Greedy People

USA 2024, Länge: 113 Min., FSK: 16
Produktion: Hideout Pictures u.a.
Regie: Potsy Ponciroli
Drehbuch: Mike Vukadinovich
Kamera: Eric Koretz
Musik: Jordan Lehning
Montage: Jamie Kirkpatrick
Darsteller: Himish Patel, Joseph Gordon-Levitt u.a.

Genre: Thrillerkomödie
Erzählmotiv: Gier
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): originell
Gegenspieler: Killer
Stimmung: schwarzhumorig
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Videobuster

Bei „Greedy People“ handelt es sich um eine ziemlich durchgeknallte, schwarzhumorige Thrillerkomödie, die leider irgendwann die Bodenhaftung verliert. 

Hin und wieder blitzt Poncirolis Talent auf. Das ist die Besetzung und Inszenierung von originellen Figuren (s.a. „Old Henry“). Dabei läuft der einfach gestrickte Officer Terry allen den Rang ab. Ihm schaut man gern zu, wie er sich in Tateinheit mit seinem Kollegen und dessen Frau sein Grab schaufelt. Inhaltlich erinnert der Thriller an „Ein einfacher Plan“ von Sam Raimi, ohne jedoch auch nur ansatzweise dessen Qualitäten zu erreichen. Das liegt an Poncirolis Entscheidung zu einer Gaga-Version, anstatt auf die Kraft der dramatischen, schwarzhumorigen Ausgangssituation und seiner Figuren zu setzen.

Die Geschichte

Officer Will ist mit seiner hochschwangeren Frau Paige nach Providence gezogen, einem Kaff an der Ostküste der USA. Nach Angaben seines neuen Partners Terry ist es dort so ruhig, dass man sich bei der „Arbeit“ ein Hobby zulegen sollte. Eine Aussage, die sich leider nicht bewahrheiten soll. Denn bei einem Einsatz tötet Will zufällig die Frau des Fischfabrikanten Wallace Chetlo. Außerdem stolpert er in der Villa über einen Haufen Bargeld. Kollege Terry überredet ihn, einen Einbruch zu fingieren und das Geld beiseite zu schaffen. Dummerweise werden sie dabei von Masseur Keith beobachtet. Dann erscheint auch noch der von Wallace gedungene kolumbianische Killer am Tatort und vermisst sein Honorar. Nachdem Paige das Bargeld aus dem Versteck holt und einen irischen Killer auf Terry ansetzt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Am Ende sind alle tot bis auf Captain Murphy, die Paiges Neugeborenes in ihre Obhut nimmt.

Stärken

In „Greedy People“ steht immer das Bestreben im Vordergrund, die Zuschauer zu unterhalten. Das erscheint banal oder selbstverständlich, ist es aber nicht. Für Unterhaltung sorgt hier zum erheblichen Teil das Aufgebot an originellen Figuren. Neben Officer Terry ist auch Fleischfabrikant Wallace ein steter Quell der Freude: hervorragend besetzt und inszeniert. Des Weiteren sind die Suspense-Situationen ziemlich genial: Da erhalten unsere beiden Cops von Captain Murphy den Auftrag, Verhöre im Todesfall durchzuführen. Der Zuschauer weiß um deren Verstrickungen, also um ihr Wissen, das sie verheimlichen. Aber er weiß auch von den Verstrickungen der Befragten, die mehr wissen als die beiden Cops. Das ist sehr schön. Das sorgt für Witz und Spannung.

Schwächen

Irgendwann kippt die Geschichte ins Absurde. Ein Killer, der am schwarzen Brett des Supermarkts Werbung für seine Dienste offeriert, ist schon hanebüchen. Spätestens hier hat der schwarzhumorige Thriller seine Bodenhaftung verloren. Dann kann man aber auch gar nichts mehr ernst nehmen. Weil alles möglich ist, kann man aber letztlich auch nicht mehr mit den Figuren mitfiebern. Das ist schade. In diese Rubrik fällt auch das absurde Ende des Films, in dem Captain Murphy, die vor Jahren ihr Kind verloren hat, ein Säugling sozusagen in den Schoß fällt. Das erinnert an das hanebüchene Finale von David Cronenbergs „Tödliche Versprechen“. Auch da ist von intervenierenden Kollegen oder dem Jugendamt weit und breit nichts zu sehen.

Lösungen

Die beiden Gaga-Auftragskiller streichen. Masseur Keith könnte von Wallace Chetlo als Killer gedungen worden sein. Keith ist einerseits froh, dass ihm jemand die Arbeit abgenommen hat, andererseits hätte er gern das Geld, genauso wie unsere beiden Cops. Deren Ermittlungen lenken zunehmend den Verdacht gegen sie selbst. Das schafft Suspense und erhöht die Anteilnahme für unsere Helden. Das Ende? Könnte man genauso gestalten wie in „Ein einfacher Plan“: Das Geld wird ein Opfer der Flammen. Dann ist endlich Ruhe.

Fazit

Schade. Die Zutaten waren vorhanden. Reichlich. Aber der Koch hat immer noch weitere Zutaten entdeckt und – vor allem – hinzugefügt. Leider. „Greedy People“ ist das Paradebeispiel eines Films, bei dem weniger mehr gewesen wäre. Zu gierig könnte man sagen. Manchmal reicht eben ein Koch, um den Brei zu verderben.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Potys Poncirolis' "Greedy People".

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Vier im roten Kreis

F 1970
Länge: 140 Min., FSK: 16
Produktion: Les Films Corona u.a.
Drehbuch + Regie: Jean-Pierre Melville
Kamera: Henri Decaë
Musik: Éric Demarsan
Montage: Marie-Sophie Dubus u.a.
Darsteller: Alain Delon, Yves Montand u.a.
Verleih: Studiocanal

Genre: Gangsterthriller
Erzählmotiv: Das große Ziel (Big Caper Movies)
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Einbrecher
Gegenspieler: Ex-Komplizen + Polizei
Stimmung: unheilvoll
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Vier im roten Kreis“ ist ein atmosphärisch dichter Gangsterthriller, der mit seiner Lakonie und seinen schweigsamen Helden an die zeitgleich entstandenen Italowestern erinnert.

Mit spannungssteigernden Parallelmontagen konzentriert Melville sich voll und ganz auf einen im Grunde zum Scheitern verurteilten Juwelenraub. Der Thriller ist ein Männerfilm, der eigentlich die Freundschaft zweier Gangster erzählt. Frauen kommen nur am Rande vor. 

Die Geschichte

Marseille. Kurz vor seiner Haftentlassung wird dem Einbrecher Corey (Alain Delon) schon der nächste Coup schmackhaft gemacht: ein Einbruch beim Pariser Nobeljuwelier Mauboussin. Kaum wieder auf freiem Fuß sucht er seinen Ex-Komplizen Rico auf und erleichtert ihn um Bargeld und Pistole. Zwei seiner Verfolger kann Corey ausschalten. Mit einem gekauften Wagen begibt er sich auf die Reise nach Paris. Unterwegs versteckt sich der entflohene Schwerverbrecher Vogel (Gian Maria Volonté) im Kofferraum seines Wagens. Auf der Flucht entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden. In Paris nehmen sie Kontakt mit dem alkoholkranken Scharfschützen Jansen (Yves Montand) auf. Für den ist der Job eine Chance, seiner Sucht zu entkommen. Bei einem minutiös geplanten Einbruch gelingt dem Trio der Juwelendiebstahl. Allerdings ist ihnen Kommissar Mattei dicht auf den Fersen und stellt den Gangstern eine Falle. Bei einem fingierten Verkauf der Beute werden Corey, Vogel und Jansen auf der Flucht erschossen.

