Gone Baby Gone

USA 2007, Länge: 114 Min., FSK: 16
Roman: Denis Lehane
Produktion: Miramax u.a.
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard
Kamera: John Toll
Musik: Harry Gregson-Williams
Montage: William Goldenberg
Darsteller: Casey Affleck, Morgan Freeman u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Das Versprechen, Kidnapping
Suspense: nicht vorhanden
Held: hartnäckig
Gegenspieler: gehen über Leichen
Stimmung: beklemmend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar
Datenträger: Blu-ray, DVD

In „Gone Baby Gone“, der auf dem gleichnamigen Roman von Denis Lehane beruht, geht es um die Aufklärung des Verschwindens der 4-jährigen Amanda. Demzufolge handelt es sich um einen lupenreinen Krimi mit eingestreuten dramatischen Elementen, also um ein Krimidrama.

Auch ein Whodunit, das immerhin mit zwei klassischen Erzählmotiven aufwartet, nämlich „Das Versprechen“ und – wie erst später deutlich wird –  „Kidnapping“. Damit erinnert der Krimi auch an den genialen „Es geschah am helllichten Tag“ von Ladislao Vajda, in Kooperation mit Friedrich Dürrenmatt. Schlichtweg atemberaubend in „Gone Baby Gone“ ist die Besetzung sämtlicher Haupt- und Nebenrollen, die Ausstattung, die Kostüme, die Requisiten sowie die Dialoge. Teilweise kommt man sich vor wie in einem Dokumentarfilm, der eine unglaubliche Nähe zu seinen Protagonisten herstellt. Das funktioniert nur mit gegenseitigem Vertrauen und erfordert viel Zeit. An diesen Stellen merkt man, dass Regisseur Ben Affleck am Drehort, einem Arbeiterviertel von Boston, aufgewachsen ist. Er ist einer von ihnen, ein Junge aus Dorchester, genauso wie Autor Denis Lehane.

Die Geschichte

Der junge Privatdetektiv Patrick Kenzie und seine Partnerin Angela Gennaro erhalten den Auftrag, der verschwundenen 4-jährigen Amanda McCready nachzuspüren. Die ermittelnden Kripobeamten unter Leitung von Captain Jack Doyle sind wenig begeistert. Erst als sich eine Spur zum Drogenhändler Cheese auftut, der Amanda entführt haben soll, um unterschlagene Drogengelder zurückzubekommen, kooperieren sie mit den Privatdetektiven. Scheinbar. Tatsächlich fingieren sie bei einer nächtlichen Lösegeldübergabe Amandas Ableben und erschießen den Drogenhändler. Nach und nach kommt Patrick einem Komplott auf die Spur: Amanda wurde von Captain Doyle und seinen Detectives entführt, um der Kleinen ein besseres Leben zu ermöglichen. Im Gegensatz zu seiner Partnerin hält Patrick diesen Eingriff für moralisch verwerflich und alarmiert die Behörden. Doyle wird verhaftet und Amanda wieder zu ihrer alleinerziehenden Mutter gebracht.

Stärken

Sehr schön ist die Etablierung eines Erzählers, der uns auf auf das Leben und die Menschen im Ghetto einführt: „Diese Stadt kann ganz schön hart sein.“ Auch wenn es sich in „Gone Baby Gone“ um ein Rätselspiel handelt („Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ Alfred Hitchcock), sorgen etliche Überraschungen und die Lösung des Falls für Spannung. Das liegt auch daran, dass Patrick sich auf gefährliches Terrain wagt und nicht nur bei seinen Verhandlungen mit dem Drogengangster in höchste Gefahr gerät. Denn Gut und Böse sind hier nicht eindeutig auseinander zu halten. Im Grunde geht von den Cops eine noch größere Gefahr aus. Sehr schön ist auch der finale Konflikt für Patrick: Soll er Amanda beim Captain lassen oder nicht? Gerade weil die Kleine sich dort offensichtlich wohlfühlt und seine Partnerin sich auf die Seite der Entführer schlägt, kann die Entscheidung kaum schwerer sein. Dramaturgisch perfekt.

Schwächen

Ein bisschen verwirrend ist die ganze Gangstergeschichte mit Cheese, Ray und Chris sowie den 125.000 Dollar. Dieses Rätselspiel wird nicht wirklich gelöst. Der vorgetäuschte Überfall von Detective Remy mit der Maske, als Amandas Onkel in einer Bar Internas der Entführung preisgibt, ist schon ein bisschen kurios. Zum einen kann man ihn trotz Maske identifizieren, zum anderen kommt sein Versuch, redselige Mitwisser auszuschalten, viel zu spät. Überhaupt ist die ganze Entführung zum Wohle eines vernachlässigten Kindes ein bisschen konstruiert und auch nicht zu Ende gedacht. Spätestens bei Amandas Einschulung müsste Captain Doyle doch eine Geburtsurkunde vorlegen. Und dann?

Filmkritik

In der Filmkritik wird „Gone Baby Gone“ „thematische Überfrachtung“ und „angestrengte Thesenhaftigkeit“ vorgeworfen. Aber was spricht denn gegen einen Austausch konträrer Meinungen, die ja auf beiden Seiten nicht an den Haaren herbeigezogen sind? Immerhin geht es hier um das Wohl eines Kindes. Thesen und Antithesen haben ja Fundament. Vielleicht haben Angela und der Captain ja recht? Wer weiß das schon? Ohne diesen Diskurs hätten die selben Kritiker dem Film wahrscheinlich Oberflächlichkeit und mangelnde Tiefe vorgeworfen? In jedem Fall regt der Film zum Nachdenken an.

Fazit

„Gone Baby Gone“ ist wahrlich „kein Kinderspiel“, worauf der Untertitel richtigerweise hinweist. Er serviert uns auch kein billiges Happy End, was ja, angesichts der Rückkehr der 4-jährigen Amanda in die Arme ihrer Mutter, hätte sein können. Nein, so einfach macht der Film es seinen Protagonisten und uns nicht. Am Schluss wird Patrick von der überforderten Mutter als Babysitter eingespannt. Das ist die Ironie: Er hat in moralischer Hinsicht richtig gehandelt, wofür ihm das Leben nun gewissermaßen den Mittelfinger rausstreckt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Ben Afflecks "Gone Baby Gone".

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Train Dreams

USA 2025, Länge: 102 Min., FSK: 12
Produktion: Black Bear Pictures u.a.
Regie: Clint Bentley
Drehbuch: Clint Bentley, Greg Kwedar
Kamera: Adolpho Veloso
Musik: Bryce Dessner
Montage: Parker Laramie
Darsteller: Joel Edgerton, Felicity Jones u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: teilweise vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held: arbeitsam
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: getragen
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Netflix

„Train Dreams“ erzählt das Leben des Holzfällers und Wanderarbeiters Robert Grainier nach der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson.

Auch hier ist die literarische Vorlage nicht für eine filmische Adaption geeignet. Eine Lebensgeschichte ist keine Geschichte. Es fehlt die dramatische Verdichtung, ein klassisches Erzählmotiv. Warum sollte die dramaturgische Regel von Patricia Highsmith („Eine gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“) etwas von ihrer Gültigkeit verloren haben? Warum sollte überhaupt eine dramaturgische Regel nicht stimmen? Nur weil diese hier vor 60 Jahren postuliert wurde oder der Begriff „Regel“ eine negative Konnotation hat? „Train Dreams“ ist im Grunde nichts weiter als eine schön bebilderte Collage von Lebensschnipseln, die interessant sind, aber keine tiefergehenden Gefühle hervorrufen.

Inhalt

Robert Grainier (Joel Edgerton) hat früh seine Eltern verloren und wächst bei Adoptiveltern auf. Später arbeitet er als Holzfäller beim Eisenbahnbau. Zwischen zwei Arbeitseinsätzen lernt er eines Tages die gleichaltrige Gladys kennen und verliebt sich. Beide errichten eine Blockhütte an einem kleinen Fluss. Die Zeit familiärer Idylle erreicht mit der Geburt der kleinen Kate ihren Höhepunkt. Doch Robert versäumt den Absprung von seiner gefahrvollen Arbeit in der Wildnis. Eines Tages kehrt er zurück und findet die Blockhütte niedergebrannt vor. Von Frau und Tochter fehlt jede Spur. Beide sind offensichtlich Opfer eines verheerenden Waldbrandes. Dieser Schicksalsschlag bringt Roberts Leben aus den Bahnen. Erst als ein befreundeter Indianer und ein paar zugelaufene Hunde sich um ihn kümmern, fasst er ganz allmählich neuen Mut. Robert baut die Blockhütte neu auf, lebt aber bis zum Ende als Eremit.

