Train Dreams

USA 2025, Länge: 102 Min., FSK: 12
Produktion: Black Bear Pictures u.a.
Regie: Clint Bentley
Drehbuch: Clint Bentley, Greg Kwedar
Kamera: Adolpho Veloso
Musik: Bryce Dessner
Montage: Parker Laramie
Darsteller: Joel Edgerton, Felicity Jones u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: teilweise vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held: arbeitsam
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: getragen
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Netflix

„Train Dreams“ erzählt das Leben des Holzfällers und Wanderarbeiters Robert Grainier nach der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson.

Auch hier ist die literarische Vorlage nicht für eine filmische Adaption geeignet. Eine Lebensgeschichte ist keine Geschichte. Es fehlt die dramatische Verdichtung, ein klassisches Erzählmotiv. Warum sollte die dramaturgische Regel von Patricia Highsmith („Eine gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“) etwas von ihrer Gültigkeit verloren haben? Warum sollte überhaupt eine dramaturgische Regel nicht stimmen? Nur weil diese hier vor 60 Jahren postuliert wurde oder der Begriff „Regel“ eine negative Konnotation hat? „Train Dreams“ ist im Grunde nichts weiter als eine schön bebilderte Collage von Lebensschnipseln, die interessant sind aber keine tiefergehenden Gefühle hervorrufen.

Inhalt

Robert Grainier (Joel Edgerton) hat früh seine Eltern verloren und wächst bei Adoptiveltern auf. Später arbeitet er als Holzfäller beim Eisenbahnbau. Zwischen zwei Arbeitseinsätzen lernt er eines Tages die gleichaltrige Gladys kennen und verliebt sich. Beide errichten eine Blockhütte an einem kleinen Fluss. Die Zeit familiärer Idylle erreicht mit der Geburt der kleinen Kate ihren Höhepunkt. Doch Robert versäumt den Absprung von seiner gefahrvollen Arbeit in der Wildnis. Eines Tages kehrt er zurück und findet die Blockhütte niedergebrannt vor. Von Frau und Tochter fehlt jede Spur. Beide sind offensichtlich Opfer des verheerenden Waldbrandes. Dieser Schicksalsschlag bringt Roberts Leben aus den Bahnen. Erst als ein befreundeter Indianer und ein paar zugelaufene Hunde sich um ihn kümmern, fasst er ganz allmählich neuen Mut. Robert baut die Blockhütte neu auf, lebt aber bis zum Ende als Eremit.

Stärken

Es gibt ein paar schöne, lebensbejahende Szenen mit Eigenwert, zum Beispiel die Liebesgeschichte zwischen Robert und Gladys. Dann die Szenen mit Robert und seiner kleinen Tochter. Die Hilfsbereitschaft des Indianers Ignatius Jack, der sich als einziger um den Traumatisierten kümmert. Die Hunde, die plötzlich in seiner Blockhütte auftauchen und ihn ins Leben zurückholen. Auffallend ist auch die Vermeidung der Visualisierung von Gewalttaten. Als ein chinesischer Arbeiter beim Eisenbahnbau von einer Brücke gestoßen wird, bleibt die Kamera bei Robert. Wir sehen nicht den Gewaltakt, sondern die Reaktion des Zuschauenden, was eigentlich viel stärker ist. Wenn Tiere erlegt werden, sieht man nie die blutenden Kadaver. Einmal wird im Lager der Holzfäller ein Mann im Racheakt erschossen. Auch das sieht man aus der Ferne. Dafür schwelgt die Kamera in wunderschönen Landschaftsaufnahmen. Eine Hymne an die Natur, bis ihr dann von den Menschen der Garaus gemacht wird. 

Schwächen

„Train Dreams“ erinnert nicht nur wegen seiner fehlenden Voraussetzungen für eine Verfilmung an „Butcher’s Crossing“, auch thematisch: Die Eroberung des US-amerikanischen Westens als Akt rücksichtsloser Profitgier, die die Vernichtung von Ur-Einwohnern, Tieren und ihrer Natur billigend in Kauf nimmt. Nur, ist das keine neue Erkenntnis. Warum die Verarbeitung in einem dahinplätschernden Film? Warum belässt man es nicht bei einem literarischen Werk, das – wie „Butcher’s Crossing“ – wohl seine Qualitäten hat? Zudem sorgt der Erzähler hier für eine permanente Distanz zum Protagonisten. Es entsteht keine Nähe, keine Synchronisation von Gefühlen. Das liegt auch am fehlenden Suspense sowie am viel zu spät platzierten ersten dramatischen Höhepunkt: der niedergebrannten Blockhütte. Die sinistren Klangteppiche, die den Film wie ein Gespinst durchziehen, erzeugen eine bedeutungsschwere Grundstimmung. Alles sehr getragenen hier. 

Merkwürdigkeiten

Über die heimelige, geschmackvolle Ausstattung in der selbst errichteten Blockhütte vor gut 100 Jahren darf man sich schon wundern. Den Tod von Frau und Kind im Waldbrand könnte man als Metapher verstehen: Die Natur schlägt zurück. So ist das eben, wenn man sich an ihr vergeht. Aber wenn Gladys und Kate im Schlaf von den Flammen überrascht wurden, wieso sind dann keine sterblichen Überreste in der Blockhütte zu finden? Wenn sie nicht überrascht wurden, ergibt sich die Frage, wieso sie sich nicht in den nahen Fluss gerettet haben?

Fazit

Am Ende von „Train Dreams“ erfahren wir noch, dass Robert – hoch oben in den Lüften, in einer zweisitzigen Propellermaschine – sich endlich mit allem verbunden fühlt. Das können wir als Zuschauer an dieser Stelle eigentlich nicht behaupten. Immerhin kann man diesen Traum ganz entspannt vor sich ablaufen lassen. Er ist interessant und lässt einen nicht schweißtreibend hochschrecken, aber das war’s dann auch.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Clint Bentleys "Train Dreams".

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