley. Aber der Diskurs ist ein intellektueller, weil man die emotionalen Wirkungen der literarischen Vorlagen nicht so einfach übertragen kann. Wie man’s macht, hätte Volker Schlöndorff zum Beispiel beim Melodrama „Begegnung“ von David Lean studieren können, ebenfalls nach einer literarischen Vorlage.

Schwächen

Ohne eine interessante Figur wird’s schwierig, Gefühle zu erzeugen. Die Protagonisten agieren mehr oder weniger wie Marionetten. Hinzu kommt dieser rot oder blau gewandete Einheitslook. Das erschwert die Identifizierung und damit auch die Identifikation. Wo ist Kate jetzt eigentlich? Ist sie die rote Gestalt oder doch die andere? Mit wem soll man mitfiebern? Suspense-Situationen werden verschenkt, d.h.: die Spannung wird minimiert. Die Inszenierung ist teilweise uninspiriert, nicht richtig engagiert, manchmal auch merkwürdig, zum Beispiel als Kate in der Toilette des Nachtclubs auf Freundin Moira stößt. Die berichtet quietschfidel von ihrer Gefangennahme, der Liquidierung eines Helfers und Folterungen, die sie erlitten hat. So etwas müsste man brechen, zum Beispiel indem Moira unbekümmert beginnt und dann einen Zusammenbruch erleidet.

Elfenbeinturm

Sein suboptimales Werk erklärt Volker Schlöndorff folgendermaßen: „Ich schob diese Auftragsarbeit ein, um Geld zu verdienen.“ Immerhin hat’s ihm gedämmert, dass hier irgendwie der Wurm drin ist. Seine Rechtfertigung ist aber – mit Verlaub – eine Beleidigung für alle Handwerker, die jeden Tag versuchen, einen guten Job zu machen, um zu überleben. Eigentlich ist diese Ausrede nichts anderes als Grußworte aus dem Elfenbeinturm.

Antagonisten

Noch einmal Hitchcocks einfache Gleichung zur Etablierung eines veritablen Antagonisten: „Je gelungener der Schurke, umso gelungener der Film.“ Dann schauen wir uns doch in „Die Geschichte der Dienerin“ mal die beiden „Bösewichte“ an: Die unfruchtbare Ehefrau Serena geht ihrem Gatten bei der „Zeremonie“ (Befruchtung) hilfreich zur Hand, pflanzt ansonsten Blumen im Garten, wickelt Wollknäuel auf oder hilft Kate bei ihrer Schwangerschaft mit dem lebensrettenden Ersatzbefruchter Nick. Ein einziges Mal wird sie richtig fuchtig, als sie merkt, dass Kate ihr Abendkleid zum Besuch des Nachtclubs angezogen hat. Konsequenzen? Keine. Ehemann Kommandant Fred ist Sicherheitschef der Sekte und hat sich in Kate verliebt. Er behandelt sie, außer bei den obligatorischen „Zeremonien“, respektvoll und zuvorkommend. Das sind doch – mit Verlaub – keine Antagonisten! Dafür müsste Serena beispielsweise im Stile einer Giftschlange und Fred als Despot agieren. Die einzige Gefahrenquelle ist eigentlich das geltende Regelwerk, also das Gebot der Schwangerschaft für Kate. Bei Nichteinhaltung droht eine möglicherweise tödliche Bestrafung. 

Lösungen

Konzentration auf das Erzählmotiv: Die Unmögliche Liebe. Kates Ehemann, der zu Beginn des Films erschossen wird, und ihre Tochter haben keine Handlungsrelevanz. Also in medias res: Kate kommt als neue Gebärmaschine in das Haus des Kommandanten. Alles andere vorher ist überflüssig. Sie verliebt sich in Nick und wird schwanger von ihm. Das Erzählmotiv von „Die Geschichte der Dienerin“ impliziert ein dramatisches Ende und kein revolutionsromantisches.

Fazit

Der Filmtitel suggeriert, dass eine Geschichte erzählt wird. Das ist aber mitnichten der Fall. Stattdessen dominiert das Schreckliche: Die dystopische Welt ist schrecklich, die Inszenierung ist schrecklich, die Stimmung ist schrecklich. Treffender müsste der Filmtitel lauten: „Eine Geschichte des Schreckens“. Also mehr ein deutscher als ein amerikanischer Film.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Die Geschichte der Dienerin".