Stärken

Es gibt ein paar schöne, lebensbejahende Szenen mit Eigenwert, zum Beispiel die Liebesgeschichte zwischen Robert und Gladys. Dann die Szenen mit Robert und seiner kleinen Tochter. Die Hilfsbereitschaft des Indianers Ignatius Jack, der sich als einziger um den Traumatisierten kümmert. Die zugelaufenen Hunde, die plötzlich in seiner Blockhütte auftauchen und ihn ins Leben zurückholen. Auffallend ist auch die Vermeidung der Visualisierung von Gewalttaten. Als ein chinesischer Arbeiter beim Eisenbahnbau von einer Brücke gestoßen wird, bleibt die Kamera bei Robert. Wir sehen nicht den Gewaltakt, sondern die Reaktion des Zuschauenden, was eigentlich viel stärker ist. Wenn Tiere erlegt werden, sieht man nie die blutenden Kadaver. Einmal wird im Lager der Holzfäller ein Mann im Racheakt erschossen. Auch das sieht man aus der Ferne. Dafür schwelgt die Kamera in wunderschönen Landschaftsaufnahmen. Eine Hymne an die Natur, bis ihr dann von den Menschen der Garaus gemacht wird. 

Schwächen

„Train Dreams“ erinnert nicht nur wegen seiner fehlenden Voraussetzungen für eine Verfilmung an „Butcher’s Crossing“, auch thematisch: Die Eroberung des US-amerikanischen Westens als Akt rücksichtsloser Profitgier, die die Vernichtung von Ur-Einwohnern, Tieren und ihrer Natur billigend in Kauf nimmt. Nur, ist das keine neue Erkenntnis. Warum die Verarbeitung in einem dahinplätschernden Film? Warum belässt man es nicht bei einem literarischen Werk, das – wie „Butcher’s Crossing“ – wohl seine Qualitäten hat? Zudem sorgt der Erzähler hier für eine permanente Distanz zum Protagonisten. Es entsteht keine Nähe, keine Synchronisation von Gefühlen. Das liegt auch am fehlenden Suspense sowie am viel zu spät platzierten ersten dramatischen Höhepunkt: der niedergebrannten Blockhütte. Die sinistren Klangteppiche, die den Film wie ein Gespinst durchziehen, erzeugen eine bedeutungsschwere Grundstimmung. Alles sehr getragenen hier. 

Merkwürdigkeiten

Über die heimelige, geschmackvolle Ausstattung in der selbst errichteten Blockhütte vor gut 100 Jahren darf man sich schon wundern. Den Tod von Frau und Kind im Waldbrand könnte man als Metapher verstehen: Die Natur schlägt zurück. So ist das eben, wenn man sich an ihr vergeht. Aber wenn Gladys und Kate im Schlaf von den Flammen überrascht wurden, wieso sind dann keine sterblichen Überreste in der Blockhütte zu finden? Wenn sie nicht überrascht wurden, ergibt sich die Frage, wieso sie sich nicht in den nahen Fluss gerettet haben?

Fazit

Am Ende von „Train Dreams“ erfahren wir noch, dass Robert – hoch oben in den Lüften, in einer zweisitzigen Propellermaschine – sich endlich mit allem verbunden fühlt. Das können wir als Zuschauer an dieser Stelle eigentlich nicht behaupten. Immerhin kann man diesen Traum ganz entspannt vor sich ablaufen lassen. Er ist interessant und lässt einen nicht schweißtreibend hochschrecken, aber das war’s dann auch.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Clint Bentleys "Train Dreams".

Das Leben des David Gale

USA, D 2003, Länge: 130 Min., FSK: 12
Produktion: Universal Pictures u.a.
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Charles Randolph
Kamera: Michael Seresin
Musik: Alex + Jake Parker
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Kevin Spaces, Kate Winslet u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Unschuldig Beschuldigt
Suspense: nicht vorhanden
Held: Alkoholiker
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: rätselhaft
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Das Leben des David Gale“ ist ein lupenreiner Krimi mit tragischen Elementen, also ein Krimidrama.

Er gehört zu den schwächeren Werken von Alan Parker, der so herausragende Filme wie „Mississippi Burning“ gedreht hat. Das gutgemeinte Plädoyer gegen die Todesstrafe misslingt, weil es ein unglaubwürdiges Konstrukt ist. Es rückt die egozentrischen Interessen des Protagonisten in den Vordergrund, anstatt die Unzulänglichkeiten eines Justizsystems anzuprangern, das erwiesenermaßen in Einzelfällen die Verurteilung von Unschuldigen billigend in Kauf nimmt. Im Fall des David Gale ist Justitia hinters Licht geführt worden, aber sie hat nicht versagt.

Die Geschichte

Philosophieprofessor David Gale (Kevin Spacey) ist wegen Vergewaltigung und Mord an Constance Harraway, Leiterin der Bürgerrechtsbewegung Death Watch, zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung soll in vier Tagen in Huntsville (Texas) stattfinden. Die Journalistin Bitsey Bloom (Kate Winslet) wird beauftragt, drei Exklusiv-Interviews mit dem Todeskandidaten zu führen. Bei den Gesprächen im Gefängnis behauptet David, das Opfer eines Komplotts zu sein. Angefangen habe es mit der Falschbehauptung einer Studentin, sie vergewaltigt zu haben. Für den Vorwurf gab es keine Beweise. Die anschließende Rufmordkampagne bewirkte allerdings den Verlust seiner Professur und die Trennung von Frau und Sohn. Daraufhin ergab David sich dem Alkohhol.

Der Mord

Eines Tages wird Constance vergewaltigt und ermordet aufgefunden. Der Verdacht fällt auf David, zumal bei der Obduktion Spermaspuren von ihm gefunden werden. Bitsey erhält bei ihren Recherchen ein manipuliertes Video, das zeigt, wie Constance Suizid begeht. Das nährt in Bitsey den Verdacht, dass die krebskranke Frau ihr Ableben benutzt hat, um ein für sie amoralisches Justizsystem anzuprangern. Kurz vor der Hinrichtung gelingt es Bitsey, Beweise für ihre Theorie aufzuspüren. Doch sie kommt zu spät zum Hinrichtungsort. David ist bereits mit einer Giftspritze hingerichtet worden. Am Ende erhält sie eine Paketsendung mit dem vollständigen Film vom Suizid, auf dem auch David als Mittäter zu sehen ist. Er war also Teil der Inszenierung und im Sinne der Anklage tatsächlich unschuldig.en Mafia.

Stärken

Im Film werden viele Fragen aufgeworfen und nur sukzessive Erklärungen abgegeben. Das sorgt für Rätselspannung. Man will wissen, wie das alles zusammenhängt. Auch die vielen Zeitsprünge erfordern Aufmerksamkeit. Man muss sich schon konzentrieren, um den Überblick zu behalten. Auch das ist gut. Die ins Spiel gebrachte Deadline von vier Tagen bis zum Exitus sorgt ebenfalls für Dramatik. Des Weiteren gibt es ein starkes Erzählmotiv, nämlich „Unschuldig Beschuldigt“, dessen dramatisches Potenzial aber ignoriert wird. Das Krimidrama erinnert von der Thematik auch an „Ein wahres Verbrechen“ von Clint Eastwood oder an „Just Mercy“ von Dessin Daniel Cretton, aber ohne deren Qualitäten zu erreichen.