Stärken

Die Freundschaft zwischen Corey und Vogel ist schön entwickelt. Beide riskieren im Verlauf des Geschehens ihr Leben, um den anderen zu retten. Ihre Verbundenheit hat beinahe schon etwas Anrührendes und erinnert damit an die Freundschaft der beiden Gangster in „Wenn es Nacht wird in Paris“ von Jacques Becker. Sehr schön ist auch der Einbruch bei einem Pariser Nobeljuwelier. Hier nimmt Melville sich Zeit. Minutiös erzählt er, wie Corey und Vogel sich Zutritt zum Gebäude verschaffen und schließlich mit Jansens Hilfe das Alarmsystem ausschalten. Das ist sehr visuell und spannend. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind verschwommen. Es gibt korrupte Gefängniswärter und einen Kommissar, für den Erpressung berufliche Routine ist. Auch das gehört zu den Vorzügen dieses Film noirs. Die Parallelmontagen erhöhen zwar die Spannung, entfernen uns aber auch immer von den Protagonisten. Der dramatische Ertrag impliziert einen Verlust. Damit sind wir bei den Defiziten.

Schwächen

Überhaupt wird eine Fülle von Personen aufgeboten, die eigentlich gar nicht zur konzentrierten Anordnung passt. Hier wäre eine Reduktion vorteilhaft gewesen. Andererseits gibt es Personen, von denen wir gern mehr erfahren hätten. Coreys Freundin zum Beispiel. Immerhin hat er in seiner fünfjährigen Haftzeit mehrere Fotos von ihr aufbewahrt. Also bedeutet sie ihm etwas. Diese Konfrontation hätte eigentlich kommen müssen. Des Weiteren verhalten unsere Gangster sich am Ende, als sie auf den zweiten Hehler (Kommissar Mattei) reinfallen, etwas leichtgläubig. Hier hätte man sie mit etwas mehr Raffinesse ausstatten können. 

Vorhersehbarkeit

Schon relativ bald ahnt man, dass die Geschichte für unsere Gangster nicht gut ausgehen wird, zumal wir uns zeitlich im Existenzialismus befinden. Also, sie werden am Ende dran glauben müssen und so kommt es dann ja auch. Aber jede Erfüllung einer Erwartungshaltung ist ein erzählerischer Schwachpunkt. Warum? Weil es langweilig ist. Hier wäre eine Überraschung natürlich angebracht.

Gran Torino

Wenn Walt Kowalski in Clint Eastwood Meisterwerk „Gran Torino“ am Ende den Vorstadtgangstern gegenübersteht, dann prägen alle Rollen, die er bis dato in diversen Filmen verkörpert hat, unsere Erwartungshaltung. Heißt: Wir glauben und hoffen, dass er die Gangster erledigen kann. Was dann folgt ist eine fundamentale Überraschung und eigentlich die einzig funktionierende Lösung in dieser Spielanordnung. Walt opfert sich und sorgt mit seinem Ableben dafür, dass die Gangster lebenslänglich hinter Gitter wandern. Was für ein Ende! So etwas fehlt leider in „Vier im roten Kreis“. 

Wenn der Kommissar am Anfang des Films Vogel im Nachtzug von Marseille nach Paris eskortieren will, dann ahnt man ebenfalls, dass der Gangster fliehen wird, zumal er fahrlässig nur an einem Handgelenk gefesselt ist. Und so kommt es dann ja auch. Mattei kann noch froh sein, dass die Attacke nicht ihm gilt, sondern nur dem Fluchtversuch. Auch das ist langweilig inszeniert. Man fragt sich, warum der Kommissar so sorglos ist.

Zufälle

Der Film beginnt mit einem Zitat von Ramakrishna, das ein unvermeidliches Aufeinandertreffen der Protagonisten im roten Kreis prognostiziert, also eine Vorherbestimmung. Aber dieses angebliche Zitat ist nichts weiter als eine Verschleierungstaktik. Es soll davon ablenken, dass es in der Handlung einige Zufälle gibt. Die sollen wir alle schlucken, zumal Ramakrishna es ja so postuliert hat. Leider sind Zufälle immer erzählerische Schwachpunkte. Da helfen auch keine Zitate von indischen Mystikern.

Ungereimtheiten

Nach der Flucht von Vogel aus dem Nachtzug ist ihm eine Hundertschaft von Polizisten erstaunlich schnell auf den Fersen. Das Zusammenstellen eines derartigen Suchtrupps würde aber mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen. Vogels Vorsprung müsste also viel größer sein. Scharfschütze Jansen wird als schwerkranker Alkoholiker etabliert, der erstaunlich schnell wieder zu Sicherheit und Präzision zurückfindet.

Finale

Nachdem unsere Helden auf der Flucht erschossen werden, kommt der nihilistische Polizeipräsident noch einmal zu Wort: „Es gibt keine Unschuldigen. Die Menschen sind Verbrecher … alle Menschen, Herr Mattei!“ Das ist aber nichts weiter als eine pessimistische Floskel. Um dieser Einschätzung eine zusätzliche Bedeutung zu verleihen, wäre es ganz schön gewesen, wenn der Präsident sich am Ende als Obergangster entpuppt und die Juwelen an sich genommen hätte. Unseren Gangstern hätte man eine erfolgreiche Flucht gönnen können: außer Spesen, nichts gewesen. Ein solches Ende hätte auch die oben monierte fehlende Überraschung egalisiert.

Fazit

Trotz einiger Schwächen ist „Vier im roten Kreis“ ein atmosphärisch düsterer, sehenswerter und spannender Gangsterthriller.

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Anthony Zimmer

F 2005
Länge: 85 Min., FSK: 12
Produktion: Canal+ u.a.
Drehbuch + Regie: Jérôme Salle
Kamera: Denis Rouden
Musik: Frédéric Talgorn
Montage: Richard Marizy
Darsteller: Sophie Marceau, Yvan Attal u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Falsche Identität
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): trickreich
Gegenspieler: gehen über Leichen
Stimmung: geheimnisvoll
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Anthony Zimmer“ ist ein richtig schöner französischer Unterhaltungsfilm, vorzugsweise an grauen Winterabenden zu genießen.

Im Portfolio hat der Thriller mit Krimielementen die Sonne Südfrankreichs, eine schöne geheimnisvolle Frau, einen trickreichen Geldwäscher, die russische Mafia, ein ganzes Bataillon von Interpol Agenten  und – natürlich – die Liebe. Bemerkenswert sind auch die erkennbaren Anleihen an Werke von Altmeister Alfred Hitchcock. Das Opening erinnert an „Der Fremde im Zug“, nur sind es hier die attraktiven Beine von Chiara Manzoni (Sophie Marceau), die in eleganten Pumps zum Gare du Nord stöckelt. Die Story erinnert an „Der unsichtbare Dritte“, nur dass Francois Taillandier (Yvan Attal) keineswegs so unbedarft und unschuldig ist, wie er sich gibt. Ein paar Ungereimtheiten kann die schöne Stimmung in diesem sonnendurchfluteten Thriller nicht entscheidend trüben.

Die Geschichte

Der wegen Geldwäsche in Millionenhöhe von Interpol und der russischen Mafia gesuchte Anthony Zimmer hat mit plastischer Chirurgie sein Aussehen und seine Stimme verändert. Interpol-Chef Akerman (Sami Frey) setzt seine attraktive Agentin Chiara auf ihn an, die ein Liebesverhältnis zum Gesuchten hatte. Im TGV an die Côte-d’Azur setzt sie sich zu einem wildfremden Mann, der Anthony Zimmer von der Körperstatur her ähnelt. Das ist der eher unscheinbare Übersetzer Francois, der dem Charme der geheimnisvollen Schönen verfällt. Ihre Einladung, das Wochenende gemeinsam in einem Luxushotel in Nizza zu verbringen, erscheint ihm wie ein Traum. Aus dem gibt es allerdings ein jähes Erwachen, als russische Mafiosi ihm nach dem Leben trachten. Mit Mühe und Not kann er ihnen ein ums andere Mal entkommen. Beim Showdown in Anthony Zimmers luxuriösem Anwesen rettet Francois Chiara aus den Fängen der russischen Mafiosi, die allesamt von Akermans Leuten liquidiert werden. Der Übersetzer entpuppt sich als Anthony Zimmer und kann mit seiner Geliebten unbehelligt den Tatort verlassen. Auch Akerman lässt ihn ziehen, obwohl er dessen wahre Identität durchschaut. Dafür hat er dessen Notizbuch mit allen Geldwäsche-Transaktionen.