Downsizing

Angesichts der brillanten Filme, die Alexander Payne zum Teil gedreht hat („The Holdovers“, „About Schmidt“), darf man schon enttäuscht sein. „Downsizing“ hat ein paar originelle und skurrile Szenen, ist aber ansonsten spannungsfrei. Das in der Grundidee enthaltene Konflikt- und Gefahrenpotenzial wird ignoriert. Die thematisierte Zivilisationskritik taugt vielleicht als wissenschaftliche Abhandlung, aber nicht als Grundlage einer dramatischen Filmhandlung. Dafür fehlen zu viele Zutaten (s. „Die 7 Säulen der Filmgestaltung“).

Die Geschichte

Ein Science-Fiction. Im Kampf gegen die Überbevölkerung entdecken norwegische Wissenschaftler die zelluläre Reduktion des menschlichen Körpers: Eine Körpergröße von 180 cm lässt sich auf 12 cm minimieren. Aus der Erfindung resultiert ein Geschäftsmodell. Slogan: „Wir retten uns selbst“. In einer Art Miniatur-Wunderland leben die Geschrumpften in purem Luxus, denn Verbrauch und Kosten reduzieren sich, während Erspartes nun ein Vielfaches wert ist. Ein verlockendes Modell, gerade für Interessenten, denen in der realen Welt Ungemach droht oder das Wasser schon bis zum Hals steht.  

Paul

Einer von diesen Aspiranten ist der Physiotherapeut Paul Safranek (Matt Damon), der mit seiner Frau Audrey in einem Eigenheim lebt und Schwierigkeiten hat, die Kredite zu tilgen. Die Aussicht auf ein sorgenfreies gemeinsames Leben gibt den Ausschlag bei ihrer Entscheidung zum Downsizing. Leider bekommt Audrey im letzten Moment kalte Füße und macht einen Rückzieher, während Paul die Transformation schon vollzogen hat. Das Luxusanwesen, in dem der kleine Paul nun residiert, ist kein wirklicher Trost für den Schicksalsschlag. Aber mit dem Leben auf „großem“ Fuß ist ein Jahr später, nach Scheidung und Gütertrennung, sowieso Schluss. Paul muss in ein Mietshaus ziehen und im Callcenter dazu verdienen.

In the Ghetto

Im neuen Wohnhaus lernt Paul den Nachbarn Dusan kennen, einen Schmuggler und Partyhengst. Nach einer durchzechten Nacht trifft Paul beim Nachbarn auf die vietnamesische Putzfrau Ngoc Lan Tran, mit der er sich anfreundet. So erfährt er zum ersten Mal von den Schattenseiten des Geschäftsmodells. Ngoc ist eine Dissidentin und wurde vom Regime mit einem Downsizing zum Schweigen gebracht. Sie lebt mit anderen Aussortierten in einem Ghetto, das Paul bei einem Besuch nun zum ersten Mal kennenlernt. Als sie erfahren, dass Dusan eine Reise nach Norwegen zur Gründungskolonie der Geschrumpften plant, schließen sie sich ihm an.

Norwegen

Auf einem Schiff, das einen Fjord passiert, kommen Ngoc und Paul sich zum ersten Mal näher. In der Gründungskolonie treffen sie auf den Arzt Jorgen, den Entdecker des Downsizing. Weil seine Erfindung missbraucht wurde, hat er sich aus Solidarität ebenfalls schrumpfen lassen. Doch nun ist die Kolonie durch austretende Methangase, dem die Kleinen schutzlos ausgeliefert sind, dem Untergang geweiht. Ein unterirdisches Gewölbe soll Zuflucht bieten. Während Paul sich den Flüchtenden anschließt, bleibt Ngoc zurück. Im letzten Moment macht Paul kehrt und gesteht ihr seine Liebe.

Schwächen

Die taugliche Grundidee enthält eigentlich jede Menge Gefahrenmomente. Ihre komplette Ignoranz ist schon fahrlässig. Die lebensbedrohlichen Umstände, die bei einer Flucht aus dem Miniatur-Wunderland resultiert wären, hätte man durchspielen müssen. Zu einer derartigen Exkursion hätte Paul, zum Beispiel bei seiner Trennung oder Scheidung, auch allen Grund gehabt. Umgekehrt: Welche Gefahren hätte das Eindringen von Insekten oder Haustieren für die Bewohner der Miniaturanlage bedeutet? All das wird leider ausgeklammert und hat auch zur Folge, dass man mit niemandem mitzittert. Für das dürftige Geschehen ist der Film auch viel zu lang.

