GB, CND 2007, Länge: 100 Min., FSK: 16
Produktion: Serendipity Point Films u.a.
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Steven Knight
Kamera: Peter Suschitzky
Musik: Howard Shore
Montage: Ronald Sanders
Darsteller: Viggo Mortensen, Naomi Watts u.a.
Genre: Gangsterkrimi
Erzählmotiv: Das gefährliche Gut
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): ???
Gegenspieler: Russenmafia
Stimmung: absurd und brutal
Bewertung: 1 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig
„Tödliche Versprechen“ hat zwar Thrillerelemente und spielt im Milieu russischer Mafiosi in London, ist aber deshalb noch lange kein Thriller.
Dominant ist die Aufklärung eines oder mehrerer Verbrechen, weshalb es sich hier um einen Gangsterkrimi handelt. Was haben Quentin Tarantino und David Cronenberg gemeinsam? Beide sind keine Geschichtenerzähler. Ihre Stärken zeigen sich in einzelnen Szenen, die einen Eigenwert haben, wobei sie bei Cronenberg teilweise noch plakativer und grausamer gestaltet sind als bei Tarantino. Im Grunde vergebliche Versuche, von den Defiziten abzulenken. Bei „Tödliche Versprechen“ kommt noch ein Mischmasch von unproduktiven Irritationen hinzu: ein Potpourri der Ungereimtheiten.
Die Geschichte
Es beginnt mit einem Mord in einem Friseursalon, bei dem ein tschetschenischer Mafioso getötet wird. Sein Fehler war es, Kirill (Vincent Cassel), den Sohn des russischen Mafiabosses Semjon (Armin Müller-Stahl), beleidigt zu haben. Im Krankenhaus verstirbt die schwangere 14-jährige Prostituierte Tatiana, während ihr Baby gerettet werden kann. Hebamme Anna (Naomi Watts), die einige Zeit zuvor ihr Baby bei der Geburt verloren hat, umhegt das Neugeborene. Sie nimmt ein Notizbuch der Verstorbenen an sich, in dem sich die Visitenkarte eines russischen Restaurants befindet, das von Semjon geführt wird. Mit einer Kopie des Notizbuches versucht Anna dort eine Übersetzung des Textes zu bekommen. Semjon gibt sich väterlich freundlich, erkundigt sich nach dem Original und bittet sie demnächst wiederzukommen.
Semjon maßregelt seinen mal wieder alkoholisierten Sohn wegen seines Alleingangs und beauftragt Nikolai (Viggo Mortensen), Kirills Fahrer, mit der Wiederbeschaffung des Notizbuches. Das hat mittlerweile aber auch schon Annas Onkel Stepan gelesen. Nikolai gelingt es, ans Notizbuch zu gelangen, das Semjon daraufhin umgehend verbrennt. Die Verwandten des ermordeten Tschetschenen fordern die Auslieferung von Kirill. Da sie ihn nicht kennen, will Semjon ihnen stattdessen Nikolai servieren. Doch beim Mordversuch in einer Sauna kann Nikolai die Killer ausschalten, der – wie sich herausstellt – ein Undercover Agent von Scotland Yard ist. Die Polizei nimmt eine Blutprobe von Semjon, der – wie im Notizbuch beschrieben – der Vater des geretteten Babys ist. Um der Verhaftung wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen zuvorzukommen, beauftragt Semjon seinen Sohn das Baby zu entführen und zu ertränken. Das können Anna und Nikolai in letzter Sekunde verhindern. Am Ende ist Nikolai der neue Boss der russischen Mafia.
Stärken
Sehr schön sind einige Szenen, in denen Tatianas Off-Stimme Passagen des Notizbuches rezitiert. Die teilweise grausamen Erlebnisse stehen in Kontrast zu ganz alltäglichen Situationen und entwickeln gerade dadurch eine intensive Wirkung. Eigentlich ist die Vorstellung von diesen Gewalttaten, also das, was sich im Kopf des Betrachters abspielt, emotionaler als die expressive Darstellung von Brutalitäten. Dieses Paradoxon hätte für Cronenberg ein Vorbild für alle anderen inszenierten Gräueltasten sein sollen. Positiv anzumerken ist noch, dass Mafiaboss Semjon sozusagen gegen den Strich gebürstet wurde: Er wirkt so als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun.