Stärken

Die Filmemacher lassen sich Zeit mit der Einführung ihrer Figuren. Die Meeting-Scene im Schnellzug hat es schon in sich. In reduzierten Dialoge wird das Geheimnisvolle zelebriert. Dabei zeigt Chiara sich als ruchlose Femme fatale, die nicht davor zurückschreckt, Francois der Mafia als Köder hinzuwerfen, nur um vom Geliebten abzulenken. Aber Akerman hat sie ja treffend charakterisiert: „Sie ist skrupellos“. Richtig Fahrt nimmt der Film dann mit dem Eintreffen der russischen Mafiosi auf. Sehr schön sind auch die Flashbacks, mit deren Hilfe Francois versucht, sich das Erlebte nachträglich zusammenzureimen. Sie erhalten später, als seine wahre Identität herauskommt, auch noch eine zusätzliche Bedeutung.

Schwächen

Ein gravierender Schwachpunkt ist das Ende. Hier will Jérôme Salle uns weismachen, dass Chiara ihren Geliebten trotz plastischer Chirurgie nicht erkennt. Das ist aber – mit Verlaub – nicht besonders glaubwürdig, denn Menschen sind mit fünf Sinnen ausgestattet. Selbst wenn die Augen nicht zur Identifikation eines intimen Freundes ausreichen, bleiben immer noch vier Organe übrig. Chiara hätte ihren Geliebten anhand seiner Gerüche, seiner Gestik, Mimik, Muttermalen, Marotten usw. erkennen müssen. Hier reiht sich „Anthony Zimmer“ in andere fragwürdige Beispiele der Filmgeschichte ein, in denen uns Vergleichbares „verkauft“ werden soll: „Irma la Douce“, „Mrs. Doubtfire“ usw. Allesamt Filme, in denen man sich fragt, ob die getäuschten Partner ihre fünf Sinne noch beieinander haben? Nur das Erzähltempo, das „Anthony Zimmer“ am Schluss vorlegt, verhindert unproduktive Irritationen. Man hat schlicht keine Zeit mehr, um sich über diese Unglaubwürdigkeit Gedanken zu machen. Warum wird der Kripobeamte Driss von der russischen Mafia ermordet? Was soll das? Ihr Interesse gilt doch Anthony Zimmer. Außerdem wirbelt so ein Polizistenmord doch viel zu viel Staub auf. 

Suspense

In einem wichtigen Punkt hat Jérome Salle Altmeister Hitchcock nicht richtig studiert: Das ist – genau – Suspense. „Anthony Zimmer“ ist von Anfang bis Ende ein Rätselspiel, zwar ein spannendes mit Überraschungen und Wendungen, aber mit reduzierter emotionaler Anteilnahme. Wie wäre es denn gewesen, wenn die Zuschauer von Francois’ wahrer Identität gewusst hätten? Hätte dieses Wissen die Spannung minimiert? Nein. Im Gegenteil. Man kann sehr wohl mit einem Schurken mitzittern, zumal „Anthony Zimmer“ kein Mörder wie Tom Ripley oder Norman Bates war. Selbst in diesen Fällen hat die Identifikation funktioniert.

Fazit

„Anthony Zimmer“ hat nicht nur eine schöne Stimmung, sondern auch eine angenehme Länge. In 85 Minuten ist alles erzählt. Wunderbar. Daran könnte sich Martin Scorsese mal ein Beispiel nehmen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Jérôme Salles "Anthony Zimmer".

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Lou

USA 2022, Länge: 109 Min., FSK: 16
Produktion: Bad Robot Productions u.a.
Regie: Anna Foerster
Drehbuch: Maggie Cohn, Jack Stanley
Kamera: Michael McDonough
Musik: Nima Fakhrara
Montage: Matt Evans, Paul Tothill
Darsteller: Allison Janney u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Kidnapping
Suspense: nicht vorhanden
Heldin: tough
Gegenspieler: Psychokiller
Stimmung: regnerisch
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

Der Actionthriller „Lou“ hat eine originelle Heldin und gut gemachte Stunts. Das war’s dann aber.

Ansonsten hat man irgendwie alles schon gesehen. Alles ziemlich vorhersehbar hier. Nur die Handlung gerät zum Ende hin immer hanebüchener. Das ist aber auch die einzige Überraschung.

Die Geschichte

Die ehemalige CIA-Agentin Lou will sich in ihrer einsamen Hütte auf Orcas Island das Leben nehmen. Dabei wird sie von ihrer Nachbarin Hannah gestört, die ihre kleine Tochter Vee vermisst. Nachdem Lous Truck explodiert und sie die Leiche eines Verehrers von Hannah finden, wissen sie, dass sie es hier mit einem Killer zu tun haben. Der entpuppt sich als Hannahs Ex-Mann Philip, dem Vater von Vee, und dem Sohn von Lou. Ihr gelingt es bei der Suche nach dem Entführer, zwei Helfershelfer von Philip liquidieren. Während Hannah versucht, den Sheriff zu alarmieren, kann Lou die Flüchtenden an einem Strand stellen. Beim Kampf mit ihrem Sohn wird Lou allerdings verletzt. Dafür greift die zurückgekehrte Hannah ins Geschehen ein. Sie kann Philip verwunden und mit ihrer Tochter fliehen. Nach einem Kampf auf Leben und Tod umarmt Lou ihren Sohn und entschuldigt sich bei ihm. Beide tauchen im Meer unter, um dem Gewehrfeuer der eingetroffenen CIA-Agenten zu entgehen. Am Schluss verlassen Hannah und Vee Orcas Island, wobei sie von einer Frau mit Fernglas beobachtet werden. Die entpuppt sich als Lou, die den Kampf offensichtlich überlebt hat.s Eremit.

Stärken

Endlich mal eine toughe weibliche Heldin, deren bewegte Vergangenheit sich in ihrem verlebten Gesicht widerspiegelt. Das ist ungewöhnlich und vielversprechend. Dann sind die Stunts hervorragend choreografiert. Viel liebevoller als der Handlungsablauf. Aber dann …

Schwächen

Der Handlungsablauf ist vorhersehbar und langweilig. Er wirkt wie ein Filtrat von tausenden fragwürdiger Thriller. Völlig aberwitzig wird das Ganze, als Lou sich als Mutter des Killers entpuppt. Ein Zufall ist immer ein erzählerisches Manko, hier ein ziemlich absurdes. Ein Familienzusammentreffen der grotesken Art. 

Weitere Ungereimtheiten

Warum will Lou sich eigentlich umbringen? Wieso regnet es ständig?Warum tötet Philip Hannahs Freund auf bestialische Art und Weise? Der entfernt sich doch gerade vom Haus seiner Ex-Frau, also vom Ort des geplanten Kidnappings. Damit ist er für Philip eigentlich kein Hindernis. Im Gegenteil. Die Leiche des Freundes, die sich in einem an einer Weggabelung abgestellten Wagen befindet, könnte gefunden werden. Wieso betäubt Philip seine Tochter vor der Entführung mit Gas? Er müsste doch ihr Vertrauen gewinnen und nicht ihre Gesundheit gefährden. Welche Funktion haben die beiden Helfershelfer? Bei seinen Fähigkeiten kann Philip diese Entführung doch allein durchführen. Derart zwielichtige Helfer engagiert man doch nur, wenn man sich nicht die Hände schmutzig machen will oder kann.

