USA 2022, Länge: 117 Min., FSK: 12
Produktion: A24, Protozoa Pictures
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Samuel D. Hunter
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Rob Simonsen
Montage: Andrew Weisblum
Darsteller: Brendan Fraser u.a.
Genre: Drama
Erzählmotiv: Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): beleibt
Gegenspieler: zynisch
Stimmung: düster
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig
Es gibt Theaterstücke, die sich für eine Verfilmung eignen, zum Beispiel Ariel Dorfmans „Der Tod und das Mädchen“. „The Whale“, basierend auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter, hat zwar einige Vorzüge, gehört aber insgesamt nicht dazu. Dafür ist das Drama zu künstlich, übertrieben, bemüht, hat einige Ungereimtheiten und weckt vor allem wenig Emotionen. Inhaltlich erinnert der Film an „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, der ebenfalls die Fettleibigkeit aufgrund eines Schicksalsschlags thematisiert.
Die Geschichte
Charlie (Brendan Fraser) ist ein adipöser Dozent für Creative Writing, der seine Kurse für Studenten online abhält und dabei seinen Anblick geheim hält. Liz, die Schwester seines verstorbenen Partners und zugleich seine Krankenpflegerin, befürchtet seinen Tod innerhalb von wenigen Tagen, wenn er nicht ins Krankenhaus geht. Aber Charlie will nur noch eine Annäherung an seine 16-jährige Tochter Ellie herbeiführen, die er im Alter von acht Jahren verlassen hat. Die verhält sich beim Besuch allerdings äußerst aggressiv und ist augenscheinlich nur an seinem Geld interessiert. Auch der junge Missionar Thomas, Ex-Frau Mary und Pizzabote Dan können Charlie nicht das geben, wonach er sich sehnt: Akzeptanz und Vergebung. Erst in der Schlussszene, die nahtlos in Charlies Tod übergeht, ergreift Ellie die dargebotene Hand ihres Vaters und nennt ihn „Papa“.
Stärken
Hervorragend ist die Besetzung dieses Kammerspiels und die Ausstattung der Räume. Hier stimmt jedes Detail. Fachgerecht wird auch die Deadline in der Exposition platziert: Charlie hat noch knapp eine Woche zu leben, wenn er sein Verhalten nicht ändert. Aber sein Selbstmord auf Raten ist schon längst beschlossene Sache: „Ich bin nicht daran interessiert, gerettet zu werden.“ Auch einige Dialoge haben es in ihrer Schonungslosigkeit in sich, ebenso wie die Filmmusik, die an den Gesang der Buckelwale erinnert. Aber dann …
Schwächen
Nicht nur die heruntergelassenen Jalousien aller Räume sorgen für eine düstere Atmosphäre. Überhaupt ist alles düster. Daran ändert auch die gutgemeinte finale Annäherung zwischen Vater und Tochter nichts. Sie wird überlagert von einer beklemmenden Künstlichkeit und Übertriebenheit. In „The Whale“ ist alles ein bisschen zu viel, nicht nur Charlies Leibesumfang, sondern auch die rebellische Tochter, der hartnäckige Missionar, die verbitterte Ex-Frau usw. Überhaupt – die pubertierende Tochter. Für ihre durchweg zynischen Äußerungen fehlt eigentlich das Fundament. So etwas macht man doch nur gegenüber vertrauten Personen, also wenn im Familiensystem etwas schief läuft. Letzteres ist aber doch seit acht Jahren nicht mehr existent. Ellies Abweisung bei der Kontaktaufnahme mit ihrem Vater müsste neugierig, distanziert und kalt erfolgen. Des Weiteren enthält der Film keinerlei Gefahrenmomente, wenn man mal vom baldigen Suizid auf Raten absieht. Darüberhinaus kommt der Film auch praktisch humorfrei über die Runden. Einzige Ausnahme sind die Dialoge zwischen Ellie und dem Missionar. Ansonsten: alles ziemlich bedeutungsschwer. Auch in „The Whale“ die Frage, was das antike 4:3-Seitenverhältnis soll? Welchen erzählerischen Mehrwert hat diese Entscheidung?
Schuld
Eigentlich bringt Charlie ein paar Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mit, zum Beispiel seine schuldhaften Verstrickungen in die Trennung von Frau und Tochter. Wie kommt es, dass diese Schuld keine Emotionen auslöst?
In Khaled Hosseini „Drachenläufer“ werden wir mit dem 10-jährigen Amir Zeuge einer Vergewaltigung seines besten Freundes. In der Folgezeit werden wir zu Mitleidenden seiner seelischen Qualen (Suspense). Amir war feige und dieses Eingeständnis wiegt schwerer als die Freundschaft. Es findet eine Synchronisation mit seinen Gefühlen statt. Wir wünschen uns sehnlichst, dass er sich seinem Vater anvertrauen möge. Stattdessen entscheidet er sich für das Lügen und Intrigieren, die den Freund und seinen Vater aus dem gemeinsamen Zuhause vertreiben. Das ist die Schuld, die Amir auf sich lädt. Das ist das Drama, das uns ins seinen Bann zieht.
Weiteres Beispiel: In Ernst Lubitschs „Der Mann, den sein Gewissen trieb“, tötet der französischer Soldat Paul im ersten Weltkrieg einen Deutschen. Die Umstände quälen ihn dermaßen, dass er Kontakt mit den Eltern des Verstorbenen aufnimmt und dort wie ein Freund behandelt wird. Wir wissen um die Hintergründe, nicht aber die Eltern (Suspense). Sein Wunsch nach Vergebung ist zum Scheitern verurteilt. Das ist das Drama, das uns auch hier gefangen nimmt.
„The Whale“ setzt acht Jahre nach den schuldhaften Verstrickungen des Protagonisten ein. Das ist der Fehler. Wir werden nicht Zeuge und Komplize seiner Gewissensqualen. Es fehlt der Suspense! Es wird nur darüber geredet, aber die Entscheidungen sind gefallen. Deshalb findet keine Synchronisation mit Charlies Gefühlen statt. Sein Wunsch nach Akzeptanz und Vergebung lässt uns kalt.
Lösungen
Die Figur des Missionars ist völlig unglaubwürdig und überflüssig. Warum sollte Thomas wieder und wieder auftauchen, wo er doch ein ums andere Mal eine Abfuhr erhält? Diese Figur entstammt nur dem intellektuellen Wunsch des Autors, den Protagonisten mit religiösen Themen zu konfrontieren. An diesen Stellen wird das ganze künstliche Konstrukt dieses Theaterstücks transparent. Dabei wäre die Lösung hier ganz einfach: Thomas müsste durch den Pizzaboten Dan ersetzt werden. Der hat nämlich einen Grund immer wiederzukommen. Das ist das Essen, das Charlie im Übermaß verschlingt. Die Diskussionen wären dann weltlicher Natur und nicht religiöser.
Fazit
Für Aronofskys Botschaft, dass jeder Mensch – ob fett oder renitent – es wert ist, nicht aufgegeben zu werden, bedarf es eigentlich keines zweistündigen langweiligen Films. Das könnte man schlanker erledigen, vor allem spannender.