Schwächen
Hingegen ist der ständig Wodka trinkende Kirill das Abziehbild eines Klischees. Schlimmer geht’s eigentlich nicht. „Anora“ von Sean Baker zeigt, wie es gemacht wird. Dann die Frage nach der Hauptperson? Ist es nun Anna oder Nikolai? Hmh. Es gibt keine Konzentration, was eine Anteilnahme erschwert. Die größtmögliche Gefahr für Anna wird ebenfalls nicht durchgespielt. Denn das wäre doch der Auftrag an Nikolai gewesen, Anna als Mitwisserin zu ermorden. Das hätte das Drama für den Undercover-Agenten bedeutet, zumal er da schon Gefühle für Anna hegt. So weckt der Krimi leider keine Emotionen, außer dass man sich manchmal wegen der gezeigten Grausamkeiten angewidert abwendet. Suspense gibt’s auch nicht, nur Rätselspannung, die immer wieder für unproduktive Irritationen sorgt. Man betrachtet das Geschehen, so wie der Besucher eines Cafés flanierende Passanten beäugt. Alles bleibt distanziert, humorfrei und brutal.
Ungereimtheiten
Wieso beteiligt sich der Friseur in der Anfangsszene von „Tödliche Versprechen“ am Mordkomplott? Warum weiht er Semjon nicht in Kirills Mordpläne ein? Man muss doch kein Prophet sein, um die Konsequenzen zu erahnen. Die blutigen Folgen werden dann ja auch durchgespielt. Als Tatiana im Krankenhaus stirbt und ihr Baby gerettet wird, wieso gibt es da keine Obduktion, keine Polizei, kein Jugendamt? Warum soll nur Annas Onkel, der das Notizbuch gelesen hat, ermordet werden? Stepan könnte den Inhalt doch schon Anna oder ihrer Mutter mitgeteilt haben? Hat er ja teilweise auch. Also müssten eigentlich alle drei auf Semjons Abschussliste stehen. Selbst das wäre keine Garantie. Es könnten ja mittlerweile weitere Kopien vom Notizbuch hergestellt worden sein. Langsam wird’s ziemlich hanebüchen. Aber Cronenberg setzt noch einen drauf: Seine tschetschenischen Killer wählen für ihren geplanten Mord eine öffentliche Sauna. Dabei sind sie natürlich unmaskiert! Ja, was glauben sie denn, was Semjon nach der Ermordung seines Sohnes machen würde? So dumm kann man doch eigentlich nicht sein? Eigentlich. Bis zum Ende des Films geht das dann munter so weiter. Kirill kann problemlos einen Säugling aus dem Krankenhaus kidnappen, den Anna am Ende – ebenfalls problemlos – bei sich zu Hause aufnehmen kann. Da fragt sich dann schon nicht mehr, ob es nicht vielleicht intervenierende Kollegen, Polizei oder Jugendamt gibt. Das scheinen die in London nicht so eng zu sehen. Was passiert eigentlich am Ende, als Nikolai der neue Mafiaboss wird, mit Semjon und Kirill? Egal. Wieso überhaupt dieser Titel? Welche tödlichen Versprechen werden hier von wem abgegeben?
Suspense
Die Information, dass es sich bei Nikolai um einigen ehemaligen FSB- und jetzigen Undercover-Agenten von Scotland Yard handelt, kommt gegen Ende des Films. Da ahnt man schon, dass er eigentlich auf der anderen Seite steht. Also eine Überraschung ist es auch nicht mehr. Wie’s richtig gemacht wird, zeigt zum Beispiel „Donnie Brasco“ von Mike Newell. Da wissen wir von Anfang an um das doppelte Spiel des Helden und können so mit ihm mitzittern. Suspense eben. Das wäre auch hier die Lösung gewesen.
Fazit
In „Tödliche Versprechen“ verschenkt David Cronenberg vorhandenes Potenzial zu Ungunsten eines Sammelsuriums von absurden und grausamen Szenen.
