Das Verhör (Claude Miller) F 1981

„Das Verhör“ von Claude Miller ist ein lupenreiner Krimi, der auf einem Roman des britischen Schriftstellers John William Wainwright beruht – kein Thriller wie vielfach behauptet. Er kann mit exzellenten Schauspielern, guten Dialogen und einem konzentrierten Setting punkten. Alles spielt sich in einer Sylvesternacht ab – die Einheit von Zeit, Ort und Handlung (Aristoteles). Leider haben die Filmemacher sich Alfred Hitchcocks Vorbehalte gegen „Whodunits“ nicht zu Herzen genommen: „Zum Beispiel handelt es sich in einem Whodunit nicht um Suspense, sondern um eine art intellektuelles Rätsel. Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ Das ist das zentrale Problem in diesem, in vielen Krimis. Es fehlen die Emotionen.

Die Geschichte

In einer Sylvesternacht wird der Notar Jerome Martinaud (Michel Serrault) ins Polizeipräsidium von Cherbourg zum Verhör geladen. Er ist Hauptverdächtiger in einem Mordfall an zwei achtjährigen Mädchen, die zudem vergewaltigt wurden. Kommissar Gallien (Lino Ventura) und Inspektor Belmont (Guy Marchand) konfrontieren Martinaud mit den Fakten und setzen den anfangs arroganten Notar immer mehr unter Druck. Dessen Frau (Romy Schneider) belastet ihn zudem mit neuen Indizien. Die Schlinge zieht sich immer enger um seinen Hals, bis er schließlich gesteht. Kurz darauf entdecken Polizisten eine weitere Mädchenleiche in einem sichergestellten Fahrzeug, womit dessen Besitzer nun ins Visier der Ermittler gerät. Martinaud kann als freier Mann das Polizeirevier verlassen. Im Hof steigt er in den Wagen seiner Frau, die sich angesichts seiner Freilassung mit einer Pistole erschießt.

Schwächen

Die Geschichte zieht sich schon ziemlich zäh dahin. Spannung oder Gefahren sind Mangelware. Das liegt auch an der Figur des eitlen, arroganten Notars. Ob er nun schuldig ist oder nicht, wen interessiert’s? Sein angebliches Interesse an kleinen Mädchen ist ein ziemliches Konstrukt. Eine angeregte Unterhaltung mit seiner 8-jährigen Nichte ist kein übergriffiges Verhalten. Der Vorwurf deutet eher auf eine krankhafte Eifersucht seiner Frau hin, die keine Kinder bekommen kann. Ihr angeblicher Beweis für die Täterschaft ihres Mannes ist eine Nullnummer. Über ihren Selbstmord am Ende kann man allenfalls spekulieren, klar werden ihre Gründe nicht. 

Polizeiarbeit

Die Quittung einer Reinigung von Martinauds Regenmantel, datiert vom Tage nach dem zweiten Mord, die seine Gattin dem Kommissar aushändigt, besagt gar nichts. Sie besagt nur, dass der Mantel gereinigt wurde – mehr nicht. Desgleichen ist verwunderlich, weshalb Martinaud nach seinem Geständnis plötzlich freigelassen wird? Wenn der Besitzer eines Fahrzeugs eine Mädchenleiche in seinem Kofferraum hat, besagt das nur, dass er möglicherweise der Mörder dieses Mädchens ist – mehr nicht. Die ersten Morde muss er nicht begangen haben. Die könnte auch Martinaud auf dem Gewissen haben. Hat er aber angeblich nicht. Deshalb ist es auch verwunderlich, dass er in der ersten Mordnacht zufällig am Tatort, am Strand von Saint Clément war. Seltsame Zufälle. Merkwürdige Polizeiarbeit. Die Gefühle, die sich im Verlaufe dieser Films immer mehr einstellen, sind die der Verwunderung.

Lösungen

Die Figur des Martinaud müsste anders skizziert werden. Wenn er Sympathieträger wäre, könnten wir uns mit ihm identifizieren. Dann wäre er der Held und alles könnte aus seiner Perspektive erzählt werden. Wenn wir am Anfang der Geschichte erfahren würden, dass er unschuldig ist, hätten wir Suspense: Wir wüssten mehr als der Kommissar und könnten mit Martinaud mitfiebern, wenn sich langsam die Schlinge um seinen Hals zieht. Dann hätten wir tatsächlich einen Thriller, und zwar mit einem klassischen Erzählmotiv: „Unschuldig Beschuldigt“. Übrigens das Lieblingsmotiv von Alfred Hitchcock. So sehen wir eher unbeteiligt zu, wie sich „Das Verhör“ dahinzieht und im Verlauf die Merkwürdigkeiten Oberhand gewinnen.

Fazit

Letztlich ist die Romanvorlage nicht wirklich für eine Verfilmung geeignet. Die exzellenten Schauspieler können da auch nicht mehr viel ausrichten. Die Rolle des stoischen, grimmigen Killers in „Die Filzlaus“ ist Lino Ventura zum Beispiel förmlich auf den massigen Leib geschrieben. In „Das Verhör“ wirkt er ein bisschen verloren, so als würde er sich fragen: Was mache ich hier eigentlich? Es stellt sich zudem die Frage, wieso Hitchcocks Erkenntnisse, die alle wunderbar in Truffauts Standardwerk „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ nachzulesen sind, ignoriert werden?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Claude Millers Das Verhör.

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