Schwächen

Die Rätselspannung enthält keinen Suspense: „Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion“ (Alfred Hitchcock). Das ist eines der Hauptprobleme von „Das Leben des David Gale“. Man bleibt unberührt. Das liegt auch an den Protagonisten. Wie sollen Gefühle aufkommen, wenn David sich dem Alkohol widmet, anstatt um seinen Ruf und vor allem um seinen Sohn zu kämpfen? Eine Anteilnahme wird spätestens dann unmöglich, als klar wird, dass er sich aus rein egozentrischen Motiven an diesem Suizid-Konstrukt beteiligt hat. Ihm ging es nur darum, sich vor seiner Frau und seinen Kollegen reinzuwaschen, als Märtyrer dazustehen. Das Ganze ist nichts weiter als eine wehleidige Retourkutsche. Bitsey ist auch nicht viel besser. Im Grunde wird sie nur benutzt und hechelt dem Geschehen bis zum bitteren Ende stets hinterher. Für eine Anteilnahme hätte es einer aktiveren, trickreicheren Figur bedurft, die die Zusammenhänge rechtzeitig durchschaut und eingegriffen hätte.

Unglaubwürdigkeiten

Völlig unglaubwürdig ist die ganze Planung und Durchführung des Suizids in nur einer Nacht. Wie soll das denn funktionieren? Da sind doch vier Beteiligte mit im Boot: David, Constance, ihr Freund Dusty sowie ihr zwielichtiger Anwalt. Und die sind sich in der Kürze der Zeit alle einig, mit dieser Inszenierung zwei Menschenleben zu opfern?! Außerdem passt dieses Konstrukt überhaupt nicht zum Charakter von Constance, der einzigen sympathischen Figur in diesem Film. Dann wartet der Film mit einigen Übertreibungen auf, die irgendwann ein bisschen nerven: Ständig regnet es in Texas, ständig muss David sich einen hinter die Binde kippen. Das gipfelt dann in übertriebenem Overacting, zum Beispiel als David volltrunken an einer Telefonzelle rumtobt.

Lösungen

Schauen wir doch mal an, wie Clint Eastwood das in „Gran Torino“ gemacht hat. Da ist der Held ebenfalls unheilbar an Krebs erkrankt. Aber hier haben wir Suspense. Nur Walt Kowalski und die Zuschauer wissen von seiner tödlichen Erkrankung, die er dann am Ende zur Lösung der Geschichte einsetzt. Dann schauen wir doch mal an, wie Sam Fuller das in seinem Psychothriller „Schock-Korridor“ gemacht hat. Da gibt es einen investigativen Journalisten, der sich in eine psychiatrische Klinik einweisen lässt, um die dortigen Missstände anzuprangern. Allerdings hat er noch ein zusätzliches Motiv: Er will nämlich den Mord an einem Patienten aufklären. Kombinieren wir doch mal die Vorzüge dieser beiden Filme und nehmen mal an, dass nicht Constance, sondern David an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Das würde seine egozentrischen Motive in den Hintergrund rücken und die Kritik an der Todesstrafe in den Vordergrund. Zusätzlich könnte man, wie in „Schock-Korridor“, diese Inszenierung mit der Aufklärung eines Verbrechens kombinieren. Im Gefängnis könnte David nämlich im Falle eines zu Unrecht Verurteilten ermitteln, dessen Unschuld sich am Ende beweisen ließe. Dann hätten wir ein echtes Plädoyer gegen die Todesstrafe und könnten mit ihm mitfiebern, aber so …

Fazit

„Das Leben des David Gale“ schöpft sein dramatisches Potenzial nicht aus und weckt leider keine Emotionen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Alan Parkers "Das Leben des David Gale".

Mississippi Burning

USA 1988, Länge: 127 Min., FSK: 16
Produktion: Orion Pictures
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Chris Gerolmo
Kamera: Peter Biziou
Musik: Trevor Jones
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Willem Dafoe, Gene Hackman u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Die Suche
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): hartnäckig
Gegenspieler: perfide
Stimmung: spannend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Mississippi Burning“ ist ein fulminantes, schonungsloses Krimidrama, das 1964 zur Zeit von Rassenunruhen in Jessup County (Mississippi) spielt.

Es beruht auf der Ermordung von drei Bürgerrechtlern durch Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Der Krimi ist handwerklich brillant gemacht. Die Inszenierung, die Musik, die Kameraarbeit – einfach hervorragend. Der Film besticht auch durch Authentizität in Besetzung und Ausstattung, die schlichtweg atemberaubend ist. Da stimmt jedes Detail, was wesentlich zur emotionalen Anteilnahme beiträgt. Ein Vergleich der armseligen Behausungen von „Mississippi Burning“ mit denen von Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ oder Tate Taylors „The Help“ macht deutlich, wie lächerlich letztere Filme nicht nur in diesem Punkt sind. 

Die Geschichte

Nach dem Verschwinden von drei Bürgerrechtsaktivisten, die von Mitgliedern des Klu-Klux-Klans ermordet wurden, werden die FBI-Agenten Alan Ward (Willem Dafoe) und Rupert Anderson (Gene Hackman) mit der Aufklärung des Falls beauftragt. In Jessup County stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Nachdem die beiden Agenten das ausgebrannte Autowrack der Vermissten in einem Sumpfgebiet aufgespürt haben, fordern sie zusätzliches Personal an. Aber die Leichen der jungen Männer sind nicht aufzufinden. 

Ermittlungen

Während der gesetzestreue Alan Ward Akten wälzt und Befragungen durchführt, ermittelt Rupert Anderson auf seine Weise. Er freundet sich mit Mrs. Pell (Frances McDormand), der Frau des Hilfssheriffs, an und bekommt schließlich heraus, dass sie ihrem Mann ein falsches Alibi verschafft hat. Daraufhin wird sie von Pell im Beisein anderer Klan-Mitglieder brutal zusammengeschlagen. Anderson gerät darüber derart in Rage, dass es über die weitere Vorgehensweise mit Ward zu einem handfesten Streit kommt. Aber beide raufen sich zusammen und entscheiden sich fortan für illegale Ermittlungsmethoden. So können sie einen der verdächtigten Klan-Mitglieder zur Aussage erpressen. Dessen Geständnis führt zum Fund der drei Leichen und zur Festnahme und Verurteilung der Mörder.

Odd-Couple

„Mississippi Burning“ ist ein Paradebeispiel für das dramatische Potenzial, das einer Besetzung von völlig gegensätzlichen Charakteren innewohnt. Auf der einen Seite der akribische, idealistische Paragraphenreiter Alan Ward, auf der anderen das erfahrene, ebenso zynische wie charmante Raubein Rupert Anderson. Erschwerend kommt hinzu, dass der jüngere Ward der Vorgesetzte des älteren Anderson ist und beide für diese Mission aneinander gekettet sind. So ist das richtig. Außerdem sorgt Anderson mit seiner unorthodoxen Art immer wieder für Lacher. Beiden schaut man gerne zu, wie sie streitend und ganz allmählich den Mördern das Handwerk legen.

Stärken

Obwohl es sich bei „Mississippi Burning“ um ein klassisches Whodunit handelt, entwickelt der Krimi eine sogartige Spannung. Das liegt auch an dem Wissen, am Erschrecken, dass dieser Krimi auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Der gezeigte gewalttätige Rassismus macht einen fassungslos. In diesem Fall ist es ein Vorteil, dass Gut und Böse klar verteilt sind. Wir können mit den beiden Helden mitfiebern, dass es ihnen gelingen möge, diesen Augiasstall auszumisten. Ein weiteres großes Plus ist die Einführung einer dokumentarischen Ebene. So sind zum einen Original-Aufnahmen von Versammlungen des Klu-Klux-Klans zu sehen, zum anderen fiktive Interviews mit Bewohnern von Jessup County. In den Statements und in den Gesichtern der Menschen wird der tief verwurzelte Rassismus deutlich. Mrs. Pell bringt es irgendwann auf den Punkt: „In der Schule sagten sie, dass Rassentrennung in der Bibel steht: Genesis 9, Vers 27. Mit sieben Jahren wird dir das so oft gesagt, dass du alles glaubst. Ich glaube, dass Hass, wenn man ihn einatmet, einen vergiftet.“

Werbefilme

Alan Parker hat vor seiner Karriere als Filmregisseur Werbefilme gedreht, genauso wie Stanley Kubrick, Ridley und Tony Scott, Michael Bay, David Fincher usw. Was sie außerdem vereint: Ihre Filme sind handwerklich exzellent gestaltet. Woran liegt das? Ein Regisseur von Kurzprojekten ist eigentlich dauernd am Machen. Kinoprojekte benötigen einen längeren Vorlauf. Es vergehen oftmals Jahre bis ein Stoff realisiert werden kann, wenn überhaupt. Was machen die Regisseure in der Zwischenzeit? Im Idealfall verdienen sie ihre Brötchen mit Fernsehfilmen oder eben mit Werbung. Aber je mehr praktische Erfahrung ein Regisseur mitbringt, desto unverkrampfter und rücksichtsloser wird er an Filmproduktionen herangehen. Das sind Kernattribute des Filmhandwerks.

