Rental Family (Hikari) JAP 2025

Was für ein wundervoller Film zum Jahresabschluss! Über gleich zwei klassische Erzählmotive verfügt die Tragikomödie „Rental Family“: Zum einen „Falsche Identität“ (s.a. „Donnie Brasco“ von Mike Newell oder „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch) und zum zweiten „Das Versprechen“ (s.a. „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt – ein Stoff, der bis heute gleich achtmal verfilmt wurde). Damit ist genügend dramatisches Potenzial angereichert.

Falsche Identität

Dieses Erzählmotiv impliziert Suspense. In „Rental Family“ arbeitet der abgehalfterte amerikanische Schauspieler Phillip Vandarpleog (Brendan Fraser) für eine Tokioer Agentur, um Rollenspiele in verschiedenen Familien auszuüben. So mimt er zum Beispiel einen kanadischen Ehemann, um „seiner“ lesbischen „Ehefrau“ ein Zusammenleben mit ihrer Freundin im Ausland zu ermöglichen. Ein anders Mal schlüpft er in die Rolle eines Journalisten, um einem alternden Schauspieler die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm nach Ansicht seiner Tochter gebührt. In allen Fällen haben wir einen Informationsvorsprung, heißt: Wir sind Geheimnisträger und wissen immer mehr als Teile der anwesenden Protagonisten. Das ist natürlich gut und schafft Spannung.

Das Versprechen

Dieses Motiv birgt einen grundlegenden Konflikt in sich: Der Held gibt ein Versprechen ab, das er alsbald bereut. In „Rental Family“ muss Phillip den plötzlich heimgekehrten Vater der kleinen Mia spielen, um ihre Aufnahmechancen an einer Eliteschule zu steigern. Alleinerziehende Mütter haben es eben schwerer. Es dauert ein bisschen, aber dann freunden Mia und Phillip sich an und er muss einen Schwur ablegen: „Versprich mir, dass du uns nie wieder verlässt!“ Gemäß seiner Rolle entscheidet Phillip sich für die Lüge, zumal er sonst 1000 Stecknadeln schlucken müsste, und schwört, von nun an immer bei Mutter und Tochter zu bleiben. Die Annäherung zwischen beiden ist eines der Highlights dieses Films. Als beide Gefühle füreinander entwickelt haben, kommt dramaturgisch fachgerecht die Trennung. Eine der emotionalsten Szenen des ganzen Films. Der Trennungsschmerz wird dann noch mit der Enttarnung der Lüge getoppt. Mehr geht nicht.

Hauptfigur

Phillip ist ein interessanter Held, der sich anfangs nur widerwillig auf die Rollenspiele einlässt und bei „seiner“ Hochzeit sogar kneifen will: „Ich kann das nicht“. Aber dann berührt ihn die Feier, vor allem als er hinterher in die glücklichen Gesichter des lesbischen Paares schaut. Mit seiner Vaterrolle hängt er dann komplett am Haken. Sogar das ersehnte Rollenangebot für eine Krimiserie lehnt er ab. Damit hat er all unsere Sympathie. Das ist die Ironie in dieser Geschichte: Erst über den Fake findet Phillip wieder ins Leben zurück und kann emotionale Bindungen aufbauen. Eine davon ist die Agenturmitarbeiterin Aiko, der er seinen großen Fehler im Leben gesteht: Phillip hat die Beerdigung seines Vaters verpasst. Das würde er gern noch mal korrigieren. Das wäre sein Auftrag an die „Rental Family“. Fake als Therapie.

Stärken

Der Film hat viele Überraschungen in petto, zum Beispiel als Phillip bei seinem ersten Auftrag als Trauergast einer Beerdigung am Sarg steht, aus dem sich irgendwann der „Tote“ freudestrahlend erhebt. Oder als Agenturchef Shinji nach Hause zu Frau und Sohn kommt, die sich am Ende auch als Schauspieler entpuppen. Die Realität ist also auch nur ein Schein. Das zeigt auch die intime Szene von Phillip und seiner Freundin, die sich als Prostituierte entpuppt. Immer wieder Überraschungen. Gut so.

Visualität

Sehr schön ist auch das Proben seiner Vaterrolle vor dem ersten Treffen mit Mia oder das Beobachten der gegenüberliegenden Wohnungen, die Isolation und Einsamkeit visualisieren (s.a. „Das Fenster zum Hof“ von Alfred Hitchcock). Eine Glanznummer ist auch das Vorstellungsgespräch in der Schule. Phillip wird von „Mama“ gebrieft, keine Emotionalität zu zeigen. Ausgerechnet der Scheinvater fällt dann aus seiner Rolle und hält ein ergreifendes Plädoyer für „seine Tochter“. Letztlich erfolgreich. Eine gute Entscheidung auch, die japanischen Dialoge nicht zu synchronisieren, sondern mit Untertiteln zu versehen. Die brillante Filmmusik geht immer auf das Geschehen ein und intensiviert die Wirkung.

Schwächen

Teilweise sind die Rollenspiele nicht zu Ende gedacht. Was passiert denn mit Phillips „Ehefrau“ nach der Heirat? Irgendwann werden die Eltern doch nachfragen, womöglich gar zu Besuch kommen? Und was dann? Gleich die Scheidung verkünden? Auch das könnte auffallen. Lügen haben bekanntermaßen kurze Beine. Die Entschuldigungsnummer der Agentur, demnach Mitarbeiterin Aiko die falsche Geliebte mimt und sich schon mal eine Ohrfeige einhandelt, ist schon ein bisschen krank. Das ist die andere Seite des Geschäfts. Ebenso die Fake-Familie des Agenturchefs. Diese Überraschung ist ein bisschen konstruiert. Immerhin hat die „Rental Family“ am Ende dazugelernt: Die Entschuldigungsnummer wird aus dem Portfolio gestrichen. Ein bisschen merkwürdig ist am Schluss das Aufsuchen sämtlicher Agenturmitarbeiter im Hause des alten Schauspielers. Aber der liegt doch nach seinem Sturz im Krankenhaus? Was wollen die da? Um Phillip aus der Patsche zu helfen, bedarf es doch nur einer Zeugenaussage des Verletzten, die ja dann auch erfolgt.

Fazit

„Rental Family“ ist witzig und schwarzhumorig, klug und tiefsinnig. Am Ende fragt die kleine Mia, warum die Erwachsenen immer lügen? Philipp versucht, ihr den gelegentlichen Vorteil von Notlügen zu erklären. Mark Twain hat es so definiert: „Die Wahrheit ist das Kostbarste, was wir haben. Gehen wir sparsam damit um!“ Verschwenderisch geht der Film mit den positiven Gefühlen um, die er erzeugt. Das ist jetzt kein Fake.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Hikaris Rental Family.

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