Zeitliche Dichte

Ein weiterer Fehler des Films sind auch die großen Zeitsprünge. Payne beginnt seine Geschichte chronologisch und schafft damit Verständnis. Aber eine gute Erzählung benötigt keine Erklärungen. Im Gegenteil. Wie wär’s denn gewesen, wenn „Downsizing“ mit der Trennung oder Scheidung begonnen hätte. Der Zuschauer hätte lauter Fragen gehabt, auf die es zunächst keine Antworten gibt. Aber es hätte Spannung generiert: Produktive Irritation. Man bleibt bei der Stange, um die Antworten zu bekommen. Auch hier bewahrheitet sich das dramaturgische Postulat von Patricia Highsmith: „Eine gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“.

Die Figuren

Paul ist ein hilfsbereiter, freundlicher und bescheidener Zeitgenosse, der anfangs seine Mutter pflegt und eigene Interessen zurückstellt. Diese sympathischen Charaktereigenschaften erfahren leider keine Entwicklung. Damit bringt Paul aber nicht die erforderlichen Voraussetzungen für einen veritablen Helden mit (s. „Figuren“). Bis zum Ende bleibt er eigentlich ein Langweiler. Seine Ehefrau ist schnell aus dem Spiel. Sie ist nur der Katalysator der folgenreichen Entscheidung. Die Liebesbeziehung zu Ngoc ist eine behauptete. Welchen Grund hat er, sich in die beinamputierte und ziemlich ruppige Dissidentin zu verlieben? Mitleid ist kein Fundament, wie sie an späterer Stelle richtig anmerkt. Nachbar Dusan (Christoph Waltz) hat überhaupt keine Handlungsrelevanz.

Prototypen

In der Science-Fiction-Komödie „Liebling, ich hab die Kinder geschrumpft“ demonstriert Joe Johnston, wie Gefahrenmomente spannungssteigernd ins Spiel gebracht werden. Die Begegnungen mit Ameisen, Bienen oder Skorpionen sind natürlich lebensbedrohliche Situationen. So ist das richtig. In „Die Truman Show“ von Peter Weir wird der ahnungslose Protagonist zur Maximierung von Einschaltquoten in einer künstlichen Kleinstadt gefangen gehalten. Sein wachsendes Misstrauen, die in gefährlichen Fluchtversuchen münden, sind pure Dramatik. Das sind nur zwei Beispiele, an denen Payne sich gewinnbringend hätte orientieren können.

Fazit

„Downsizing Drama“ wäre ein passenderer Filmtitel gewesen, also geschrumpfte Spannung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Downsizing.

Alien – Director’s Cut

Ridley Scott ist genauso wie sein Bruder Tony ein Synonym für gut gemachte, spannende Unterhaltung. So auch in „Alien – das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“. Es beginnt mit Impressionen des Frachtraumschiffs Nostromo, mit unheilvollen Vorahnungen, dass dieser Triumph der Technik sich als Trugschluss erweisen könnte. So spannend die Exposition ist, deutet sie doch zugleich auf einen der Schwachpunkte des Films hin: Alles sehr technisch hier.

Die Geschichte

Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung ist ein großer Pluspunkt, ändert aber nichts an der dünnen Story: Im Jahr 2122 empfängt die Nostromo mysteriöse Funksignale von einem kleinen Planeten. Ein Erkundungstrupp stößt dort auf auf unbekannte Lebensformen, die bei der Rückkehr mit an Bord des Raumschiffs gelangen. Es ist ein „Alien“, das nach und nach alle Besatzungsmitglieder tötet, bis auf Offizier Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die sich im letzten Moment des Monsters entledigen kann.

Die Figuren

Zur Dominanz der Technik gehört auch das Fehlen von Beziehungen unter den Besatzungsmitgliedern. Es gibt ein bisschen Geplänkel von Parker und Brett über zu niedrige Prämien und eine Kontroverse über die Entscheidung von Captain Dallas, bei der Rückkehr des Suchtrupps geltende Quarantänevorschriften zu ignorieren. Aber, das war’s dann auch. Keine Liebes-, keine Familiengeschichten. Keine Geheimnisse, keine Backstories. Die Kälte des Weltalls scheint auch von der Crew Besitz ergriffen zu haben. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn sich der Wissenschaftler Ash als Roboter entpuppt. Eine wirklich interessante Person ist nicht an Bord. Ellen Ripley hätte es werden können, aber wir erfahren zu wenig von ihr.