Der Kriminalfall

FBI-Boss Hoover war ein erklärter Gegner von Bürgerrechtlern und wollte diesen Fall auf sich beruhen lassen. Präsident Lyndon B. Johnson drohte seiner Einrichtung jedoch mit Massenentlassungen. Erst diese Erpressung veranlasste Hoover, seine FBI-Agenten zu entsenden. Die tappten lange im Dunkeln, bis sie eine Belohnung von 25.000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung der Täter aussetzten. Das veranlasste einen involvierten Streifenpolizisten zur Aussage. So konnten die Leichen aufgespürt und die Mörder überführt werden. In einem späteren Gerichtsverfahren sagte die Ehefrau eines Mafia-Gangsters aus, dass das FBI ihren Mann seinerzeit engagiert hatte. Der Mafioso – so die Ehefrau – hat dann einen der Klan-Miglieder unter Androhung von Folter zum Geständnis gezwungen. Diese Aussage wurde nie verifiziert, ist aber von Alan Parker auf prophetische Weise durchgespielt worden. Was klingt glaubhafter: Die Belohnungs- oder die Folterversion? Die 25.000 Dollar hätten dem Streifenpolizisten nicht viel genützt. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Denn was der Klu-Klux-Klan mit Verrätern gemacht hat, erzählt Parkers Film eindrucksvoll. 

Schwächen

Singular. Gibt nur einen Schwachpunkt. Wie in „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“, der ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht, gibt es auch in „Mississippi Burning“ eine Fülle von Gewalttaten, die sich so oder so ähnlich wohl ereignet haben. Allerdings stellt sich nach dem x-ten Brandanschlag von Klan-Mitgliedern auf eine Kirche oder Unterkünfte von Schwarzen irgendwann ein Gefühl der Abstumpfung ein. Man gewöhnt sich dran. Hier wäre weniger mehr gewesen. Zur Anteilnahme bedarf es einer Nähe zu den Personen, die hier in Mitleidenschaft geraten. Erst wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufgebaut haben, können wir Gefühle entwickeln und mitleiden. Der Fokus auf den jungen Aaron Williams und seiner Familie hätte das emotionale Potenzial gehabt, anstelle der unpersönlichen Masse von flüchtenden Slumbewohnern. Der Junge hatte auch als einziges Opfer den Mut, gegen die Schergen des Klu-Klux-Klans auszusagen.

Fazit

Das Schlussbild zeigt eine Begräbnisfeier auf dem Friedhof von Jessup County. Zum ersten Mal sehen wir Weiße und Schwarze in Trauer vereint. Ein hoffnungsvolles Bild nach dieser Orgie rassistischer Gewalttaten. „Mississippi Burning“ ist nichts für schwache Gemüter, aber bietet zwei Stunden spannende, perfekt gemachte, schonungslose Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Alan Parkers "Mississippi Burning".

„Mississippi Burning“ im Stream oder Download bei

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The Whale

USA 2022, Länge: 117 Min., FSK: 12
Produktion: A24, Protozoa Pictures
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Samuel D. Hunter
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Rob Simonsen
Montage: Andrew Weisblum
Darsteller: Brendan Fraser u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): beleibt
Gegenspieler: zynisch
Stimmung: düster
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

Es gibt Theaterstücke, die sich für eine Verfilmung eignen, zum Beispiel Ariel Dorfmans „Der Tod und das Mädchen“. „The Whale“, basierend auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter, hat zwar einige Vorzüge, gehört aber insgesamt nicht dazu.

Dafür ist das Drama zu künstlich, übertrieben, bemüht, hat einige Ungereimtheiten und weckt vor allem wenig Emotionen. Inhaltlich erinnert der Film an „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, der ebenfalls die Fettleibigkeit aufgrund eines Schicksalsschlags thematisiert. 

Die Geschichte

Charlie (Brendan Fraser) ist ein adipöser Dozent für Creative Writing, der seine Kurse für Studenten online abhält und dabei seinen Anblick geheim hält. Liz, die Schwester seines verstorbenen Partners und zugleich seine Krankenpflegerin, befürchtet seinen Tod innerhalb von wenigen Tagen, wenn er nicht ins Krankenhaus geht. Aber Charlie will nur noch eine Annäherung an seine 16-jährige Tochter Ellie herbeiführen, die er im Alter von acht Jahren verlassen hat. Die verhält sich beim Besuch allerdings äußerst aggressiv und ist augenscheinlich nur an seinem Geld interessiert. Auch der junge Missionar Thomas, Ex-Frau Mary und Pizzabote Dan können Charlie nicht das geben, wonach er sich sehnt: Akzeptanz und Vergebung. Erst in der Schlussszene, die nahtlos in Charlies Tod übergeht, ergreift Ellie die dargebotene Hand ihres Vaters und nennt ihn „Papa“.

Stärken

Hervorragend ist die Besetzung dieses Kammerspiels und die Ausstattung der Räume. Hier stimmt jedes Detail. Fachgerecht wird auch die Deadline in der Exposition platziert: Charlie hat noch knapp eine Woche zu leben, wenn er sein Verhalten nicht ändert. Aber sein Selbstmord auf Raten ist schon längst beschlossene Sache: „Ich bin nicht daran interessiert, gerettet zu werden.“ Auch einige Dialoge haben es in ihrer Schonungslosigkeit in sich, ebenso wie die Filmmusik, die an den Gesang der Buckelwale erinnert. Aber dann …

Schwächen

Nicht nur die heruntergelassenen Jalousien aller Räume sorgen für eine düstere Atmosphäre. Überhaupt ist alles düster. Daran ändert auch die gutgemeinte finale Annäherung zwischen Vater und Tochter nichts. Sie wird überlagert von einer beklemmenden Künstlichkeit und Übertriebenheit. In „The Whale“ ist alles ein bisschen zu viel, nicht nur Charlies Leibesumfang, sondern auch die rebellische Tochter, der hartnäckige Missionar, die verbitterte Ex-Frau usw. Überhaupt – die pubertierende Tochter. Für ihre durchweg zynischen Äußerungen fehlt eigentlich das Fundament. So etwas macht man doch nur gegenüber vertrauten Personen, also wenn im Familiensystem etwas schief läuft. Letzteres ist aber doch seit acht Jahren nicht mehr existent. Ellies Abweisung bei der Kontaktaufnahme mit ihrem Vater müsste neugierig, distanziert und kalt erfolgen. Des Weiteren enthält der Film keinerlei Gefahrenmomente, wenn man mal vom baldigen Suizid auf Raten absieht. Darüberhinaus kommt der Film auch praktisch humorfrei über die Runden. Einzige Ausnahme sind die Dialoge zwischen Ellie und dem Missionar. Ansonsten: alles ziemlich bedeutungsschwer. Auch in „The Whale“ die Frage, was das antike 4:3-Seitenverhältnis soll? Welchen erzählerischen Mehrwert hat diese Entscheidung?

Schuld

Eigentlich bringt Charlie ein paar Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mit, zum Beispiel seine schuldhaften Verstrickungen in die Trennung von Frau und Tochter. Wie kommt es, dass diese Schuld keine Emotionen auslöst?

