USA 1988, Länge: 127 Min., FSK: 16
Produktion: Orion Pictures
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Chris Gerolmo
Kamera: Peter Biziou
Musik: Trevor Jones
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Willem Dafoe, Gene Hackman u.a.
Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Die Suche
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): hartnäckig
Gegenspieler: perfide
Stimmung: spannend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV
„Mississippi Burning“ ist ein fulminantes, schonungsloses Krimidrama, das 1964 zur Zeit von Rassenunruhen in Jessup County (Mississippi) spielt. Es beruht auf der Ermordung von drei Bürgerrechtlern durch Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Der Krimi ist handwerklich brillant gemacht. Die Inszenierung, die Musik, die Kameraarbeit – einfach hervorragend. Der Film besticht auch durch Authentizität in Besetzung und Ausstattung, die schlichtweg atemberaubend ist. Da stimmt jedes Detail, was wesentlich zur emotionalen Anteilnahme beiträgt. Ein Vergleich der armseligen Behausungen von „Mississippi Burning“ mit denen von Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ oder Tate Taylors „The Help“ macht deutlich, wie lächerlich letztere Filme nicht nur in diesem Punkt sind.
Die Geschichte
Nach dem Verschwinden von drei Bürgerrechtsaktivisten, die von Mitgliedern des Klu-Klux-Klans ermordet wurden, werden die FBI-Agenten Alan Ward (Willem Dafoe) und Rupert Anderson (Gene Hackman) mit der Aufklärung des Falls beauftragt. In Jessup County stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Nachdem die beiden Agenten das ausgebrannte Autowrack der Vermissten in einem Sumpfgebiet aufgespürt haben, fordern sie zusätzliches Personal an. Aber die Leichen der jungen Männer sind nicht aufzufinden.
Ermittlungen
Während der gesetzestreue Alan Ward Akten wälzt und Befragungen durchführt, ermittelt Rupert Anderson auf seine Weise. Er freundet sich mit Mrs. Pell (Frances McDormand), der Frau des Hilfssheriffs, an und bekommt schließlich heraus, dass sie ihrem Mann ein falsches Alibi verschafft hat. Daraufhin wird sie von Pell und anderen Klan-Mitgliedern brutal zusammengeschlagen. Anderson gerät derart in Rage, dass es über die weitere Vorgehensweise mit Ward zu einem handfesten Streit kommt. Aber beide raufen sich zusammen und entscheiden sich fortan für illegale Ermittlungsmethoden. So können sie einen der verdächtigten Klan-Mitglieder zur Aussage erpressen. Dessen Geständnis führt zum Fund der drei Leichen und zur Festnahme und Verurteilung der Mörder.
Odd-Couple
„Mississippi Burning“ ist ein Paradebeispiel für das dramatische Potenzial, das einer Besetzung von völlig gegensätzlichen Charakteren innewohnt. Auf der einen Seite der akribische, idealistische Paragraphenreiter Alan Ward, auf der anderen das erfahrene, ebenso zynische wie charmante Raubein Rupert Anderson. Erschwerend kommt hinzu, dass der jüngere Ward der Vorgesetzte des älteren Anderson ist und beide für diese Mission aneinander gekettet sind. So ist das richtig. Außerdem sorgt Anderson mit seiner unorthodoxen Art immer wieder für Lacher. Beiden schaut man gerne zu, wie sie streitend und ganz allmählich den Mördern das Handwerk legen.
Stärken
Obwohl es sich bei „Mississippi Burning“ um ein klassisches Whodunit handelt, entwickelt der Krimi eine sogartige Spannung. Das liegt auch an dem Wissen, am Erschrecken, dass dieser Krimi auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Der gezeigte gewalttätige Rassismus macht einen fassungslos. In diesem Fall ist es ein Vorteil, dass Gut und Böse klar verteilt sind. Wir können mit den beiden Helden mitfiebern, dass es ihnen gelingen möge, diesen Augiasstall auszumisten. Ein weiteres großes Plus ist die Einführung einer dokumentarischen Ebene. So sind zum einen Original-Aufnahmen von Versammlungen des Klu-Klux-Klans zu sehen, zum anderen fiktive Interviews mit Bewohnern von Jessup County. In den Statements und in den Gesichtern der Menschen wird der fest verwurzelte Rassismus deutlich. Mrs. Pell bringt es irgendwann auf den Punkt: Man wird nicht mit Hass geboren, aber wenn sie dir von klein auf eintrichtern wie minderwertig die andere Rasse ist, glaubt man es irgendwann.
