„Der Sommer mit Anaïs“ ist ein schöner Liebesfilm mit einer originellen Protagonistin. Eigentlich ist es eine Vierecksgeschichte, die atmosphärisch an die Filme von Eric Rohmer erinnert, nur schneller, unkonventioneller und zeitgemäßer.
Die Geschichte
Anaïs ist schwanger. Ihre Entscheidung zur Abtreibung trifft sie ohne Freund Raoul. Anaïs hat keine Lust, sich zu binden. Sie lässt sich mehr oder weniger treiben und beginnt eine Affäre mit dem Verleger Daniel. Im Verlauf eines Besuchs bei ihren Eltern erfährt sie von der Krebserkrankung ihrer Mutter. In Daniels Wohnung zeigt Anaïs Interesse für dessen Ehefrau, der Schriftstellerin Emilie, deren Porträt an einer Wand hängt. Bei einer Zufallsbegegnung hat Anaïs den Mut, sie anzusprechen. Während eines literarischen Kolloquiums kommen beide sich näher. Anaïs ist die treibende Kraft einer sommerlichen Affäre, die in einer Liebesszene am Strand ihren Höhepunkt findet. Wochen später treffen beide Frauen sich in einem Hotel. Aus Vernunftgründen will Emilie die Affäre beenden, kann aber letztlich den Avancen der Geliebten nicht widerstehen. Am Ende verschwinden beide in einem Hotelzimmer.
Stärken
Die Hauptfigur erinnert ein wenig an Poppy aus „Happy-Go-Lucky“ von Mike Leigh, die ebenso unbekümmert wie neugierig und gesprächig durchs Leben mäandert. Schon in der Eröffnungsszene gelingt es Anaïs, mit einem charmanten Redeschwall von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Mit ihrer überbordenden Energie ist sie ebenso unwiderstehlich wie anstrengend, aber immer sympathisch und interessant. So weiß sie nicht recht, was sie will, findet aber Leute gut, die wissen, was sie wollen. Manchmal weiß sie es aber doch, zum Beispiel als sie sich Emilie annähert. Da hat sie den Mut, alle Regeln über den Haufen zu werfen. Anaïs sorgt dafür, dass diese Liebe zustande kommt und eine Zukunft hat. Sie ist eine faszinierende Protagonistin. Zudem ist diese Liebesgeschichte sehr konzentriert erzählt. Anaïs ist in jeder Einstellung präsent. Auch dadurch kommt der Film seiner Hauptfigur ganz nahe.
Schwächen
Der Zufall ist immer ein erzählerisches Manko. Am besten, man benötigt ihn gar nicht. Wenn schon, dann am Anfang einer Geschichte (s.a. „Juror#2“ oder „Die Filzlaus“), weil man ihn dann am ehesten akzeptieren kann. In „Der Sommer mit Anaïs“ läuft die Heldin ihrem Zielobjekt ungefähr zur Hälfte des Geschehens zufällig über den Weg. Die Lösung wäre eigentlich ganz einfach gewesen: Die zufällige Begegnung einfach streichen. Aus der Teilnehmerliste des literarischen Kolloquiums, das der Doktorvater ihr anträgt, erfährt Anaïs von Emilies Teilnahme. Also, nix wie hin. Problem gelöst.
Gefahren
Des Weiteren hätte man die Gefahrenmomente für die Heldin erhöhen können oder sollen. Da wären zum einen die existenziellen Probleme. Hier könnte man sich zum Beispiel eine weniger verständnisvolle Hausverwalterin vorstellen. Also, eine Steigerung des Drucks. Zum zweiten die Konsequenzen der Enttarnung eines lesbischen Verhältnisses. Wir befinden uns zwar im freizügigen Frankreich, aber trotzdem könnten Verwandte oder Freunde den Liebenden zumindest das Leben erschweren, wenn nicht gar die Hölle heiß machen. In jedem Fall sollten diese dramatischen Ereignisse auch eher ins Spiel gebracht werden.
Fazit
„Der Sommer mit Anaïs“ ist ein beschwingter Liebesfilm mit tragikomischen Einschüben, der sehr schön die vibrierende Annäherung zweier Liebenden beschreibt. Das Richtige für nasskalte, graue Wintertage.