Lösungen

Wie wär’s denn gewesen, wenn nicht Hannah, sondern ihre kleine Tochter Lou’s Selbstmordversuch verhindert hätte? Dann wären Lou und die kleine Vee die Gejagten gewesen, was die Spannung in andere Dimensionen katapultiert hätte. Außerdem hätte man ein „Odd-Couple“-Paar konfigurieren können, also zwei, die sich eigentlich nicht abkönnen, aber durch äußere Umstände aneinander gekettet sind. Lou, weil sie ein kleines Kind beschützen muss und Vee, die Hilfe braucht. Das hätte eine Variante von John Cassavetes’ „Gloria“ sein können. In jedem Fall hätte es zusätzliche Spannung generiert. Die absurde Mutter-Sohn-Verbindung sollte man besser streichen. Die beiden Helfershelfer sowie Hannahs Verehrer haben ebenfalls keine Handlungsrelevanz. Die tödlichen Kämpfe mit ihnen dienen nur der Anhäufung von Actionszenen. 

Fazit

Die originellen Ansätze in „Lou“ werden durch Vorhersehbarkeit und teilweise hanebüchene Handlungen leider komplett überlagert. Emotionen entstehen zu keiner Zeit.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Anna Foersters Lou.

The Rip

USA 2026
Länge: 113 Min., FSK: 16
Produktion: Artists Equity
Drehbuch + Regie: Joe Carnahan
Kamera: Juan Miguel Azpiroz
Musik: Clinton Shorter
Montage: Kevin Hale
Darsteller: Matt Damon, Ben Affleck u.a.

Genre: Krimi
Erzählmotiv: Der Verdacht, Der Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): misstrauisch
Gegenspieler: geld- und mordgierig
Stimmung: spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Netflix

„The Rip“ ist ein knallharter Krimi mit Thrillerelementen im Drogenmilieu, der durch seine Spannung und authentische Polizeiarbeit besticht.

Kein Wunder, basiert die Geschichte doch auf Erfahrungen des Polizisten Chris Casiano, Mitglied eines Drogendezernats des Miami Police Departments. Obwohl es sich dominant um ein klassisches Whodunit handelt, also um ein Rätselspiel, zieht uns die Jagd nach den Mördern in den eigenen Reihen regelrecht in den Bann. Das liegt auch an der Variation von zwei klassischen Erzählmotiven, nämlich „Der Verrat“ und „Der Verdacht“. 

Die Geschichte

Captain Jackie Velez vom Tactical Narcotic Team (TNT) des Miami Police Department wird von maskierten Gangstern ermordet. Weil ein Verdacht gegen Mitglieder ihre eigenen Einheit besteht, leitet das FBI interne Ermittlungen ein. Der Stellvertreter der Ermordeten, Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon), erhält einen Hinweis auf ein Versteck von Drogengeldern. Daraufhin durchsucht er zusammen mit Sergeant JD Byrne (Ben Affleck) und drei weiteren Kollegen eine verdächtige Villa, in der sie 25 Millionen Dollar aufspüren. Entgegen den Anweisungen nimmt Dumars keinen Kontakt mit seinen Vorgesetzten auf. Stattdessen sammelt er die Handys seiner Kollegen ein, die er mit der Zählung der Scheine beauftragt. Ein anonymer Anrufer fordert die Spezialeinheit auf, innerhalb von 30 Minuten die Villa zu verlassen. 

Misstrauen

Derweil wächst das Misstrauen unter den Mitgliedern des TNT. Vorsichtshalber verständigt Byrne einen Kollegen von der DEA. Nachdem draußen verdächtige Lichtzeichen zu sehen sind, eröffnen Unbekannte das Feuer auf das TNT-Team. Dumars und Byrne nehmen die Verfolgung auf und stellen einen Drogengangster. Es stellt sich jedoch heraus, dass das Kartell mit dem Überfall nichts zu tun hat. Zurück in der Villa ist die Einheit einem Brandanschlag ausgesetzt. Im letzten Moment können Dumars und Byrne in einem gepanzerten Fahrzeug des DEA entkommen. Unterwegs schöpft Byrne Verdacht gegen die Mitarbeiter des DEA. Es kommt zum Schusswechsel und Verfolgungsjagden, die mit dem Tod oder der Festnahme der Verräter enden.

Stärken

Neben der glaubhaften Polizeiarbeit thematisiert „The Rip“ eine moralische Frage: Was ist, wenn ich hier ein Bündel Geldscheine an mich nehme und mit einem Schlag mein Leben ändern könnte? Genau diese Frage erörtern die beiden weiblichen Detectives beim Geldzählen, während sie ihre alltäglichen finanziellen Sorgen auflisten. Ein verständliches Dilemma, zumal dieser Griff in die Vollen nicht weiter auffallen würde. Außerdem befeuert es das gegenseitige Misstrauen. Man weiß nicht mehr, wem man was glauben soll. Man weiß nur, dass die Täter bereit sind, über Leichen zu gehen. All das sorgt natürlich für Spannung. Vorbildlich ist auch der zusätzliche Druck, der durch den anonymen Anruf entsteht. 

Schwächen

Etwas seltsam sind diese Lichtzeichen, die aus einem nahegelegen Gebäude abgegeben werden. Das Kartell kann eigentlich nicht dahinterstecken, denn die haben nach Bekunden ihres Bosses das Geld längst abgeschrieben. Die Verräter vom DEA verfügen doch über andere Kommunikationsmittel. Egal. Gravierender ist das Fehlen von Suspense, was letztlich dafür verantwortlich ist, dass man nicht richtig mit den Protagonisten mitfiebert. Wir ahnen zwar, dass Schauspieler wie Matt Damon oder Ben Affleck nicht die Rollen von Mördern innehaben. Aber das Misstrauen überlagert eben alles, auch unsere Anteilnahme. Wer will schon seine Gefühle in geldgierige Mörder investieren? Das ist das generelle Problem mit der Rätselspannung in Whodunits: „Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ (Alfred Hitchcock)

Lösungen

Interessant wäre es, mal Folgendes durchzuspielen: Wir sehen Dumars und Byrne bei einem Einsatz, bei dem einer dem anderen das Leben rettet, was der andere vorher auch schon gemacht hat. Jedenfalls sind beide dicke Freunde. Und dann kommt der Hammer. Der Major eröffnet Dumars in einem vertraulichen Gespräch, dass Byrne wohl der Mörder von Captain Jackie Velez ist. Er hatte ein Verhältnis mit ihr und konnte an Informationen herankommen, von denen nur der Mörder Kenntnis hatte. Jetzt steckt Dumars in der Klemme: Einerseits muss und will er den Mord aufklären, andererseits liefert er seinen besten Freund möglicherweise damit ans Messer. Das wäre ein dramatischer Konflikt, an dem die Zuschauer Anteil nehmen könnten.

Suspense, Suspense, Suspense

Andere Möglichkeit: Beim Mord an Captain Jackie Velez in der Exposition sind die Täter nicht maskiert. Warum auch? Das macht man doch nur, wenn man nicht erkannt werden will. Tote können einen doch nicht mehr identifizieren. Jedenfalls hätte der Zuschauer dann Informationen von einer unmittelbaren tödlichen Gefahr, die unsere Protagonisten nicht haben. Na, wunderbar.

Fazit

Insgesamt ist „The Rip“ ein hervorragend gemachter Krimi im Drogenmilieu, der durch seine Spannung und Authentizität besticht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joe Carnahans "The Rip".