Schwachpunkte

Ein weiterer Schwachpunkt ist das „Alien“, das hier als glibberiges, formänderndes Wesen in Erscheinung tritt. Letztlich ist es zu künstlich und zu amorph. Es ist zwar furchterregender als der Sandwurm in „Dune“, wozu aber nicht viel gehört. Aber es kann nicht ansatzweise dem „weißen Hai“, den Raptoren in „Jurassic Park“ oder den Krokodilen in „Crawl“ das Wasser reichen. Es fehlt das Figürliche. Ein weißer Hai ist ein weißer Hai. Er verändert seine Form genauso wenig wie seinen immensen Appetit.

Suspense

Des weiteren operieren die letzten drei Horrorfilme mit Suspense, d.h. der Zuschauer wird teilweise über die bedrohliche Anwesenheit des Raubtieres informiert, nicht aber der Protagonist. So wird Spannung natürlich vorbildlich eskaliert. „Alien“ operiert mit Überraschungen, etwa wenn das kleine Monster aus Kanes Bauch heraus ins Freie schlüpft. Diese Szene ist sehr schön retardiert. Ein Film mit Überraschungen ist natürlich nicht schlecht, aber was sind sie schon im Vergleich zu Suspense. Irgendwann erahnt man in „Alien“ auch das Unheil, etwa wenn Brett im Rumpf des Schiffes mit einem Flammenwerfer auf Jagd geht. Eine Überraschung, die man ahnt, ist aber auch keine Überraschung mehr.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Alien.

Dune

Jetzt weiß ich endlich, was die Voraussetzungen für eine Oscar-Nominierung 2022 sind: zwei Stunden Langeweile. „Dune“ von Denis Villeneuve erreicht sogar zweieinhalb Stunden. Trotz der dichten literarischen Vorlage von Frank Herbert schafft der Film es, keine Geschichte zu erzählen! Schon bemerkenswert. Die Zusammenhänge, die Vorgeschichte und die Motivationen der Figuren bleiben weitgehend im Unklaren. Nichts vom vorangegangenen Kampf der Menschen gegen Künstliche Intelligenz. Nichts von der tieferen Bedeutung des Spice-Abbaus auf dem Wüstenplaneten Arrakis. Es gibt kein erkennbares Bemühen um Verständnis.

Handwerk

Der Science-Fiction-Film kommt völlig spannungs- und humorfrei über die Runden. Der 400 Meter lange Sandwurm ist eine Lachnummer, aber doch keine Bedrohung (sehnsuchtsvolle Erinnerungen an den „Weißen Hai“ oder die Krokodile in „Crawl„)! In „Dune“ dominieren die Special Effects, die Ausstattung und die Landschaftsaufnahmen, die ebenso bildgewaltig wie elegisch in Zeitlupe daherkommen. Zeitraffer wäre besser gewesen.

Da ist der Wurm drin

Der Held, der junge Herzog Paul Atreides, schaut beständig bedeutungsschwanger oder albtraumgebeutelt aus der Wäsche. Seine Mama hat etwas Schimärenhaftes, ohne leider jemals wirklich böse zu sein. Papa Leto bleibt schablonenhaft und blass. Mit wem oder was soll man denn hier mitzittern? Lediglich das Feuilleton sorgt für Erheiterung, indem es in seinen Kritiken Allegorien zu Kolonialismus, Kapitalismus, Umweltzerstörung, Abzug der Alliierten aus Afghanistan usw. erkennt. Immerhin kommt ZEIT ONLINE zum erkenntnisreichen Fazit: „Irgendwie ist der Wurm drin“. Aber was haben diese originellen Interpretationen mit dieser erbärmlichen Erzählung zu tun?

Fazit

„Dune“ ist nichts als eine pompöse Nullnummer. Da fehlt eigentlich nur noch einer. Genau. Unser Hänschen (Zimmer) ist auch noch mit von der Partie und drischt dann noch mal ordentlich auf die Pauke. Das passt schon perfekt zusammen: Schnickschnack par excellance. Beunruhigend ist nur die Ankündigung der Produktion, in naher Zukunft einen zweiten Teil zu drehen. Anfang dieses Jahres konnten Unerschütterliche sich von der Umsetzung dieser Drohung überzeugen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für Dune.