Gefährten (Steven Spielberg) USA 2011

„Gefährten“ ist ein Abenteuerfilm nach dem Jugendroman „War Horse“ von Michael Morpurgos über die Freundschaft des jungen Albert Narracott zum Halbblüter Joey. Die ganze Exposition ist hervorragend. Angefangen von der Pferdeauktion, bei der Alberts eigensinniger Vater Ted aus einer Laune heraus das junge Pferd ersteigert: „Der Bursche ist etwas Besonderes.“ Eigentlich kann er den Kaufpreis von 30 Guineen gar nicht bezahlen. Aber sein Mitbieter ist der wohlhabende und arrogante Lyons, der zugleich der Verpächter seines Bauernhofes ist. Deshalb darf der das Pferd auf keinen Fall bekommen. Dickköpfigkeit geht über Vernunft.

Mit dieser Szene ist auch der Antagonist Lyons etabliert. Zu Hause bekommt Ted natürlich Ärger mit seiner Frau Rose. Nur ihr Sohn Albert ist Feuer und Flamme. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Albert tauft das Pferd Joey und steckt seine ganze Energie in dessen Ausbildung. Der Druck wird vorbildlich eskaliert: Wenn Albert und Joey nicht zeitnah den Acker pflügen und die Ernte einfahren, droht der Familie die Pleite. Angesichts des ungestümen Temperaments des Halbblüters eine schier unmögliche Aufgabe. Aber Albert ist nicht minder dickköpfig als sein Vater oder das Pferd. Er will allen beweisen, wozu er mit Joey in der Lage ist. Und sie schaffen es, bis dann ein Unwetter die ganze Ernte wieder vernichtet.

Diese Katastrophe ist eine von vielen Wendungen, die in ihrer Häufung ein wenig konstruiert wirken. Eine Überraschung, deren Erscheinen man förmlich riechen kann, ist eben keine Überraschung mehr. Dann kommt Spielbergs entscheidender Fehler, auch wenn der Roman es so „vorgegeben“ haben mag. Ted verhökert Joey bei Ausbruch des 1. Weltkriegs für 30 Guineen an das britische Militär. Damit werden aber auch die Freunde getrennt. Das wäre kurzfristig okay, aber in „Gefährten“ dauert die Trennung bis zum Schluss der Geschichte. Das ist ein gravierender erzählerischer Fehler, denn die Emotionen der Zuschauer sind bei der Freundschaft und nicht bei den Kriegserlebnissen, die man nun ertragen muss. In „Wolfsblut“ zeigt Jack London wie es gemacht wird: Seine Protagonisten, den jungen Goldgräber Jack und den Wolfshund, verliert der Autor nie längerfristig aus den Augen.

Durch die Fülle an Episoden, in denen nun Joeys Besitzer wechseln, bekommt der Film etwas Flüchtiges. Da ist der britische Captain, der ins Verderben reitet. Da sind die jungen deutschen Stallburschen, die mit Joey von der Front fliehen und einen Tag später standrechtlich erschossen werden. Dann folgt Emilie, ein französisches Mädchen, das als Vollwaise bei ihrem Großvater lebt. Als nächstes sind wieder die Deutschen an der Reihe, die Zugpferde für ihre Kanonen benötigen usw. So kann natürlich keine Nähe entstehen, zumal wir von Albert derweil so gut wie gar nichts erfahren. Hinzu kommt, dass die Kriegsschauplätze entweder romantisierend wirken (Bauernhaus von Emilies Großvater) oder apokalyptisch (Front zwischen den Schützengräben). Dadurch bekommt „Gefährten“ etwas Künstliches. Nur eines weiß man sicher: So war’s nicht.

Das Ende überschreitet die Grenze zum Kitsch: Emilies Großvater ersteigert Joey im Andenken an seine inzwischen verstorbene Enkeltochter. Aber Joey will mit seinem neuen Besitzer nichts zu tun haben und trabt zu Albert zurück. Schließlich überlässt ihm der gutherzige Großvater das Pferd: „Emilie hätte es so gewollt.“ So kehren Albert und Joey vor glutrotem Sonnenuntergang zum elterlichen Gehöft zurück. Ist ja dann doch noch mal gut gegangen, kann man da nur sagen.

Besser wäre folgendes gewesen: Verzicht auf die ganzen Kriegswirren, auf den Emotionskiller. Stattdessen hätte Ted das Pferd heimlich an einen Rennstallbesitzer verkauft. Das hätte zum Beispiel der reiche Lyons sein können. Jedenfalls wäre Joey zum Rennpferd ausgebildet worden. Albert hätte im Gestüt oder in einem konkurrierenden Rennstall eine Anstellung gesucht. Das hätte die Freunde wieder zusammen gebracht und nicht die ganze vorbildliche Exposition zerstört. Es war doch alles perfekt angerichtet. Aber so fragt man sich im Verlauf der Geschichte, wo eigentlich der Antagonist, sein Sohn, das junge Mädchen im Cabrio, Alberts Freund, seine Eltern usw. abgeblieben sind? Was ist aus ihnen geworden?
Die Filmtitel offenbaren das erzählerische Dilemma. Im amerikanischen Original lautet er „War Horse“ und ist Ausdruck der dramaturgischen Defizite. Der deutsche Verleihtitel „Gefährten“ steht sozusagen für die optimierte Fassung und konzentriert sich auf die Freundschaft. Außerdem ist ein besserer und viele schönerer Filmtitel. Schade, dass uns Steven Spielberg nach seinem exquisiten Hors d’oeuvre eine verkochte Hauptspeise mit zuckersüßem Dessert serviert hat.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Gefährten"

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