In Khaled Hosseini „Drachenläufer“ werden wir mit dem 10-jährigen Amir Zeuge einer Vergewaltigung seines besten Freundes. In der Folgezeit werden wir zu Mitleidenden seiner seelischen Qualen (Suspense). Amir war feige und dieses Eingeständnis wiegt schwerer als die Freundschaft. Es findet eine Synchronisation mit seinen Gefühlen statt. Wir wünschen uns sehnlichst, dass er sich seinem Vater anvertrauen möge. Stattdessen entscheidet er sich für das Lügen und Intrigieren, die den Freund und seinen Vater aus dem gemeinsamen Zuhause vertreiben. Das ist die Schuld, die Amir auf sich lädt. Das ist das Drama, das uns ins seinen Bann zieht.

Weiteres Beispiel: In Ernst Lubitschs „Der Mann, den sein Gewissen trieb“, tötet der französischer Soldat Paul im ersten Weltkrieg einen Deutschen. Die Umstände quälen ihn dermaßen, dass er Kontakt mit den Eltern des Verstorbenen aufnimmt und dort wie ein Freund behandelt wird. Wir wissen um die Hintergründe, nicht aber die Eltern (Suspense). Sein Wunsch nach Vergebung ist zum Scheitern verurteilt. Das ist das Drama, das uns auch hier gefangen nimmt.

„The Whale“ setzt acht Jahre nach den schuldhaften Verstrickungen des Protagonisten ein. Das ist der Fehler. Wir werden nicht Zeuge und Komplize seiner Gewissensqualen. Es fehlt der Suspense! Es wird nur darüber geredet, aber die Entscheidungen sind gefallen. Deshalb findet keine Synchronisation mit Charlies Gefühlen statt. Sein Wunsch nach Akzeptanz und Vergebung lässt uns kalt.

Lösungen

Die Figur des Missionars ist völlig unglaubwürdig und überflüssig. Warum sollte Thomas wieder und wieder auftauchen, wo er doch ein ums andere Mal eine Abfuhr erhält? Diese Figur entstammt nur dem intellektuellen Wunsch des Autors, den Protagonisten mit religiösen Themen zu konfrontieren. An diesen Stellen wird das ganze künstliche Konstrukt dieses Theaterstücks transparent. Dabei wäre die Lösung hier ganz einfach: Thomas müsste durch den Pizzaboten Dan ersetzt werden. Der hat nämlich einen Grund immer wiederzukommen. Das ist das Essen, das Charlie im Übermaß verschlingt. Die Diskussionen wären dann weltlicher Natur und nicht religiöser. 

Fazit

Für Aronofskys Botschaft, dass jeder Mensch – ob fett oder renitent – es wert ist, nicht aufgegeben zu werden, bedarf es eigentlich keines zweistündigen langweiligen Films. Das könnte man schlanker erledigen, vor allem spannender.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter Darren Aronofskys The Whale.

Der große Crash

USA 2011
Länge: 109 Min., FSK: 6
Produktion: Before The Door Pictures u.a.
Drehbuch + Regie: J.C. Chandor
Kamera: Frank G. DeMarco
Musik: Nathan Larson
Montage: Pete Beaudreau
Darsteller: Kevin Spacey, Jeremy Irons u.a.

Genre: True-Story-Drama
Erzählmotiv: Der Verdacht
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): nicht entwickelt
Gegenspieler: geldgierig
Stimmung: spannend
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, Videobuster, freenet Video

„Der große Crash“ ist eine hervorragend gemachte „True Story“, die auf dem Zusammenbruch der Lehman Brothers Investmentbank beruht.

Inszeniert wie eine spannende Dokumentation beleuchtet der Film Zusammenhänge, die Auslöser für eine der ganz großen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte war. Das Geschehen spielt sich kurz vor der Insolvenz, innerhalb eines Tages, weitgehend in den Räumen des Geldinstitutes ab. Dieser späte Erzählbeginn erzeugt Spannung (s. Postulat von Patricia Highsmith in „Dramaturgie“). Außerdem erweist sich auch hier die Einheit von Zeit, Ort und Handlung als großer erzählerischer Vorteil (auf Aristoteles basierende dramentheoretische Regel, s.a.: „Der Tod und das Mädchen“, „16 Blocks“ oder „Crawl“). 

Die Geschichte

Investmentbanker Eric Dale wird gefeuert. Bei seinem Weggang steckt er einem jungen Kollegen einen USB-Stick mit brisantem Material zu. Nach dessen Analyse verbergen sich hinter den geschönten Zahlen der Bank massenhaft Zertifikate mit einem sogenannten Klumpenrisiko. Der junge Broker schlägt Alarm. Sein Boss Sam Rogers (Kevin Spacey) informiert die Firmenleitung, die sofort reagiert. In nächtlichen Sitzungen beschließt man, die faulen Anleihen abzustoßen. So soll der interne Schaden, ohne Rücksichtnahme auf die Folgen für die Anleger, begrenzt werden. Sam und Eric werden mit großzügigen Gratifikationen bedacht, um moralischen Bedenken zu zerstreuen bzw. um Stillschweigen zu wahren. Am frühen Morgen stimmt Sam seine Trader auf den Ausverkauf ein. Es gelingt seiner Abteilung, über 90% dieser toxischen Zertifikate zu verkaufen.

Die Figuren

Die Schauspieler agieren allesamt hervorragend. Trotzdem kann man nicht so richtig mit ihnen mitfiebern. Woran liegt’s? Letztlich sind alle Figuren Rädchen im Finanzgetriebe, in das sie sich freiwillig begeben haben: Apostel des schnöden Mammons. Immer wieder spulen die Investmentbanker ihr Mantra ab: „Wir haben keine Wahl.“ Die hat man – mit Verlaub – aber immer, weshalb diese Behauptung übersetzt heißt: Ich will es so und nicht anders! Am Ende werden Sam und Eric großzügig abgefunden, also gekauft. Angebote, die sie nach eigenem Bekunden nicht ablehnen konnten. Da fragt man sich angesichts dieser üppigen Summen und ihres Einkommens schon, was denn das für Zwangslagen sein sollen? Eine emotionale Anteilnahme entsteht zu keiner der handelnden Personen.

Protagonist

Auch Sam, der noch am ehesten die Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mitbringt, ist kein eindeutiger Protagonist. Das einzige Lebewesen, für das er Gefühle zeigt, ist sein todkranker Hund. Eine Nähe zu seiner Ex-Frau, zu seinem Sohn oder zu seinen Mitarbeitern existiert nicht wirklich. In den gigantischen Glaspalästen dominieren Einsamkeit und Gefühlskälte. Das ist das andere, auf den ersten Blick nicht sichtbare Krebsgeschwür. Die Gier, die Macht, die Angst, die alle im Würgegriff hat. Nur am Ende funktioniert die Metapher nicht. Da wird nur der Hund beerdigt, nicht aber die Habgier.

Antagonist

Desgleichen existiert kein eindeutiger Antagonist. CEO John Tuld ist zwar rücksichtslos, zynisch und profitgierig, aber das darf man vom Geschäftsführer eines amerikanischen Bankhauses auch erwarten. Gefahren gehen von ihm eigentlich nur für Mitarbeiter aus, die entlassen werden. Natürlich auch für geprellte Kreditnehmer und Anleger, die hier aber keine Rolle spielen. Aber Kündigungen kommt in einer Hire-and-Fire-Branche alle naselang vor, wie uns die Anfangssequenz veranschaulicht. Auch Tulds Rechtfertigungen sind nicht an den Haaren herbeigezogen: Schließlich hätten sie nur die unersättlichen Wünsche ihrer Anleger bedient. Das ist absolut richtig. Kredite sollten abgesichert sein und Erspartes kann man schließlich auch für einen niedrigen Prozentsatz bei einer Sparkasse anlegen. Die Gier ist allgegenwärtig. 

Defizite

Neben der Schwierigkeit, eine Nähe zu den Figuren aufzubauen, ist die Spannung in „Der große Crash“ rein informativer Natur. Diese Durchleuchtung von Strukturen und Machenschaften einer amerikanischen Investmentbank ist interessant, erhellend, auch faszinierend, aber nie mitreißend. Es gibt keinen Suspense. Wir wissen immer so viel oder so wenig, wie die agierenden Personen. Das ist aber kein dramatischer Vorteil, sondern ein Manko.