Pain & Gain

USA 2013, Länge: 129 Min., FSK: 16
Produktion: De Line Pictures, Paramount Pictures
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely
Kamera: Ben Seresin
Musik: Steve Jablonsky
Montage: Joel Negron, Thomas A. Muldoon
Darsteller: Mark Wahlberg, Dwayne Johnson u.a.
Verleih: Paramount Pictures

Genre: Gangsterkomödie
Erzählmotiv: Kidnapping
Suspense: perfekt
Held(en): unterbelichtet
Gegenspieler: brutal
Stimmung: schwarzhumorig
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
Datenträger: Blu-ray, DVD

Mit „Pain & Gain“ ist Michael Bay eine rasante, rabenschwarze Gangsterkomödie gelungen.

Sie ist zum einen herausragend gestaltet, zum anderen eine bitterböse Satire auf den amerikanischsten aller Träume, nämlich die Mär vom „Gain“ durch Pain“. Wenn man nicht wüsste, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht, würde man ihn für das Werk zugekokster Drehbuchautoren abtun. Aber die Entführung hat sich wohl so oder so ähnlich in Miami (Florida) abgespielt und war wohl nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten möglich. Die Geschichte vom Scheitern einer rücksichtslosen Jagd nach Reichtum ist eine gnadenlose Abrechnung mit den ureigensten amerikanischen Werten. Gerade in MAGA-Zeiten hochaktuell.

Die Geschichte

Irgendwie ist Bodybuilder Daniel Lugo (Mark Wahlberg) mit seinem Job als Fitnesstrainer in Miami unzufrieden. Er fühlt sich zu Höherem berufen und kommt auf die Idee, mit zwei ähnlich einfach gestrickten Kumpels einen reichen Kunden zu entführen. Nach zwei missglückten Versuchen gelingt den maskierten Gangstern schließlich die Entführung von Victor Kershaw, der zur Übertragung seiner Besitztümer erpresst werden soll. Aber das Opfer erkennt Daniel als Drahtzieher des Kidnappings und weigert sich, auf die Forderungen einzugehen. Erst als das Trio eine härtere Gangart einschlägt, unterschreibt Victor die Verträge. Mehrere Versuche ihn anschließend umzubringen, scheitern. Victor landet schwerverletzt im Krankenhaus, wo die Polizei seiner Geschichte allerdings keinen Glauben schenkt. Derweil genießen die Gangster ihr neues Luxusleben in vollen Zügen und suchen ein neues Opfer. Das finden sie in Gestalt von Frank Griga und seiner Frau. Bei Verhandlungen über eine vorgegaukelte Geschäftsbeteiligung kommen beide allerdings ums Leben. Während das Trio damit beschäftigt ist, die Leichen zu entsorgen, kommt ihnen Privatdetektiv Ed Du Bois auf die Schliche. Schließlich werden die drei Gangster von der Polizei geschnappt, zu langen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt.

Stärken

Für Michael Bay, der es in Blockbustern wie „Armageddon“ oder „Transformers“ gern mal krachen lässt, war „Pain & Gain“ eher ein Independent- und Herzensprojekt. Man merkt, dass er früher Werbung und Musikclips gedreht hat. Endlich mal ein Filmemacher, der sein Handwerk beherrscht. Der Film ist einfach hervorragend gestaltet. Mit rasanten Schnittfolgen, inneren Stimmen der Protagonisten, Slow-Motion und Standbildern legt er ein atemberaubendes Erzähltempo vor. Da nur die Zuschauer in die finsteren Pläne des Trios eingeweiht sind, haben wir jede Menge spannungssteigernden Suspense. Ein weiteres Plus ist die Rücksichtslosigkeit, mit der Michael Bay hier zur Werke geht: Hemmungen, Fingerspitzengefühl, Political correctness – Fehlanzeige. So ist das richtig! Die Dialoge sind rotzig, witzig, frech, nie langweilig. Die Handlung ist grell, folgerichtig ist der Film in grelle Farben getaucht.

Protagonisten

„Ich heiße Daniel Lugo und ich glaube an Fitness.“ Das ist die einfache und klare Vorstellung des Helden. Die Frage eines Motivationscoaches („Bist du ein Schwacher oder ein Macher?“) hat bei Daniel die Wirkung eines Aufputschmittels. Klar, ab jetzt gibt’s Vollgas.
In „Pain & Gain“ haben wir einen der Fälle, in denen die Protagonisten mit den Antagonisten identisch sind. Das funktioniert. Das hat schon bei Patricia Highsmith (Tom Ripley) oder in „Nightcrawler“ (Louis Bloom) funktioniert. Die Schurken üben eben auch eine Faszination aus, der wir uns manchmal schwer entziehen können. In „Pain & Gain“ kommt noch gewinnbringend hinzu, dass es sich um sozusagen unterbelichtete Helden handelt. Das Trio ist immer wieder für einen Lacher gut und hat unsere Sympathien (bis zu einem bestimmten Punkt, s. Schwächen). Auch die übrigen Figuren, allesamt hervorragend besetzt, sind nicht die Hellsten unter der Sonne. Einzige Ausnahme ist der Privatdetektiv Ed.

Schwächen

Irgendwann geht die Naivität und Stupidität der Protagonisten nahtlos in Brutalität über, womit der Film an „Breaking Bad“ erinnert. Dann wird’s richtig unappetitlich. Da werden zum Beispiel abgehackte Hände auf einem Grill verbrannt und nebenbei der Nachbarin zugewunken. In diesen Momenten verliert der Film seine Figuren. Schade. Die Morde an Frank Griga und seiner Frau passen einfach nicht recht zur schwarzhumorigen Grundstimmung. Da wäre es besser gewesen, sich von der Vorlage zu entfernen. Ist ja nicht verboten. Also, Konzentration auf die Entführung von Victor. Damit haben unsere Gangster ja auch mehr als genug zu tun.

Fazit

„Ich war einer von euch“, ist Daniel Lugos Schlusswort. Zumindest einen kurzen Moment dauerte sein amerikanischer Traum. Ein gnadenloser, bitterer Abgesang auf den amerikanischen Mythos von „Pain“ & Gain“. Fast ein pures Vergnügen!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Michael Bays Pain & Gain.

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Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille

F 2014
Länge: 135 Min., FSK: 16
Produktion: Légende Films, Gaumont
Regie: Cédric Jiminez
Drehbuch: Cédric Jiminez, Audrey Diwan
Kamera: Laurent Tangy
Musik: Guillaume Roussel
Montage: Sophie Reine
Darsteller: Jean Dujardin, Gilles Lellouche u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Machtkampf
Suspense: temporär vorhanden
Held(en): exzellent
Gegenspieler: super
Stimmung: spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
Datenträger: Blu-ray, DVD

Das machen sie schon super, die Franzosen. Sie nehmen einfach das, was da ist. In diesem Fall: die „French Connection“, also reale Vorgänge im Marseiller Drogenmilieu aus dem Jahr 1975.

Ausgestattet mit einem veritablen Helden, dem Richter Pierre Michel (Jean Dujardin), entspinnt sich ein gnadenloser Zweikampf zwischen Gut und Böse, den – um es mal vorwegzunehmen – die Gangster gewinnen. Mit seiner Hauptfigur erinnert „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ an Ridley Scotts „American Gangster“. Ein großer Vorteil dieser Vorlage ist auch die Möglichkeit zur Identifikation mit dem Helden. Es reicht eben nicht, einfach zu nehmen, was da ist. Man sollte auch wissen, was geeignet ist und wie man es umsetzt.

Und hierzulande?

