Das machen sie schon super, die Franzosen. Sie nehmen einfach das, was da ist. In diesem Fall: die „French Connection“, also reale Vorgänge im Marseiller Drogenlimieu aus dem Jahr 1975. Ausgestattet mit einem veritablen Helden, dem Richter Pierre Michel (Jean Dujardin), entspinnt sich ein gnadenloser Zweikampf zwischen Gut und Böse, den – um es mal vorwegzunehmen – die Gangster gewinnen. Mit seiner Hauptfigur erinnert „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ an Ridley Scotts „American Gangster“. Ein großer Vorteil dieser Vorlage ist auch die Möglichkeit zur Identifikation mit dem Helden. Es reicht eben nicht, einfach zu nehmen, was da ist. Man sollte auch wissen, was geeignet ist und wie man es umsetzt.
Und hierzulande?
Beeindruckend ist auch der unbedingte Wille, einen spannenden Unterhaltungsfilm zu drehen. Keine Nabelschauen. Keine Eitelkeiten. Keine Langeweile. Im Grunde wird dieser Figur des Unbestechlichen ein Denkmal gesetzt und den Angehörigen der Opfer dieses Drogenkrieges gedacht. Und hierzulande? Was ist mit den realen Kriminal- oder Justizfällen, die man filmisch aufarbeiten könnte oder sollte? Lassen wir das Lamentieren und reden lieber nicht über die Verfilmung der NSU-Morde. Ist nur ein Bumerang. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ soll gut sein. Immerhin.
Stärken
In „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ sind alle Figuren hervorragend besetzt, von der Heroinabhängigen bis zum neapolitanischen Mafioso. Einfach grandios. Die teilweise fiebrig agierende Handkamera passt zum authentischen Geschehen. Pierre Michel agiert im Stile eines „lonesome Cowboy“. Das hat schon was, wie er ein ums andere Mal Mitarbeiter, Verdächtige oder Kriminelle überrascht, indem er dickköpfig und nicht immer ganz legal seine Ziele verfolgt. Er nimmt sogar ein Geldgeschenk der Mafiosi in Höhe von 10.000 Franc an, aber nur, um es umgehend an einen Verein zur Hilfe von Drogenopfern weiterzuleiten. Pierre Michel ist nicht korrumpierbar. Er ist ein wahrer Held.
Dramaturgie
Die Gefahr, in die Pierre Michel bei seinem Feldzug gerät, könnte kaum größer sein. Sie ist, wie sich am Ende herausstellt, tödlich. Der Richter wirkt wie ein Getriebener, aber keineswegs unbeirrbar. Manchmal macht sich Resignation breit oder Zweifel, zum Beispiel als die Auswirkungen des Kampfes seine Familie erfassen. Als seine Frau ihn mit den gemeinsamen Kindern verlässt, bricht er zusammen. Er ist keine Maschine. Gerade in diesen Krisen hat er unsere Sympathie. Wir zittern mit ihm mit. Er kämpft um seine Familie, um sich dann doch wieder auf den Weg zu machen, was seine Frau lakonisch kommentiert: „Du musst tun, was du tun musst.“ Pierre Michel schweigt. Was soll er auch sagen? Sein Gegenspieler, der neapolitanische Mafioso Gaetan „Tany“ Zampa (Gilles Lelouche) ist ein Bösewicht wie er im Buche steht. Alfred Hitchcock hätte seine Freude an ihm gehabt. Jedenfalls erfüllt er die dramaturgische Gleichung des Altmeisters voll und ganz: „Je gelungener der Schurke, umso gelungener der Film“. Gibt’s denn gar nichts zu monieren? Doch.
Schwächen
Der Film beginnt damit, dass zwei Gangster auf einem Motorrad am helllichten Tage einen Rivalen in seinem Mercedes erschießen. Wer hier wen und warum beseitigt, wird nicht klar. Von solchen Szenen mit eingeschränkter Handlungsrelevanz gibt es ein paar. Das ist einer der Schwächen dieses Thrillers. Er will alles zeigen und verwirrt teilweise. Weniger wäre mehr gewesen.
Chronologie
Der Thriller ist chronologisch erzählt, also von der Ernennung Pierre Michels zum Richter für organisierte Kriminalität in Marseille bis zu seiner Ermordung. Diese Entscheidung ist naheliegend, aber ein dramatischer Nachteil. Denn es dauert schon ein wenig, bis der Held (und der Zuschauer) sich orientiert hat und in Gefahr gerät. Einmal mehr bewahrheitet sich Patricia Highsmiths dramatische Regel: „Ein gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“. Besser wäre also ein späterer Einsatz der Erzählung gewesen, zum Beispiel beim ersten Aufeinandertreffen des Helden mit „Tany“ Zampa auf der Landstraße, das um ein Haar tödlich für Pierre Michel ausgegangen wäre. Dieser Beginn hätte die Dramatik sofort auf den Höhepunkt getrieben. Die offenen Fragen wären der Spannung nicht abträglich gewesen. Im Gegenteil.
Fazit
„Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ endet ganz im Geist des Existenzialismus. Nach Pierre Michels Ermordung hält der korrupte Innenminister die Grabrede, umgeben vom Kartell der „Korsaren“ in ihrer Tarnung als Mitglieder des Drogendezernats. Crime does pay. Bezeichnenderweise fand sich in Deutschland noch nicht mal ein Kinoverleih für diesen spannenden Thriller.