Lehman Pleite

Was „Der große Crash“ ausspart, sind die zum Teil ruinösen Folgen für andere Geldinstitute, Händler oder private Anleger. Das ist ungefähr so, als wenn man einen Film über den Erfinder der Atombombe dreht und dabei die verheerenden Folgen für Millionen von Menschen einfach ausklammert („Oppenheimer“). Darf man das? Kann man das einfach so machen? Eigentlich ist das fragwürdig, wenn nicht fahrlässig. Schließlich wird doch in beiden Fällen der Anspruch erhoben, wissenschaftliche bzw. ökonomische Strukturen zu durchleuchten. Dann gehören aber die desaströsen Auswirkungen dieser Erfindungen bzw. Machenschaften für andere Menschen mit ins erzählerische Portfolio. Ansonsten bleibt es bruchstückhaft.

Fazit

„Der große Crash“ ist ein hervorragend inszeniertes Finanzdrama mit Defiziten in der Figurenentwicklung und Dramaturgie. Die verheerenden Folgen dieses Finanzdebakels sind seltsamerweise nicht Gegenstand dieser Erzählung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter Der große Crash.

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Das Biest muss sterben

F 1969, Länge: 112 Min., FSK: 12
Produktion: Les Films la Boétie u.a.
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
Kamera: Jean Rabier
Musik: Pierre Jansen, Johannes Brahms
Montage: Jacques Gaillard
Darsteller: Michel Duchaussoy, Caroline Cellier u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Rache
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): ein Traumatisierter
Gegenspieler: Kotzbrocken
Stimmung: düster
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: LaCinetek

„Das Biest muss sterben“ von Claude Chabrol ist ein spannendes Krimidrama, das auf einer Romanvorlage von Nicholas Blake beruht und ein klassisches Erzählmotiv variiert, nämlich Rache.

Hier ist es der verwitwete Vater Carles Thénier, dessen einziger Sohn von einem Autoraser überfahren wird und stirbt. Der Täter begeht Fahrerflucht. Den einzigen Sinn im weiteren Leben sieht Charles darin, den Mörder seines Sohnes aufzuspüren. Am Ende kann er ihn zur Strecke bringen, womit auch seine Mission im Leben beendet ist. Der Krimi kann mit seiner düsteren Atmosphäre, geleitet von der inneren Stimme des Helden, seinen Wendungen und seiner Suspense-Geschichte überzeugen.

Suspense

Das große Vorbild von Claude Chabrol war Alfred Hitchcock, dem Master of Suspense. Auch wenn es sich in „Das Biest muss sterben“ um ein Whodunit handelt, liegt ihm eine Suspense-Struktur zugrunde: Charles und der Zuschauer wissen von seinen Racheplänen, nicht aber die anderen. Das ist sehr schön konstruiert und schafft Spannung. Zusätzlicher Druck entsteht durch die Gefühle, die Charles und Hélène, die Beifahrerin im Unfallwagen, füreinander entwickeln. Einen liebenswerten Menschen zu hintergehen, ist weitaus schwieriger als ein „Biest“. Nur in einem Punkt hat Chabrol sein Vorbild nicht richtig studiert. Damit sind wir bei den drei gravierenden Mängeln dieses Krimidramas.

Defätismus

Francois Truffaut: „Es ist, glaube ich, sehr problematisch, in einem Film ein Kind sterben zu lassen. Das grenzt schon an Missbrauch des Kinos. Was meinen Sie?“ Alfred Hitchcock: „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Es ist ein schwerer Fehler.“
„Das Biest muss sterben“ ist nichts anderes als eine Bestätigung dieser Einsicht. Durch den Tod des Jungen und der Suche nach dem Mörder legt sich von Anfang bis zum Ende eine bleierne Schwere über den Film.  Von französischer Leichtigkeit oder zumindest von Tragikomik ist hier nichts zu spüren. Das ist eigentlich schade. Charles’ Frau oder seine Mutter wären die tauglicheren Unfallopfer gewesen. Das hätte an seinem Rachemotiv nichts geändert, wohl aber am defätistischen Grundtenor und seinem Ende: Charles hat Hélène einen Abschiedsbrief hinterlassen und segelt in seiner Jolle aufs offene Meer hinaus, was seinen sicheren Tod bedeutet.

Zufall

Die Suche nach dem Mörder entspricht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Polizei hat zu wenig Anhaltspunkte, nur die Vermutung, dass der Kotflügel des Unfallwagens verbeult ist. Überprüfungen von Autowerkstätten und Schrottplätzen verlaufen ergebnislos. Im Grunde stehen die Ermittler, einschließlich Charles, mit leeren Händen da. Just in diesem Moment fährt Charles sich mit seinem Sportwagen auf einem schlammigen Feldweg fest. Dasselbe Schicksal hat – welch Zufall! – Wochen zuvor auch der Unfallfahrer Paul und seine Beifahrerin Hélène ereilt. Ein freundlicher Bauer berichtet Charles umfassend vom vorangegangenen Malheur und sein Sohn kennt auch noch Hélènes Identität. Das ist – mit Verlaub – schon ein wenig kurios. Hier wäre es besser gewesen, mehr Indizien ins Spiel zu bringen. Das Aufspüren der Identitäten hätte das Ergebnis von Charles’ kriminalistischen und psychologischen Ermittlungen sein müssen. Der Zufall, zumal noch so ein eklatanter, ist immer ein erzählerisches Manko.

Antagonist

Bösewicht Paul ist zwar ein Schurke wie er im Buche steht, aber zu eindimensional charakterisiert. Er ist ein Tyrann, der Ehefrau und Sohn im Beisein anderer schikaniert und demütigt. Er ist ein wahrer Kotzbrocken, dessen Ableben niemanden berührt. Das ist schade und dramaturgisch verschenkt. Denn viel schlimmer für den Helden wäre es gewesen, wenn man den Täter mit sympathischen Facetten ausgestattet hätte. Oder noch schlimmer: Wenn Charles sich auch mit ihm angefreundet hätte. Es wäre das schlimmstmögliche Dilemma gewesen, das ein gekonnter Erzähler durchexerziert hätte.

Fazit

Das „Biest muss sterben“ ist ein abgründiges Krimidrama mit Mängeln in der Dramaturgie und der Charakterisierung des Antagonisten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Claude Chabrols Das Biest muss sterben.

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Das Spiel der Macht

USA 2006, Länge: 127 Min., FSK: 12
Roman: Robert Penn Warren
Produktion: Phoenix Pictures
Drehbuch + Regie: Steven Zaillian
Kamera: Pawel Edelman
Musik: James Horner
Montage: Wayne Wahrman
Darsteller: Sean Penn, Jude Law, Kate Winslet u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): unterkühlt
Gegenspieler: raffiniert
Stimmung: korrupt
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar

„Das Spiel der Macht“ ist ein handwerklich herausragend gestaltetes Drama.

Das Geschehen ist in Louisiana in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt und handelt vom Aufstieg und Fall des demokratischen Politikers Willie Stark (Sean Penn). Der inszeniert sich als Anwalt der Armen und Schwachen und kann so die Massen mobilisieren. Die ganze Besetzung, von der illustren Schauspielerriege bis hin zu den kleinsten Nebenrollen ist einfach brillant. Die Kameraarbeit von Pawel Edelman ist ein Kunstwerk. Er stammt von der seinerzeit besten Filmhochschule der Welt, aus dem polnischen Lódz, und hat viel mit Roman Polanski gedreht. Die Dialoge haben es in sich. Kein Zweifel, hier waren Könner am Werk.

Romanverfilmung

Sehr schön ist auch die innere Stimme des Ich-Erzählers, des Journalisten Jack Burden (Jude Law), der auf literarische Weise die Innenwelten der Figuren ausleuchtet. An diesen Stellen wird deutlich, dass erst sich hier um eine Romanverfilmung handelt, nämlich um „All the King’s Men“ von Robert Penn Warren, für den er seinerzeit den Pulitzer-Preis erhalten hat.