Beeindruckend ist auch der unbedingte Wille, einen spannenden Unterhaltungsfilm zu drehen. Keine Nabelschauen. Keine Eitelkeiten. Keine Langeweile. Im Grunde wird dieser Figur des Unbestechlichen ein Denkmal gesetzt und den Angehörigen der Opfer dieses Drogenkrieges gedacht. Und hierzulande? Was ist mit den realen Kriminal- oder Justizfällen, die man filmisch aufarbeiten könnte oder sollte? Lassen wir das Lamentieren und reden lieber nicht über die Verfilmung der NSU-Morde. Ist nur ein Bumerang. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ soll gut sein. Immerhin.

Stärken

In „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ sind alle Figuren hervorragend besetzt, von der Heroinabhängigen bis zum neapolitanischen Mafioso. Einfach grandios. Die teilweise fiebrig agierende Handkamera passt zum authentischen Geschehen. Pierre Michel agiert im Stile eines „lonesome Cowboy“. Das hat schon was, wie er ein ums andere Mal Mitarbeiter, Verdächtige oder Kriminelle überrascht, indem er dickköpfig und nicht immer ganz legal seine Ziele verfolgt. Er nimmt sogar ein Geldgeschenk der Mafiosi in Höhe von 10.000 Franc an, aber nur, um es umgehend an einen Verein zur Hilfe von Drogenopfern weiterzuleiten. Pierre Michel ist nicht korrumpierbar. Er ist ein wahrer Held.

Dramaturgie

Die Gefahr, in die Pierre Michel bei seinem Feldzug gerät, könnte kaum größer sein. Sie ist, wie sich am Ende herausstellt, tödlich. Der Richter wirkt wie ein Getriebener, aber keineswegs unbeirrbar. Manchmal macht sich Resignation breit oder Zweifel, zum Beispiel als die Auswirkungen des Kampfes seine Familie erfassen. Als seine Frau ihn mit den gemeinsamen Kindern verlässt, bricht er zusammen. Er ist keine Maschine. Gerade in diesen Krisen hat er unsere Sympathie. Wir zittern mit ihm mit. Er kämpft um seine Familie, um sich dann doch wieder auf den Weg zu machen, was seine Frau lakonisch kommentiert: „Du musst tun, was du tun musst.“ Pierre Michel schweigt. Was soll er auch sagen? Sein Gegenspieler, der neapolitanische Mafioso Gaetan „Tany“ Zampa (Gilles Lelouche) ist ein Bösewicht wie er im Buche steht. Alfred Hitchcock hätte seine Freude an ihm gehabt. Jedenfalls erfüllt er die dramaturgische Gleichung des Altmeisters voll und ganz: „Je gelungener der Schurke, umso gelungener der Film“. Gibt’s denn gar nichts zu monieren? Doch.

Schwächen

Der Film beginnt damit, dass zwei Gangster auf einem Motorrad am helllichten Tage einen Rivalen in seinem Mercedes erschießen. Wer hier wen und warum beseitigt, wird nicht klar. Von solchen Szenen mit eingeschränkter Handlungsrelevanz gibt es ein paar. Das ist einer der Schwächen dieses Thrillers. Er will alles zeigen und verwirrt teilweise. Weniger wäre mehr gewesen.

Chronologie

Der Thriller ist chronologisch erzählt, also von der Ernennung Pierre Michels zum Richter für organisierte Kriminalität in Marseille bis zu seiner Ermordung. Diese Entscheidung ist naheliegend, aber ein dramatischer Nachteil. Denn es dauert schon ein wenig, bis der Held (und der Zuschauer) sich orientiert hat und in Gefahr gerät. Einmal mehr bewahrheitet sich Patricia Highsmiths dramatische Regel: „Ein gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“. Besser wäre also ein späterer Einsatz der Erzählung gewesen, zum Beispiel beim ersten Aufeinandertreffen des Helden mit „Tany“ Zampa auf der Landstraße, das um ein Haar tödlich für Pierre Michel ausgegangen wäre. Dieser Beginn hätte die Dramatik sofort auf den Höhepunkt getrieben. Die offenen Fragen wären der Spannung nicht abträglich gewesen. Im Gegenteil.

Fazit

„Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ endet ganz im Geist des Existenzialismus. Nach Pierre Michels Ermordung hält der korrupte Innenminister die Grabrede, umgeben vom Kartell der „Korsaren“ in ihrer Tarnung als Mitglieder des Drogendezernats. Crime does pay. Bezeichnenderweise fand sich in Deutschland noch nicht mal ein Kinoverleih für diesen spannenden Thriller. 

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joel Schumachers Der Unbestechliche - Mörderisches Marseille.

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Gebrauchte DVD von „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“

Payback – Zahltag

USA 1999
Länge: 101 Min., FSK: 16
Produktion: Icon Productions
Drehbuch + Regie: Brian Helgeland
Kamera: Ericson Core
Musik: Chris Boardman
Montage: Kevin Stitt
Darsteller: Mel Gibson u.a.

Genre: Actionthriller
Erzählmotiv: Rache
Suspense: leider nicht vorhanden
Held(en): kein tauglicher Held
Gegenspieler: unfreiwillig komisch
Stimmung: bleihaltig
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet TV

Es zahlt sich aus, diesen Thriller nicht allzu ernst zu nehmen. Dann kommt man mehr auf seine Kosten.

In seinen besten Momenten ist „Payback – Zahltag“ also kein reiner Thriller oder Actionthriller, sondern eine Thrillerkomödie mit einem klassischen Erzählmotiv, nämlich Rache. Bei einem Raubüberfall auf chinesische Gangster wird Porter (Mel Gibson) von seinem Kumpel Val und seiner eigenen Frau hintergangen. Er überlebt schwerverletzt. Kaum wieder genesen, macht er Jagd auf die Verräter. Bei seinem Feldzug scheut Porter auch einen bleihaltigen Kampf mit der Mafia nicht. Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Richard Stark und ein Remake von „Point Blank“ aus dem Jahr 1967.

Stärken

Der Film beginnt mit eindrucksvollen Nahaufnahmen, farbentsättigten Bildern, die eine düstere Grundstimmung einläuten. Assistiert von einer Off-Stimme sind wir immer ganz nah beim Helden. Erzählt wird eine einfache und verständliche Rachegeschichte. All das sind nicht zu unterschätzende Vorzüge. Einmal stutzt man und fragt sich, nachdem Porter die Verräter zur Strecke gebracht hat, warum er es nicht dabei belässt? Aber da ist ja noch Rosie, eine Edel-Prostituierte, die er von früher kennt und für die er immer noch Gefühle hegt. Porter weiß, dass sie beide erst frei sind, wenn auch die Bosse das Zeitliche gesegnet haben.

Klischees

Vieles wirkt einfach überzogen, manchmal bis ins Groteske, zum Beispiel der sadomasochistische Clinch zwischen Val und der chinesischen Prostituierten Pearl. Okay, das sind die Momente, in denen man nicht alles so ernst nehmen sollte. Desgleichen die chinesischen Mafiosi, die allesamt nicht nur so aussehen, wie man sich in seinen schlimmsten Albträumen fernöstliche Gangster vorstellt – nein, sie verhalten sich auch noch so. Sie transportieren Drogengelder in großen schwarzen Limousinen, sind schießwütig oder wollen einem die „Eier“ abschneiden. Die Cops sind korrupt und nicht besonders helle. Irgendwie hat man das alles schon mal so oder so ähnlich gesehen.