Werbefilme
Alan Parker hat vor seiner Karriere als Filmregisseur Werbefilme gedreht, genauso wie Stanley Kubrick, Ridley und Tony Scott, Michael Bay, David Fincher usw. Was sie außerdem vereint: Ihre Filme sind handwerklich exzellent gestaltet. Woran liegt das? Ein Regisseur von Kurzprojekten ist eigentlich dauernd am Machen. Kinoprojekte benötigen einen längeren Vorlauf. Es vergehen oftmals Jahre bis ein Stoff realisiert werden kann, wenn überhaupt. Was machen die Regisseure in der Zwischenzeit? Im Idealfall verdienen sie ihre Brötchen mit Fernsehfilmen oder eben mit Werbung. Aber je mehr praktische Erfahrung ein Regisseur mitbringt, desto unverkrampfter und rücksichtsloser wird er an Filmproduktionen herangehen. Das sind Kernattribute des Filmhandwerks.
Der Kriminalfall
FBI-Boss Hoover war ein erklärter Gegner von Bürgerrechtlern und wollte diesen Fall auf sich beruhen lassen. Präsident Lyndon B. Johnson drohte seiner Einrichtung jedoch mit Massenentlassungen. Erst diese Erpressung veranlasste Hoover, seine FBI-Agenten zu entsenden. Die tappten lange im Dunkeln, bis sie eine Belohnung von 25.000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung der Täter aussetzten. Das veranlasste einen involvierten Streifenpolizisten zur Aussage. So konnten die Leichen aufgespürt und die Mörder überführt werden. In einem späteren Gerichtsverfahren sagte die Ehefrau eines Mafia-Gangsters aus, dass das FBI ihren Mann zur Mitarbeit gedungen hatte. Der Mafioso – so die Ehefrau – hat dann einen der Klan-Miglieder unter Androhung von Folter zum Geständnis gezwungen. Diese Aussage wurde nie verifiziert, ist aber von Alan Parker auf prophetische Weise durchgespielt worden. Was klingt glaubhafter: Die Belohnungs- oder die Folterversion? Die 25.000 Dollar hätten dem Streifenpolizisten nicht viel genützt. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Denn was der Klu-Klux-Klan mit Verrätern gemacht hat, erzählt Parkers Film eindrucksvoll.
Schwächen
Singular. Gibt nur einen Schwachpunkt. Wie in „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“, der ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht, gibt es auch in „Mississippi Burning“ eine Fülle von Gewalttaten, die sich so oder so ähnlich wohl ereignet haben. Allerdings stellt sich nach dem x-ten Brandanschlag von Klan-Mitgliedern auf eine Kirche oder Behausung von Schwarzafrikanern irgendwann ein Gefühl der Abstumpfung ein. Man gewöhnt sich dran. Hier wäre weniger mehr gewesen. Zur Anteilnahme bedarf es einer Nähe zu den Personen, die hier in Mitleidenschaft geraten. Erst wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufgebaut haben, können wir Gefühle entwickeln und mitleiden. Der Fokus auf den jungen Aaron Williams und seiner Familie hätte das emotionale Potenzial gehabt, anstelle der unpersönlichen Masse von flüchtenden Schwarzafrikanern. Der Junge hatte auch als einziges Opfer den Mut, gegen die Schergen des Klu-Klux-Klans auszusagen.
Fazit
Das Schlussbild zeigt eine Begräbnisfeier auf dem Friedhof von Jessup County. Zum ersten Mal sehen wir Weiße und Schwarze in Trauer vereint. Ein hoffnungsvolles Bild nach dieser Orgie rassistischer Gewalttaten. „Mississippi Burning“ ist nichts für schwache Gemüter, aber bietet zwei Stunden spannende, perfekt gemachte, schonungslose Unterhaltung.