Dramaturgie

Die Verfilmung leidet unter einer mangelnden Konzentration. Neben den politischen Machenschaften wird noch ein klassisches Erzählmotiv angerissen, nämlich „Die unmögliche Liebe“. Leider wird die unerfüllte Leidenschaft von Jack zu seiner Jugendliebe Anne Stanton nur am Rande behandelt. Ihr Scheitern liegt auch nicht an den äußeren Umständen, wie bei „Romeo und Julia“ zum Beispiel, sondern an der Glorifizierung seines Bildes einer unbefleckten Liebe.

Dann ist da noch Jacks Freundschaft zu Annes Bruder, dem Arzt Dr. Adam Stanton. Auch zu ihm hatte Jack einst eine innige Beziehung. Nun benutzt er ihn für Willies politische Ränkespiele. Anne beschreibt Jack ihren Bruder folgendermaßen: „Er ist immer noch der selbe Idealist, der du früher warst“. Des Weiteren wird eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt, nämlich die Beziehung von Jack zu seinem Ziehvater Richter Irwing, den er ungewollt in den Selbstmord treibt. Das allein hätte schon genügend Stoff für ein abendfüllendes Drama geboten. All diese aufgeführten dramatischen Ereignisse rufen allerdings keinerlei Gefühle hervor. Woran liegt’s?

Protagonist

Der gravierendste Fehler in „Das Spiel der Macht“ liegt in der Unentschlossenheit der Charakterisierungen. Wer ist eigentlich der Held? Jack Burden oder der Robin-Hood-Verschnitt Willie Stark? Damit fängt’s an. Die innere Stimme des Ich-Erzählers deutet auf Jack hin. Er ist ein kühler, desillusionierter, teilweise zynischer, gutaussehender Journalist. Er wandelt Whiskey trinkend und wie ein zufällig anwesender Beobachter („ich beobachte lieber aus der Ferne“) durchs Geschehen, dem irgendwann seine Ideale abhanden gekommen sind. Das mag sein Interesse an Willie erklären, an seiner Empathie, seiner Authentizität und seinen scheinbar hehren Absichten. Jacks Wahlkampfhilfe wirkt wie eine Art Therapie: Kann Willie mir etwas zurückgeben, was irgendwann auf der Strecke geblieben ist? Nein, kann er nicht.

Emotionen

Zweimal zeigt Jack emotionale Reaktionen. Einmal als er gegenüber Richter Irwing belastendes Material zurückhält. Ein zweites Mal als seine Jugendliebe Anne ihn nach ihrer Affäre mit Willie aufsucht. Da fällt die Maske: „Wie konntest du mir das antun?!“ Da bricht alles aus ihm heraus. Es ist ein Eingeständnis seiner gefühlsmäßigen Unfähigkeit, das Bedauern verpasster Chancen, für die es keine Korrekturen gibt. Man kann nicht wirklich eine Nähe zu ihm aufbauen. Letztlich lässt einen das ganze Geschehen irgendwie unbeteiligt zurück. Jack durchläuft auch keine Entwicklung und zeigt keinerlei Schuldgefühle nach dem Suizid seines Ziehvaters, was die Distanz manifestiert. Der durchtriebene, bauernschlaue Willie wäre der tauglichere Held gewesen.

Konstruktionen

Die jahrzehntelang zurückliegende Korruptionsaffäre, in die Richter Irwing verwickelt war, wirkt schon arg konstruiert. Sie bestätigt letztlich Willies simples Weltbild, demnach jeder Dreck am Stecken hat: „Der Mensch stinkt sich durchs Leben, von der Windel bis zum Grab“. Viel glaubhafter und passender zu den politischen Machenschaften wäre es gewesen, wenn der Richter tatsächlich eine saubere Weste gehabt hätte. Er ist auch gar nicht der Typ für derart krumme Touren. Nein, ein Gerücht wäre die Lösung gewesen. Also eine Konstruktion, der man nur allzu gerne Glauben schenkt. Anstelle der Wahrheit hätte ihm die Unwahrheit das Genick brechen sollen. 

Showdown

Noch gravierender ist das konstruierte Finale. Das Motiv für den Attentäter Adam Stanton ist ein Gerücht, nämlich dass seine Schwester eine Affäre mit Willie eingegangen ist, um ihm die Leitung eines neuen Krankenhauses zuzuschanzen. Hmm? Das ist ziemlich schwach und nicht wirklich glaubhaft. Da hätte man schon eine krankhafte Geschwisterliebe – also Eifersucht – als Motiv herausarbeiten müssen. So wirkt das Ganze sehr inszeniert und plakativ, was ja auch die ästhetischen Schlussbilder mit zwei Leichen inmitten der kreisrunden Insignien des Staates Louisiana zeigen.

Fazit

In „Das Spiel der Macht“ kann die herausragende handwerkliche Gestaltung nicht über gravierende Mängel in der Dramaturgie und der Figurenentwicklung hinwegtäuschen.

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„All the King’s Men“ von Robert Penn Warren, neu bei bücher.de für 19,99 Euro

Farbiges Cover des Romans "All the King's Men" von Robert Penn Warren.

„All the King’s Men“ von Robert Penn Warren, gebraucht bei medimops

Vergiftete Wahrheit

USA 2019, Länge: 128 Min., FSK: 6
Produktion: Participant, Killer Films u.a.
Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Mario Correa, Matthew Michael Carnahan
Kamera: Edward Lachman
Musik: Marcelo Zarvos
Montage: Affonso Goncalves
Darsteller: Mark Ruffalo, Tim Robbins u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Der gefährliche Ort
Suspense: nicht vorhanden
Held: hartnäckig
Gegenspieler: Chemiekonzern
Stimmung: giftig
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video

Auch „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes orientiert sich an einer wahren Begebenheit und wird, ähnlich wie „Philomena“ von Stephen Frears oder der unsäglich langweilige „One Life“, zum Opfer seiner guten Absichten.

Der Film beruht auf einem Bericht von Nathaniel Rich im New York Times Magazine und erzählt den Kampf des Anwalts Robert Bilott gegen den Pharmakonzern DuPont in West Virginia. Dieser hatte in den 80er Jahren Perfluoroctansäure (PFOA) in den Ohio River geleitet, damit wissentlich das Trinkwasser kontaminiert und zigtausende von Menschen vergiftet. Auch Todd Haynes unterliegt dem Fehler, sich eng an die Begebenheiten zu halten, die sich zudem über Jahrzehnte hinziehen und sich nicht wirklich für eine Verfilmung eignen. Alles ist interessant oder auch erhellend, aber nie packend. 

Stärken

Mit seiner ruhigen, etwas behäbigen Art erinnert Rob Bilott an Columbo. Man macht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Aber er ist kompetent, hartnäckig, gründlich und nicht korrumpierbar. Wir können mit ihm sympathisieren, zumal es ein Kampf David gegen Goliath ist. Überhaupt sind alle Schauspieler, von den Farmern bis hin zu den Top-Anwälten, hervorragend besetzt. In seinen besten Momenten funktioniert „Vergiftete Wahrheit“ wie ein Krimi und Rob agiert wie ein Kommissar, der beharrlich die Puzzleteile eines Verbrechens zusammenträgt und am Schluss Anklage erhebt.

Schwächen

Ein großes Manko sind die fehlenden Gefahren. Einmal scheut Rob sich davor, die Zündschlüssel seines Wagens herumzudrehen. Eine Sprengladung? Aber dafür ist der Antagonist zu clever. Er ist nie wirklich greifbar, ein Phantom. Seine Schandtaten hat er bereits vollbracht. Nun ist er mit Vertuschung und Schadensbegrenzung beschäftigt und hat dafür gigantische finanzielle Mittel. DuPont ist eben nicht „Der weiße Hai“. Leider. Einmal wird Rob wegen gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus eingeliefert. Aber er erholt sich schnell wieder und Frau und Chef stehen an seiner Seite. Das ist schön, aber nicht spannend.

Protagonist

Im Grunde macht Rob alles richtig. Das ist lobenswert, aber auch nicht dramatisch. Er ist der Anwalt der Unterdrückten, der Geschädigten – ein guter Mensch, aber auch ein bisschen langweilig. Der Ehekonflikt ist vergleichsweise harmlos. Die Klagen seiner Frau über sein berufliches Überengagement sind im Grunde eine Liebeserklärung. Da geht es dem Whistleblower Jeffrey Wigand in „Insider“ von Michael Mann schon wesentlich schlechter. Seine Ehefrau reicht nämlich die Scheidung ein. Auch in „American Sniper“ von Clint Eastwood, ebenfalls nach einer wahren Begebenheit, wird das Eheleben hervorragend dramatisiert.