Mafiosi

Ganz schlimm wird es bei den Bossen des Syndikats. Die sind so schlecht inszeniert, dass selbst die Strategie, nicht alles ernst zu nehmen, nicht mehr funktioniert. Die „Bodyguards“ von Vize Carter werden bei Porters erstem Besuch kurzerhand k.o. geschlagen und ihr Boss zur Warnung erschossen. Vize Nr. 2 jammert bei Porters Besuch über seinen zerschossenen Koffer aus Alligatorleder und feuert seine beiden „Bodyguards“. Die verbliebenen Gangster der Vizebosse werden von Porter in ihrem Wagen in die Luft gejagt. So richtig unfreiwillig komisch ist dann der Auftritt von Gangsterboss Bronson. Er rudert zu Hause auf einem Fitnessgerät – was Mafiabosse eben so machen – und versteht sich prächtig mit seinem 18-jährigen Sohn. Das ist ja ganz schön, hat aber bei der Charakterisierung eines tauglichen Antagonisten nichts verloren. Schade, dass von diesen Gangstern – mit Ausnahme der Folterszene vielleicht? – überhaupt keine Gefahr ausgeht.

Zufälle

Dafür gibt es aber einige Zufälle, was ja erzähltechnisch nicht so toll ist. Zufällig kann Porter sich beim Showdown, trotz schwerster Verletzungen, seiner Fesseln entledigen und sich aus dem Kofferraum von Bronsons Limousine befreien. Zufällig befindet sich auch noch ein Autotelefon in der Konsole, das zufällig freigeschaltet ist, so dass Porter seinen tödlichen Anruf erledigen kann. Ist ja noch mal gut gegangen, kann man da nur sagen. Genauso als die fiesen Chinesen Porter an die „Eier“ wollen. Da tauchen zufällig und gerade noch rechtzeitig die korrupten Cops auf, weshalb die Schlitzaugen lieber erstmal Leine ziehen. Jedenfalls sind die Detectives einmal zu etwas nutze.

Prinzip

Ein weiterer Schwachpunkt ist Porters Anteil von 70.000 Dollar aus dem Überfall mit Val. Immer wieder besteht er auf der Auszahlung dieser Summe. Zurecht bezweifeln Mafiosi und Cops seine Zurechnungsfähigkeit. Wenn es sich um sein Geld handeln würde, wäre es ein origineller Charakterzug, vergleichbar mit dem dickköpfigen Verhalten von „Parker“ (Taylor Hackford, die Buchvorlage stammt übrigens ebenfalls von Richard Stark), dem es bei seiner Abrechnung „ums Prinzip“ geht. Aber in „Payback – Zahltag“ ist es nicht Porters Geld. Es handelt sich um Drogengelder, die er mit Val den Chinesen abgeknöpft hat. Seine Beharrlichkeit, exakt diese 70.000 zu bekommen, ist nicht wirklich nachvollziehbar.

Fazit

Schlussdialog. Rosie: „Wohin jetzt?“ Porter: „Irgendwo hin, Baby. Wenn du nicht mehr auf den Strich gehst, höre ich auf Leute umzulegen.“ Na, das ist doch mal eine Perspektive, mit der wir an diesem „Payback – Zahltag“ leben können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Payback - Zahltag.

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Der Klient

USA 1994, Länge: 116 Min., FSK: 12
Roman: John Grisham
Produktion: Regency Enterprises
Regie: Joel Schumacher
Drehbuch: Robert Getchell, Akiva Goldsman
Kamera: Tony Pierce-Roberts
Musik: Howard Shore
Montage: Robert Brown
Darsteller: Brad Renfro, Susan Sarandon u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Der bedrohte Zeuge
Suspense: vorbildlich
Held(en): exzellent
Gegenspieler: teilweise gelungen
Stimmung: spannend und witzig
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet TV
Datenträger: Blu-ray, DVD

Die Romane von John Grisham und ihre Verfilmungen zeichnen sich nicht gerade durch Originalität aus. Bestenfalls sind sie solide Unterhaltung, was eigentlich schon mal ziemlich gut ist.

Umso überraschender ist die Adaption von Grishams „Der Klient“. Sie ist nicht nur originell, sondern behandelt auch ein klassisches Erzählmotiv, nämlich „Der bedrohte Zeuge“ (s.a. „Der einzige Zeuge“ von Peter Weir). Ein großer Pluspunkt ist die konsequente Erzähl-Perspektive aus der Sicht des elfjährigen Mark Sway. Und das machen Regisseur Joel Schumacher und sein Hauptdarsteller richtig gut. Der Junge, der aus prekären Verhältnissen stammt, ist mit Brad Renfro hervorragend besetzt. Auch sein kleiner Bruder und seine alleinerziehende Mutter agieren brillant. Komplettiert werden die Protagonisten von Susan Sarandon, die als Anwältin „Reggie“ Love Gelegenheit hat, ihr persönliches Schicksal zu verarbeiten. Fünfter im Bunde ist Tommy Lee Jones als mediengeiler, durchtriebener Staatsanwalt Roy Foltrigg. Es macht einfach Spaß, diesen rotzfrechen Figuren bei der Jagd nach Marks Geheimnis zuzuschauen.

Suspense

Mafiaanwalt Jerome Clifford verrät dem Jungen nämlich kurz vor seinem Freitod, wo sich die Leiche des ermordeten Senators Boyette befindet. Dieses lebensgefährliche Wissen teilt außer Mark nur noch einer: der Zuschauer. So ist das richtig. Das ist Suspense par excellence. Der Zuschauer als Komplize. Die Gegenspieler des Jungen sind im Grunde alle Erwachsenen. Mark weiß eigentlich nie, wem er glauben kann und wenn er es mal versucht, ist es meist ein Grund, schnell das Weite zu suchen. Auch die Annäherung zu Reggie wird fachgerecht erst am Ende vollzogen. Die Freundschaft des Jungen kann man eben nicht so einfach erwerben. Das ist dramaturgisch perfekt.

Stärken

Der Thriller wird sehr schnell erzählt, die Handlung ist verdichtet. Man muss sich schon konzentrieren. Auch das ist gut. Die Dialoge sind brillant, teilweise schnodderig, kompromiss- oder schonungslos, manchmal auch witzig, aber nie langweilig. Als Mafioso Barry Muldano zum Beispiel beim Showdown die Leiche des Senators aus dem zubetonierten Boden buddelt, verkündet er stolz „Tag der Auferstehung, alte Ratte!“ Des öfteren gibt es überraschende Situationen, in denen die Protagonisten ihren Trickreichtum demonstrieren können. Als der Staatsanwalt und das FBI zum Beispiel den Jungen verhören und unter Druck setzen, zeichnet der heimlich das Gespräch auf, das Reggie dann gegen die Ordnungshüter verwendet. Eine wunderbare Szene.

Antagonisten

Einfach genial ist Sergeant Hardy, der den Jungen maximal unter Druck setzt. Mit einer Dose Limonade verschafft er sich Marks Vertrauen, aber die hat er ihm nur geschenkt, um an seine Fingerabdrücke zu kommen. Hardys sadistische Ader offenbart sich, als er dem Jungen prophezeit, auf einem elektrischen Stuhl in Kindergröße zu enden, wenn er nicht kooperiert. Unkorrekter geht’s eigentlich nicht. Eine derartige Drohung wäre in deutschen Filmen wohl undenkbar.

Gangster

Leider können die Mafiosi da nicht ganz mithalten. Barry sieht aus wie ein schmieriger Zuhälter, ist dumm wie Bohnenstroh und immer wieder für unfreiwillige Lacher gut. Seine Gangsterkollegen sind auch nicht viel besser. Einmal setzt nachts ein Mafioso dem Jungen im Krankenhaus als verkleideter Arzt ein Messer an die Kehle. Da gibt es so etwas wie eine tödliche Bedrohung. Ansonsten geht von den Gangstern praktisch keine Gefahr aus. Schon bemerkenswert. Die schwarze Stretchlimousine visualisiert die dramatischen Defizite: Sie gehört bezeichnenderweise nicht den Mafiosi, sondern dem Staatsanwalt.

Fazit

Die Darstellung der Mafiosi ist zwar spannungsmindernd, tut dem Vergnügen aber insgesamt keinen Abbruch. Insofern ist „Der Klient“ auch kein lupenreiner Thriller. Immer wenn die Gangster auftauchen, dominiert das Komödiantische, also auch eine Thrillerkomödie. Desgleichen ist das Happy-End nicht lupenrein. Denn Mark wird zusammen mit seiner Familie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen und seine neu gewonnene Freundin nie wiedersehen. Nur Reggies private Situation bleibt, wie sie ist: Durch ihre Vergangenheit als Alkoholikerin hat sie nach wie vor kein Besuchs- und Sorgerecht für ihre Kinder. Auch das ist eine stimmige Entscheidung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joel Schumachers Der Klient.

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Roman von John Grisham bei bücher.de

Farbiges Cover des Romans "Der Klient" von John Grisham.


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Die Filzlaus

F 1973
Länge: 80 Min., FSK: 12
Produktion: Les Films Ariane u.a.
Regie: Édouard Molinario
Drehbuch: Francis Veber
Kamera: Raoul Coutard
Musik: Jacques Brel, Francois Rauber
Montage: Monique + Robert Isnardon
Darsteller: Lino Ventura, Jacques Brel u.a.

Genre: Thrillerkomödie
Erzählmotiv: Bedrohter Zeuge
Suspense: sehr gut
Held(en): exzellent
Gegenspieler: mutiert zum Freund
Stimmung: witzig, spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Die Filzlaus“ ist eine französische Thrillerkomödie nach einem Theaterstück von Drehbuchautor Francis Veber („Le contrat“), der neben Billy Wilder („Buddy Buddy“) auch für das Remake aus dem Jahr 2008 verantwortlich war.

Der Film hat eine geniale Grundidee: Profikiller Ralph Milan (Lino Ventura) mietet sich in einem Hotelzimmer ein, um vor dem gegenüberliegenden Gerichtsgebäude einen Belastungszeugen zu liquidieren. Dummerweise will der Oberhemdenvertreter Francois Pignon (Jacques Brel) just in diesem Moment im Nachbarzimmer Selbstmord begehen. Das würde natürlich die Polizei alarmieren und den Auftragsmord gefährden. Also muss der Killer sich um den Lebensmüden kümmern. Ein einfacher und verständlicher Plot, der Ernst Lubitschs Definition einer Komödie („Something goes wrong“) auf den Punkt bringt.

Odd-Couple

„Die Filzlaus“ demonstriert auch, welch dramatisches Potenzial eine Odd-Couple-Konfiguration beinhaltet, heißt: Man konfrontiert zwei völlig gegensätzliche Charaktere in einer Situation, aus der es erstmal kein Entkommen gibt. Man kettet sie sozusagen aneinander. Denn für Killer Ralph Milan ist es eine ideale Location, um seinen Job zu erledigen. Für Francois ist das Leben nach einem letzten gescheiterten Telefonat mit seiner Frau Louise hier zu Ende. Das ist zwar ein Zufall, den man aber zu Beginn eines Films noch am besten schlucken kann, wie z.B. in „Juror#2“ oder in „Der Tod und das Mädchen“. Jedenfalls ist die Gefahr von Langeweile bei einer Konfrontation derart konträrer Protagonisten eher gering.

Suspense

Ein weiterer Pluspunkt ist der Informationsfluss. Nur die Zuschauer wissen zusammen mit Ralph Milan (und seinen nicht präsenten Auftraggebern) von dessen Mordplänen. Dieses Geheimnis fesselt einen ans Geschehen, lässt einen mitfiebern, sogar mit einem Killer. Irgendwann drücken wir ihm sogar die Daumen, dass er’s hinkriegt. Erst als Francois am Schluss das Gewehr in Ralphs Hotelzimmer entdeckt, ist dieses Geheimnis gelüftet. So ist das richtig. 

Figuren

Nichts gegen Walter Matthau, der die Rolle des Killers in Billy Wilders Remake spielt, aber Lino Ventura (seine Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman) ist einfach genial. Es ist so, als ob alle vorherigen Rollen – Gangster, Agenten, Kommissare usw. – in dieser Figur kulminieren. Mürrisch, stoisch und wortkarg versucht er, dem sich anbahnenden Unheil zu entkommen. Vergeblich. Aus dem Jäger wird ein Gejagter. Lino Venturas reduziertes, fatalistisches Mienenspiel spricht Bände. Er muss nicht viel sagen. Wenn schon, dann solche Sätze: „Wollen Sie etwa in einer Bullenkutsche in eine Sterbelaube kutschiert werden?“ Ralph Milan ist ein Killer, der unser Mitgefühl hat – eher selten in der Filmgeschichte. 

Freundschaft

„Die Filzlaus“ ist mehr als eine Slapstickkomödie. Killer Ralph Milan ist ein Misanthrop, ein Zyniker, letztlich ein einsamer Mensch, der sich wundert, wieso man sich wegen einer Frau umbringen kann. Vorgeblich hilft er der Nervensäge oder rettet ihr das Leben, um seinen Job zu machen. Aber man hat immer das Gefühl, dass hinter dieser knallharten Fassade mehr steckt, dass es nur enttarnt werden will und Francois schafft das. Irgendwann hängt der coole Killer an der Angel. Er würde es sich selbst und anderen nie eingestehen, aber Francois ist ihm ans Herz gewachsen, spätestens als der ihm zum Dank ein Hemd aus seiner Kollektion vermachen will. Damit erinnert die Geschichte auch an Patricks Lecontes „Mein bester Freund“, der sie mit ähnlichen Charakteren nur vordergründiger erzählt.

Schwächen

Der erste Zufall ist leider nicht der einzige. Als Ralph die Nervensäge zu seiner Frau chauffieren will, um ihn unterwegs umzubringen, kollidieren sie zufällig mit einem PKW, in dem sich zufällig eine schwangere Frau mit ihrem Mann befindet. Zufällig anwesende Polizisten auf Motorrädern eskortieren das skurrile Quartett zur nächsten Klinik. Das ist zwar witzig, aber schon arg konstruiert. Damit sind wir beim nächsten Schwachpunkt. Das ist die dilettantische Polizeiarbeit. Denn die beiden Polizisten müssten im Anschluss eigentlich die Personalien der Unfallbeteiligten ermitteln. Tun sie aber nicht. Desgleichen bleibt später Ralphs Flucht in seinem Wagen vor einer Polizeisperre folgenlos. Ein einziges Mal geht ein Inspektor dem Hinweis von Kollegen nach und ermittelt in den Hotelzimmern von Killer und Selbstmörder. Insgesamt hätte man die Polizeiarbeit glaubhafter und dramatischer gestalten können.

Louise

Auch die Wankelmütigkeit von Louise wirkt etwas konstruiert. Mal zeigt sie Francois die kalte Schulter, dann wendet sie sich ihm plötzlich wieder zu. Nun gut, Dr. Fuchs, ihr neuer Freund, erweist sich ja als ziemlich rabiat und die angesprochene Langweile in der Beziehung mit Francois hat sich mit Ralphs Erscheinen auch verflüchtigt. Es gibt also Veränderungen, die sich auch daran zeigen, dass Francois um sie kämpft und zeigt, dass er sie tatsächlich liebt.

Fazit

Auch die lakonischen Ellipsen passen zur ironischen Grundstimmung des Films. Am Ende sieht man Ralph und Francois im Hof eines Gefängnisses ihre Runden drehen. Das letzte Wort hat natürlich „Die Filzlaus“, die hofft, demnächst zusammen mit Ralph in eine Zelle verlegt zu werden. Grandios.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Die Filzlaus.

„Die Filzlaus“ im Stream oder Download bei

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