Fazit

Der eigentliche Skandal ist die Strafe, die DuPont für jahrzehntelange vorsätzliche schwere Körperverletzung mit Todesfolgen erhalten hat: Insgesamt mussten 1,1 Milliarden Dollar an Entschädigungen gezahlt werden. Das entspricht in etwa dem Gewinn nur der Teflon-Sparte, die der Konzern seinerzeit in einem Jahr erzielt hat! Anschließend hat der Konzern seine Spuren verwischt, sich in Dow Chemical umbenannt, die Agrarabteilung in Corteva. Heute firmiert der Konzern unter dem Namen „DuPont de Nemours“.

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Die Saat des heiligen Feigenbaums

D/F 2024
Länge: 168 Min., FSK: 16
Produktion: Arte France Cinéma u.a.
Drehbuch + Regie: Mohammad Rasulof
Kamera: Pooyan Aghababaei
Musik: Karzan Mahmood
Montage: Andrew Bird
Darsteller: Missagh Zareh u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Der Verdacht
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): Mutter + Töchter
Gegenspieler: Vater
Stimmung: beklemmend
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Videobuster

„Die Saat des heiligen Feigenbaums“ ist ein über weite Strecken packendes Familiendrama. Es spielt in Teheran zur Zeit der landesweiten Proteste im Zuge der von der Sittenpolizei festgenommenen und in der Haft verstorbenen Kurdin Mahsa Amini.

Der Film zeigt eindrucksvoll, was staatliche Repression mit den Menschen macht. Sie sind Gefangene eines brutalen Machtapparats, der jegliche Opposition im Keim erstickt und dabei vor Gewalt nicht zurückschreckt. Zusätzlich wird ein klassisches Erzählmotiv etabliert: der Verdacht. Dieser resultiert aus dem Verschwinden der Dienstwaffe von Ermittlungsrichter Iman, der mit seiner Frau Najmeh sowie den Töchtern Rezvan und Sana in einer kleinen Wohnung lebt. Die Atmosphäre wird zunehmend beklemmender, klaustrophobischer. Auch in den eigenen vier Wänden traut bald niemand mehr dem anderen, außerhalb sowieso nicht mehr. Im Schlussdrittel mutiert das Drama zum Psychothriller.

Stärken

Der Film liefert hautnahe Einblicke in eine fremde, hier repressive Kultur. Sehr schön ist die Konzentration auf die vier Protagonisten, allesamt hervorragende Schauspieler. In den Nahaufnahmen haben wir Gelegenheit, unsere Gefühle zu synchronisieren. Die Konflikte werden vorbildlich eskaliert und dramatisiert. Die Eingeschlossenheit der Familie  schafft eine beklemmende Atmosphäre. Ständig werden Geheimnisse ausgetauscht, wird jemand gebeten, nichts zu verraten. Dabei ist der Verrat schon längst Bestandteil des privaten und beruflichen Lebens. Sehr überzeugend wird auch Najmehs Lavieren zwischen Ehemann und Töchtern beschrieben. Bis zum Schluss versucht sie zwischen beiden Lagern zu vermitteln und die Familie zusammen zu halten. Dabei schenken ihre Töchter der Propaganda des Regimes schon längst keinen Glauben mehr. „Alles gelogen“, klärt Rezvan ihren Vater beim gemeinsamen abendlichen Fernsehgucken auf. Überhaupt sind die rebellierenden Töchter ein Highlight des Films. Fassungslos nimmt Iman zur Kenntnis, dass seine Jüngste sich die Haare blau färben und die Fingernägel lackieren will.

Ungereimheiten

Völlig unglaubwürdig ist das Verhalten der ca. 15-jährigen Sana, die den Diebstahl von Imans Dienstwaffe verschweigt. Die würde aber beim ersten moralischen Druck – immerhin steht hier nicht mehr und nicht weniger als die Existenz der Familie auf dem Spiel – wohl in Tränen ausbrechen und gestehen. Ausgespart bleibt auch ihr Tatmotiv. Wieso haben die Töchter bis zur Ernennung ihres Vaters zum Ermittlungsrichter keine blasse Ahnung von dessen beruflicher Tätigkeit? Wieso befinden sich eigentlich Imans Adresse und persönliche Kontaktdaten plötzlich im Internet? Wer steckt hinter dieser Veröffentlichung? Wieso hat Sana am Ende plötzlich elektrotechnische Fähigkeiten und kann in der Dunkelheit mehrere Außenlautsprecher an einen Verstärker anschließen?

Redundanz

Mit fast drei Stunden Länge ist „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ viel zu lang geraten. Immer wieder gibt es Szenen ohne erzählerische Mehrwert. Da wird Iman minutenlang von seiner Frau frisiert. Wiederholt dürfen wir ihm beim An- und Auskleiden oder beim Autofahren zusehen. Da kramt Sana beim Showdown im Nachbarhaus ausgiebig in einer Sammlung von Musikkassetten herum. Das anschließende Katz- und Mausspiel in den Ruinen verlassener Lehmbauten ist artifiziell und überflüssig.

Entwicklungen

Während Najmehs bröckelnde Loyalität gegenüber ihrem Ehemann sehr schön skizziert wird, gerät Imans Entwicklung zum Psychopathen ziemlich unglaubwürdig. Das ist schon eine Mutation, die zuvor durch nichts angedeutet wird. Da hätte seine Wandlung von „Liebes“ zu „Zwing mich nicht, dich zu schlagen“ schon brüchiger gestaltet werden müssen.

Lösungen

Weg mit der Dienstwaffe. Sie dient nur einem Rätselspiel, das die innere Zerrissenheit der Familie transparent machen soll. Mit gutem Grund hatte Alfred Hitchcock Vorbehalte gegenüber derartigen Rätselspielen (Whodunits). Die Zerrissenheit hätte man aber viel intensiver mit Imans innerem Konflikt verdeutlichen können. Sein erster Fall hätte nämlich eine Verurteilung von Rezvans inhaftierter Freundin Sadaf sein können. Dieser innere Konflikt wäre vergleichbar gewesen mit Justin Kemps Zwiespalt in Clint Eastwoods „Juror #2“: Unterzeichnet Iman das Todesurteil für Sadaf, verrät er seine Prinzipien und macht sich schuldig am Tod eines unschuldigen Menschen. Andererseits gefährdet er die Existenz seiner geliebten Familie. Das wäre das größtmögliche Drama gewesen. Das hätte Rasulof durchspielen müssen: Der Vater, der die Freundin seiner Tochter auf dem Gewissen hat. 

Drama

Diesem Drama hätte auch eine Hoffnung innegewohnt. Iman hätte nämlich beim nächsten von der Staatsanwaltschaft eingefordertem Todesurteil seine Unterschrift verweigern können. Das hätte mindestens seine Entlassung zur Folge gehabt. Er hätte dann seine Familie mit einem Brotjob durchbringen müssen. Seine für hiesige Verhältnisse verwöhnten Frauen hätten dann ein bisschen kürzer treten müssen. Das wäre aber okay gewesen, denn schließlich haben sie seine zweifelhaften beruflichen Tätigkeiten jahrzehntelang stillschweigend mitgetragen. Dieser Neuanfang wäre auch eine Chance gewesen. Es hätte gezeigt, dass die Handlanger eines brutalen Regimes auch Menschen sind. Insofern ist das Ende von „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ auch ein stückweit verlogen: Er simplifiziert und glorifiziert den Kampf der Frauen gegen ihren Unterdrücker, ohne Lösungen aufzuzeigen.

Fazit

Insgesamt hat Mohammad Rasulof ein spannendes Familiendrama erzählt, aber dabei viel Potenzial verschenkt. Ein Ärgernis sind die Überlänge und die handwerklichen Defizite.

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„Die Saat des heiligen Feigenbaums“ im Stream oder Download bei

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